Eine „relativ primitive Sache“?

and Holger Löttel

Zusammenfassung

Welche Prinzipien und Leitmotive Ludwig Erhard und Konrad Adenauer verbanden und an welchen Stellen sich Divergenzen ergaben, wird in diesem Beitrag näher beleuchtet. Als Basis dient die „Rhöndorfer Ausgabe“ der Edition „Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft“, in der zahlreiche Quellen aus den Apparaten der Bundesregierung erstmals publiziert werden. Eine Besonderheit der Quellen – Briefe, Memoranden, Gesprächsprotokolle – besteht darin, dass sie keinen vorrangig ideengeschichtlichen Zugang zur Sozialen Marktwirtschaft bieten, sondern vielmehr die politische Praxis darlegen. Diese Perspektive wird anhand zahlreicher Beispiele wie der Kartell- und Mittelstandspolitik, der Rentenreform von 1956/57 sowie der Diskussion um Methoden und Ziele der Konjunkturpolitik verdeutlicht.

1 Einleitung

Ludwig Erhard war sichtlich in Fahrt geraten. Soeben hatte er eine mitreißende Rede im Zonenausschuss der CDU der britischen Zone in Königswinter gehalten, dabei seine Erfolgsbilanz als Frankfurter Wirtschaftsdirektor präsentiert, die prinzipiellen Motive seines Handelns erläutert und für sein wirtschaftspolitisches Programm geworben. Zum Ende des Vortrags am 25. Februar 1949 beschwor Erhard nun die „geistig[e] Haltung“, die ihn mit der versammelten CDU-Zuhörerschaft verband. Eine Einigung auf gemeinsame Grundsätze müsste doch möglich sein bei so einer „relativ primitiven Sache, wie es die Wirtschaft immer ist – denn die Wirtschaft ist nur Mittel zum Zweck zur Erreichung eines höheren Zieles, das im Ethischen liegt“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 173).

Für seinen Auftritt erntete Erhard überwiegend Lob, ja begeisterte Zustimmung. Der Ausschussvorsitzende Konrad Adenauer fasst die Mehrheitsmeinung dahingehend zusammen, „daß die Prinzipien, die Herr Erhard uns dargelegt hat, gute Prinzipien sind“. Gefallen hatte Adenauer offenbar auch die Einschätzung der Wirtschaft als „verhältnismäßig primitive[s] Ding“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 174), weil sie geeignet war, die Aussprache über den Vortrag politisch zu steuern. Sie passte freilich auch gut zu seiner Maxime, „in die Tiefe“ betrachtet seien die Dinge „immer einfach“ (Gaus 2001, S. 395). Erhard hingegen ist nicht bekannt dafür, dass er seine Politik als unterkomplex im Sinne von „einfach“ oder gar „primitiv“ betrachtete. Er hatte dieses Adjektiv auch keineswegs verwendet, um ihre Bedeutung zu banalisieren, sondern um deutlich zu machen, wie er sie funktional einem höheren Ziel, einem ethischen Primat, zuordnete.

Von Adenauer, der unbestreitbar einen pragmatischen Zugang zur Politik im Allgemeinen und zur Wirtschaftspolitik im Besonderen besaß, sind gleichfalls Zeugnisse überliefert, welche die prinzipielle Dimension seines Blicks auf Wirtschaft und Gesellschaft illustrieren. Beide, Adenauer und Erhard, erfassten Sinn und Zweck der Sozialen Markwirtschaft nicht nur in materiellen Kategorien, also in der Erzeugung des sprichwörtlichen „Wohlstand[s] für alle“ (Erhard 1957). Tatsächlich deutete Erhard den Titel seines berühmten Buches ausdrücklich nicht in einem materialistischen Sinne, wie er Adenauer anlässlich der Übergabe eines Autorenexemplars am 2. Februar 1957 mitteilte (vgl. Geppert und Schwarz 2019, S. 756 f.). Die Wirtschaftspolitik, die er programmatisch-konzeptionell vertrat, sollte sich nicht in der Gewährleistung einer „satte[n] Lebensführung“ erschöpfen, sondern die Grundlage bilden für eine geistig-sittliche Entfaltung „im höheren Sinne“ (Schreiben an Adenauer vom 22.12.1954, in Geppert und Schwarz 2019, S. 487 f.). Aus dieser Sicht speiste sich eine integrierende Ethik des ökonomischen Denkens bei Adenauer und Erhard, die dazu beitrug, ihr politisch-persönliches Bündnis über manche Höhen und Tiefen hinweg zu tragen. Gleichwohl offenbaren sich auch gravierende Meinungsverschiedenheiten, selbst fundamentale Missverständnisse, die anlässlich sachpolitischer Auseinandersetzungen wiederholt greifbar wurden.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie genau Kanzler und Wirtschaftsminister die Prinzipien und Leitmotive der Wirtschaftspolitik ausdifferenzierten, wo ihre diesbezüglichen Schnittmengen, aber auch ihre Divergenzen lagen. Als Basis hierfür dient die in der „Rhöndorfer Ausgabe“ der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus erschienene Edition „Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft“, die den auf wirtschafts- und ordnungspolitische Fragen bezogenen Dialog Adenauers und Erhards dokumentiert (Geppert und Schwarz 2019).1 Eine Besonderheit der Quellen – Briefe, Memoranden, Gesprächsprotokolle – besteht darin, dass sie größtenteils den Apparaten der Bundesregierung entstammen und somit keinen vorrangig ideengeschichtlichen Zugang zur Sozialen Marktwirtschaft bieten. Vielmehr sind sie gefüllt mit Informationen zur Entwicklung des Außenhandels, der Binnenkonjunktur oder der Steigerung von Löhnen und Preisen (detailliert bis hin zu den Brötchenpreisen). In der Gesamtschau zeigen die Dokumente jedoch eindrücklich, wie das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft – oft mühsam und konfliktreich – ausgehandelt wurde. Insofern nähert sich auch dieser Beitrag seiner eher abstrakten Fragestellung aus der Perspektive der politischen Praxis. Nach einer einleitenden Annäherung an die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen Adenauers und Erhards wird anhand ausgewählter Beispiele – der Kartell- und Mittelstandspolitik, der Rentenreform von 1956/57 sowie der Diskussion um Methoden und Ziele der Konjunkturpolitik – gefragt, mit welchen prinzipiellen Erwägungen sie diese Politikfelder betrachteten bzw. welche übergeordneten materiellen wie „immateriellen“ Ziele sie hierbei verfolgten.

Damit wird nicht nur das komplexe Verhältnis zwischen den „ungleichen Gründerväter[n]“ der Bundesrepublik (Metz 1998) einer neuen Betrachtung unterzogen. Auch im Lichte aktueller wirtschafts- und ordnungspolitischer Debatten erscheint der Blick zurück auf die Implementierung der Sozialen Marktwirtschaft als lohnendes Unterfangen.

2 Konrad Adenauer und Ludwig Erhard: biografische Perspektiven

Der Kitt des schwierigen Verhältnisses zwischen Kanzler und Wirtschaftsminister war ihre Übereinstimmung in den „fundamentalen Fragen“ (Westrick 1976, S. 170). Erhard selbst nannte hierzu rückblickend folgende Schlagwörter: Ablehnung des Sozialismus, Befürwortung einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, dabei vor allem die Achtung der „Würde des Menschen“, die Gewährleistung seiner „freien Entfaltungsmöglichkeiten“ und die Garantie der „bürgerliche[n] Grundfreiheit“ – das waren die Prinzipien der „soziale[n] Marktwirtschaft schlechthin“, denen „Konrad Adenauer und ich mich gleichermaßen verpflichtet fühlten“ (Erhard 1976, S. 1055).

Das Bekenntnis hierzu entsprang den Prägekräften ihrer – durchaus unterschiedlich gelagerten – Biografien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Adenauer, 1876 in das Milieu des Kölner Kleinbürgertums hineingeboren, hatte die Erfahrung sozialen Aufstiegs durch Fleiß, Disziplin und Eigenleistung verinnerlicht (vgl. Schwarz 1986, S. 51–174; Köhler 1994, S. 23–85). Selbständigkeit und Selbstverantwortung begriff er als naturgemäße Bestandteile bürgerlicher Lebensführung; zeitlebens war er es gewohnt, „in privatwirtschaftlichen Kategorien zu denken“, weshalb „Unternehmerinitiative und Besitz [...] für ihn zu den Grundpfeilern der sittlichen Weltordnung“ zählten (Schwarz 1980, S. 437). Das ethische Fundament von Adenauers wirtschafts- und gesellschaftspolitischem Denken beruhte sodann maßgeblich auf seiner Religiosität (vgl. Schulz 1992, S. 155; von Hehl 1999). Die wesentlichen Grundsätze der katholischen Soziallehre – Personalität, Solidarität und Subsidiarität – haben schon seine Amtszeit als Kölner Oberbürgermeister geprägt, obwohl er sich mit den theologischen Fragen wohl erst nach 1933 systematisch befasste.

Im Prinzip der Personalität manifestiert sich die politische und wirtschaftliche Freiheit der Einzelperson, die wiederum verbunden ist mit der Idee der Solidarität, also der „Gemeinwohlorientierung des Wirtschaftens bei grundlegender Akzeptanz der Marktwirtschaft“ (Schulz 2001, S. 23). Möglicherweise wurde Adenauer an dieser Stelle auch von dem befreundeten Sozialwissenschaftler Benedikt Schmittmann beeinflusst, der die Aufgabe der Wirtschaft gleichermaßen in der Erzeugung eines materiellen „Gesamtwohlstandes“ wie auch einer „nicht rein materiell umgrenzten Gesamtwohlfahrt“ erblickte (Schmittmann 1932, S. 89, Hervorhebungen im Original). Einen zumal aus der Sicht des Kölner Oberbürgermeisters schlüssigen Politikansatz enthielt schließlich der Gedanke der Subsidiarität, der in erster Linie die kommunale Selbstverwaltung vor staatlicher Zentralisierung schützte, aber auch einen „Ausgangspunkt für dahingehende Überlegungen“ bot, „daß der Staat in der Gestaltung der Wirtschaft nicht primäre, sondern lediglich sekundäre oder besser subsidiäre Aufgaben wahrzunehmen hat“ (Henning 1992, S. 12). Im Lichte seiner kommunalwirtschaftlichen Erfahrungen und des städtischen Krisenmanagements während der Weimarer Republik (vgl. Frielingsdorf 2002) hatte sich bei Adenauer zwar eine Neigung zum Dirigismus herausgebildet, die er auch später als Bundeskanzler beibehielt. Ein rigoroser Ordnungspolitiker ist er nicht mehr geworden. Die Grundsätze einer freiheitlich-liberalen, sozial verpflichteten und ethisch fundierten Wirtschaftsordnung entsprachen aber so sehr seinen Überzeugungen, dass er das Angebot, das Erhard der CDU 1948/49 unterbreitete, massiv protegierte.

Noch weniger als bei Adenauer war der Aufstieg in politische Spitzenämter im Lebensweg Ludwig Erhards angelegt gewesen (vgl. biografisch immer noch am ausführlichsten, wenn auch überzogen kritisch Hentschel 1996; knapper und sympathisierender in der Wertung Mierzejewski 2005). Ursprünglich hatte der 1897 geborene Fürther den väterlichen Wäsche- und Ausstattungsbetrieb übernehmen sollen und daher eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in Nürnberg absolviert. Als der Erste Weltkrieg, in dem Erhard schwer verwundet wurde, diese Pläne zunichtemachte, nahm er ein Studium an der noch jungen Handelshochschule Nürnberg auf. Obwohl eigentlich kaum für eine akademische Laufbahn disponiert, empfand er die Fragestellungen der angewandten Wirtschaftswissenschaft, die ihm der Ökonom Wilhelm Rieger dort nahebrachte, als praxisnah und im höchsten Maße relevant. Rieger, Erhards – etwas vergessener – erster „Mentor“ vor Franz Oppenheimer und Wilhelm Vershofen, lehrte nach den Prämissen der historischen Schule der Nationalökonomie, die sich als dezidiert ethische Ökonomie begriff.

Horst Friedrich Wünsche hat auf diese frühen Prägungen verwiesen, um seine These von der geistigen Eigenständigkeit Erhards zu untermauern und die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft aus ihrer etablierten ideengeschichtlichen Verflechtung mit der ordoliberalen Denkschule zu lösen (Wünsche 2015; Wünsche 2016). Auch wenn diese revisionistische Deutung mehrheitlich kritisch aufgenommen worden ist (Dörr 2015; Schwarz 2016), erscheint die Formierung von Erhards Vorstellungen bis 1945 – gerade mit Blick auf die ethische Dimension seines wirtschaftspolitischen Denkens – von großem Interesse. Zweifellos nämlich war Erhards Wirtschaftsgesinnung als Bestandteil einer „umfassende[n] Sozialethik“ angelegt und berücksichtigte auch „nichtmaterielle Aspekte des Lebens“, vor allem bezogen auf die „gesellschaftlichen Auswirkungen ökonomischen Verhaltens“ jenseits individueller Profitmaximierung (Hennecke 2015, S. 34). Dass die Wirtschaftsordnung im Kern eine freiheitliche zu sein hatte, widersprach dem keineswegs – übrigens ebenso wenig wie das ordoliberale Denken im Widerspruch zu einer ethischen Fundamentierung der Wirtschaftspolitik steht (vgl. zu dem Beziehungsgefüge zwischen Erhard und den Ordoliberalen Commun 2015). Freiheit und Verantwortung bildeten in dieser Konzeption kein Gegensatzpaar, sondern bedingten einander.

3 Freiheit und Verantwortung in der Sozialen Markwirtschaft

Erhard verstand politische und ökonomische Freiheit als ein unteilbares Ganzes: „Freiheit ohne wirtschaftliche Freiheit“ war für ihn „nicht denkbar“ (Scholtyseck 2012, S. 27). Die primäre Freiheitssicherung erfolgte für den langjährigen Konsum- und Marktforscher über das „Medium der freien Preisbildung“, wie er es vor dem Zonenausschuss in Königswinter am 25. Februar 1949 ausdrückte (Geppert und Schwarz 2019, S. 154). In logischer Konsequenz dieser Auffassung geißelte er die Ausübung staatlicher Preiskontrolle als Charakteristikum planwirtschaftlicher Unfreiheit, verkörpert in dem berüchtigten „Preisbeauftragten“ oder „Preiskommissar“, den die Gewerkschaften anlässlich ihres Generalstreiks im November 1948 gefordert hatten. Vor dem Zonenausschuss in Königswinter bediente er sich einer klaren Sprache, um die diesbezügliche Trennlinie deutlich zu ziehen: „Die Folge des Zwangs ist der Preiskommissar, vom Preiskommissar geht es zur Diktatur und Tyrannei und zur Aufhebung jeder Freizügigkeit in der Wirtschaft überhaupt“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 155).

Später, in den Mühen des Bonner Alltags, fand Erhard nichts dabei, eine Preisprüfungskompetenz für den Wirtschaftsminister zu fordern oder gar über die Wiedereinführung des Preistreiberei-Paragrafen im Wirtschaftsstrafrecht nachzudenken, um bei Preisgesprächen mit Verbänden und der Industrie „diesen Dolch aus der Tasche herausragen zu lassen“ (Neue Rheinzeitung vom 04.09.1955, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 522, Anm. 15). Wie hier schon deutlich wird, verfolgte er damit aber eher psychologische und verhandlungstaktische Ziele. Tatsächlich hielt er an seinen preispolitischen Prinzipien auch unter dem Druck starken Preisauftriebs, etwa nach der Währungsreform oder während des Korea-Booms, eisern fest. Die Rückkehr zu administrierten Konsumgüterpreisen, so beschied er Adenauer am 2. August 1950, wäre ein „grenzenloses Unglück und die Preisgabe unserer seitherigen Wirtschaftspolitik zu Gunsten einer neuen Form staatlicher Zwangswirtschaft.“ Die Freiheit des Wirtschaftens, das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage und dessen Niederschlag im Preis – all das galt ihm als unverhandelbar: „In dieser Frage darf es überhaupt kein Paktieren geben“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 247).

Gleichwohl sollte die Wirtschaftsfreiheit in der Sozialen Markwirtschaft keineswegs ins Zügellose wachsen. Sie wurde vielmehr beschränkt durch eine genuin politische Verantwortung, die sich an den Erfordernissen des Gemeinwohls zu orientieren hatte. Am 28. August 1948, als Erhard auf dem Parteitag der CDU der britischen Zone in Recklinghausen auftrat, distanzierte er sich überdeutlich von der „freie[n] Marktwirtschaft des liberalistischen Freibeutertums“, das er „einer vergangenen Ära“ zuordnete. Die „Marktwirtschaft moderner Prägung“, wie er sie vertrat, war hingegen die „sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen läßt, die den Wert der Persönlichkeit obenan stellt und der Leistung den verdienten Ertrag zugute kommen läßt“ (Hohmann 1988, S. 135). In der Sitzung des CDU-Zonenausschusses fünf Monate später, am 25. Februar 1949, hielt Johannes Albers, prominenter Vertreter der christlichen Arbeitnehmerschaft, ihm kritisch vor, er habe „mehr oder weniger das Prinzip einer liberalen Wirtschaft“ dargelegt (Geppert und Schwarz 2019, S. 178). Sicherlich im Überschwang der Diskussion, aber eben auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, konterte Erhard: „Und wenn Sie mich fragen, wie ich zum Liberalismus stehe, den Sie mir vielleicht unterschieben, ich lehne ihn ab! [...] Ich vertrete nicht die Interessen der Unternehmerschaft. Ich habe keine Talente als Kapitalist, oder als Kapitalist vertreten zu sein, denn ich besitze kein Haus, kein Grundstück, keine Wertpapiere, überhaupt kein bewegliches Vermögen. Ich bin so unkapitalistisch wie nur möglich“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 186 f.).

Auf den ersten Blick erscheinen die marktwirtschaftlichen Grundsätze Erhards schlecht vereinbar mit den gemeinwirtschaftlichen Ordnungsvorstellungen, wie sie die CDU der britischen Zone am 3. Februar 1947 in Ahlen verabschiedet hatte. Das Bekenntnis zu einer freiheitlichen und sozial verpflichteten Wirtschaftsordnung ließ sich aber programmatisch kombinieren mit den Ahlener Leitprinzipien, die das „Ziel aller Wirtschaft“ in der „Bedarfsdeckung des Volkes“ erkannten und die „Anerkennung der Persönlichkeit“ zum „Ausgangspunkt aller Wirtschaft“ erklärten (Ahlener Programm 1947, S. 15). Im Zonenausschuss ist eine weitere kritische Auseinandersetzung mit Erhards Thesen vor allem deshalb unterblieben, weil Adenauer sie als Tagungsleiter rigoros unterband. Damals wie später hegte er wenig Sympathien für ausufernde theoretische Programmdebatten; vielmehr wollte er die CDU auf eine politische Haltung im anstehenden Bundestagswahlkampf einschwören und einen griffigen Slogan verabschieden, der zugespitzt wurde auf den Gegensatz: „Planwirtschaft oder Marktwirtschaft“. In der Sitzung sorgte es für Heiterkeit, dass Johannes Albers sich genötigt sah, hier eigens noch das Attribut „soziale“ einzuwerfen, was Adenauer ummünzte in die Formel „bürokratische Planwirtschaft vs. soziale Marktwirtschaft“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 179 f.; vgl. dazu auch Hockerts 2016, S. 188).

Adenauer war im Zugriff auf die Probleme der Wirtschaft von einem allgemeinpolitischen Pragmatismus geleitet und beispielsweise nicht bereit, den Grundsatz der freien Preisbildung denselben prinzipiellen Rang einzuräumen wie Erhard dies tat. Als er während der konjunkturellen Überhitzungskrise 1951 die „Preise davonlaufen und den Arbeitsmarkt beunruhigen“ sah, dachte er laut darüber nach, „wieder Preisbindungen vorzunehmen“ und warf „ernstlich“ die Frage auf, „ob und inwieweit wir von der Freiheit der Wirtschaft“ würden „abgehen müssen“ (Schreiben an Hermann Josef Abs vom 04.03.1951, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 246, Anm. 6). Von der Zwangslage, in dieser Richtung eine Entscheidung fällen und sich damit offen gegen den Wirtschaftsminister stellen zu müssen, blieb er zwar verschont, weil die Krise bald überwunden wurde und in ein verstetigtes Wachstum überging. Seine Eventualfallspekulationen während des Korea-Booms werfen aber ein bezeichnendes Schlaglicht auf den Umstand, dass sich Adenauer an keine wirtschaftspolitische Lehrmeinung gebunden fühlte, wenn er eine pauschale Destabilisierung der Verhältnisse befürchtete. Das Verhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung in der Sozialen Marktwirtschaft definierte er nicht primär ordnungspolitisch. An keinem Fallbeispiel wird das so deutlich wie bei der Kohlenkrise der späten 1950er-Jahre, in der Adenauer einen sozialen Paternalismus demonstrierte und ihm praktisch alle Maßnahmen recht waren, um der Ruhrindustrie über ihre Absatzschwäche hinwegzuhelfen, während Erhard einige Mühe damit hatte, die Subventionen und Beihilfen so zu steuern, dass die Liberalisierungserfolge auf dem Energiemarkt nicht konterkariert wurden (vgl. hierzu Geppert und Schwarz 2019, S. 70–80). Letztlich entsprach diese Haltung Adenauers freilich dem schon 1946 in seiner programmatischen Rede an der Kölner Universität geäußerten Credo: „Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Wirtschaft. Unsere grundsätzliche Auffassung verbietet es uns, als Sinn der Wirtschaft nur das ungehemmte Gewinnstreben des Einzelnen zu sehen. Die Wirtschaft hat sich dem Gemeinwohl unterzuordnen.“ (Schwarz 1975, S. 88).

Diese Äußerungen beschreiben, obwohl sie sicherlich dem kapitalismuskritischen Zeitgeist der unmittelbaren Nachkriegsjahre geschuldet waren, die authentische ethische Substanz von Adenauers ökonomischem Denken. Sie behielten auch ihre Gültigkeit, als die CDU mit Schützenhilfe Erhards das Ahlener Programm zugunsten der marktliberalen Düsseldorfer Leitsätze vom 15. Juli 1949 korrigierte (vgl. Düsseldorfer Leitsätze 1949). So konnten Adenauer und Erhard ein politisches Bündnis im Zeichen der Sozialen Marktwirtschaft abschließen, und genau vor diesem Hintergrund ist auch ihre eingangs zitierte Einigkeit über die „relative Primitivität“ der Wirtschaft zu verstehen, die „nur Mittel zum Zweck zur Erreichung eines höheren Zieles“ sei, „das im Ethischen liegt“. Wie genau diese elementare Zielsetzung durchzusetzen war und welche Mittel hierbei zum Einsatz kommen durften, darüber haben Kanzler und Wirtschaftsminister aber in den folgenden Jahren nicht selten gestritten.

4 Die Behütung des Wettbewerbs

Eine vorrangige ordnungspolitische Verantwortung des Gesetzgebers in der Sozialen Marktwirtschaft liegt gleichermaßen im Schutz wie in der Begrenzung der ökonomischen Freiheit, also in der Behütung des Wettbewerbs. Geregelt werden sollte diese Aufgabe im „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“, das Erhard als „‚Grundgesetz‘ der deutschen Wirtschaft“ titulierte (Schreiben an Adenauer vom 01.06.1954, in Geppert und Schwarz 2019, S. 460). Dem Gesetz lag die Beobachtung zugrunde, dass eine ungezügelte Marktfreiheit die Freiheit des Wettbewerbs durch Konzentrationen ersticken konnte: „Die Unternehmer dürfen ihre Freiheit nicht dazu nützen, die Freiheit selbst zu unterdrücken“, so brachte Erhard es einmal prägnant auf den Punkt (Rede vor der IHK Stuttgart am 28.06.1954, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 461, Anm. 5).

Die Entstehung des Kartellgesetzes gestaltete sich jedoch als langwieriger, quälender Prozess, bei dem gegenläufige Interessen miteinander kollidierten (vgl. zum Verfahren ausführlich Robert 1975; Murach-Brand 2004; im Überblick Hardarch 2016, S. 215–226). Schärfster Antagonist Erhards war, wenig überraschend, der Bundesverband der Deutschen Industrie, der sich gegen eine Restriktion von Unternehmenszusammenschlüssen wehrte und allenfalls eine Gesetzgebung gegen den Missbrauch von Kartellen (Missbrauchsprinzip), keineswegs aber ein pauschales Kartellverbot (Verbotsprinzip), akzeptieren wollte. Auf diese Haltung zielte Erhard, als er sich über die „egoistisch-protektionistische[n] Kreise“ beschwerte, die die Konzeption der sozialen Marktwirtschaft immer noch nicht verstanden haben oder verstehen wollen“ (Schreiben an Adenauer vom 07.12.1953, in Geppert und Schwarz 2019, S. 429). Dass Adenauer nun ausgerechnet zum BDI-Präsidenten Fritz Berg ein besonders enges Verhältnis pflegte und ihn regelmäßig zu Terminen im Palais Schaumburg empfing, war für den Wirtschaftsminister ein großes Ärgernis. Er empfand es sogar als persönlichen Affront, da er sich selbst von Amtswegen als obersten Berater des Bundeskanzlers in Wirtschaftsfragen verstand, während Berg in seinen Augen nur als interessengeleiteter Verbandsfunktionär auftrat. Verabschiedet wurde 1957 schließlich ein durch vielfältige Ausnahmeregelungen durchlöchertes Verbotsgesetz, das den ursprünglichen Vorstellungen Erhards nicht mehr entsprach.

Adenauers Haltung zur Kartellproblematik tritt in den Editionsdokumenten nicht allzu deutlich hervor. Fest steht, dass er den politisch unangenehmen Konflikt mit der Industrie entschärfen wollte und zunächst auf Zeit spielte. In der abschließenden Phase der Gesetzgebung drängte er jedoch, um das Verfahren endlich zu Ende zu bringen, auf rasche Behandlung. Später nahm er das Kartellgesetz auch öffentlich in Schutz. Vor dem Verband der Eisen, Blech und Metall verarbeitenden Industrie, der ebenfalls von Fritz Berg geleitet wurde, hielt der Kanzler am 22. April 1958 ein Plädoyer für die Wettbewerbsfreiheit, das den Prinzipien Erhards weitgehend entsprach. Dabei argumentierte Adenauer freilich weniger legalistisch, da er, wie er süffisant vermerkte, „vom Kartellrecht zu wenig“ verstand, sondern verwies auf seine Kenntnisse der „menschlichen Psyche. Wenn der Wettbewerb durch Kartellabreden zu sehr eingeschränkt wird, dann erlahmt der einzelne Mensch, dann schläft er ein, und einschlafen dürfen wir unter gar keinen Umständen. Soviel Lorbeeren, daß wir uns darauf ausruhen könnten, haben wir leider Gottes nicht, wie überhaupt das Ausruhen nicht gerade lebensverlängernd wirkt“ (Geppert und Schwarz 2019, S. 836). Während er vor der Industrie den Erhalt der volkswirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit anmahnte, begründete er seine Kartellkritik wenige Monate später vor dem Mittelstandstag der rheinischen CDU in abstrakteren Kategorien: „Die Konzentration in unserer Wirtschaft ist nach meiner Meinung an der äußersten Grenze dessen angelangt, was für unseren Staat und für unsere Ansichten von der Entwicklung der Persönlichkeit tragbar ist“ (Rede vom 23.06.1958, in Geppert und Schwarz 2019, S. 865).

Adenauer hegte, und das sollte bei seiner Sicht auf die Frage der Wirtschaftskonzentration stets mitbedacht werden, die gesellschaftspolitische Idealvorstellung von einer breiten Streuung der Vermögen, die zur sozialen Befriedung beisteuern und – übertragen auf die staatspolitischen Verhältnisse – den „sicherste[n] Schutz der Demokratie und der Freiheit“ bilden sollte. Weder Armut noch Reichtum erschienen ihm als „Grundlage für ein gutes christliches Leben“, sondern der „mäßige Besitz möglichst vieler“, woraus sich logisch ergab, dass er den übermäßigen Besitz in den Händen weniger ablehnte (Nachweis aller Zitate bei: Löttel 2017, S. 105). Die Verteilung der Vermögen ließ sich in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung aber nicht einfach politisch steuern, wie Adenauer im Laufe der Jahre feststellen musste, als sich die Maxime des „mäßigen Besitzes“ zusehends als gesellschaftspolitische Utopie entpuppte. In einem Schreiben an Finanzminister Franz Etzel vom 30. Dezember 1959, in dem er seine „außerordentlich groß[e] Sorge“ über die gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit zum Ausdruck brachte, nannte er auch die „starke Konzentration von wirtschaftlicher Macht sowie die Anhäufung von Reichtum, sei es in der Hand von Einzelpersonen oder von wirtschaftlichen Gesellschaften“ (Morsey und Schwarz 2004, S. 44).

5 Das Lob des Mittelstands

Als Garant für den Schutz vor solchen Machtzusammenballungen galt ein starker Mittelstand, der zudem die Kardinaltugenden einer freiheitlichen Gesellschaft geradezu versinnbildlichte: „Selbstverantwortlichkeit für das eigene Schicksal, die Selbständigkeit der Existenz“ sowie „Mut, aus eigener Leistung zu bestehen“ (Erhard 1957, S. 148, Hervorhebungen im Original). Erst durch das mittelständische Element wird die „Wirtschaftsordnung“ der Sozialen Marktwirtschaft zur „Freiheitsordnung“ veredelt (Symanski 1999, S. 79).

Insbesondere Adenauer, obwohl in der praktischen Politik durchaus „großindustriell orientiert“ (Löffler 2010, S. 120), wies dem Mittelstand eine staats- und gesellschaftspolitische Bedeutung bei. Für ihn waren es die kleinen und mittleren Unternehmen, welche die persönliche Selbstverwirklichung im Beruf am ehesten gewährleisteten, „weil derjenige, der in einem solchem Betrieb arbeitet und ihn führt, sieht, welchen Erfolg seine Arbeit, seine Sorge, sein Nachdenken hat“ (Rede vor dem Wirtschaftsverband EBM-Industrie vom 22.04.1958, in Geppert und Schwarz 2019, S. 834). Mit deutlichen Anleihen an die Prinzipen der katholischen Arbeitsethik postulierte er im Juli 1960 vor der Vollversammlung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks in Bad Godesberg: „Der Mensch muß sich auf seine Arbeit freuen können. Nur dann, wenn er in der Arbeit Befriedigung findet, ist das Leben schön. Wenn er aber die Arbeit als eine Last der fünf ersten Wochentage betrachtet, [...] dann wird er ein unzufriedener Mensch bleiben sein ganzes Leben lang.“ Die mittelständischen Unternehmen schufen den Raum für eine solche Identifikation der Arbeitnehmer mit ihrer Arbeit und sicherten ihnen so ein hohes Maß an „persönliche[r] Freiheit“, das sie als „kleines Rädchen in einer gut mechanisierten Großindustrie“ nicht besaßen (Rede vom 07.07.1960, in Geppert und Schwarz 2019, S. 941). Weil der „Mittelstand die Individualität gehalten“ hatte, bildete er, wie Adenauer es in der ideologisch aufgeladenen Sprache des Kalten Kriegs ausdrückte, den „beste[n] Schutzdamm“ gegen „eine Vermassung unseres Volkes. [...] Wenn ich mir ein Land vorstelle, das nur Großwirtschaft hat, eine kleine Anzahl von Managern, eine ungeheure Zahl von unselbständigen Arbeitnehmern und dabei vielleicht auch noch die Alleinherrschaft der Gewerkschaften, dann fehlt nur noch die Kolchose, dann haben wir den kompletten kommunistischen Staat“ (Rede auf dem Rheinischen Mittelstandstag vom 23.06.1958, in Geppert und Schwarz 2019, S. 862).

Auch Erhard würdigte die „mittelständischen Schichten“ als „Grundlage eines jeden Staates“ (Besprechung mit DGB-Vertretern im Bundeskanzleramt vom 10.10.1957, in Geppert und Schwarz 2019, S. 806). Das Kartellgesetz sollte ja nicht zuletzt der „Bewegungsfreiheit des Mittelstands“ dienen, die er „nur dann gewährleistet“ sah, „wenn innerhalb des jeweiligen Wettbewerbsbereichs der Expansionsdrang der Mächtigen gezügelt“ wird (Schreiben an Adenauer vom 15.09.1958, in Geppert und Schwarz 2019, S. 896). In der Praxis waren Erhards Beziehungen zu den einschlägigen Interessenvertretern jedoch durchweg gespannt, weil sich seine wettbewerbspolitischen Prinzipien nicht nur an den Kartellen der Großindustrie stießen, sondern auch an den protektionistischen Ansprüchen insbesondere der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels. Deren Forderungen nach einer gesetzlichen Regelung des Berufszugangs, der analog zur Bundeshandwerksordnung die Gewerbefreiheit beschränken sollte, lehnte der Wirtschaftsminister ab; vielmehr empfahl er der Branche die „Erhöhung der Krisenfähigkeit, die Rationalisierung und Modernisierung“, um im freien Wettbewerb bestehen zu können (Ausarbeitung Erhards für die Delegiertentagung der Hauptgemeinschaft am 16./17.10.1951, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 61 f.). In der Auseinandersetzung mit dem Interessenverband schien es ihm sogar angezeigt, auf sein Deutungsmonopol über den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft zu pochen. In diesem Sinne berichtete er Ende 1953 die Anekdote, ein Einzelhändler habe ihm einmal gesagt, „er verstehe unter sozialer Marktwirtschaft ein System, in dem ihm seine Existenz gesichert wird. Ich möchte diesen Mann und diese Aussage nicht verallgemeinern [...], aber es ist doch notwendig, zu sagen, daß wir [...] unter sozialer Marktwirtschaft etwas anderes verstehe[n]. So kommen wir wirklich allmählich zu einer Art babylonischer Sprachverwirrung“ (Rede vor der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft am 19.11.1953, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 426, Anm. 28).

Adenauer hingegen vernahm die Klagen der Interessenvertreter mit offenem Ohr, weil sie seine ethisch fundierte Mittelstandsaffinität ansprachen und Gelegenheit zur politischen Profilbildung gegen den populären Wirtschaftsminister boten. Auch wenn hierbei die taktischen Motive überwogen, liest man doch mit Erstaunen, wie prononciert sich der Kanzler bei diesen Anlässen von Erhard distanzierte und etwa 1955 gegenüber Vertretern des „Diskussionskreises Mittelstand“ der Unionsfraktion anmerkte, „daß zweifellos weite Teile der Wirtschaft nicht den Gesetzen der sozialen Marktwirtschaft unterliegen [...]. Keinesfalls dürfe der Mittelstand dem Streben nach dieser ‚sozialen Marktwirtschaft‘ geopfert werden“ (Besprechung vom 08.07.1955, in Geppert und Schwarz 2019, S. 508). Dass er den Minister „gegenüber den Klagen“ seiner Kritiker „immer in Schutz genommen habe“, wie er Erhard mit Schreiben vom 13. April 1956 versicherte (Geppert und Schwarz 2019, S. 648), kann nicht bestätigt werden. Zwischen dem Lob des Mittelstands, das öffentlich gesungen wurde, und dem Alltag der praktischen Mittelstandspolitik (vgl. dazu Beyenburg-Weidenfeld 1992; Scheybani 2006), die wiederholt ins Fahrwasser der Konflikte zwischen Adenauer und Erhard geriet, klafft jedenfalls eine erhebliche Diskrepanz.

6 Sozialpolitik in der Sozialen Marktwirtschaft: das Problem der Rentenreform

Gemeinhin wird das Sozialstaatsprinzip als konstitutiver Bestandteil der „Sozialen Marktwirtschaft“ verstanden. Am ehesten entspricht das noch der Definition von Alfred Müller-Armack, der unter der von ihm eingeführten Begriffsschöpfung eine Synthese der „Antipoden Marktwirtschaft und Wirtschaftslenkung“ verstand, in der die „negativen Sanktionsmechanismen“ des Markts auch sozialpolitisch abgefedert werden sollten, etwa durch Vermögensumverteilung auf dem Steuerwege (Spoerer 2007, S. 31; vgl. dazu auch Rhonheimer 2017, S. 85 f.). Erhard hingegen sah das substantiell anders: „Die volkswirtschaftlich neutrale und autonome Sozialpolitik gehört [...] der Vergangenheit an“, so liest man in „Wohlstand für alle“; „sie muß vielmehr einer Sozialpolitik Platz machen, die mit der Wirtschaftspolitik aufs engste abgestimmt ist. Die Sozialpolitik darf der volkswirtschaftlichen Produktivität nicht indirekt Abbruch tun und den Grundprinzipien der marktwirtschaftlichen Ordnung nicht widerstreben wollen.“ Sozialpolitische Maßnahmen sollten der Wirtschaftspolitik also zu- bzw. untergeordnet werden; sie sollten sich nicht getrennt von ihr vollziehen, sondern sie ergänzen, weshalb Erhard es für „selbstverständlich“ hielt, „daß im Gefüge der sozialen Marktwirtschaft auch der Wirtschaftsminister allen Anlaß hat, sich um die weitere Gestaltung unserer Sozialpolitik zu kümmern“ (alle Zitate: Erhard 1957, S. 258, 256, Hervorhebungen im Original). Das bekannteste Beispiel dafür, wie Erhard über diese Prioritätensetzung in Streit mit Adenauer geriet, ist die Rentenreform von 1956/57 (vgl. dazu einschlägig Repgen 1978; Hockerts 1980).

Zunächst überrascht allerdings, dass auch Adenauer, der politische Vater der „dynamischen Rente“, die gesamtgesellschaftlichen Folgen einer ungebremsten Sozialstaatsexpansion durchaus kritisch wertete. In einem Rundbrief an alle Minister vom 16. Januar 1955 erkannte er eine „bedenkliche Annäherung an versorgungsstaatliche Prinzipien“ und prognostizierte „das allmähliche Entstehen eines totalen Wohlfahrtsstaates“, in dem die „Selbsthilfekräfte des Individuums“ zusehends verkümmerten (Geppert und Schwarz 2019, S. 490 f.). Erhard konnte dem gar nicht nachdrücklich genug zustimmen, und er griff auch die antitotalitären Topoi auf, indem er in seinem Antwortschreiben vom 24. Mai 1955 vor einer „kollektive[n] Zwangsversorgung“ warnte, die in eine „Abhängigkeit“ der Leistungsempfänger nach dem Vorbild der „nationalsozialistische[n...] Kollektivwirtschaft“ münden könnte. Um diesen Gefahren vorzubeugen, setzte er bei der damals anhängigen Sozialreform auf die Förderung der „eigenverantwortlich[en] Vorsorge“, was aber keineswegs bedeutet, dass er den „wirklich Schutzbedürftigen“ den Genuss staatlicher Fürsorgemaßnahmen vorenthalten wollte. Ausdrücklich würdigte er die „besondere Lage gewisser Altersgruppen“, in erster Linie der Altersrentner und Invaliden, für die eine „besonder[e] Lösung“ gefunden werden musste (alle Zitate Geppert und Schwarz 2019, S. 495 f., 498).

Diese Einstellung ging prinzipiell konform mit Adenauers Satz, der Staat solle „nur da helfend eingreifen, wo die Kräfte [...] des einzelnen nicht ausreichen“ (Schreiben vom 16.01.1955, in Geppert und Schwarz 2019, S. 490). Wie sich bald herausstellte, bewerteten Adenauer und Erhard die sozialethischen Implikationen der Rentenpolitik aber doch unterschiedlich. Adenauer hatte, obwohl das oft angenommen wird, bei der Reform nicht nur kurzfristige wahltaktische Motive im Blick. Sein Vorgehen wurde von dem authentischen Anspruch geleitet, vermittels der Rentenreform das Problem der Altersarmut zu lösen: „Wir können es nicht verantworten“, so führte er vor dem CDU-Bundesvorstand aus, „daß ein Mann oder eine Frau, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, [...] einfach heruntersinken [...]. Ich möchte den arbeitenden Menschen so gut, wie das gesetzlich möglich ist, die Sicherheit geben, daß sie, wenn sie ins Alter kommen, ein anständiges Leben führen können und nicht als Bettler herumlaufen“ (CDU-Vorstandssitzung vom 20.09.1956, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 725 f., Anm. 16). Als ein vom Finanzministerium beauftragtes Gutachten im September 1956 zu dem Schluss kam, der vorliegende Entwurf des Arbeitsministers bevorteile die höheren gegenüber den kleinen und mittleren Renten, reagierte er entsprechend empört und lehnte es rundweg ab, die Vorlage „mit seinem Namen [zu] decken“ (Rentenpolitische Besprechung im Bundeskanzleramt vom 05.10.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 725).

Demgegenüber erschöpfte sich Erhards Haltung in der Rentenfrage nicht in dogmatischer Ablehnung jeglicher Reform. Ganz im Gegenteil war er mit dem Konzept einer „beweglich gestalteten Rente“ durchaus einverstanden oder zumindest bereit, es von der finanzkalkulatorischen Seite her mitzutragen. Dem Gedanken, „daß auch der Rentner an dem Fortschritt der Leistungsverbesserungen der Volkswirtschaft teilhaben darf“, stimmte er ausdrücklich zu. Nicht einverstanden zeigte er sich hingegen mit der vorgesehenen und schließlich auch verabschiedeten Anpassungsmethode. Die Koppelung der Renten an die „Entwicklung nomineller volkswirtschaftlicher Größen, wie etwa des Lohnes [...] oder gar der Lebenshaltungskosten“, lehnte er ab. Stattdessen schlug er als alternative Bezugsgröße das preisbereinigte Nettosozialprodukt vor, obwohl ihm vor Augen stand, dass die Rentner damit nicht mehr an der Preisentwicklung, sondern nur noch am Produktivitätszuwachs teilhaben würden. Das nahm Erhard aber in Kauf, um der Mentalität einer „übersteigerten ‚Vollversorgung‘“ vorzubeugen und einen fortgesetzten Anreiz für das private Alterssparen zu setzen, was auch aus kapitalmarktpolitischen Gründen erwünscht war. Kaum weniger schwer wog die Furcht vor der Ingangsetzung einer inflatorischen Entwicklung, sollte die Reform die Barvermögen der Rentner mit einem Schlag über das volkswirtschaftlich verträgliche Maß hinaus anheben. In dieser Frage bezog der Wirtschaftsminister rigoros Stellung: „Die Inflation kommt nicht über uns als ein Fluch oder als ein tragisches Geschick; – sie wird vielmehr [...] auch durch eine leichtfertige oder sogar verbrecherische Staatspolitik [...] hervorgerufen. Ja, das ist sogar die eigentliche Wurzel einer echten Inflation“ (alle Zitate: Rentenpolitische Denkschrift Erhards vom 08.10.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 736, 739, 731).

Für Adenauer besaßen die politischen Implikationen der Rentenreform sowie die Bekämpfung der Altersarmut jedoch Vorrang. Als er im Oktober 1956 einer Agenturmeldung entnahm, Erhard habe vor dem Gesamtverband der Versicherungswirtschaft in Köln davon gesprochen, die Renten sollten nur zur Sicherung des „Existenzminimum[s]“ angesetzt werden, forderte er im scharfen Ton eine umgehende Richtigstellung, die auch erfolgte (Schreiben vom 26.10.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 746). Im Übrigen legte der Bundeskanzler die ihm eigene taktische Flexibilität an den Tag, um das Reformprojekt möglichst rasch unter Dach und Fach zu bringen. Den Vorschlägen des Wirtschaftsministers folgte er zwar nicht, er machte sich aber dessen Begriff der „Produktivitätsrente“ gern zu eigen, um den problematischen Beiklang der „dynamischen Rente“ abzuschwächen (die Bezeichnung setzte sich schließlich doch durch, obwohl die jährliche Anpassung nicht automatisch erfolgt, sondern vom Parlament stets neu zu beschließen ist). Am 21. Januar 1957 wurde die von Erhard ungeliebte Rentenreform verkündet und trat damit noch rechtzeitig in Kraft, um den Unionsparteien bei der Bundestagswahl vom September dieses Jahres in die Karten zu spielen.

7 Die Debatte um Methoden und Ziele der Konjunkturpolitik

Erhard vertrat, was die Methoden und Ziele der Konjunkturpolitik anbetrifft, alles andere als eine Laissez-faire-Haltung, sondern wies seinem Ressort – und insbesondere sich selbst – eine signifikante Rolle in der Gestaltung des ökonomischen Lebens zu: „Der Staat von heute hat nicht mehr wie in der frühliberalistischen Aera die Rolle des wirtschaftspolitischen Nachtwächters zu spielen, sondern hat aktive Wirtschaftspolitik zu betreiben“. In Abgrenzung zu planwirtschaftlichen Systemen durfte sich die Konjunkturpolitik in der Sozialen Marktwirtschaft aber keiner „dirigistischen Maßnahmen“ bedienen, „die in Form von Befehlen und Verboten die Initiative und Beweglichkeit des einzelnen Menschen behindern“. Sie sollte vielmehr dynamisch und situationsbezogen gestaltet sein, dabei auf spezifische Instrumente zurückgreifen, etwa auf solche der Geld- und Kreditpolitik, der Zoll- und Handelspolitik, aber auch der Steuer- und Kapitalmarktpolitik, durch welche „die Konstellation der ökonomischen Daten“ so zu beeinflussen war, „daß die staatlichen Ziele bei Wahrung der individuellen Freiheit erreicht werden“ (alle Zitate: Schreiben an Adenauer vom 07.07.1954, in Geppert und Schwarz 2019, S. 482). In der Anwendung dieser Mittel war Erhard außerordentlich pragmatisch. Wie er den Bundeskanzler bei einer Gelegenheit im April 1956 belehrte, gebe es für „die Wirtschaftspolitik [...] kein allgemeingültiges Rezeptbuch noch einen Fahrplan, nach dem sich der Gang der Ereignisse bestimmen ließe. Ausgehend von einem festen Ordnungssystem, das wir freie bzw. soziale Marktwirtschaft nennen, herrscht je nach den ökonomischen Gegebenheiten in Bezug auf die Auswahl und Kombination der wirtschaftspolitischen Mittel eine große Freizügigkeit des Gestaltens vor“ (Schreiben vom 11.04.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 626).

Wie bereits deutlich geworden ist, hegte nun gerade Adenauer keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen staatliche Interventionen in die Wirtschaft. Differenzen und Konflikte ergaben sich aber bei der Anwendung der jeweiligen Mittel, ihrer ordnungspolitischen Verträglichkeit und den beabsichtigten Zielsetzungen. Das erste Mal stießen Kanzler und Wirtschaftsminister im Frühjahr 1950 auf dem Feld der Beschäftigungspolitik aufeinander. In der ausgehenden Weimarer Republik hatte sich Adenauer als Kölner Oberbürgermeister gegen den Sparkurs der Regierung Brüning gewehrt und antizyklische Maßnahmen zur Konjunkturstimulierung befürwortet. Nach dem Krieg war er umso mehr davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus „durch die falsche Wirtschaftspolitik hochgekommen“ sei (Sitzung bei den Alliierten Hohen Kommissaren vom 16.02.1950, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 217, Anm. 4). Eine spürbare Senkung der im Frühjahr 1950 noch drückend hohen Arbeitslosigkeit besaß für ihn höchste politische Priorität. Am 9. Februar legte er dem Deutschen Bundestag ein Investitionsprogramm vor, das beschäftigungspolitische Effekte in wirtschaftsschwachen Bundesländern mit hoher Flüchtlingsdichte erzeugen sollte. Erhard, ein geschworener Gegner „keynesianische[r] Vollbeschäftigungspolitik“ (Laitenberger 1986, S. 92), traute dem Arbeitsbeschaffungsprogramm allerdings wenig mehr zu als die Erzeugung eines konjunkturellen Strohfeuers. Nachdem er es zunächst nur widerwillig mitgetragen hatte, war er in der Folge bemüht, es in eine gesamtökonomische Strukturförderungsmaßnahme umzuwidmen, damit auch über die direkte Entlastung hinaus „Dauerarbeitsplätze“ entstehen konnten, die Perspektiven für eine „endgültige Beschäftigung“ bieten würden (Schreiben Erhards an Adenauer vom 25.02.1950, in Geppert und Schwarz 2019, S. 215). Auf die langfristige Wirtschaftsgesundung wollte Adenauer aber nicht warten. Ihm kam es in erster Linie darauf an, „möglichst bald Arbeitsplätze zu schaffen und für die Flüchtlinge etwas zu tun“ (Kabinettssitzung vom 07.03.1950, zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 221, Anm. 13).

Als die gewünschten Ergebnisse in den kommenden Wochen und Monaten ausblieben, konnte sich Erhard in seiner Skepsis gegen das Arbeitsbeschaffungsprogramm bestätigt fühlen. Die Diskussion um die Konjunkturstimulation wurde ohnehin bald von der Wirtschaftsüberhitzung im Zuge des Korea-Booms überholt (vgl. dazu Korea-Krise 1986; Abelshauser 2011, S. 152–172). Nun freilich gerieten Erhards ordnungspolitische Prinzipien von anderer Seite aus unter Druck. Die überbordende Konjunktur durch eine Diskontsatzerhöhung zu bändigen, wie der Wirtschaftsminister es empfahl, lehnte Adenauer ab, weil er eine negative Entwicklung auf dem gerade konsolidierten Arbeitsmarkt befürchtete und zudem in Zweifel zog, ob die Kreditverknappung überhaupt die lehrbuchmäßige Preisberuhigung zur Folge haben würde. Gegenüber dem Zentralbankrat der Bank deutscher Länder begründete er das im Oktober 1950 mit dem aufschlussreichen Hinweis auf die „Labilität und Undiszipliniertheit der Wirtschaft und Bevölkerung“ (Sitzung des Zentralbankrats im Bundeskanzleramt vom 26.10.1950, in Geppert und Schwarz 2019, S. 256). Um die gewünschte Drosselung der Einfuhren und damit eine Entlastung der Handelsbilanz zu erreichen, war er eher geneigt, eine administrative Importbeschränkung hinzunehmen, was jedoch dem außen- und binnenwirtschaftlichen Liberalisierungscredo Erhards zuwiderlief. Für den Minister stellte sich das Problem der Konjunkturpolitik in der Korea-Phase also nicht zuletzt als Bewahrung des freiheitlichen Markenkerns seiner Wirtschaftspolitik.

Dass Erhard die Überhitzungskrise 1950/51 überstand, ohne substanzielle Abstriche hieran machen zu müssen, hat seine Position mittel- und langfristig gestärkt. Die diesbezüglichen Probleme mit Adenauer sollten in den späteren Hochkonjunkturperioden aber wiederkehren. Während Erhard gleichermaßen um eine Bändigung wie Stabilisierung der Konjunktur bemüht war – durch großzügigen Einsatz der konformen Instrumente unter Einschluss geldpolitischer Restriktionen als ultima ratio – , wünschte sich Adenauer eine Preisdämpfung ohne Diskontsatzerhöhung und der als Folge antizipierten Konjunkturdelle.

Exemplarisch zeigen sich die Konfliktmuster in der Hochkonjunkturphase 1955/56 (vgl. dazu Berger 1997, S. 111–124; im preispolitischen Kontext Zündorf 2006, S. 202–253; speziell bezogen auf Adenauer-Erhard Koerfer 1986, S. 84–127; Koerfer 1992). Im Jahr 1955 stieß das Bruttosozialprodukt in der Bundesrepublik Deutschland in den Bereich zweistelligen Wachstums vor und erreichte damit geradezu schwindelerregende Höhen. In der öffentlichen Diskussion wurden aber keineswegs nur die unbestreitbar positiven Auswirkungen der Konjunktur – Vollbeschäftigung, Produktionsrekorde und Einkommenssteigerungen – thematisiert. Ebenso präsent waren die vermeintlichen Gefahren, die mit einer ungebremsten Expansion in Verbindung gebracht wurden: Verlust der Geldwertstabilität, Verschlechterung des Preisklimas, Hochschrauben der Lohn-Preis-Spirale. Ab dem Spätsommer bzw. Herbst 1955 gewann der Krisendiskurs sogar das Übergewicht und drohte das politische Kapital der Bundesregierung für die Parlamentswahlen 1957 zu schmälern.

Die gesamte Debatte zeugte von einer gewissen Unsicherheit darüber, ob die Gefahren aus der Konjunktur selbst oder nicht eher aus den überzogenen Erwartungen resultierten, die ihr entgegengebracht wurden. Mit anderen Worten: War tatsächlich die Konjunktur gefährlich oder nicht vielmehr das verantwortungslose Gerede hierüber? Für Erhard jedenfalls bestand kein Zweifel: „Nicht die Wirtschaft, sondern die Menschen sind in Unordnung geraten. Es handelt sich um ein psychologisches Problem, dem am besten mit psychologischen Mitteln zu begegnen ist“ (Konjunkturpolitische Denkschrift Erhards vom 29.09.1955, in Geppert und Schwarz 2019, S. 519). In dieser Lage trat der Wirtschaftsminister nun an, um den Beweis zu führen, dass die Konjunktur nicht notwendigerweise in den Zyklen von Aufschwung und Abschwung, von Boom und Depression verlaufen müsse, sondern dass sie auf hohem Niveau verstetigt werden konnte, ohne die Preisstabilität infrage zu stellen. Als strategisches Ziel der Wirtschaftspolitik stellte sich demnach die Errichtung eines dauerhaften „Vollbeschäftigungsgleichgewichts“ (Wünsche 2015, S. 412), womit das fundamentale Wohlstandsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft berührt wurde. Was Erhard konkret vorschwebte, war eine Art Konjunkturmanagement, das freilich nicht als volkswirtschaftliche Gesamtplanung im Sinne der Planification verstanden werden darf, sondern auf die politpsychologische Beeinflussung der Wirtschaftssubjekte (moral suasion) abzielte, in erster Linie mit Bezug auf die Preisgestaltung. Öffentlichkeitswirksam eröffnet wurde die Preissenkungskampagne des Wirtschaftsministeriums mit einer Pressekonferenz im Bonner Bundeshaus am 2. September 1955. In den folgenden Wochen kontaktierten Erhard und sein Staatssekretär Ludger Westrick die Vertreter preispolitisch relevanter Organisationen und diverser Branchenverbände. Eine Massenbriefsendung appellierte an das Preisbewusstsein der Verbraucher, eine Zeitungsanzeige mit dem Konterfei des Ministers warb für das „Maßhalten“ als „das volkswirtschaftliche Gebot der Stunde“ (zitiert nach Geppert und Schwarz 2019, S. 95).

Wenige Wochen nach dem Anlaufen der Aktion verkündete Erhard dem Bundeskanzler nicht ohne Stolz, „daß sich dank meines pausenlosen Hämmerns ganz offensichtlich das konjunkturpolitische Klima zum Besseren gewendet“ habe (Schreiben an Adenauer vom 29.09.1955, in Geppert und Schwarz 2019, S. 516). In der Tat hatten einige Verbände und Unternehmen Preissenkungszusagen getätigt, das allgemeine Preisklima sollte sich aber vorerst nicht beruhigen. Insofern teilte Adenauer den Optimismus des Wirtschaftsministers nur bedingt. Abgesehen davon, dass ihm die Publizität Erhards generell ein Dorn im Auge war, störten ihn dessen Angriffe auf die Industrie, der vorgeworfen wurde, die durch den Boom entstandenen Spielräume für Preissenkungen nicht auszuschöpfen. Wie bei anderen Gelegenheiten bildete sich nun wieder eine Konstellation heraus, in der sich der Kanzler an die Seite des BDI gegen den eigenen Wirtschaftsminister stellte. In Reaktion hierauf legten Erhard und Finanzminister Fritz Schäffer ein gemeinsames Papier vor, das im Oktober 1955 – während einer mehrwöchigen Krankheitsphase Adenauers – in die Form eines „konjunkturpolitischen Programms“ der Bundesregierung gegossen wurde. In diesem „Programm“, das erkennbar die Handschrift des Wirtschaftsministeriums trug, fanden sich Erhards ordnungspolitische Grundvorstellungen ebenso wieder wie die Instrumente der praktischen Konjunkturpolitik, die nun je nach Bedarf zum Einsatz kommen sollten. Das „Programm“ mahnte die rasche Verabschiedung des Kartellgesetzes an, um über die Wettbewerbsstimulation preisdämpfend zu wirken. Eher taktisch-psychologisch motiviert waren die Überlegungen hinsichtlich der Einrichtung einer Preisprüfungskompetenz des Wirtschaftsministeriums (siehe oben S. 7). Mit Nachdruck aber sprachen sich Erhard und Schäffer für weitere Importliberalisierungen aus, welche die Konkurrenz auf dem Binnenmarkt stärken und zur Senkung der Verbraucherpreise führen sollten. Vor allem damit stießen die Minister auf Widerstand der Industrie, die solche konjunkturpolitische Zollsenkungen ablehnte und die Handelspolitik ausschließlich nach außenwirtschaftlichen, nicht nach binnenkonjunkturellen Gesichtspunkten ausgerichtet sehen wollte (vgl. dazu die Nachweise in Geppert und Schwarz 2019, S. 528, Anm. 30).

Auch wenn Erhard vorrangig die Absicht verfolgte, seine preispsychologische Strategie um etwaige kontraktive Maßnahmen anzureichern, eine vollständige Umsetzung des „Programms“ also gar nicht zwingend anstrebte, wird doch deutlich, wie weitreichend er den konjunkturpolitischen Gestaltungsspielraum auslegte. Die These, dass der „Markt bei ihm immer recht [hatte]“, weil der „Wettbewerb“ von selbst „zu niedrigen Preisen führe“ (Fuhrmann 2019), mag zwar eine theoretische Grundannahme korrekt beschreiben, greift aber, was die praktische Politik des Bundeswirtschaftsministers betrifft, entschieden zu kurz.

Allerdings plante Erhard seine Strategie zur Einhegung der Hochkonjunktur damals noch sorgsam unterhalb der Schwelle geldpolitischer Maßnahmen, weil auch ihm die pauschale Drosselung, die von einer Kreditverteuerung ausgehen mochte, politisch riskant erschien (vgl. sein Schreiben an Adenauer vom 17.11.1955, in Geppert und Schwarz 2019, S. 548). Erst im März 1956, als der Preisauftrieb noch immer kein Ende gefunden hatte, änderte er seine diesbezügliche Meinung und unterstützte die diskontpolitische Wende, zu der die Bank deutscher Länder damals anhob (vgl. die diskontpolitische Denkschrift Erhards vom 12.03.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 598–604). In einem „Zweiten Konjunkturprogramm“ vom 17. Mai 1956 ergänzten Erhard und Schäffer ihre bisherigen Vorschläge um weiterreichende Maßnahmen, die nun konkret auf eine Eindämmung der Konjunktur abzielten. Die steuerlichen Abschreibesätze der Unternehmen sollten, um ihre Investitionstätigkeit zu drosseln, herabgesetzt werden; ferner wurde die öffentliche Hand zu einer Begrenzung ihrer Investitionen, vornehmlich im Bau- und Verkehrssektor, angehalten. Schließlich empfahl das „Zweite Konjunkturprogramm“ abermals eine Liberalisierung der Importe bei gleichzeitiger Beschränkung der Exportförderung (vgl. Geppert und Schwarz 2019, S. 667–674).

Damit steuerte Erhard in einen Konflikt mit Adenauer hinein, der nun auch erstmals in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Dass sich das Gewitter in der bekannten „Gürzenich-Krise“ vom 23. Mai 1956 so heftig entlud, ist in Verbindung mit einer umfassenderen Krisenwahrnehmung des Bundeskanzlers zu sehen, die sich sowohl auf außen- wie auf innenpolitische Problemlagen bezog. Der Blick auf die Weltbühne stimmte Adenauer bedenklich, weil er sich um die Verlässlichkeit der westlichen Bündnispartner sorgte und eine Erhöhung des sowjetischen Drucks auf Berlin erwartete. Innenpolitisch hatte er – Ergebnis eines monatelangen Stellungskriegs in der Regierung – das Ende des bürgerlichen Bündnisses mit der FDP zu verarbeiten. Laut vernehmlich wurde in Bonn schon über die Perspektiven einer Großen Koalition (ohne Adenauer) spekuliert. An eine absolute Mehrheit der Stimmen und Mandate, wie sie die Union bei der Bundestagswahl 1957 dann tatsächlich erzielte, war damals kaum zu denken.

In diese düstere Lagebeurteilung mischte sich beim Bundeskanzler nun eine skeptische Einschätzung der eigentlich glänzenden Konjunktur, die er für wenig fundiert und nicht wetterfest gegenüber politischen Turbulenzen hielt (vgl. den Nachweis in Geppert und Schwarz 2019, S. 575, Anm. 2). Schon deshalb war eine Drosselung auf dem Wege der Kreditpolitik für ihn nicht darstellbar. Als die Frankfurter Notenbank mit Zustimmung der Minister Erhard und Schäffer den Diskontsatz am 18. Mai 1956 von 4.5 auf 5.5 Prozent anhob, reagierte er wenige Tage darauf mit der berüchtigten „Fallbeil-Rede“ im Kölner Gürzenich, in der er fatale Folgen für die mittelständische Wirtschaft prognostizierte und ankündigte, die Fachminister im Kabinett zur Rede zu stellen (vgl. Geppert und Schwarz 2019, S. 682–693).

Adenauer hatte sich mit diesen Äußerungen – ausgerechnet vor der Jahresversammlung des BDI – doch erkennbar verrannt. Angesichts eines durchweg negativen Presseechos in den folgenden Tagen musste er sich dazu verstehen, die Auseinandersetzung mit Erhard einigermaßen gesichtswahrend beizulegen. Tatsächlich erwies sich die Aufregung um die Diskontsatzerhöhung bald als hinfällig, da sich die konjunkturelle Entwicklung bis zur Bundestagswahl 1957 wieder beruhigte und insbesondere das Preisklima keine Plattform für Angriffe auf die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bot. Die unterschiedlichen Akzente, die Kanzler und Wirtschaftsminister in der Konjunkturpolitik setzten, gerade auch mit Blick auf die Relation zwischen strategischen Zielen und praktikablen Mitteln, waren allerdings unübersehbar deutlich geworden.

8 Sparen oder Konsumieren?

Die konjunkturpolitischen Konflikte in den mittleren 1950er-Jahren werfen bezeichnende Schlaglichter auf die Divergenzen in den Prinzipien und Leitmotiven Adenauers und Erhards. Sie liefen, zugespitzt formuliert, auf den Gegensatz zwischen Sparen und Konsumieren hinaus.

Die Förderung der individuellen Spartätigkeit spielte in der wirtschaftspolitischen Konzeption Erhards eine wichtige Rolle. Im Frühjahr 1951, auf dem Höhepunkt der Korea-Krise, hatte er die Einführung einer Konsumabgabe für gehobene Verbrauchsgüter vorgeschlagen, die als Sparkapital gesammelt und zu einem späteren Zeitpunkt in verzinsliche Anteilsscheine von Industrieunternehmen umgewandelt werden konnte (vgl. seine Denkschrift vom 07.02.1951, in Geppert und Schwarz 2019, S. 271–281). Abgesehen davon, dass dieser Plan damals in erster Linie konjunkturpolitisch motiviert war und Kaufkraft in die Investitionsgüterindustrien umlenken sollte, diente das hierin enthaltene Sparangebot auch dem Ziel einer breiten Vermögensstreuung, die Erhard nicht weniger am Herzen lag als Adenauer, wie etwa sein Einsatz für die Ausgabe von Kleinaktien im Zuge der VW-Privatisierung zeigt (vgl. dazu Geppert und Schwarz 2019, S. 757–760, 791–793, 818–820). Zudem hatte der Wirtschaftsminister die Struktur der gesamtwirtschaftlichen Kapitalbildung im Blick, die sich – wie er in einem ausführlichen Memorandum vom 11. März 1957 bilanzierte – fast ausschließlich über Steuern und Sozialabgaben sowie die betriebliche Selbstfinanzierung zusammensetzte, kaum aber aus privaten Ersparnissen schöpfte. Daraus resultierte, so gab Erhard zu bedenken, eine einseitige Belastung der Verbraucher, die auf „Dauer [...] zu einer Sprengung der gesellschaftlichen Ordnung führen“ musste (Geppert und Schwarz 2019, S. 773).

Obwohl er also allen Grund hatte, die „Tugend des Sparens“ zu loben, würdigte Erhard doch ebenso sehr die Erfordernisse eines „lebendigen Verbraucherwillen[s]“, den er als Antrieb der Binnenwirtschaft für unabdingbar hielt. Vor dem Hintergrund der Hochkonjunktur sollten, wie er auf dem Sparkassentag in Bonn am 27. April 1954 ausführte, die notwendigen Investitionen nämlich nicht nur auf dem Wege des Sparens, sondern auch über zusätzliche Kreditschöpfung finanziert werden. Dabei merkte er sogar an, man dürfe das Sparen „nicht überbewerten, denn nur sparen und nur investieren wollen, wird auf die Dauer nur sinnvoll sein in Verbindung mit dem lebendigen Willen, auch von der höheren Produktion als solcher quantitativ und qualitativ den richtigen Gebrauch zu machen“ (alle Redezitate nach: Geppert und Schwarz 2019, S. 645, Anm. 8). Als Adenauer ihn hierauf später noch einmal ansprach, stellte Erhard richtig, ihm sei es nicht um ein Entweder-oder, sondern um das „rechte Verhältnis“ zwischen Konsum und Konsumverzicht gegangen (Schreiben vom 27.04.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 653). Schon bei anderer Gelegenheit hatte er dem Bundeskanzler die „Notwendigkeit [...] des Sparens und Verbrauchens zu gleicher Zeit“ erläutert, damit das Wachstum auf ein sicheres Kapitalfundament gestellt, die „Volkswirtschaft“ zugleich aber auch in „freier, dynamischer und expansiver Fortentwicklung“ gehalten werden konnte (Schreiben vom 07.07.1954, in Geppert und Schwarz 2019, S. 481).

Demgegenüber setzte Adenauer, der auf dem Sparkassentag 1954 ebenfalls das Wort ergriff, einen deutlichen Akzent zugunsten des Sparens: „Das Sparen lenkt den Blick in die Zukunft“, so führte er aus, „das Sparen zwingt auch, auch einmal sich zu überlegen, ob man denn nicht jetzt zunächst einmal das Geld nicht ausgibt, sondern für einen bestimmten Zweck zurücklegt, sei es für die Zukunft, sei es auch, um für sich und seine Familie irgend etwas zu kaufen, was notwendig ist“ (Redezitate nach: Geppert und Schwarz 2019, S. 645, Anm. 8). Dem Kanzler schien das Sparen somit gar als ein „ethisches Erziehungsmittel nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene“ (Besprechung mit DGB-Vertretern im Bundeskanzleramt vom 10.10.1957, in Geppert und Schwarz 2019, S. 810).

Das Gegenstück von Adenauers Lob des Sparens war die Kritik des Konsums. Im Verlauf seiner Amtszeit hatte er einen fast schon kulturpessimistisch angehauchten Blick auf das Verbrauchsverhalten der Westdeutschen entwickelt, das ihm als Ausdruck „übertriebene[r] Begehrlichkeit“ erschien, „die nicht immer befriedigt werden könne und [...] die ethische Seite völlig außer Acht lasse“ (Schreiben an Erhard vom 13.04.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 646). Besonders erzürnt war er über die Luxusrepräsentation „reich gewordener Kreise“ in der ‚Wirtschaftswundergesellschaft‘, die ihren Besitz auf die „lächerlichste Weise“ zur Schau stellten (Schreiben an Franz Etzel vom 30.12.1959, in Morsey und Schwarz 2004, S. 44). Aber auch der Verbrauch der breiten Schichten, der das Ordnungssystem der Sozialen Marktwirtschaft ja maßgeblich trug und die junge Bundesrepublik politisch stabilisierte, bereitete ihm Sorge. Konsumkampagnen wie jene des Bundeswirtschaftsministeriums vom Juli 1955, die für den Kauf von Haushaltsgeräten und Fernsehern warben, hatten seiner Ansicht nach dazu beigetragen, dass die Menschen „immer größere Anforderungen an das Leben“ stellten (Schreiben an Erhard vom 06.02.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 584). Diese Entwicklung, die er auf eine primitive „Herrschaft der Dinge“ (Trentmann 2017) hinsteuern sah, erschien ihm schädlich, weil sie in erster Linie gesellschaftliche Untugenden – Trägheit, Unzufriedenheit, Missgunst – fördere. Der volkspädagogische Einschlag, der seine Politik auch in anderer Hinsicht auszeichnete („das deutsche Volk vom Grund auf zum Frieden zu erziehen“), übertrug sich damit auf das Konsumverhalten. So gab sich der Bundeskanzler 1962 bei einem Interview mit einem ausländischen Journalisten der Meinung, „dass wir Deutsche an uns selbst noch eine große Aufgabe der Erziehung haben und dass wir unserem Volk [...] beibringen müssen: Maßhalten! [...N]icht zuviel verlangen, aber auch nicht nichts verlangen, sondern alles mit Maß. [...] Das ist also nach meiner Meinung eine der größten Aufgaben, die uns Deutschen noch bevorstehen, daß wir unser Volk zum Maßhalten erziehen“ (zitiert nach: Löttel 2017, S. 106 f., Anm. 106).

Mehr noch als Adenauer ist Erhard mit seinen Maßhalteappellen in Erinnerung geblieben. Diese Mahnungen bezogen sich aber auf die Tarifdisziplin der Sozialpartner, die Preisdisziplin der Unternehmer und überhaupt die Ansprüche von Interessenverbänden und gesellschaftlichen Gruppen an den Staat. Eine pauschale Konsumkritik kam ihm nicht in den Sinn. Ganz im Gegenteil hat Erhard der Gleichsetzung von Konsum und Materialismus, wie Adenauer sie vornahm, entschieden widersprochen. Als langjähriger Mitarbeiter am „Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware“ in Nürnberg und späterer als Inhaber des „Instituts für Wirtschaftsforschung“ war er in der praktischen Konsumforschung beruflich sozialisiert worden. Im Bundeswirtschaftsministerium propagierte er nun die Implementierung eines Käufermarkts und feierte das öffentlichkeitswirksam als die „Inthronisierung des Kunden“ (Erhard 1957, S. 39). Damit wurde seiner Ansicht nach auch keineswegs der Weg in ein materialistisches Zeitalter beschritten, sondern dem Ziel einer „sozial differenzierten Freiheit des Konsums“ entgegengestrebt, das „einkommensschwächeren Gruppen“ den Anschluss an gehobene Lebensstandards ermöglichen sollte (Schröter 1999, S. 128). Den Vorwurf, seine Wirtschaftspolitik befördere eine materialistische Gesinnung, empfand Erhard als „pharisäerhaft[en]“ Ausdruck von Sozialneid und Standesdünkel. Wie er Adenauer in einem aufschlussreichen Briefwechsel vom Frühjahr 1956 mitteilte, war er sogar der Überzeugung „dass wir gerade umgekehrt über den wachsenden Wohlstand den verderblichen Geist des Materialismus werden bannen können, denn abgesehen von einigen Genies werden die Menschen für geistige und seelische Werte umso aufgeschlossener sein können, je weniger sie in den materiellen Kümmernissen des Alltags gefangen sind“ (alle Zitate: Schreiben an Adenauer vom 16.02.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 588 f.). Erhard grämte sich nicht, „dass die Menschen im Rahmen des ihnen aus produktiver Leistung zufließenden Einkommens konsumieren und besser leben wollen, sondern dass sie in den verschiedenen Gruppen alle zugleich ihren Anteil am Sozialprodukt erhöhen möchten und so die Maße für das Mögliche zu verlieren drohen. Es gilt also nicht Entsagung zu predigen, sondern Besinnung zu wecken. Dass damit nicht jede Primitivität des Konsums gutgeheißen sei, versteht sich von selbst, aber es ist im Rahmen einer freien Gesellschaftsordnung kaum möglich, nach der Verbrauchsseite hin einen Zwang auszuüben, und – was die ethische Seite des Verbrauchs betrifft – handelt es sich hier wirklich nicht mehr um eine Aufgabe der Wirtschaftspolitik“ (Schreiben an Adenauer vom 27.04.1956, in Geppert und Schwarz 2019, S. 654, Hervorhebung im Original).

Damit brachte Erhard auf den Punkt, was er auch schon dem Theologen Oswald Nell-Breuning bei einem Streitgespräch 1955 in einem gereizten Tonfall mitgeteilt hatte: „‚Ich sorge dafür, daß es den Menschen gutgeht, und Sie sorgen für das, was dann kommt.‘“ (zitiert nach: Löttel 2017, S. 102, Anm. 83). Fast hat es den Anschein, als ob er sich nun doch auf eine profan-materielle Politik beschränken wollte und den Anspruch einer übergeordneten ethisch-geistigen Zielsetzung aufgegeben hatte. Das freilich täuscht. Erhard reagierte nur deshalb so emotional, weil ihm die kulturpessimistische Betrachtung des Konsums fremd war. Sein Anspruch war es, so hatte er Adenauer in einem sehr persönlichen Brief zu Weihnachten 1954 mitgeteilt, vermittels der Wirtschaftspolitik eine „naturell[e] Unterbauung“ zu schaffen, damit „unser Volk“ sich „in seinen letzten Zielen und Werten vollenden“ konnte (Schreiben vom 22.12.1954, in Geppert und Schwarz 2019, S. 488). Stets war Erhard davon ausgegangen, der Bundeskanzler würde seine Absicht teilen, die politische Gestaltung der Wirtschaft, jener „relativ primitiven Sache“, in diesen höheren Dienst zu stellen. Nun aber mokierte sich Adenauer über eine ganz irdische Form materieller Primitivität, die er als Ergebnis der Wirtschaftspolitik in der Sozialen Marktwirtschaft festzustellen können glaubte. Dass ihr Einvernehmen in diesem Punkt auf einem Missverständnis beruhte, kränkte Erhard sehr.

9 Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft: das Vermächtnis

Damit sind die zentralen Schnittstellen, aber auch die Divergenzen in der Ethik des ökonomischen Denkens bei Erhard und Adenauer benannt. Ab Ende der 1950er-Jahre wurde ihr Verhältnis durch die Konflikte über die Außen- und Europapolitik sowie den persönlichen „Kampf ums Kanzleramt“ (Koerfer 1987) überlagert. In den noch dokumentierten wirtschafts- und konjunkturpolitischen Auseinandersetzungen konnte sich Erhard zusehends gegenüber Adenauer behaupten (vgl. zum Folgenden im Überblick mit Quellenverweisen Geppert und Schwarz 2019, S. 116–126). Am Ende der Diskussion um die Aufwertung der Deutschen Mark, die im Zuge einer neuerlichen Hochkonjunktur 1960/61 empfohlen wurde, musste sich der alte Regierungschef dem Druck von Wirtschaftsminister, Finanzminister und dem Bundesbankpräsidenten beugen. Auch die Senkung der Zölle für ausländische Kraftfahrzeugimporte, durch die Preissteigerungen bei der westdeutschen Automobilindustrie sanktioniert werden sollten, vermochte er nicht abzuwenden. Wenig Erfolg beschieden war schließlich einer währungspolitischen Initiative, mit der Adenauer – gegen den Willen Erhards – einer vermeintlichen Inflationsgefahr entgegenwirken wollte.

Der Kanzlerwechsel 1963 beendete das dienstliche Verhältnis zwischen Adenauer und Erhard, das über die Jahre manchen Turbulenzen ausgesetzt war, im Unfrieden. Es hatte sich aber nie in stupider Feindschaft erschöpft, sondern erscheint – erst recht in der historischen Rückschau – ambivalenter, komplexer. In der alltäglichen Politik rangen Kanzler und Minister um die richtigen Konzepte zur Implementierung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, an die sie beide glaubten, obgleich sie bei vielen Gelegenheiten unterschiedliche oder gar abweichende Akzente setzten. Nach der Lektüre der „Rhöndorfer Ausgabe“ wird niemand mehr bestreiten wollen, dass ihre Leistungen auf diesem Gebiet untrennbar miteinander verbunden sind.

Wahr ist aber auch: Die „Soziale Marktwirtschaft“ stellte sich nicht als geschlossenes, fertig ausformuliertes Konzept dar, das nur noch administrativ umgesetzt werden brauchte. Sie musste vielmehr – und muss es bis auf den heutigen Tag – ausverhandelt und unter Wahrung ihrer Grundprinzipien und Leitmotive auf die jeweils akute politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage übersetzt werden. Nur so verkommt sie nicht zur leeren Formel. Auch diese Mahnung gehört gewissermaßen zum Vermächtnis Adenauers und Erhards.

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Footnotes

1

Der Autor dieses Beitrags ist Bearbeiter der Edition, deren Ertrag hiermit vorgestellt wird. Die meisten der nachfolgenden Dokumentenzitate sind aus dem Band entnommen, der – dem Reihenkonzept der „Rhöndorfer Ausgabe“ gemäß – der quellenbasierten Grundlagenforschung zu Konrad Adenauer und seiner Politik dient.

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  • Westrick, Ludger (1976), Adenauer und Erhard. In: Dieter Blumenwitz et al. (Hg.), Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. Beiträge von Weg- und Zeitgenossen. Stuttgart, S. 169–176.

  • Wünsche, Horst Friedrich (2015), Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft. Wissenschaftliche Grundlagen und politische Fehldeutungen. Reinbek/München.

  • Wünsche, Horst Friedrich (2016), Zur Ideengeschichte der Sozialen Marktwirtschaft. In: Historisch-Politische Mitteilungen, 23, S. 39–76.

  • Zündorf, Irmgard (2006), Der Preis der Marktwirtschaft. Staatliche Preispolitik und Lebensstandard in Westdeutschland 1948 bis 1963. Stuttgart.

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