Editorial

Christian Grafl 1 , Monika Stempkowski 2 , Katharina Beclin 3 , and Isabel Haider 4
  • 1 Universität Wien, Institut für Strafrecht und Kriminologie, Wien, Austria
  • 2 Universität Wien, Institut für Strafrecht und Kriminologie, Wien, Austria
  • 3 Universität Wien, Institut für Strafrecht und Kriminologie, Wien, Austria
  • 4 Universität Wien, Institut für Strafrecht und Kriminologie, Wien, Austria
Christian Grafl, Monika Stempkowski, Katharina Beclin and Isabel Haider

Es gibt kaum ein Thema, das Menschen mehr bewegt als Sicherheit. Sicherheitsthemen dominieren die politische Diskussion und werden von politisch Verantwortlichen auch gezielt eingesetzt, um Wählerstimmen zu gewinnen. Migration wird bisweilen bewusst mit (steigender) Kriminalität verknüpft, Unsicherheitsgefühle in weiten Teilen der Bevölkerung – fälschlich vielfach mit Kriminalitätsfurcht gleichgesetzt – dienen unabhängig von der tatsächlichen Entwicklung der Kriminalität als Begründung für Verschärfungen des Strafrechts durch Schaffung neuer Straftatbestände und/oder wiederholte Erhöhung von Strafdrohungen. Hasskriminalität und bewusste Falschinformationen im Internet, (organisierte) Wirtschafts- und Umweltkriminalität kennen keine nationalen Grenzen, sondern stellen globale Bedrohungen dar, die auch globale Reaktionen erfordern. Debatten über die Sinnhaftigkeit und Angemessenheit vieler Maßnahmen werden zunehmend emotional und polarisierend geführt.

Mit ihrem breiten wissenschaftlichen Anspruch kann die Kriminologie Fachkenntnis und empirische Befunde einbringen, die eine rationale Auseinandersetzung mit allen Sicherheitsthemen ermöglichen. Die 16. Wissenschaftliche Tagung der Kriminologischen Gesellschaft (KrimG), die vom 5. bis 7. September 2019 in Wien stattfand, hatte sich deshalb unter dem Titel »Sag, wie hast du’s mit der Kriminologie?« dem Dialog mit den Nachbardisziplinen verschrieben, um relevante Themenbereiche aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und zu diskutieren.

In diesem Schwerpunktheft nehmen zuerst drei Plenarvorträge1 zum Themenblock »Schuld, Gefährlichkeit und Verantwortlichkeit« aus Sicht des Strafrechts sowie der Kriminologie und Soziologie fundiert Stellung. Henning Radtke beleuchtet zuerst das verfassungsrechtliche Schuldprinzip des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, das eine Zweispurigkeit des Sanktionensystems bedingt, um über Maßregeln der Besserung und Sicherung auch der zukünftigen Gefährlichkeit von Straftätern begegnen zu können. Zentraler Aspekt dabei ist die von Sachverständigen zu erstellende Gefährlichkeitsprognose, die eine Wahrscheinlichkeit zukünftiger Straftaten

als Entscheidungsgrundlage für das Gericht anzugeben hat. Krzysztof Krajewski stellt in seinem Beitrag die Zweispurigkeit im polnischen Strafrecht dar. Er vergleicht die Regelungen in den polnischen Gesetzbüchern von 1932, 1969 und 1997 und zeigt auf, dass im derzeit geltenden polnischen Strafgesetzbuch Sicherungsmaßregeln ursprünglich gar nicht oder nur sehr minimalistisch verankert waren. Erst das öffentliche mediale Interesse an Sexualstraftätern und die damit einhergehenden Forderungen nach Möglichkeiten einer Sicherung gefährlicher Täter führten ab 2005 zu Novellierungen, die Maßregeln der Sicherung festschrieben. Diese gesetzlichen Bestimmungen werden einer kritischen Betrachtung unterzogen. Anna-Maria Getoš Kalac problematisiert in ihrem Beitrag die zunehmende Verlagerung strafrechtlicher Reaktionen in den Kriminalitätsvorfeldbereich. Sie hinterfragt in diesem Zusammenhang die zukünftige Rolle der Kriminologie und plädiert für eine führende Rolle in einer transdisziplinären Zusammenarbeit.

Monika Stempkowski ist eine der beiden 2019 ausgezeichneten Nachwuchspreisträgerinnen der KrimG. Sie untersucht in ihrem Beitrag, welche Faktoren die Legalbewährung psychisch kranker Straftäter unterstützen. Ausgangspunkt ihrer umfangreichen, als Dissertation veröffentlichten empirischen Untersuchung ist die Tatsache, dass der Anteil psychisch kranker zurechnungsfähiger Straftäter, die in Österreich nach einer Unterbringung in einer Maßnahme nach § 21 Abs 2 StGB erneut straffällig wurden, über viele Jahre stark gesunken ist. Als Ursachen für diese Entwicklung konnten eine bessere Selektion der zu entlassenden Personen und Verbesserungen in der Betreuung während der Unterbringung sowie im Zuge der bedingten Entlassung nachgewiesen werden. Im letzten Artikel steht die negative Generalprävention im Mittelpunkt der Überlegungen von Helmut Hirtenlehner. Ausgehend vom Forschungsstand, wonach gerichtliche Bestrafung eine insgesamt bescheidene generalpräventive Wirkung zeigt, weist er auf eine notwendige Differenzierung hin. Abschreckung wirkt nicht auf alle Menschen gleich bzw. ist nicht bei allen Menschen gleich wirkungslos. Die Bestrafungswahrscheinlichkeit hat bei Personen mit geringer Normakzeptanz, niedriger Selbstkontrolle und Sozialkontakten zu delinquenten Gleichaltrigen einen zumindest moderaten abschreckenden Effekt.

Christian Grafl, Monika Stempkowski, Katharina Beclin und Isabel Haider

September 2020

Footnotes

1

Ein umfangreicher Tagungsband mit den Plenarvorträgen und Beiträgen aus insgesamt 32 Panelsessions erscheint im Herbst 2020: Grafl, C., Stempkowski, M., Beclin, K. & Haider, I. (Hrsg.) (2020). »Sag, wie hast du’s mit der Kriminologie?« – Die Kriminologie im Gespräch mit ihren Nachbardisziplinen. Forum Verlag Godesberg.

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