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Allgemeines Künstlerlexikon - Internationale Künstlerdatenbank - Online

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Vita

Fischer, Karl (Carl; Heinrich Karl Josef) von, dt. Architekt, Prof. der Baukunst, *19.9.1782 Mannheim, †12.2.1820 München.

Biogramm

Ausb. ab 1796 beim kurfürstl. Hofarchitekten Maximilian von Verschaffelt in München, dem F. 1799 nach Wien folgt; dort bis 1806 Stud. an der Akad. und erste Entwürfe. 1806-09 mit Unterstützung des bayer. Staatsministers Montgelas Studienreise nach Frankreich und Italien, in Rom durch Vermittlung von Georg Moller Kenntnis der Architekturauffassung von Friedrich Weinbrenner. 1808 wiederum auf Betreiben von Montgelas Berufung zum Prof. der Baukunst an der neu gegr. AK in München. In dieser Position und ab 1809 als Mitgl. der Bau-Komm. ist F. mit Gutachten für öff. Bauaufgaben betraut, die das Mißtrauen der staatl. Baubeamten hervorrufen. Ebenfalls 1809 Kgl. Oberbaurat, interimist. Hof-, Staats- und Stadtbaumeister in München; jedoch werden aus kulturpolit. Gründen jeweils andere Bewerber vorgezogen. Eine Zusammenarbeit mit dem Kronprinzen Ludwig ab 1811 beendet die Förderung durch dessen polit. Gegner Montgelas; allerdings bevorzugt der Kronprinz ab 1815 programmat. die Entwürfe von Leo von Klenze, der mehrere Bauten und Ensembles F.s verändert und länger geplante Bauprojekte, für die neben anderen auch F. Pläne vorgelegt hatte, umsetzt. - F. übernimmt zunächst den Barockklassizismus von Verschaffelt, etwa bei dem noch von Wien aus geleiteten Bau des von Pierre de Salabert in Auftrag gegebenen Prinz-Carl-Pal. in München (1804-06; heute Sitz des bayer. Ministerpräsidenten). Wie der 1803 entstandene Entwurf eines Theaters für Wien verfügt auch das Pal. über eine Kolossalordnung und palladian. Motive wie Portikus, Bandrustika im Sockelgeschoß und Zahnschnitt in den Giebeln. Das von kolossalen Pilastern gegliederte Theater zeigt mit Girlanden nach röm. Vorlagen ein Dekorationssystem, das F. später selbst bei repräsentativen Bauaufgaben nur noch für den Innenraum vorsehen sollte. Nach Aufhebung der Stadtmauern (1808-12) erarbeitet F. als Mitgl. der Bau-Komm. (ab 1809) zus. mit dem Gartenkünstler Friedrich Ludwig von Sckell für das nordwestl. Stadterweiterungsgebiet (Maxvorstadt) einen Bebauungsplan, der die Bedeutung der Residenz als Zentrum des Königreichs betont, gleichzeitig aber eine durchgrünte Gartenstadt vorsieht, in der freistehende Bauten mit modellhafter, an Villenentwürfe von Palladio angelehnter Typologie als dominante Faktoren auftreten. Für diese Konzeption sind maßgebl. die architekturtheoret. Diskussion um Landhäuser in den zeitgen. Zss., eine Beschäftigung mit den "Précis des leçons d'archit." von Jean-Nicolas-Louis Durand (1802-05) und die Entwürfe von Weinbrenner für den Karlsruher Rondellplatz. Realisiert werden ledigl. die Bauten um den Karolinen-Pl. (1809-13; heute stark verändert), die sich der Platzeinheit ohne zentrierende Mitte unterordnen. Die dort entstandenen Palais für hohe Staatsbeamte, Künstler und den Kronprinzen mit Nebengebäuden, darunter das Pal. Asbeck (1809; abgerissen 1953) und das Wohnhaus F.s (1810; abgerissen 1937), variieren mit Geschoßaufteilung, Portiken und einer Rotunde am Pal. Hompesch (Karolinen-Pl. 5; 1812/13; stark verändert) die palladian. Vorlagen, geben dem Baukörper mehr Gewicht als den Fassaden und verweigern eine archit. Repräsentation von Standesunterschieden. Dieser Plan entspricht den bürgerl. Reformen des Staatsministers Montgelas, wird aber nach dessen Absetzung 1817 auf Betreiben des Kronprinzen Ludwig zugunsten einer von Klenze umgesetzten verdichteten Bebauung mit geschlossenen Straßenzügen übergangen. Als bedeutendsten Bau kann F. 1811-18 das Kgl. Hof- und Nationaltheater als repräsentativen Ostabschluß des Max-Joseph-Pl. gegen die Entwürfe von Franz Thurn, Andreas Gärtner und Emmanuel Joseph von Herigoyen durchsetzen. Dem Theater (nach Brand 1823-25 von Klenze in veränderter Form wieder aufgebaut; 1944 ausgebrannt, 1956-63 wieder aufgebaut) waren ab 1802 mehrere eig. Entwürfe vorangegangen. Der freistehende doppelgeschossige Bau mit Mittelrisalit und Portikus umschließt einen kreisförmigen Zuschauerraum, umgeben von vier Rängen. In diesem Bau sind Studien frz. Bauten während der Frankreichreise und der 1808 publizierte Theaterbau von Thomas de Thomon in St. Petersburg verarbeitet. F.s Architekturauffassung wandelt sich durch den Einfluß von Weinbrenner und die polit. motivierten Ansprüche an die Stadtplanung nach der Gründung des Königreiches Bayern 1806 im Sinne eines internat. Stils mit starker Betonung geometr. Körper, geschlossener Wandflächen und einer reduzierten Ornamentik am Außenbau. Bei der Innenraum-Gest. nach spätröm. Vorlagen, etwa bei dem nicht ausgef. Entwurf für die Glyptothek (1816), beharrt F. indes auf einem reichen Ornament. Seine lavierten, teils großformatigen Archit.-Zchngn antiker Bauten und Gebälkdetails, angefertigt nach den "Edifices antique de Rome" von Antoine Desgodetz (1682) sowie dem zugehörigen Ergänzungsband "Fragmens et ornemens d'Archit." von Charles Moreau (1800), sind äußerst exakt und von großer künstler. Qualität. Hier übernimmt F. v.a. die Abbildungsverfahren von Moreau; dabei stehen Gebälkteile in Umriß-Zchng neben lavierten Partien von großer plast. Wirkung, so daß die Verfahren zugleich zur Lehre der Formen und ihrer zeichner. Entwicklung, aber auch zur Vergegenwärtigung der plast. Qualität geeignet erscheinen. Nachahmungen solcher Gebälke kamen etwa im Hauptsaal des Prinz-Carl-Pal. (1804-06) zur Wandgestaltung zur Anwendung. Bei den Entwürfen für ein Theater in München (1802) und eine Oper in Wien (1803) nutzt F. neben der Lavierung auch versch. Farben zur Kennzeichnung konstruktiver Elemente. Die genannten Verfahren finden sich auch im Werk seiner Schüler, etwa bei Friedrich von Gärtner und Joseph Daniel Ohlmüller, und erlauben Rückschlüsse auf F.s Lehrtätigkeit an der Münchner Akademie. Obgleich F. während seiner Italienreise, ähnl. wie zeitgleich Karl Friedrich Schinkel, kaum antike Bauten, sondern vielmehr die Einbindung der Archit. in die Lsch. zeichner. festhält, fertigt er keine perspektiv. Ansichten, wie sie etwa bei Schülern der Berliner Bau-Akad. (u.a. Klenze), übl. waren und nach F.s Tod auch an der Münchner Akad. zur Aufgabenstellung gehörten. Mit konstruktiven gegenüber maler. Aspekten vertritt F. einen grundlegend anderen Klassizismus-Begriff als Klenze. Einer von Kronprinz Ludwig gewünschten Bevorzugung der griech. gegenüber röm. Archit. widersetzt er sich ebenso konsequent wie einer bildhaften Definition der Stadtplanung als Herstellung von Stadttableaus mit eingeplanten Betrachterstandpunkten und der symbol. Bestimmung von Bauten oder Ensembles, wie sie Klenze ab 1817 am Königsplatz umsetzt. Während Klenze Bauten versch. hist. Herkunft und Ordnung zu Ensembles mit Denkmal-Char. gruppiert, beruht F.s Architekturauffassung auf konstruktiven Prämissen und Proportionsstudien sowie auf der Integration hist. Formen. Auch die anhand der Stich-Publ. "Archit. Toscane ou Palais, Maisons, et autres Edifices de la Toscane" von Auguste Henri Victor Grandjean de Montigny (1806) und "Palais, Maisons, et autres édifices mod. dessinés à Rome" von Charles Percier und Pierre-François-Louis Fontaine (1798) aufgenommene Rezeption von Renaiss.-Palästen konnte F., etwa beim Entwurf für ein Pal. (1814), umso leichter mit Proportionsschemata und palladian. Motiven verbinden, als auch die frz. Ed. der Publ. den Baubefund der Palazzi gegenüber idealisierten Proportionen zurückgestellt hatten. Die für die spätere Beschäftigung seiner Zeitgen. mit Renaiss.-Bauten maßgebl. Publ. "Edifices de Rome mod." von Paul Marie LeTarouilly erschien erst 1829, also nach F.s Tod. - Anders als seine Zeitgen. Moller, Schinkel oder Klenze legte F. keine Publ. eig. architekturtheoret. Positionen oder seiner Entwürfe vor. Spezifisch für die Situation in München, die eine größere Wirkung von F.s Ideen verhinderte, scheinen die auch vor einer mögl. Realisierbarkeit anberaumten Wettb. um prominente Bauaufgaben wie die Walhalla, den Odeons-Pl., die Glyptothek, ein Armeedenkmal am Königs-Pl. und Kirchenbauten sowie unklare Machtbefugnisse und von kulturpolit. Erwägungen getragene Entscheidungen, bei denen F. sich insbesondere gegen Klenze nicht durchsetzen konnte. - Nicht ausgef. Entwürfe: Theater in München, 1802; Eingangstor und Kleinbauten im Botan. Garten, 1809; Residenz am Max-Joseph-Pl., 1809; Walhalla, 1809; Neubau Karlstor, 1810; Markthalle am Maximilians-Pl., 1810; Armeedenkmal, 1812.

Werke

Weitere realisierte Bauten: München, Ziemssen-Str.: Krankenhaus vor dem Sendlinger Tor, 1809. - Brienner-Str. 19: Pal. Degenfeld, 1811 (abgebrochen nach 1933). - Karolinen-Pl. 4: Törring-(Kronprinzen-)Pal., 1812 (abgebrochen 1951).

Bibliographie

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