Zusammenfassung
J.S. Bachs Motette „Jesu, meine Freude“, BWV 227, verbindet drei unterschiedliche Textschichten: zwei literarische – Verse aus dem Römerbrief des Neuen Testaments und J. Francks Choraldichtung aus dem 17. Jahrhundert – sowie den musikalischen Text der Vertonung von Bach. Der angezeigte Beitrag beschäftigt sich mit dem Verhältnis dieser drei Ebenen zueinander. Nach einer historischen Bestimmung des mutmaßlichen Kompositionsanlasses für die Motette (I.) werden zunächst die beiden literarischen Texte miteinander abgeglichen: in einem ersten Schritt werden ihre (gravierenden) semantischen Unterschiede aufgezeigt, in einem zweiten beispielhaft – und in Relevanz zum Kompositionsanlass – semantische Verschiebungen aufgezeigt, die sich durch deren Kombination ergeben (II.). Unter III. werden Funktionen der musikalischen Ebene gegenüber den beiden Sprachcorpora bestimmt: durch die Musik kann die literarische Textsemantik (in Maßen) verschoben werden; häufiger unterstützt sie sie durch ihre eigenen Mittel („Tonmalerei“); sie trägt ebenfalls wesentlich zur strukturellen Einheit des Gesamtwerkes bei. In einem letzten Abschnitt (IV.) werden Aspekte einer theologischen Musikhermeneutik beleuchtet. In Abgrenzung von Ansätzen, die eine solche nur in Verbindung mit den vertonten Texten erheben, und solchen, bei denen musikalisches Erleben analog zu einem religiösen beschrieben wird, das von einem bindenden Wort gänzlich gelöst ist, postuliert der hier vorgestellte Ansatz einen dritten Weg: musikalisches Erleben kann legitime religiöse Erfahrung sein, darf sich aber der Verantwortung vor dem theologischen „Logos“ nicht entziehen. In Verbindung von Werk- und Rezeptionsästhetik respektiert eine theologische Musikhermeneutik von Bachs Motette die emotionale, subjektive Rezeption der Musik, bindet sie aber an die Sprachtextebenen an.



















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