Die Geldordnungstheorie der Freiburger Schule

and Ekkehard A. Köhler

Zusammenfassung

Was ist das geld(-ordnungs)theoretische Anliegen der Freiburger Schule? Wie entstand es und worauf zielt die hier vorgestellte Geldordnungstheorie ab? Diese Fragen werden in dem vorliegenden Beitrag dogmenhistorisch untersucht und ordnungsökonomisch eingeordnet. Es wird gezeigt, dass die Gründungsgeneration der Freiburger Schule um Walter Eucken unterschiedliche Geldordnungsvorschläge vorlegte, um eine Geldverfassung institutionell so auszugestalten, dass sie das Leistungskriterium der Geldwertstabilität langfristig erfüllen kann. Die Geldsystemtheorie Euckens und ihre Rückbindung an die Kapitaltheorie liefern den theoretischen Ausgangspunkt der Geldordnungstheorie. Die Zeitgebundenheit dieser Theorie und der konkreten Vorschläge widersprechen ihrer Rekonstruktion, um sie für die aktuelle Debatte um die Reform der EWU wieder einzuführen. Wer an dieser Frage interessiert ist, wird in diesem Beitrag keine Antworten finden.

1 Einleitung

Vor 50 Jahren wurde von Willibald Folz eine systematische Aufarbeitung des geldtheoretischen und -politischen Werkes der traditionellen Ordnungsökonomik vorgelegt. Folz konzentrierte sich dabei vornehmlich auf Eucken. Es ist jedoch offenkundig, dass nicht nur Eucken, sondern auch weitere Mitglieder aus der von ihm begründeten Freiburger Forschungsgemeinschaft einen Schwerpunkt auf dieses Themengebiet gelegt haben. Friedrich A. Lutz, Hans Gestrich und Leonhard Miksch waren Geld- und Währungsexperten, einflussreich in Wissenschaft und Politik. Sie lieferten Beiträge zum Geldordnungsdiskurs der Freiburger Schule (1936–1950). Ihre Beiträge sind nicht minder wissenschaftlich bzw. politisch relevant, wie dieser Beitrag zeigen wird. Eine Zusammenschau und vergleichende Analyse ihrer Vorschläge, wie eine Geldverfassung institutionell so auszugestalten ist, dass eine stabile Geldordnung entsteht, wurde bisher noch nicht vorgelegt. In einer Gesamtbetrachtung können gemeinsam geteilte Anliegen erschlossen werden, die dem Anschein des „fragmentarischen“ oder „unverbundenen“ – wie Folz mit Bezug auf das Werk Euckens zusammenfasst – womöglich widersprechen. (Folz 1970, S. 209)

Allein die Tatsache, dass nach fast 70 Jahren eine zusammenhängende Darstellung der Geldverfassungsvorschläge, die innerhalb der Freiburger Schule in den 1930er- und 1940er-Jahren vorgelegt wurden, noch immer fehlt, rechtfertigt eine dahingehende Untersuchung für die Zeitschrift „ORDO“. Was also ist das geld(-ordnungs)theoretische Anliegen der Freiburger Schule? Wie entstand es und was bleibt von der Geldordnungstheorie?

Diese Fragen werden in dem vorliegenden Beitrag dogmenhistorisch erörtert. Ordnungsökonomisch ist diese Untersuchung von Relevanz, da gezeigt wird, dass die Freiburger ihre Vorschläge als bedingte Handlungsempfehlungen adressierten. Ihr gemeinsames Anliegen bestand darin, eine Geldverfassung, die auf Geldwertstabilität ausgerichtet sein soll, so institutionell auszugestalten, dass die Bürger ein stabiles Geldwesen vorfinden können. Damit können die Geldverfassungsvorschläge aus einer ordnungsökonomischen Perspektive rekonstruiert werden. Ihre Zeitgebundenheit widerspricht ihrer Rekonstruktion für die aktuelle Debatte um die Reform der Geldordnung. Wer an dieser Frage interessiert ist, wird in diesem Beitrag nur bedingt Antworten finden. (s. White et al. 2015; Köhler und Vanberg 2015, S. 61–64)

2 Theoretische Grundlagen: Geldtheorie und Geldsysteme

Unmittelbar nach seiner Habilitation legte Walter Eucken einen Forschungsschwerpunkt auf die Geld- und Kapitaltheorie. Während Eucken in seinen ersten Veröffentlichungen Mitte der 1920er-Jahre noch unsystematisch die Geldsysteme diskutiert, (Eucken 1923; Eucken 1925) liefert er in den Grundlagen der Nationalökonomie eine Geldordnungstheorie. (Eucken 1940/65) Seine Theorie führt die Ursachen der monetären Instabilität auf die unzureichend geregelten Geldordnungen zurück, die sich im modernen Wirtschaftssystem entwickelten. Mit der Industrialisierung entstand ein neuartiges, das von Eucken bezeichnete „dritte Geldsystem“, welches die De- und Inflationen seit der Industrialisierung maßgeblich verursacht hatte. Eucken griff dabei auf die Ideen seines Schülers Leonhard Miksch zurück, der 1929 mit einer Arbeit zu einem kapitaltheoretischen Thema promoviert wurde.1 Eucken war der Überzeugung, dass es bei einem funktionierenden Geldwesen zu keinen dauerhaften Über- oder Unterproduktionen kommen könne. Aufgrund der zentralen Bedeutung, die die Kritik des dritten Geldsystems in der Geldordnungsdiskussion der Freiburger Schule einnimmt, sollen die drei Geldsysteme dargestellt werden, die Eucken in einer Geldordnung „meist miteinander verschmolzen“ und „selten rein“ verwirklicht sieht. (Eucken 1940/65, S. 117) Die Geldsystemtheorie legte Eucken in den Grundlagen der Nationalökonomie erstmalig vor.

Die Theorie der Geldsysteme

Die Theorie der Geldsysteme erklärt, wie Geld entsteht. Dabei konzentriert sich Eucken auf die Analyse der Wirkung von Regeln und Institutionen auf das Verhalten der Akteure, die am Geldentstehungsprozess beteiligt sind. Mit diesem methodologisch-individualistischen Vorgehen geht Eucken über eine rein beschreibende Analyse hinaus und liefert eine rationale „Theorie“.2

Das erste Geldsystem, das Eucken abstrahiert hervorhebt, zeichnet sich durch den Geldentstehungsprozess aus, in dem ein „Sachgut zu Geld wird“, ohne dass sich die „Substanz oder Form“ des Gutes ändert. (Eucken 1940/65, S. 117) Die Geldentstehung wird von ihm auf die funktionale Veränderung zurückgeführt, wobei der materielle Charakter des Gutes weiter besteht. Im ersten Geldsystem verliert das Geld seinen „Wert“ und damit die Funktion als Zahlungsmittel, wenn das Individuum den Nutzen des Gutes nicht mehr aus dem Geldwert ziehen möchte, sondern es wieder als Sachgut zur Bedürfnisbefriedigung verwendet. (Folz 1970, S. 40) Zum ersten Geldsystem werden von Eucken Güter aus Gold oder Silber, sowie Kupfer und Blei oder Zigaretten gezählt. Daher wird diese Geldform als „Warengeld“ bezeichnet. (Bernholz 1989, S. 12; s. hierzu auch Folz 1970, S. 40) Der Entscheidungsträger über die Geldentstehung ist in diesem System die Gesamtheit der Individuen, die einzelwirtschaftlich darüber entscheiden, ob der Nutzen aus dem Sach- oder aus dem Wertcharakter des Gutes gezogen werden soll. Den Höhepunkt des ersten Geldsystems verortet Eucken (1939/65, S. 118) in der Münzprägung auf der Grundlage des „freien Prägerechts“, die auf der Marktform der Konkurrenz basierte, sodass die Geldentstehung nicht von „einer Stelle“, sondern von einzelwirtschaftlichen Entscheidungen bestimmt wurde.3

Das zweite Geldsystem unterscheidet sich vom ersten im Prozess der Geldentstehung. Geld wird in diesem System durch den Verkauf einer Ware oder einer Arbeitsleistung geschaffen. (Eucken 1939/65, S. 118) Den Ursprung dieses Systems verortet Eucken in der Entstehung der Schuldscheinemission, wie sie bereits im Mittelalter und in der Antike von Handelshäusern und Landesherrschern praktiziert wurde. (Eucken 1939/65, S. 119)4 Dabei zirkuliert ein Schuldschein als Gegenwert von Arbeits- und Sachleistungen im Wirtschaftskreislauf, der von den Wirtschaftssubjekten als anerkanntes Zahlungsmittel gebraucht wird. Dieser „Wechsel“ muss vom Schuldner am Fälligkeitsdatum an den „jeweiligen Inhaber“ zurückgezahlt werden und tritt auf diese Weise als Zahlungsmittel wieder aus dem Geldkreislauf heraus. (Bernholz 1989, S. 12; beschreibt das Schuldscheingeld auch als „Kreditgeld“) Die Entstehung von Banknoten, Scheidemünzen und Giralgeld wird von Eucken diesem zweiten Geldsystem zugeordnet, sofern ihr der Verkauf von Gold bzw. Silber als Ware vorausgeht. In diesem Zusammenhang bezieht sich Eucken auf die Geschäfts- und Zentralbanken als Geldschöpfungsakteure, wobei bei ersteren die Geldschöpfung im Wettbewerb erfolgt, bei der Zentralbank dagegen in der Marktform des Monopols. Das Geld entsteht im zweiten Geldsystem, wenn diese Institutionen Gold oder Silber ankaufen: Dabei bezahlt das Geldinstitut den Verkäufer für die erbrachte „Leistung“ in Banknoten oder durch die Gutschrift von Giralgeld. Umgekehrt wird das entstandene Geld vernichtet, wenn die Zentral- oder Geschäftsbank das Gold wiederverkauft und die korrespondierende Geldart, also Noten oder Giralgeld, wieder entgegennimmt. In dieser Form der Geldschöpfung sieht Eucken (1939/65) eine große Ähnlichkeit zwischen dem zweiten und dem ersten Geldsystem,5 da bei der Geldentstehung Ware und Geld miteinander verbunden bleiben. Jedoch schreibt Eucken dem zweiten Geldsystem „keinen einheitlichen Charakter zu“. (Eucken 1939/65, S. 120) Dies begründet er mit dem Verweis auf die Goldeinlösepflicht des geschaffenen Geldes, bzw. der Einlösepflicht der Schuldverschreibung. Wird diese nicht von der Zentralbank bzw. vom Schuldner übernommen, erfolgt die Geldentstehung losgelöst von der „Ware-Geld“-Verbindung. Als Beispiel führt Eucken die Finanzierungspraxis von Regierungen an, die Schuldverhältnisse mit staatlich uneinlöslichem Papiergeld tilgen. Dabei emittiert die Zentralbank selbst geschaffenes Papiergeld und ähnelt daher dem im Folgenden beschriebenen dritten Geldsystem.

Im dritten Geldsystem, das Eucken vorwiegend in der modernen Geldordnung verwirklicht sieht, wird Geld, das aufgrund von Kreditgewährung entsteht und bei der Rückzahlung wieder verschwindet, geschaffen, ohne dass ein Verkauf von Gütern vorausgeht. (Eucken 1939/65, S. 120) Somit bildet das im dritten Geldsystem entstehende „Kreditgeld“ den Gegenpol zum „Warengeld“ des ersten Geldsystems, da eine „Ware-Geld“-Verbindung nicht existiert. Auch hier wird die Geldschöpfung von den Zentral- bzw. Geschäftsbanken vollzogen. Dabei entsteht durch die Zentralbank „Kreditgeld“, wenn sie Geld nicht zur Bezahlung von Gold oder Silber schöpft, sondern zur Bezahlung von Staatsschuldverschreibungen und zur Gewährung von Krediten verwendet. Das „Kreditgeld“ der Zentralbank nimmt dabei die Form von Banknoten, Münzen oder Zentralbankgeld an. Die Geschäftsbanken schöpfen im dritten Geldsystem in der vollkommenen Konkurrenz ausschließlich das Giralgeld durch die Akte der Kreditgewährung. Aus heutiger Perspektive handelt es sich bei der Geldentstehung im dritten Geldsystem also um die kreditweise Zentralbankgeldschöpfung und die aktive bzw. passive Geschäftsbankengeldschöpfung. So existiert neben dem Zentralbankgeld in Form von Bargeld das Geschäftsbankengeld, welches in Form des Giralgelds kein gesetzliches Zahlungsmittel darstellt. Die auf Kredit fußende Geldversorgung des Wirtschaftskreislaufs entstand im Zuge der Industrialisierung und trug nach Euckens Auffassung maßgeblich zur schnellen wirtschaftlichen Entwicklung bei, da die „Elastizität des (Kredit-)Geldes“ die „Investitionstätigkeit“ positiv beeinflusste. (Eucken 1952/90, S. 258) Hier, d. h. im modernen Bankensystem, analysiert Eucken auch die Tendenz zur beschleunigten Kreditgewährung der Banken, die seit dem 19. Jahrhundert in immer größerem Ausmaß die Geldmenge ausgeweitet hatte. (Eucken 1939/65, S. 122) Die Dominanz dieses Systems in der industrialisierten Geldordnungsrealität zeigt sich Eucken zufolge noch deutlicher im Zusammenbruch der Goldwährung zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Durch die fehlende Golddeckung, so kritisiert Eucken, war der Zentralbank bzw. der Regierung eine „willkürliche Papiergeldschöpfung“ möglich geworden. (Eucken 1925, S. 2) Die Geschäftsbanken mussten bei der Schaffung des Geschäftsbankengelds durch „Kreditgewährung“ daher auch keine „Rücksicht“ mehr auf „ihre Liquidität“6 (in Zentralbankgeld) nehmen. (Eucken 1925, S. 2) Hier sieht Eucken eine Anreizproblematik und schlussfolgert, dass das nach dem dritten Geldsystem geschöpfte Geld auf dem Vertrauen der Wirtschaftssubjekte in die geldschöpfenden Stellen beruht.

3 Geldordnungsvorschläge der Freiburger Schule

Mit dem Zusammenbruch der Goldwährung war die von Eucken gelobte disziplinierende und automatische Wirkung der Golddeckung in Bezug auf die Schaffung von Zentral- und Geschäftsbankengeld verloren gegangen. In dieser Entwicklung der Geldordnung sieht Eucken die Ursache der „inflationistischen Ausdehnung“ bzw. „deflationistischen Zusammenziehung“ der Geldmenge, wie sie in den Währungskrisen der Weimarer Republik auftrat. (Eucken 1949, S. 77) Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Eucken den Grund der monetären Instabilität der Geldordnung in der Entwicklung der modernen Geldschöpfung in Form des dritten Geldsystems begründet sieht. Diese Feststellung bildet den Ausgangspunkt der ordoliberalen Suche nach einer geeigneten Geldordnung, die in ihrer institutionellen Gestaltung die Nachteile der modernen Geldwirtschaft vermeiden sollte. Dabei steht für Eucken im Vordergrund, die Geldversorgung durch Bankkredite zurückzudrängen und die Zentralbankgeldschaffung zu disziplinieren. In diesem Zusammenhang müssen auch die anderen Geldordnungsvorschläge verstanden werden, die in der Freiburger Schule ausgearbeitet wurden.

3.1 US-amerikanische Ideen und Walter Euckens Vorschlag

Als „gangbaren Weg“ zu einer Geldverfassung wird von Eucken (1952/90, S. 264) eine Kombination aus der Waren-Reserve-Währung und dem Chicago-Plan7 angestrebt. Die Konzeption der Waren-Reserve-Währung, die 1937 von Benjamin Graham entwickelt und später von Frank Graham aufgegriffen wurde, sieht die Errichtung von „Agenturen“ vor, die „Lagerhauszertifikate“ eines Warenbündels handeln.8 Das Warenbündel umfasst dabei Rohstoffe und Konsumgüter, die in einer Volkswirtschaft nachgefragt werden. Das Zertifikat, als verbrieftes Eigentumsrecht an diesem Warenbündel, hat bei der Implementierung der Waren-Reserve-Währung einen Wert, der sich aus den gewichteten Einzelpreisen der im Warenbündel enthaltenen Güter bildet. Bei steigendem Preisniveau wird durch die Verkäufe der Zertifikate durch die Agentur Geld stillgelegt, wobei gleichzeitig das Warenangebot vergrößert wird. Fallen die Preise in der Volkswirtschaft, ergibt sich der umgekehrte Effekt, wobei Geld in den Wirtschaftskreislauf eintritt und das Warenangebot verringert wird. Durch die Entstehung des Geldes in Abhängigkeit des Kaufes von Zertifikaten sieht Eucken (1952/90, S. 262) eine Möglichkeit das zweite Geldsystem wieder in die Geldordnungsrealität zu integrieren.9 Diese Konzeption erinnert ihn an die Goldwährung mit dem Unterschied, dass der Wert des Geldes nicht dem Wert nur „einer Ware“ entspricht, „sondern mit dem Wert vieler Waren verbunden“ ist. (Eucken 1952/90, S. 262)

So trägt die Waren-Reserve-Währung seiner Ansicht nach dazu bei, dass bei Inflation bzw. Deflation keine kumulative Expansion oder Kontraktion der Geldmenge eintritt, wie es von ihm am dritten Geldsystem kritisiert wird. Darüber hinaus erfüllt die Waren-Reserve-Währung Euckens Idealvorstellung einer Geldverfassung in der Hinsicht, dass sie die Geldmenge automatisch an die Warenpreise anpasst (Eucken 1925, S. 12) und nicht von den jeweiligen „politischen“ Entscheidungen abhängig ist. (Eucken 1952/90, S. 262) Neben den Agenturen fordert Eucken in seinem Geldordnungsvorschlag eine Zentralbank, die das alleinige Recht zur Notenemission besitzt.10 Diese stellt zusammen mit den Geschäftsbanken den zweiten Träger der Geldversorgung dar. (Eucken 1952/90, S. 263) Damit die Funktionsfähigkeit der Geldversorgung gewährleistet werden kann, hält Eucken eine „Verbindung“ zwischen den beiden Trägern der Geldversorgung für „nötig“. (Eucken 1952/90, S. 263) Bezüglich der Zentralbank sieht er dabei vor, dass die Emission des Zentralbankgelds in Noten und Krediten mit den Agenturen abgestimmt werden muss, um eine entgegenwirkende Geldmengenveränderung auszuschließen. Dazu soll sich bei steigendem Preisniveau, das den Verkauf von Zertifikaten seitens der Agenturen auslöst, die Zentralbank in der Gewährung des Kreditvolumens beschränken, damit sich die Geldmenge in der Volkswirtschaft verringert: Demzufolge entziehen die Agenturen dem Geldkreislauf Noten, wie auch die Zentralbank, da sie weniger Kredite vergibt. Bei fallendem Preisniveau und dem Kauf von Zertifikaten seitens der Agenturen soll die Geldmenge durch die Zentralbank im Rahmen von erhöhter Kreditgewährung ausgedehnt werden. (Eucken 1952/90, S. 263) Damit ist die Zentralbank in Euckens Vorschlag an die Regeln der Waren-Reserve-Währung gebunden und erfüllt in ihrer Funktionsweise auch das Kriterium der automatischen Geldanpassung an die Warenpreise. Um dieses Ziel für die Geschäftsbankengeldentstehung umzusetzen, sieht Eucken die Integration des privaten Bankensektors in seinen Ordnungsvorschlag vor. Geschäftsbanken sollen dabei in der Giralgeldschöpfung in der Weise diszipliniert werden, dass Kredite und Sichteinlagen zu 100 % in Zentralbankgeld gedeckt sein müssen. (Eucken 1952/90, S. 263) Durch diese Vorkehrung können Geschäftsbanken nur in der Höhe Kredite vergeben, in der (Spar-)Einlagen in Zentralbankgeld vorhanden sind. Eine multiple Geldschöpfung ist somit nicht möglich. Diese Methode übernahm Eucken aus dem so genannten Chicago-Plan, der unter anderem auch von Friedrich Lutz vertreten wurde.11 Des Weiteren können die Geschäftsbanken in diesem Modell durch diese Vorkehrung nur in dem Umfang Kreditgeld schaffen, wie auch die Zentralbank gewillt ist, die Geldmenge auszudehnen. Auf diese Weise nimmt die Geldversorgung durch Bankkredite in der Konzeption Euckens eine untergeordnete Stellung ein und erhält „subsidiären Charakter“. (Eucken 1952/90, S. 264) Somit unterliegt die Geldschaffung der Geschäftsbanken in Euckens Vorschlag der staatlichen Beaufsichtigung durch die Zentralbank, welche, wie oben erwähnt, ihre Kreditpolitik in Kongruenz zu den An- und Verkäufen der Handelsagenturen abstimmt: Die Veränderung der gesamten Geldmenge steht somit im negativen Verhältnis zur Preisveränderung. Eine kumulative Expansion bzw. Kontraktion der Geldmenge bei Preissteigerung respektive Preisrückgang wird durch die Verbindung der Kreditpolitik mit dem Zertifikatehandel, wie sie im dritten Geldsystem auftritt, verhindert. Aus diesem Grund beurteilte Eucken seinen Vorschlag als eine Geldordnung, die ein „besseres Prinzip der Geldversorgung“ gewährleisten könne. (Eucken 1952/90, S. 264) Des Weiteren sieht er in der Waren-Reserve-Währung den Vorteil, dass sie ohne diskretionäre Entscheidungskompetenzen einer Institution auskomme.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich Walter Eucken von Hans Gestrich, der zugunsten der Preisstabilität weitreichende Eingriffsmöglichkeiten in die Zentralbank- und Geldbankengeldschöpfung vorsah.

3.2 Der Vorschlag des Freiburger „Frühkeynesianers“ Hans Gestrich

Hans Gestrich (1895–1943) pflegte einen engen wissenschaftlichen Kontakt mit Walter Eucken und Leonhard Miksch.12 Sein früher Tod mag erklären, warum er nur selten mit der Freiburger Schule nach 1945 in Verbindung gebracht wird. Gestrichs beruflicher Werdegang führte ihn nach der Promotion bei Hermann Schumacher zunächst zur Reichsbank (1931–1933) und – als Unterstützer Lautenbachs Ende 1933 in Ungnade gefallen – zur Preußischen Landesbank (bis 1943). Obschon Gestrich gemeinsam mit Wilhelm Lautenbach gegen die Fortführung der Deflationspolitik eintrat, deren Folgen er „richtig vorhersah“, (Blümle 2008, S. 348) verband Gestrich und Miksch eine enge freundschaftliche Beziehung.13 Gestrich zählte, wie Eucken in den „Grundlagen der Nationalökonomie“ von 1940 anmerkte, zu den wenigen auswärtigen Mitgliedern des Freiburger Kreises. (Dathe und Goldschmidt 2003, S. 7) Seine Einordnung in die Freiburger Forschungsgemeinschaft wird ebenfalls darin ersichtlich, dass Eucken, Böhm und Großmann-Doerth 1936 im dritten Band ihrer Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“ die „Neue Kreditpolitik“ von Hans Gestrich herausgaben. Im Vorwort des 1944 posthum erschienenen Buches „Kredit und Sparen“ würdigte Eucken Gestrichs „theoretisches Können“ bei der Analyse der Inflation von 1914/23 und der Depression 1929/1934, deren Ursache Gestrich, wie Eucken, in der modernen Geldwirtschaft lokalisierte. In dieser Abhandlung widmet sich Gestrich der Frage, wie eine Geldordnung besser ausgestaltet werden könne, unter besonderem Bezug auf die Geldprobleme, die er in der modernen Geldwirtschaft und insbesondere in der Geldordnung der Weimarer Republik vorfand. Der Ausgangspunkt ist dabei für Gestrich, dass die Ersparnisbildung in einer Volkswirtschaft und die Kreditvergabe der Geschäftsbanken voneinander unabhängig seien.14 Obwohl Gestrich dieses Geldordnungsproblem nicht explizit mithilfe der von Eucken definierten Geldsysteme beschreibt, verortet er die Unabhängigkeit von Kredit und Sparen in der Entstehung der privaten Geldschaffung durch Kreditgewährung, wie sie von Eucken im dritten Geldsystem beschrieben wird. (Gestrich 1944/57, S. 31) Gestrich sieht die Kreditvergabe der Banken in der Geldordnungsrealität nicht auf der Grundlage von Spartätigkeit der Wirtschaftssubjekte gegeben, sondern in ihrem Kreditvergabeverhalten, das wiederum von der Investitionsneigung der Unternehmen und den Konjunkturzyklen abhängig sei. (Gestrich 1944/57, S. 56) So identifiziert Gestrich am Beispiel der Depression das daraus resultierende Problem, dass die zurückhaltende Kreditvergabehaltung der Geschäftsbanken dazu führte, dass Sparen eine „Ansammlung von Bankguthaben in großem Umfang“ bewirkte. (Gestrich 1944/57, S. 101) Rückblickend kann Gestrich in die Reihe der frühkeynesianischen Ansätze gestellt werden, die sich Anfang der 1930er Jahre in Deutschland entwickelten.15 Deshalb fordert Gestrich, dass „unter jedem Geldsystem“ „Vorsorge“ getroffen werden müsse, damit die durch Sparen „freigesetzten Produktivkräfte wieder verwendet werden“. (Gestrich 1944/57, S. 106) Diese Beurteilung liefert den Ansatzpunkt seines Geldordnungsvorschlags, um Sparen und Kredit wieder zum Ausgleich zu bringen. Unter dem Ziel der Beibehaltung des modernen Bankensystems und dem „vorwiegenden“ Verzicht auf zentralwirtschaftliche Elemente, ist eine stabile Geldversorgung nur durch die Errichtung einer zentralen Institution realisierbar, die durch weitreichend diskretionäre Eingriffsmöglichkeiten dazu ermächtigt sein soll, in die gesamte Geldentstehung zu intervenieren:16 „Es ergibt sich unabweislich die Tatsache, dass eine möglichst störungsfrei ablaufende Verkehrswirtschaft eine zentral geleitete, mit allen notwendigen Machtmitteln für die Beherrschung des Geld- und Kreditsystems arbeitende Kreditpolitik braucht“. (Gestrich 1944/57, S. 117) Gestrich steht mit der Forderung nach einer einheitlichen Kontrolle der Geldentstehung unter den Freiburger Ordoliberalen nicht allein. Er bezog sich dabei auf eine Abhandlung von Elisabeth Liefmann-Keil aus dem Jahre 1942. (Gestrich 1944/57, S. 117) Die Geldschaffung oder „allgemein das Geldwesen“ brauche eine „einheitlichen Lenkung“. (Liefmann-Keil 1942, S. 446). Den Anlass sieht Liefmann-Keil darin gegeben, dass das Geldwesen „nicht automatisch“ funktioniere.17 Aus dieser Erkenntnis leitet sie die Forderung des „Zwang(s) zur Gesamtplanung“ der Regulierung der Geldmenge ab. (Liefmann-Keil 1942, S. 449) Um die von ihm und Liefmann-Keil geforderte Lenkung der Geldversorgung durchzusetzen, greift Gestrich die Idee einer „starken“ Geld- und Kreditpolitik auf, die von der oben erwähnten Institution ausgeführt werden sollte. Die Zielausrichtung der Politik soll sich an der Preisentwicklung auf den Gütermärkten orientieren, damit der „Wert der Ersparnisse und der Sinn des Sparens“ gewährleistet werden könne. (Gestrich 1944/57, S. 109, 132). Damit strebt Gestrich in seinem Geldordnungsvorschlag eine Geldpolitik an, die ein funktionsfähiges und stabiles Preissystem gewährleistet. (Eucken 1952/90, S. 259) Dazu ordnet er in den Kompetenzbereich der Zentralbank die Diskontpolitik,18 die Offenmarktpolitik19 und die Festlegung der Reservesätze ein. Mit diesem Instrumentarium werden die Geldmengenentwicklung und insbesondere das Geldschöpfungsverhalten der Geschäftsbanken kontrolliert. Darüber hinaus möchte Gestrich den diskretionären Handlungsspielraum der zuständigen Geldpolitiker auch zugunsten von konjunkturpolitischen Zielen ausgeweitet wissen. Damit will er den Entscheidungsträgern die Möglichkeit geben, „im Bedarfsfall die staatliche Finanzpolitik“ und die „Kreditgewährung des Staates“ zu beeinflussen. (Gestrich 1944/57, S. 112)20 Die Konjunkturpolitik richtet Gestrich wie die Geld- und Kreditpolitik darauf aus, die Stabilität des Geldmarkts herzustellen. (Gestrich 1944/57, S. 108)21

Neben der Forderung, eine Zentralbank mit weit reichenden diskretionären Handlungsbefugnissen zu fordern, beantwortet Gestrich die Frage, wie diese Institution personell bzw. institutionell ausgestaltet sein soll, nicht genau. (Gestrich 1944/57, S. 112) Er hat ein „Gremium“ vor Augen, das die Kredit- und Konjunkturpolitik ausführen soll, lässt aber die genaue Ausgestaltung offen, wobei ihm jedoch bewusst ist, „welche Fülle von Machtbefugnissen“ er den Kreditpolitikern in seinem Geldordnungsvorschlag zuteilt. (Gestrich 1944/57, S. 112)

Walter Eucken reagiert auf Gestrichs Geldordnungsvorschlag kritisch: Er sieht den Vorschlag Gestrichs als nicht ausreichend an, um eine stabile Geldordnung zu gewährleisten, da Eucken in Zweifel zieht, ob die für die Geldpolitik verantwortlichen Entscheidungsträger dieser Aufgabe „gewachsen“ wären. (Folz 1970, S. 171) Eucken sieht dabei die Möglichkeit gegeben, dass die staatliche Zentralstelle, die die Geldpolitik ausführt, die weit reichenden Eingriffsmöglichkeiten im Interesse des Staates missbrauchen könne und auf diese Weise versuche, die „Verzinsung der Staatsschuld“ niedrig bzw. den „Kurs der Staatspapiere hoch zu halten“. (Eucken 1952/90, S. 259) Einen weiteren Kritikpunkt des Vorschlags von Gestrich führt Eucken mit der Begründung an, dass die Partikularinteressen der Kreditnehmer die Geldpolitik beeinflussen könnten. Mit diesen proto-politökonomischen Begründungen lehnt Eucken den Vorschlag von Gestrich ab, rechnet ihm jedoch an, auf den Ausgleich von Kredit und Sparen ausgerichtet zu sein. Die Herstellung ihrer Kongruenz sollte jedoch, so Eucken, automatisch und frei von Interessenseinflüssen organisiert sein.

3.3 Der Umbau des Bankensektors nach Friedrich Lutz

Friedrich Lutz (1901–1975) war ein Schüler Walter Euckens. Beide hatten sich in den zwanziger Jahren kennen gelernt, als Eucken noch in Berlin lehrte. Lutz wurde 1925 bei Eucken an der Universität Tübingen promoviert und folgte seinem Doktorvater 1928 nach Freiburg, wo er sich 1932 mit der Schrift „Das Konjunkturproblem in der Nationalökonomie“ habilitierte und so Teil der in Freiburg entstehenden Forschungsgemeinschaft um Eucken, Böhm und Großmann-Doerth wurde. (Veit-Bachmann 2003, S. 12) Das von Lutz vertretene Geldordnungskonzept geht aus seiner Veröffentlichung von 1936 unter dem Titel „Das Grundproblem der Geldverfassung“ im zweiten Band der bereits erwähnten Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“ hervor.22 In Anlehnung an die Peel’sche Bank Akte von 1844, mit der in Großbritannien die Bank von England das alleinige Recht zur Notenemission erhielt und die wettbewerbliche Schaffung von Bargeld durch die Geschäftsbanken unterbunden wurde, will Lutz in seinem Geldordnungsvorschlag die gleiche Auswirkung auf die Entstehung von der Geldart erzielen, die im Rahmen der Kreditgewährung entsteht. (Lutz 1936/62, S. 99; vgl. Veit-Bachmann 2003, S. 28 ff.) Diese Geldart ist wegen ihres Entstehungsprozesses durch Kredit dem dritten Geldsystem von Eucken zuzuordnen. Somit konzentriert sich Lutz mit seinem Vorschlag auf die Beseitigung des dritten Geldsystems.

Der Ausgangspunkt für die Neugestaltung einer Geldordnung ergibt sich für Lutz aus den Problemen, die er vor dem Hintergrund der Bankenkrise zu Beginn der 1930er-Jahre am Beispiel der USA und dem Deutschen Reich in den realen Geldordnungen identifiziert. Dabei besteht für ihn das „Grundproblem“ darin, dass in der modernen Geldversorgung durch die Kreditgewährung der Geschäftsbanken gleichzeitig die in der Volkswirtschaft zirkulierende Geldmenge erhöht wird. (Lutz 1936/62, S. 31) Lutz kritisiert dabei jedoch nicht, dass die privaten Banken in ihren Geschäftsaktivitäten Kredite vergeben, sondern dass die Kreditgewährung gleichzeitig die Sichteinlagen und so die Geldmenge erhöht. (Lutz 1936/62, S. 30 f.) Diesen Vorgang sieht Lutz unlöslich „miteinander verkoppelt“. (Lutz 1936/62, S. 31) Dabei beanstandet er, dass die Geldentstehung im Gegensatz zur Kreditgewährung nicht auf dem Ordnungsprinzip der vollkommenen Konkurrenz beruhen dürfe. (Lutz 1936/62, S. 31) Er begründet diese Ansicht damit, dass die Orientierung an der Geldnachfrage bei der Geldentstehung nur zu einer Erhöhung des Preisniveaus führe, wobei das emittierte Geld jedoch keinerlei Bedürfnisse befriedige. (Lutz 1936/62, S. 31) So fordert Lutz als oberstes Prinzip, dass die Geldentstehung in der Marktform des Monopols durch die Zentralbank vollzogen und kontrolliert werden solle und daher den Geschäftsbanken die beteiligte Geldschöpfungsrolle genommen werden müsse. (Lutz 1936/62, S. 31)23 Die Geldschöpfung sieht er demnach als unvereinbar mit dem Ordnungsprinzip der vollständigen Konkurrenz an. Aus diesem Grund ordnet Lutz die Geldschaffung der „Domäne des Staates“ zu, die nach „übergeordneten Gesichtspunkten“ durch eine „zweckmäßige(n) Geld- und Währungspolitik“ die Geldentstehung kontrollieren soll. (Lutz 1936/62, S. 32) Nur auf diese Weise ist es seiner Meinung nach möglich, eine sichere Geldversorgung der Wirtschaft zu gewährleisten. (Lutz 1936/62, S. 33)24 Lutz will diese Kontrolle nicht wie Gestrich durch laufende geldpolitische Eingriffe in die Geldentstehung der Geschäftsbanken verwirklichen, sondern in erster Linie durch eine Veränderung der Regeln erreichen, unter denen die Geschäftsbanken auf dem Geld- und Finanzmarkt handeln. Dazu greift Lutz den von Irving Fisher vertretenen „Chicago-Plan“ auf, der darauf abzielt, den Mindestreservesatz für Sichteinlagen auf 100 Prozent festzulegen. (Lutz 1936/62, S. 95) Durch diese Regelung halten Geschäftsbanken die Sichteinlagen und andere kurzfristige Einlagen in voller Höhe in Zentralbankgeld gedeckt, d. h. in Bargeld oder als Sichteinlage bei der Zentralbank. (Veit-Bachmann 2003, S. 28 ff.) Die Zentralbank soll dabei die Geldmenge im Rahmen der „Offen-Markt Politik und Diskontpolitik“ steuern und mit dem „Finanzministerium oder Schatzamt“ eng zusammenarbeiten. (Lutz 1936/62, S. 100 f.) In Lutz’ Vorschlag stellt die Zentralbank somit den alleinigen Geldschöpfungsakteur dar, da die Geschäftsbanken wegen der Verpflichtung, Sichtguthaben in voller Höhe gedeckt zu halten, keine Geldschöpfungsmöglichkeit inne haben, wie sie bei der oben beschriebenen multiplen Geldschöpfung auftritt. Die Geldmenge ist demnach durch die Zentralbank zu „100 %“ kontrollierbar. (Lutz 1936/62, S. 100; s. auch Fisher 1935; 1936) Des Weiteren sieht Lutz den Vorteil, dass durch die vollständige Deckung der Sichteinlagen in Zentralbankgeld die Sicherheit dieser Geldart gewährleistet werden könne. (Lutz 1936/62, S. 100) In diesem Plan erkennt Lutz auch die Parallele zur Peel’schen Bank Akte. War den Geschäftsbanken im Jahr 1844 durch das Notenemissionsrecht der Zentralbank die Schaffung von Bargeld genommen worden, so weiß Lutz durch die Anwendung des Chicago-Plans die gleiche Auswirkung auf die Geschäftsbankengeldentstehung verwirklicht und damit eine sichere Geldentstehung durch die Zentralbank durchführbar. (Lutz 1936/62, S. 100) Der Chicago-Plan läuft bezüglich des Geschäftsbankengelds auf eine vollständige Trennung der Scheckdepositen von den längerfristigen und verzinslichen Spareinlagen hinaus. Durch diese Maßnahme werden nach Lutz’ Erkenntnis die Banken in ihrer inneren Struktur umgebaut. Jede Geschäftsbank wird bei der Anwendung des Chicago-Plans in zwei Abteilungen zerlegt, zum einen in die „Scheckgeldabteilung“, die ausschließlich den Zahlungsverkehr in gedecktem Zentralbankgeld aus Depositen organisiert, und zum anderen in die „Bankabteilung“. (Lutz 1936/62, S. 99) Diese zweite Abteilung der Geschäftsbanken soll weiterhin in der Marktform der Konkurrenz das Kreditgeschäft auf der Basis des Eigenkapitals und ihrer Einlagen bei der Zentralbank ausführen. (Lutz 1936/62, S. 99) Nach der Auffassung von Lutz sind in diesem Umbau der Banken deutliche Vorteile gegenüber dem bestehenden Bankensystem festzustellen. Die Geschäftsbanken müssten bei der Einforderung des Depositengeldes nicht notwendigerweise Kredite auflösen, um zahlungsfähig zu werden. (Lutz 1936/62, S. 98) So schließt es Lutz bei einem „Run“ auf die Depositen aus, dass Kreditinstitute in Zahlungsnotstand und im Extremfall in Konkurs geraten, wie es in der Bankenkrise geschah. (Lutz 1936/62, S. 98) Den Grund, warum Lutz die Kreditgewährung weiterhin von konkurrierenden Geschäftsbanken vollzogen wissen möchte, führt er mit dem Hinweis an, dass die Gewährleistung einer bestmöglichen „Kreditzuteilung“ aus „rein wirtschaftlichen Gründen“ nur von den Kreditinstituten realisierbar sei. (Lutz 1936/62, S. 32) Aus diesem Grund stellt er in seinem Geldordnungsvorschlag auch das Organisationsprinzip der vollkommenen Konkurrenz für die Kreditinstitute voran. Eine vom Staat zentral gesteuerte Kreditvergabe beurteilt Lutz deshalb als problematisch, da bei „Kreditfehlleitungen“ nicht die Geschäftsbank, sondern der „Steuerzahler“ den Verlust tragen müsse. (Lutz 1936/62, S. 32)

Lutz beurteilt den Chicago-Plan als eine mögliche Lösung des Problems des Nebeneinanders von wettbewerblicher Giralgeldschaffung und zentral gesteuerter Zentralbankgeldschöpfung, da er eine Trennungslinie zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor ziehe und sich daher „widerspruchslos“ in die gesamte Wirtschaftsordnung einfügen könne. (Lutz 1936/62, S. 96) Er hält jedoch Änderungen am Chicago-Plan für wünschenswert. So merkt er zu seinem Plan an, dass auch eine Golddeckung des Zentralbankgelds möglich wäre. (Lutz 1936/62, S. 98) 1949 ging er gleichwohl explizit auf Euckens Vorschlag der Waren-Reserve-Währung ein. (Lutz 1949, S. 226–228) Problematisch beurteilt Eucken den 100 %-Plan, da „nicht ein Automatismus“, wie in der Waren-Reserve-Währung, sondern der „Wille dieser (zuständigen) Stelle“ die Geldmenge reguliere. (Eucken 1952/90, S. 260) Die Zentralbankziele könnten, so Eucken, nicht auf die Funktionsfähigkeit des Preissystems gerichtet sein, sondern nur darauf, durch die Offenmarktpolitik die finanzpolitischen Ziele der Regierung zu finanzieren. Dadurch könne auch Inflation bzw. Deflation entstehen und damit wäre die Geldordnung unstabil. (Eucken 1949, S. 79)

3.4 Free-Banking Vorstellungen von Leonhard Miksch

Die ordoliberalen Geldordnungsvorschläge gehen davon aus, die Geldordnung als einen Sonderbereich wirtschaftlichen Handelns zu beurteilen, in der eine Zentralbank die Geldentstehung kontrolliert. Es gab aber auch einen Vertreter aus dem inneren Kreis der Freiburger Schule, der eine andere Vorstellung vertrat (Berndt und Goldschmidt 2000, S. 40): Mit der Konzeption einer „Geldordnung der vollständigen Konkurrenz“ widerlegt Leonhard Miksch (1901–1950) die in der Freiburger Schule dominierende Behauptung, dass sich die „Geldschöpfung notwendigerweise in der Marktform des Monopols vollziehen müsse“. (Miksch 1949 a, S. 322) Dabei bezieht sich Miksch explizit auf den Geldordnungsvorschlag von Lutz, der auf der grundlegenden Erkenntnis basiert, dass die „Konkurrenz als Ordnungsprinzip für den Prozess der Geldschöpfung nicht anwendbar sei“. (Miksch 1949 a, S. 308) Um seine Argumentation und sein Geldordnungskonzept zu erläutern, ist zunächst anzuführen, dass nach Miksch „zwei verschiedene Ausprägungen des Monopols“ bei der Geldschöpfung möglich sind und zwei Ordnungsprinzipen folgen. (Miksch 1949 a, S. 309) Zum einen das ökonomische Geldschöpfungsmonopol, welches die „äußere Koordination“ über den Geldschöpfungsprozess ausübt und zum anderen das metrische Monopol, das den Geldschöpfungsprozess der inneren Koordination überlässt, die für Miksch gleichbedeutend mit Entscheidungen der „großen Zahl“ der Beteiligten definiert wird und mit der Marktform des Wettbewerbs korrespondiert. (Miksch 1949 a, S. 309)

Bei der äußeren Koordination wird vom Staat eine Wirtschaftspolitik ausgeführt, die den „Wirtschaftsprozess“, in diesem Fall die Geldschöpfung, so „zu lenken“ hat, „als ob die innere Koordination lückenlos sei“. (Miksch 1949 a, S. 310) Diese „Als-ob“ Geldpolitik sieht Miksch mit dem Nachteil behaftet, dass sie der „Willkür“ der Entscheidungsträger ausgesetzt sei, wie es auch Eucken in Antwort auf die Vorschläge von Gestrichs und Lutz’ Geldordnungskonzeptionen kritisierte. (Berndt und Goldschmidt 2000, S. 55) Des Weiteren bezweifelt Miksch, ob die staatliche Lenkung der Geldschöpfung im Rahmen eines vollständigen Geldschöpfungsmonopols, „es über sich bringen“ könne, die „wahren Interessen der Gesamtheit“ gegenüber den Partikularinteressen der Parteien und anderer Gruppen durchzusetzen. (Miksch 1949 a, S. 325) Aus diesem Grund ergibt sich für Miksch der Anlass, ein vollständiges Monopol, in dem die Geldschöpfung von außen zentral gesteuert wird, in einer Geldordnungskonzeption abzulehnen und vielmehr eine Geldordnung nach dem Prinzip der inneren Koordination, also der vollständigen Konkurrenz, zu formulieren. Die Voraussetzung dafür sieht Miksch in der Errichtung des metrischen Monopols, welches die Funktion ausüben soll, die „technischen Modalitäten der Münzprägung festzulegen“, (Miksch 1949 b, S. 155) wie es ursprünglich von den Currency-Anhängern vertreten wurde. (Miksch 1949 a, S. 317)25 Die Geldschöpfung selbst soll auf der Grundlage des „freien Prägerechtes“ von den Entscheidungen der Geldnutzer bestimmt werden, je nach Maßgabe, ob sie Gold als Ware oder als Geld nutzen wollen. Das metrische Monopol der Zentralbank – auch Prägemonopol genannt – kontrolliert dabei die qualitative Eigenschaft des Geldes als umgemünztes Metall. Durch die Kontrolle des metrischen Monopols in Verbindung mit der wettbewerblichen Geldentstehung im Rahmen der inneren Koordination kann sich Miksch zufolge ein Gleichgewicht einstellen, bei dem die Geldmenge und der Geldwert nur von der Nachfrage für „Metall und Geld und von der Produktionsfunktion des Metalls abhängen“. (Miksch 1949 a, S. 311; s. auch Berndt und Goldschmidt 2000, S. 55 f.) In dieser Hinsicht ergibt sich für Miksch (1949b, S. 155) die Möglichkeit, auch das erste Geldsystem wieder in die Geldentstehung zu integrieren.26 Da sich im ersten Geldsystem bei steigendem Handelsvolumen und steigender Geldnachfrage die Tendenz zur dauerhaften Deflation durch die Golddeckung einstellt, greift Miksch Elemente des zweiten Geldsystems auf, um dieses Problem zu lösen. (Miksch 1949 a, S. 319 ff.) Vorteilhaft erachtet es Miksch dabei, dass im zweiten Geldsystem eine „selbständige Geldnachfrage“ bestehe, die sich aus der Kreditnachfrage ergibt und geeignet sei eine direkte Verbindung mit dem Handelsvolumen herzustellen. (Miksch 1949 a, S. 318) Diese Funktion erfüllen seiner Ansicht nach die „Wechselkredite“, die auf der Grundlage eines bereits produzierten Gutes einen Gegenwert mit sich tragen und mit steigender Produktion umgetauscht von einer Bank als „Note“ oder Sicht-„Guthaben“ in den Geldumlauf treten könnten. (Miksch 1949 a, S. 319, 321) Diese Kreditform stellt den „Elastizitätsfaktor“ dar, den er als notwendig erachtet, damit sich die durch Gold gedeckte Geldmenge mit dem Handelsvolumen ausdehnen kann. (Miksch 1949 b, S. 156) Die weitere Aufgabe der Banken sieht Miksch darin, dass sie eine „scharfe Trennung von Geschäftsguthaben und Spargeldern“ zu berücksichtigen haben. (Miksch 1949 a, S. 321) Miksch orientiert sich dabei an den 100 %-Reservesätzen aus dem Vorschlag des Chicago-Plans, der von ihm aufgegriffen wird, und fordert, dass die Sichtguthaben in voller Höhe in Noten des metrischen Monopols gedeckt sein sollten. (Miksch 1949 a, S. 321) Somit stellt Miksch dem metrischen Monopol ein Konkurrenzsystem zur Seite, innerhalb dessen Kreditgeld durch private Banken geschaffen wird. Dabei sollen sich die Geschäftsbanken in der Kreditgewährung ausschließlich auf Wechselkredite „gegen Unterlagen von sorgfältig umschriebener Qualität“ und auf Kredite aus Spareinlagen beschränken. (Miksch 1949 a, S. 321) Aus dieser Konzeption geht Miksch zufolge ein „gemischtes Geldsystem“ hervor, in dem Metallgeld in der Form des metrischen Monopols und Kreditgeld „in atomisierter Konkurrenz geschaffen wird, wobei das Metall als Recheneinheit dient, sodass für die privaten Noten und Guthaben weder eine staatliche Garantie noch eine Annahmeverpflichtung in Frage kommt“. (Miksch 1949 a, S. 322) So ergibt sich für Miksch die Möglichkeit, eine Geldordnung zu verwirklichen, in der die Geldschöpfung nicht durch eine Zentralbank ausgeführt wird, sondern sich an der Geldnachfrage der Wirtschaftssubjekte orientiert.

Von dieser Erkenntnis überzeugt, greift Miksch den von Lutz in die ordoliberale Diskussion getragenen Chicago-Plan erneut auf, der, wie dargestellt, auf einem Geldschöpfungsmonopol der Zentralbank beruht. Dabei sieht Miksch die Möglichkeit, ihn zu einem Prägemonopol und einer wettbewerblichen Geldordnung umzubauen. Dazu sei es jedoch erforderlich, die von der Zentralbank emittierten Noten und Sichtguthaben durch volle Golddeckung gegenüber der ungedeckten Notenausgabe des „fiduciary issue“27 abzusichern. (Miksch 1949 a, S. 326) Die Noten und Sichtguthaben unterlägen demnach der „Einlöseverpflichtung in Gold“. (Miksch 1949 b, S. 156) Auf diese Weise integriert Miksch das erste Geldsystem in den Chicago-Plan. Darüber hinaus sollen, um einen „handelsvolumenunabhängigen Geldumlauf“ zu vermeiden, auch „Warenwechsel“ an die Stelle der „vollen Metalldeckung“ treten. (Miksch 1949 a, S. 326) Diese Handelswechsel üben dabei die Funktion aus, das über die Golddeckung hinaus entstandene Geld in Form von Sichtguthaben bei den Geschäftsbanken oder in Noten und Guthaben bei dem Zentralinstitut des metrischen Monopols zu decken. (Miksch 1949 b, S. 156) Die Warenwechsel sollen vom Käufer gezogen, von diesem akzeptiert und von einem „Spezialinstitut“ diskontiert, also am Fälligkeitsdatum bezahlt werden. (Miksch 1949 a, S. 326) Mit diesen Änderungen sei der Chicago-Plan mit seinem Konzept einer wettbewerblichen Geldordnung in Einklang zu bringen. (Miksch 1949 a, S. 326)

Mikschs Geldordnungsvorschlag der vollständigen Konkurrenz wird in heutiger Zeit als „Vorläufer [...] eines Free-Banking-Systems“28 gewürdigt. (Terres 1999, S. 10) Die Tatsache, dass Miksch bereits ein halbes Jahr nach Eucken verstarb, hat eventuell dazu beigetragen, dass sein Geldordnungsvorschlag in der Freiburger Schule nicht weiter diskutiert wurde, bis dann Hayek Mitte der 1970er-Jahre mit seinen Arbeiten „Choice in Currency – A Way to Stop Inflation“ und „Denationalization of Money“ den Ansatz einer wettbewerblichen Geldordnung erneut in die ordnungsökonomische Diskussion zurückführte.

Mikschs Beitrag „Die Geldordnung der Zukunft“ ist nicht nur hinsichtlich seines institutionellen Vorschlags, sondern auch im Blick auf seine Entstehungsgeschichte von besonderem Interesse: Nach dem Tagebucheintrag vom 24. Februar 1949 sollte der Beitrag zunächst im Jahrbuch ORDO erscheinen. Walter Eucken wollte den Beitrag allerdings auf den dritten Band von 1950 verschieben – wohl auch, weil Miksch im zweiten Band von 1949 bereits mit seinem Aufsatz über die Geldschöpfung im Gleichgewicht vertreten war. Es ist bemerkenswert, dass Miksch den geldtheoretischen Beitrag am Schluss auf einen institutionellen Vorschlag in Richtung des metrischen Monopols hinauslaufen lässt. Wohl auch aus Gründen der besseren Vorstellbarkeit, wie dieser Plan ausgestaltet werden könnte, verbindet er den Vorschlag mit dem Chicago-Plan von Fisher. Abschließend sei noch auf die Resonanz hingewiesen, die Miksch auf den Vorschlag zur Errichtung eines metrischen Monopols aus Bankenkreisen in Frankfurt erhielt: Hierzu schreibt Miksch am 6. Mai 1949 ins Tagebuch: „Der Bankierstammtisch – ich gehe selten hin –, Hunschau, Ilau, Veit, Muthesius, Achterberg, Wrede, Möller und andere, hatten mich heute hingebeten, um meinen Aufsatz, die Geldordnung der Zukunft, durchzudiskutieren. Einiges, nicht Unwichtiges, kam zu Tage, aber grundsätzliche Einwendungen gab es nicht, die Bedeutung der Geldordnung für die Wettbewerbsordnung wurde von allen anerkannt und ebenso die Fruchtbarkeit der Handelswechselmethode.“29

4 Kategorisierung und Würdigung des Geldordnungsdenkens

Um sowohl das prinzipielle Vorgehen, als auch die konkreten Vorschläge zur institutionellen Ausgestaltung einer Geldordnung Freiburger Provenienz mit modernen, ordnungsökonomischen Ansätzen vergleichen zu können, soll nun eine systematische Aufbereitung des geldordnungstheoretischen Werkes der Freiburger Schule erfolgen. Hierzu wird eine Darstellung der methodischen Herangehensweise sowie eine Kategorisierung der Geldordnungsvorschläge geliefert. Daran wird eine dogmenhistorische Würdigung des geldtheoretischen Werks angeschlossen, um die gegenwärtige Rezeption des Freiburger geldtheoretischen Erbes zu aktualisieren. Abschließend wird versucht, die Eckpunkte des geldordnungstheoretischen Denkens zusammenfassend zu würdigen.

4.1 Methodik und Zielrichtung des Geldordnungsdiskurses der Freiburger Schule

Das geldordnungstheoretische Denken der Freiburger Schule hat zum Ziel, eine auf Geldwertstabilität ausgerichtete Geldverfassung institutionell auszugestalten. Diese Aufgabe ist jedoch nicht Selbstzweck, sondern notwendige Voraussetzung zur Verwirklichung einer „funktionsfähigen und menschenwürdigen Ordnung“. Um deren Funktionsfähigkeit zu gewährleisten, bedarf es – so das Argument Euckens – einer zureichenden Lenkungsmechanik, die innerhalb einer Wettbewerbsordnung nur durch ein funktionsfähiges Preissystem ausgeführt werden kann. Letzteres kann sich aber nur dann entfalten, wenn eine stabile Geldordnung dauerhaft gewährleistet werden kann. Die Suche nach einer stabilen Geldordnung stellt daher nichts anderes dar als eine konsequent-logische Formulierung eines hypothetischen Imperativs: Wenn die Hauptaufgabe darin besteht, eine „menschenwürdige und funktionsfähige Ordnung“ umzusetzen, muss zunächst für eine stabile Geldordnung gesorgt werden.

Gleichzeitig gestaltet sich die Hinwendung zur konzeptionellen Ausarbeitung einer geeigneten Geldordnung problemorientiert. Eine gemeinsame Betrachtung der Geldordnungskonzeptionen bestätigt diesen Eindruck, da jeder Vorschlag in Bezug auf die vorgefundene Geldordnungsrealität formuliert wird. Die methodische Herangehensweise besteht darin, nicht nur die Ursache, sondern auch die Lösung des Geldordnungsproblems auf der Geldverfassungsebene zu suchen. Darin unterscheiden sich die Freiburger deutlich von anderen Schulen ihrer Zeit, auch weil sie dabei ihre Überlegungen auf ein umfassendes, ordnungstheoretisches Fundament gründen können. Bemerkenswert ist zudem die sehr frühe Anwendung dieser Methode bei Eucken in den „Kritischen Betrachtungen zum deutschen Geldproblem“ aus dem Jahr 1923. Wie eingangs gezeigt wurde, beginnt Eucken bereits zurzeit der Hyperinflation, zwischen der Geldverfassung und der Geldpolitik zu unterscheiden und fordert, die Lösung des Geldproblems durch die Änderung von Geldverfassungsregeln sowie durch die Variation der dort verankerten institutionellen Arrangements herbeizuführen. Dieses (Verfassungs-)regelorientierte Vorgehen ist gleichfalls, wenngleich nicht so scharf formuliert wie bei Eucken, innerhalb des Vorschlags seines Kollegen Hans Gestrich, aber besonders in den Beiträgen seiner Schüler Friedrich Lutz und Leonhard Miksch zu beobachten. Die Beiträge befassen sich mit der Analyse und Erklärung der jeweils empfohlenen Geldordnungsalternativen und fragen, wie sich die jeweilige Regeländerung auf die zu erwartende Funktionseigenschaft auswirken wird. In diesem methodischen Vorgehen kann die oft zitierte „Aufgabe“, eine „brauchbare Geldverfassung“ manifestierter Geldordnungsgrundsätze zu finden, auf deren Grundlage sich die ordoliberal wünschenswerte Ordnung entwickeln kann, auch als eine Problemstellung der Geldverfassungs- bzw. Regelwahl interpretiert werden. (Eucken 1952/2004, S. 256) Somit kann hier – entlang des Verständnisses von Manfred Streit – ein ordnungstheoretisches Vorgehen im Bereich der Geldverfassung festgestellt werden. Die Grundlage dazu ist der geldordnungstheoretische Erkenntnisstand, aus dem geldordnungspolitisches Wissen gewonnen wird, um zur Lösung praktischer Geldordnungsprobleme beizutragen. Daher kann mit guten Gründen behauptet werden, dass die Auseinandersetzung mit der Fragestellung, wie die aktuelle Geldordnung durch wirksame Reformen bzw. Geldverfassungsregeländerungen verbessert werden kann, als Beleg für die ordnungstheoretische Herangehensweise in Form einer „Geldordnungstheorie“ dient.

Die institutionelle Stoßrichtung der Ordnungsvorschläge sei wie folgt zusammengefasst: Die Funktionsweise der Geldordnung soll automatisch gestalten, wobei weit reichende diskretionäre Eingriffe in den Geldschöpfungsprozess zu vermeiden sind. Damit sollen interessensmotivierte Missbrauchsmöglichkeiten vermieden und dem Prinzip der Konstanz der Wirtschaftspolitik Folge geleistet werden. Entlang dieser Motive suchen die Ordoliberalen der Freiburger Schule nach der bestmöglichen institutionellen Ausgestaltung einer stabilen Geldordnung. Die vier Vorschläge lassen sich folgendermaßen in einer Tabelle darstellen:

Tabelle 1

Institutioneller Vergleich der Geldverfassungsvorschläge

EuckenGestrichLutzMiksch
OrdnungsprinzipMonopolMonopolMonopolWettbewerb
Akteur der GeldschöpfungZentralbank Geldpolitik: automatisch an die Handelsagenturen gebundenZentralbank Geldpolitik: auf den Ausgleich von Sparen und Investieren ausgerichtetZentralbank Geldpolitik: auf die Disziplinierung der kreditweisen Geldschöpfung ausgerichtetPrägemonopol, und Geschäftsbanken als Geldanbieter Individuen als Geldnachfrager
Art des Eingriffs in die GeldschöpfungKein Eingriff, da automatischer Mechanismus durch Waren-Reserve-Währung 100 %-ReserveDiskretionär, Geldmenge wird in Relation zum Volkseinkommen knapp gehaltenDiskretionär, 100 %-ReserveKein Eingriff, Gold- und Wechseldeckung, 100 %-Reserve
Geldpolitisches ZielGeldwertstabilität

Eucken, Lutz und Gestrich streben eine Geldordnung an, in der eine Zentralbank über den Geldentstehungsprozess wacht. Hier vollzieht sich die Geldschöpfung in der Organisationsform des Monopols. Die Konzepte unterscheiden sich dabei in der Art des geldpolitischen Eingriffs, den die Zentralbank im Geldschöpfungsprozess ausführt. Während Eucken im Rahmen der Waren-Reserve-Währung die Geldpolitik der Zentralbank an den Mechanismus der Handelsagenturen bindet und dadurch eine „automatisch“ funktionierende Geldordnung verwirklichen möchte, fordern Lutz und Gestrich eine diskretionäre Geldpolitik, die von der Zentralbank unter der Zielsetzung ausgeführt werden soll, die Geschäftsbankengeldentstehung zu disziplinieren bzw. die Geldmenge in Relation zum Volkseinkommen knapp zu halten. Das kapitaltheoretische Problem, wie Sparen und Investieren zum Ausgleich gebracht werden können, wird durch geldpolitische Zentralsteuerung gelöst. Walter Euckens ablehnende Haltung gegenüber diesen Vorschlägen unterstreicht seine Präferenz von regelgeleiteten und automatisch funktionierenden Institutionen gegenüber Arrangements, die den Verantwortlichen mehr Entscheidungsfreiheit bei der ihnen anvertrauten Aufgabe überlassen.

Miksch hingegen entwirft seine Geldordnungskonzeption auf dem Ordnungsprinzip der vollkommenen Konkurrenz und ordnet somit eine wettbewerbliche Form der Geldschaffung innerhalb seines Geldordnungsvorschlags an. Diskretionäre und regelgebundene Eingriffe in die Geldentstehung sind nicht möglich, da sich das Geldangebot von den Geschäftsbanken und Zentralbanken allein nach der Geldnachfrage der Geldnutzer richtet und daher geldpolitische Ziele nicht verfolgbar sind. Leonhard Miksch nimmt in der Vorstellung, eine wettbewerbliche Geldordnung zu etablieren, eine Sonderrolle in der Freiburger Schule ein.

So wird auch ersichtlich, dass auf der Grundlage der hier vorgestellten Vorschläge zur institutionellen Ausgestaltung einer geldwertstabilitätsorientierten Geldordnung kein einheitliches Konzept entsteht. Vielmehr lassen sich zwei unterschiedliche Geldordnungsansätze identifizieren, von denen ausgehend zum einen die meisten Mitglieder der Freiburger Schule und zum anderen Miksch die Geldordnung konzipieren. Der erste Ansatz läuft auf ein Zentralbanksystem hinaus, der zweite auf ein währungswettbewerbliches System.

4.2 Dogmenhistorische Würdigung

Nachdem eine Zusammenfassung erarbeitet wurde, wie sich die Gründergeneration der Freiburger Schule der Lösung des Geldordnungsproblems methodisch und institutionell nähert, soll eine dogmenhistorische Würdigung ihres geldordnungstheoretischen Werks diese Untersuchung abschließen. Zum einen wird die These aufgestellt, dass die Chicago Schule wesentliche Ideen zu diesem Werk beigetragen hat. Zum anderen wird ein impliziter Einfluss der Österreichischen Schule festgestellt.

Die Gründe, warum Eucken den Vorschlag Gestrichs ablehnt und Lutz’ Vorschlag nur in modifizierter Form verwirklicht wissen will, können in der kategorischen Ablehnung diskretionärer Interventionsbefugnisse in den Geldentstehungsprozess ausgemacht werden. Dabei stellt Eucken auf Argumente ab, die innerhalb der alten Chicago Schule zur regelgeleiteten Geldemission angeführt werden. Ausdrücklich hebt Eucken in der Einleitung zum „Primat der Währungspolitik“ in seinen „Grundsätzen der Wirtschaftspolitik“ hervor, dass „[F]ür dieses Problem [...] vor allem [...] H. C. Simons Werk ‚Economic Policy for a Free Society‘ von Bedeutung sei“ (Eucken 1952/2004, S. 255). Die Artikelsammlung von Henry Simons liefert einen Querschnitt seiner Veröffentlichungen während der Früh- und Entstehungsphase der Chicago Schule zwischen 1936 und 1945. Die überraschend ähnliche Auseinandersetzung mit einer „denkenden Wirtschaftsverfassungspolitik“ in „A positive Program for Laissez Faire: Some Proposals for a liberal Economic Policy“ und dem XVI. Kapitel der Grundsätze, in denen Eucken „die positiven Prinzipien“ der Wettbewerbsordnung entwickelt, legen den Schluss nahe, dass eine enge konzeptionelle Nähe zwischen Walter Eucken und Henry Simons bislang übersehen wurde. (Simons 1934/48; 1936/48) Wirtschaftliche Macht, das Problem der Konzentration und die Idee, den Wettbewerb als Entmachtungsinstrument zu nutzen, liegen im konzeptionellen Mittelpunkt beider Schulen.

Auch wenn sich Eucken und Simons beim ersten Treffen der Mont Pèlerin Society im April 1947 nicht mehr kennenlernen konnten, da Simons bereits im Juni des Vorjahres unerwartet verstarb, kam es zum direkten Ideenaustausch zwischen der Freiburger und der Chicago Schule: Initiiert von Friedrich August von Hayek stellten Aaron Director30, ein enger Kollege Simons’, und Eucken am 1. April 1947 ihre Vorstellungen zur Wirtschaftsordnung in der Session „Free Enterprise and Competitive Order“ vor. (von Hayek 1946) Hayek hatte im November 1946 in einem Brief an Eucken über die Forschungsgemeinschaft in Chicago und den tragischen Tod von Simons berichtet. Hayek glaubte, dass Simons’ Projekt nicht mehr fortgeführt werden könne. Daher bat Hayek Eucken, an der konstituierenden Sitzung der Mont Pèlerin Society teilzunehmen. (von Hayek 1946) Die These einer engen Verwandtschaft zwischen dem Freiburger und Chicagoer Forschungsprogramm erfährt durch diesen Briefwechsel und das Motiv Hayeks, Freiburger und Chicagoer Ökonomen im Rahmen dieser Tagung zusammen zu bringen, eine anekdotische Evidenz.

Dass Eucken die Idee der 100 %-Währung von seinem Schüler Lutz übernahm, die ihrerseits eben von Simons mitentwickelt wurde, mag dieser These auch hinsichtlich der institutionellen Umsetzung der Geldverfassung weitere Aussagekraft verleihen. Weitere Argumente liefert ein Vergleich zwischen Simons’ Vorstellungen zur prinzipiellen Ausgestaltung einer Geldordnung in „Rules versus Authorities in Monetary Policy“ mit der im „Primat der Währungspolitik“ offenbarten Präferenz Euckens für eine regelgeleitete anstatt einer diskretionären Geldpolitik. Beide haben zum Ziel, die Zentralbank durch Regeländerungen zu disziplinieren. (Siehe hierzu Köhler und Kolev 2013)

Euckens Argumentation, dass den Zentralbankleitern, sofern sie freie Hand über die Ausübung der Geldpolitik besitzen, mehr zugetraut wird, als „ihnen im allgemeinen zugetraut werden kann“, liegt überdies dem Ansatz der Public Choice Theorie31 nahe, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Chicago bei Frank Knight und seinem Schüler James Buchanan ihren Anfang nimmt. (Eucken 1952/2004, S. 257) Die Erkenntnis, dass Geldpolitiker nicht frei von „Eigeninteresse“ und Interessensgruppeneinflüssen sind, bestätigen diese der Public Choice Schule nahe stehenden Analysen. Genau aus diesem Grund favorisiert Eucken den Graham-Plan, um den Einsatz des geldpolitischen Instrumentariums automatisch ausgeführt zu wissen. Bei Simons wird diese Lösung zugunsten der später von Lutz vertretenen Lösung verworfen. Die Verbindung der Waren-Reserve-Währung mit dem Chicago-Plan ist der originäre Beitrag Euckens, da hier einerseits politökonomische und andererseits bankenregulatorische Ziele miteinander verknüpft werden können.

Vergleicht man das Anliegen der Freiburger Schule mit dem der Chicago Schule, wird ein Unterschied sichtbar, der nicht deutlich genug betont werden kann:

In der Chicago Schule herrscht das Paradigma vor, die Geldverfassung innerhalb der Marktform des Monopols auszugestalten, da erstens eine Zentralbank vorgesehen und zweitens jegliche multiple Geldschöpfungsmöglichkeit ausgeschlossen wird. Der Chicago-Plan läuft also auf ein starkes Monopol hinaus. In der Freiburger Schule herrscht hingegen die Auffassung vor, eine automatisierte Geldordnung anzustreben, unabhängig davon, ob sie in einer wettbewerblichen oder in einer monopolistischen Geldverfassung konstituiert wird. Lutz und Gestrich plädieren für eine Zentralbankverfassung, Miksch und Eucken hingegen für eine automatisierte Geldverfassung, die im Falle des metrischen Monopols innerhalb der Marktform des Wettbewerbs konstituiert ist. Die Neutralität gegenüber dem Ordnungsprinzip der Geldverfassung ist damit eine Besonderheit, die dem geldordnungstheoretischen Denken der Freiburger Schule eine moderne ordnungsökonomische Geltung verleiht: Eine wettbewerbliche, wie auch eine monopolistische Geldordnung, sind prinzipiell vorstellbar. (s. hierzu auch Köhler und Vanberg 2015)

Miksch nimmt mit der Vorstellung, die Geldverfassung in der Marktform des Wettbewerbs zu konstituieren, eine Sonderrolle in der Freiburger Schule ein. Ganz überraschend ist diese Feststellung jedoch nicht, da Eucken (1923, S. 80) einen konzeptionellen Schulterschluss mit Carl Menger in der Forderung, „dem Staate grundsätzlich die Macht zu nehmen“ bereits 1923 wagte.32 Dieses sei „nur durch Einführung der Goldwährung“ erreichbar, indem „dem Staate dann im Wesentlichen nur die Aufgabe als ‚Münzmeister‘ verbleibt“. (Eucken 1923, S. 80) In der Tübinger Zeit widmet sich Eucken insbesondere kapitaltheoretischen Themen, über die Miksch Mitte der 1920er-Jahre promoviert. Miksch gelangt zu der Erkenntnis, dass eine allgemeine Überproduktion aus kapitaltheoretischer Perspektive nicht vorliegen kann.

Euckens frühe Präferenz für eine entstaatlichte Geldverfassung liefert einen frühen Hinweis auf seine Hinwendung zu „liberalen“ Geldordnungsideen. Damit sollte die von Uwe Dathe entwickelte „Umschwungtheorie“ im Eucken’schen Denken zum Liberalismus zumindest für den Bereich der Geldtheorie – bereits auf den Anfang der 1920er-Jahre vordatiert werden, da unmittelbar nach seiner Habilitation eine „österreichische“ Linie im geldtheoretischen Werk beginnt, die über die Konzeption der drei Geldsysteme und der dort verankerten Präferenz für warengedeckte Währungen, sowie deren automatische Funktionsweise von Miksch weiter ausgebaut wird, wie im vorherigen Abschnitt dargelegt wurde. In der Zusammenschau der Geldordnungsvorschläge, die innerhalb der Freiburger Schule diskutiert werden, lässt sich anhand dieser Parallele eine Entwicklungslinie aufzeigen, die in dieser Form bislang nicht rezipiert wurde. Die zielharmonische Ausgestaltung zur konsequenten Etablierung einer Geldordnung des ersten und zweiten Geldsystems im Rahmen des metrischen Monopols und der modifizierten Waren-Reserve-Währung bestätigen diese These.

Die Nähe zwischen der Österreichischen Schule und der Freiburger Schule auf geldtheoretischem Gebiet ist überdies aufgrund der ähnlichen Ausrichtung in der Weiterentwicklung des kapitaltheoretischen Denkens zu erklären. Wenngleich deren Konjunkturtheorie von Lutz entschieden zurückgewiesen wird (Hagemann 2008), liefern Eucken, Miksch und Lutz eine weitere statische Zinstheorie, die auf den Vorarbeiten von Böhm-Bawerk und Wicksell aufbaut. (s. Miksch 1929; s. für die Einordnung des Beitrags von Eucken Lutz 1954) Die Schlussfolgerung für die institutionelle Ausgestaltung einer Geldverfassung, die eine stabile Geldordnung ermöglicht und den kapitaltheoretischen Erkenntnissen der Freiburger Rechnung trägt, kann in einer automatisch funktionierenden Geldordnung gefunden werden, da hier der Zins die Produktions- und Konsumptionsperiode in Übereinstimmung bringt. Dies ist freilich mit einer Waren-Reserve-Währung sicherlich leicht vorstellbar. Es wundert nicht, dass Hayek bis 1960 dieser Idee ebenfalls verhaftet war.33 Die Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Kapitaltheorie von Hicks – sowie die in der Cambridge-Cambridge Debatte – lagen außerhalb des zeitlichen Horizonts der Freiburger Forschungsgemeinschaft. Damit ist auch erwiesen, dass Freiburger und Österreicher auf dem Gebiet der Kapitaltheorie mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen. Zugleich muss festgestellt werden, dass die Freiburger Geldtheorie bereits kurz nach dem Tod Euckens nicht mehr anschlussfähig war.

Zur institutionenökonomischen Einordnung des geldtheoretischen Denkens der Freiburger Forschungsgemeinschaft sind in der Betrachtung der einzelnen Beiträge gemeinsam geteilte und mehrheitlich befürwortete Ansätze zur Ausgestaltung der Geldverfassung analysiert worden, die in ihrer Stoßrichtung eher der „Chicagoer“ Schule, als der Österreichischen Schule zuzuordnen sind. Zur weiteren dogmenhistorischen Forschung bietet sich die Fragestellung an, inwieweit der Einfluss der angelsächsischen Wirtschaftswissenschaften der 1920er- und 1930er-Jahre im Allgemeinen und der monetäre Institutionalismus von Fisher und Knight im Besondern auf die Freiburger Schule wirkte. Vorerst liegen gute Gründe vor, um wenigstens auf geldtheoretischem Gebiet von einer dogmenhistorischen Verbindung zwischen Chicago und Freiburg sprechen zu dürfen. Gleichzeitig reduziert sich der originäre Freiburger Beitrag auf die geldordnungstheoretische Herangehensweise.

5 Schlussbetrachtung

Das Anliegen und Vermächtnis des geldordnungstheoretischen Denkens der traditionellen Ordnungsökonomik lässt sich anhand der folgenden Eigenschaften zusammenfassen:

Erstens in der Konzeption der „Geldordnungstheorie“: In ihrem Zentrum stehen die Analyse und Erklärung der Funktionseigenschaften alternativer Geldverfassungsregeln und -institutionen. Die einer Geldverfassung zugrunde liegenden Regeln werden in der Geldordnungstheorie zunächst darauf hin untersucht, wie sie sich auf individuelles Verhalten auswirken. Mit diesem Vorgehen ist die Freiburger Schule recht nahe an dem Konzept der „Pattern Predictions“ Hayeks. Auf diese Weise werden die Wirkungen von Verfassungsregeln auf die interdependente Geldordnung untersucht. Daran schließt sich das normative Anliegen der Geldordnungstheorie an: Je nach ordnungstheoretischem Erkenntnisstand wird die geld-„ordnungspolitische“ Frage gestellt, wie die aktuelle Geldordnung durch wirksame Reformen bzw. Geldverfassungsregeländerungen so verbessert werden kann, dass den Geldnutzern ein „besseres“ Geld zur Verfügung gestellt werden kann. Das Anliegen des geldordnungstheoretischen Denkens ist somit nicht nur auf die Analyse der existierenden Geldordnungen beschränkt, sondern versucht zusätzlich, die Charakteristika einer „wünschenswerten“ Geldordnung zu erarbeiten.

Zweitens zielt die Geldordnungstheorie methodisch darauf ab, monetäre Problemstellungen durch die Variation von Geldverfassungsregeln zu lösen. Hierzu zählen neben der Adaption und Selektion von Geldverfassungsregeln die Variation erprobter geldpolitischer Stile oder Bankenregulierungen. Dabei herrscht Neutralität bei der Wahl des Ordnungsprinzips, entlang dessen die Geldverfassung aufgebaut ist: Eine wettbewerbliche Geldverfassung ist dabei ebenso denkbar, wie eine monopolisierte. Ordnungspolitische Handlungsempfehlungen zur Reform der Geldverfassung und zur Änderung der geldpolitischen Stile werden entlang von Klugheitsargumenten geliefert – nicht um ihrer selbst willen. Mit dieser methodischen Ausrichtung ist die Geldordnungstheorie an die moderne Ordnungsökonomik anschlussfähig.

Drittens gilt der Vorrang von regelbasierten vor diskretionären geldpolitischen Stilen, sofern eine monopolistische Geldverfassung angestrebt wird. Diese institutionelle Präferenz liegt in den proto-politökonomischen Analysen begründet, die Eucken, Lutz und Miksch lieferten. Die Geldpolitik ist durch den Einsatz von Regelmechanismen soweit zu „automatisieren“, dass eine politische Einflussnahme unterbunden wird. Die „Automatisierung“ darf jedoch nicht als anti-demokratisch verstanden werden; das Gegenteil ist der Fall: Mit dem Ziel, den Geldwert in Abhängigkeit von aggregierten Einzelplänen der Geldnutzer zu setzen, liefern Eucken und Miksch Geldordnungsvorschläge, die flexibel auf Bürger- bzw. Geldnutzerinteressen reagieren. Wenn es dazu notwendig ist, die Stabilisierung des Geldes dem Einfluss der Volksvertreter zu entziehen, liegt kein demokratisches Legitimationsproblem vor, sofern sich die Bürgergenossenschaft darauf einigen konnte, ein solches Arrangement umsetzen zu wollen. Dogmenhistorisch betrachtet ist es bemerkenswert, dass Walter Eucken – obschon ohne Kenntnis der späteren Nachkriegsliteratur, die Stabilisierung (im Sinne der „Verstetigung“) der Erwartungen der Wirtschaftssubjekte verfolgte. Damit liegt Eucken nicht nur hinsichtlich der institutionellen Ausgestaltung im Mittelpunkt des Denkens der alten Chicago Schule, sondern im Hinblick auf die Erwartungsstabilisierung auch in der Nähe des Denkens Milton Friedmans.

Zur Entstehung des geldordnungstheoretischen Denkens haben insbesondere die österreichischen und angelsächsischen Beiträge zur Weiterentwicklung der kapitaltheoretischen Diskussion Anfang der 1930er-Jahre beigetragen. Euckens Denken ist zudem nicht von den Beiträgen der alten Chicago-Schule zu trennen, da sein Vorschlag ein Hybrid aus dem Chicago-Plan und der Waren-Reserve-Währung darstellt.

Ob nun Hayek oder Lutz, Frank Knight oder gar Henry Simons einen direkten Einfluss auf Eucken hatten, könnte womöglich der Nachlass Walter Euckens klären. Es steht jedenfalls fest, dass Eucken mit ihnen korrespondierte.

Wenn überhaupt von einem erhaltenswerten Vermächtnis im geldtheoretischen Denken die Rede sein soll, ist es wohl die „Geldordnungstheorie“, der bleibende Bedeutung zukommt. In ersten Ansätzen lieferte sie politökonomische Argumentationsmuster zur regelgeleiteten Geldpolitik. In vollem Umfang widmete sie sich dem Geldverfassungsproblem aus einer traditionellen ordnungsökonomischen Perspektive. Die Rückbindungen an den normativen und methodologischen Individualismus sind hier nur indirekt über die Kapitaltheorie auszumachen. Aus der modernen ordnungsökonomischen Perspektive fehlt in der traditionellen „Geldordnungstheorie“ die Beantwortung der Frage nach der Legitimation der Geldverfassung: Der Freiburger Schule fehlte hierzu ein Kriterium, das später in der Verfassungsökonomik geliefert wurde. Doch es spricht nichts dagegen, eine um die Einsichten der Constitutional Economics erweiterte moderne Geldordnungstheorie zu rekonstruieren.

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Footnotes

1

Zur Einordnung und Relevanz seiner Dissertation für die Kapitaltheorie von Eucken siehe Köhler (2015). Zur Einordnung von Euckens Kapitaltheorie in die kapitaltheoretische Diskussion siehe Lutz (1954).

2

Siehe hierzu Euckens (1934, S. 50) Kritik am empiristischen Verfahren in den Kapitaltheoretischen Untersuchungen.

3

Eucken (1939/65, S. 118): „Das Denken in Marktformen ist hier und überhaupt in der Untersuchung von Geldphänomenen nötig“. An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass Eucken die Untersuchung von Geldproblemen als eine Fragestellung der zu wählenden Marktform beurteilt. Zuvor hatte sich Eucken (1923) vehement für die Wiedereinführung einer Goldwährung eingesetzt. Überhaupt, sollte dem Staat „die Macht“ genommen werden, das Geldangebot zu kontrollieren, so Eucken (1923, S. 79 ff.).

4

Als Beispiele nennt er die Schuldscheinfinanzierung des babylonischen Königs im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus und die Handelsschuldscheine der englischen und flandrischen Wollhändler im 14. Jahrhundert.

5

Eucken (1939/65, S. 120): „Statt der Münzprägung und des Verschwindens der Münzen durch Einschmelzen: Kauf und Verkauf von Silber“.

6

Die Liquidität in Zentralbankgeld ist im Sinne der goldgedeckten Währungsreserve zu verstehen, die Geschäftsbanken bei der Zentralbank halten.

7

Der Chicago-Plan war ein Paket, das unter anderem die Anhebung der Mindestreserve auf 100 Prozent vorsah. Die eigentliche Idee kam von Henry Simons, wie Irving Fisher im April 1936 in seiner Veröffentlichung zu „100 % Money and the Public Debt“ explizit hervorhebt. Fisher hat Simons Idee erstmals veröffentlicht. (s. Fisher 1936, S. 2). Fisher hebt hervor, dass die Geschäftsbanken ihrer Hinterlegungsverpflichtung besser nachkommen können, wenn sie anstelle von Zentralbankgeld Staatsanleihen halten dürfen: „This would be sufficient to pay the interest on the Government debt and provide a sinking fund as well“. Es kann nur darüber spekuliert werden, ob Eucken davon Kenntnis hatte. Jedenfalls verhindert die Waren-Reserve-Währung die Monetisierung der Staatsverschuldung, da Staatsanleihen nicht im Warenbündel enthalten sind.

8

Graham (1937) und als Weltwährung als Vorschlag für den noch zu gründenden IWF siehe Graham (1944), sowie Frank Graham (1942). Später wurde der Vorschlag, dem zunächst Friedman (1948) und andere zustimmten, aufgrund der hohen Opportunitätskosten zugunsten von monetaristischen Ideen von der Chicago-Schule verworfen (s. Friedman 1951). McCallum (1989) würdigte den Vorschlag für eine Waren-Reserve-Währung dennoch als einen Ansatz, der im weiteren Sinne die Preisstabilität als geldpolitisches Ziel erreicht.

9

Dabei bezieht er sich auf die Geldentstehung und Geldverringerung durch den Kauf bzw. Verkauf von Waren.

10

Wie Eucken auch in dem konstituierenden Prinzip der offenen Märkte forderte.

11

Da die multiple Geldschöpfung von Friedrich Lutz eingehend diskutiert wird, ist eine Erörterung dieser Form der Geldschöpfung und eine detaillierte Vorstellung des Chicago-Plans bei Lutz (unten im Text) zu finden.

12

Beide promovierten bei Hermann Schumacher und waren sich in der Kritik an der Historischen Schule einig. (Eucken 1944, S. 7–13).

13

Eucken war dem Lautenbachplan gegenüber wesentlich offener eingestellt, als es bei Welter und Miksch zu beobachten ist. Siehe dazu Miksch, Tagebucheintrag vom 19. September 1931: „Man hat wegen des Lautenbachplans die Listgesellschaft zusammengerufen. Eucken war gestern abend [sic.] bei mir. Er meint, man müsse eine solche Sache doch versuchen. Welter ist gegen jedes Experiment. Wir assen [sic] heute zusammen und einigten uns schliesslich auf unbeirrte Fortsetzung des bisherigen Kurses [Welter und Miksch, Anm. des Autors].“

14

Gestrich steht mit dieser Auffassung der modernen Kredittheorie nahe. Damit ist gemeint, dass Gestrich der dynamischen Kapitaltheorie von Keynes nahestand. Siehe hierzu Lutz (1954).

15

Stützel (1952), insbesondere der dort veröffentlichte Brief von Wilhelm Lautenbach an Walter Eucken: Lautenbach schreibt hier: „En passant: Lange bevor ich das veröffentlichte, habe ich meinen Mitarbeitern und meinen Freunden in Gesprächen den Sachverhalt eingehämmert. Gestrich war dabei der erste, der mir folgte. Ich muß dies bei dieser Gelegenheit einmal erwähnen, weil Sie jetzt mit der Herausgabe von Gestrichs Buch auf unsere Linie einzuschwenken beginnen [Anm. EK: Eucken verfasste das Vorwort zu Kredit und Sparen und nahm dazu wieder Kontakt zu Lautenbach auf]: zugleich muß ich betonen, daß Gestrich auch in seinen letzten Arbeiten, also in seinem Kieler Aufsatz und dem nachgelassenen Buch noch nicht bis zur letzten Klarheit durchgestoßen ist.“ Lautenbach (1944/52: 189). So kann Gestrich zu den deutschen Keynesianern hinzugerechnet werden – aber auch gleichzeitig zu den Freiburgern, da Gestrich versucht, das Unterkonsumptionsproblem durch den Ausgleich von Kredit und Sparen auf eine zugängliche Weise überhaupt nicht entstehen zu lassen. Eucken würdigte Gestrichs Geldordnungsvorschlag, lehnte diesen indes aus politökonomischen Gründen ab, wie später gezeigt wird.

16

„[...] wenn man die Verkehrswirtschaft, mit individueller Freiheit des Verbrauchs, des Sparens und der Investition aufrechterhalten und nicht vorwiegend Elemente zentral geleiteter Wirtschaft verwenden will [...]“ (Gestrich 1944/57, S. 107).

17

Auch Gestrich sah den „notwendigen Zusammenhang“ zwischen Kredit und Sparen im modernen Bankensystem nicht als eine „automatische Reaktion“ gegeben. (vgl. Gestrich 1944/57, S. 54 ff.).

18

Banken leihen sich durch den Verkauf von Wechseln zum Diskontsatz kurzfristig Geld von der Zentralbank. Niedrige Diskontsätze steigern die Kreditnachfrage und erhöhen die Geldmenge, hohe verringern sie. Siehe hierzu auch Issing (2003).

19

Siehe hierzu auch Issing (2003).

20

Dieser Bedarfsfall zur Unterstützung der Diskontpolitik liegt für ihn dann vor, wenn keine Senkung des Zinses mehr möglich ist und private Investitionen ausbleiben. (s. auch Gestrich 1944/57, S. 121).

21

Die Konjunkturpolitik und die Geldpolitiken sah er in der verkehrswirtschaftlichen Ordnung als „identisch“ an. Eucken merkte dazu in den „Grundsätzen“ an, dass Gestrichs Plan nicht mit dem von Keynes verglichen werde solle, da Gestrichs Ausarbeitung auf die Stabilität des Preissystems ausgerichtet sei. (s. hierzu auch Eucken 1952/90, S. 259).

22

Lutz war frühzeitig nach seiner Habilitation bei Walter Eucken (1932) aus dem akademischen Betrieb von Freiburg nach London gewechselt. Während seiner Privatdozententätigkeit (1932–1938) ging er als Rockefeller Stipendiat (1934–1935) nach England, wo er seine spätere Frau, Vera Constance Smith (1912–1975), kennenlernte. Eine spätere Studienreise führte das Ehepaar (Hochzeit 31.03.1937) in die Vereinigten Staaten (1937–1938), wo er ab August 1938 an der Princeton Universität (New Jersy, USA) zunächst als „Instructor“, später als „Assistant“ und ab dem 01.07.1947 als „Full Professor“ tätig war. Im Jahr 1937 war er an der Universität von Chicago zu Gast. Von dort berichtete er Eucken über die Gruppe um Frank Knight und Henry Simons. Dort wurde er ebenso mit dem 100 %-Geld vertraut, wie mit dem positiven Programm für eine marktwirtschaftliche Ordnung. Die Korrespondenz liefert einen Einblick in die Verbreitung der Ideen, die über die überraschend gleichzeitige Entstehung der Freiburger und Chicago Schule Zeugnis ablegen (siehe hierzu auch Köhler und Kolev 2013).

23

Die erste Forderung an eine „gute Geldverfassung“ besteht für Lutz darin, dass der Staat die gesamte Geldmenge in der Volkswirtschaft kontrollieren muss.

24

Die zweite Forderung an eine „gute Geldverfassung“ besteht für Lutz darin, dass der Staat die „Sicherheit“ des emittierten Geldes gewährleisten soll.

25

Mit diesem Hinweis greift Miksch die Diskussion der Currency- und Banking-Anhänger erneut auf, mit der Anmerkung, dass die Currency-Schule theoretisch das metrische Monopol vertrat, aber praktisch nicht verfolgte, da sie in Unkenntnis der Geschäftsbankengeldschöpfung annahm, dass die Zentralbankgeldmenge die einzige im Umlauf befindliche Geldart sei.

26

Miksch greift die drei Geldsysteme von Eucken wieder auf und reduziert sie auf zwei „reine“ Geldsysteme. Zum einen in das erste, in dem Geld durch die Verwendung von Gold als Tausch- und Recheneinheit gebraucht wird und die Verbindung von Ware und Geld durch die Golddeckung besteht, und zum anderen in das zweite und dritte Geldsystem, in denen Geld durch Schuldverhältnisse entsteht und nicht notwendigerweise durch einen „Sachwert“ gedeckt wird. Dazu zählt Miksch Noten, Schecks, Lagerscheine, Wechsel und Guthaben, die von „Bankorganisationen“, „Gläubigern“ und „Schuldnern“ in den Geldkreislauf gebracht werden. Somit zählt Miksch das zweite und dritte Eucken’sche Geldsystem zu seinem eigenen zweiten Geldsystem.

27

Mit „fiduciary issue“ meint Miksch die ungedeckte Notenausgabe der Zentralbank.

28

Die Funktionsweise von Free-Banking Systemen ist durch die Einlöseverpflichtung des wettbewerblich geschaffenen Geldes in Gold charakterisiert. (s. Terres 1999, S. 13) Diese Grundannahme in Verbindung mit einer wettbewerblichen Geldentstehung ohne staatlichen Eingriff teilt Mikschs Geldordnungskonzeption mit dem Free-Banking-Ansatz.

29

Der Tagebucheintrag wird auch in Köhler (2015, S. 76) zitiert.

30

Director über sein Verhältnis zu Simons: „I never took a course from him, but I was greatly influenced by him.“ (Kitch 1983, S. 179).

31

Zur Entstehung der Public Choice Theorie, die im Jahr 1948 bei Frank Knight in Chicago mit dessen erstem Projekt nach der Dissertation ihren Anfang findet, siehe Buchanan (1999, S. 17): „One of my first papers, which I called ‚The Pure Theory of Public Finance‘ was nothing more than a plea to my fellow economists to be more explicit about their political presuppositions.“ Ein weiterer Schüler von Frank Knight, Milton Friedman, adressiert dieses Problem im direkten Rekurs auf Henry Simons in einem häufig zitierten Aufsatz. Siehe dazu: Friedman (1968). Hier ist es unerheblich, dass Friedman mit dem Konzept der Geldmengenregel eine andere Vorstellung zur institutionellen Ausgestaltung der Geldordnung verfolgte. Zentral ist, dass er der Argumentation Simons’ für eine regelgeleitete Geldpolitik nicht widersprach und die Entdeckung des Problems der interessensgeleiteten Geldpolitik innerhalb der frühen Chicago-Schule verortet.

32

Der dort zitierte „Karl Menger“ muss natürlich „Carl Menger“ heißen. Siehe: Stichwort „Geld“ in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften 3. Auflage, 1909 Bd. IV.

33

Später wird Hayek von Friedmans Kritik überzeugt und wird bis zur Wiederentdeckung des Währungswettbewerbs eine monetaristische Geldpolitik vertreten. (s. hierzu Köhler und Vanberg 2015).

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  • Sinn, Hans-Werner (2009), Brandschutz im Dschungel. In: ifo Standpunkt, Nr. 104.

  • Streit, Manfred (1996), Ordnungsökonomik. In: Gabler-Volkswirtschafts-Lexikon, Wiesbaden: Gabler, S. 814–843.

  • Stützel, Wolfgang (Hg.) (1952), Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. Tübingen: Mohr Siebeck.

  • Terres, Paul (1999), Die Logik einer wettbewerblichen Geldordnung. Tübingen: Mohr Siebeck.

  • Vanberg, Viktor (1988), „Ordnungstheorie“ as Constitutional Economics. The German Conception of a „Social Market Economy“. In: ORDO, Bd. 39, S. 17–31.

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