Marktwirtschaft reparieren

and Stephan Wolf
OliverRichters und AndreasSimoneit, Marktwirtschaft reparieren. Entwurf einer freiheitlichen, gerechten und nachhaltigen Utopie, Oekom Verlag, München2019, 200 Seiten

Oliver Richters und Andreas Simoneit, Marktwirtschaft reparieren. Entwurf einer freiheitlichen, gerechten und nachhaltigen Utopie, Oekom Verlag, München 2019, 200 Seiten

In ihrem Buch „Marktwirtschaft reparieren“ unternehmen die beiden Autoren Oliver Richters und Andreas Simoneit den lohnenswerten Versuch, zwei weitgehend disjunkte Bereiche miteinander in Verbindung zu bringen: Den in der letzten Dekade immer umfangreicher gewordenen Strang der Literatur, die sich kritisch mit Wirtschaftswachstum, Markt und Kapitalismus auseinandersetzt, und die seit bald einem Jahrhundert bestehende Tradition der Ordoliberalismus. Gerade unter dem Label „Soziale Marktwirtschaft“ ist letztere Denkrichtung geradezu ein Synonym für das beispiellose Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg geworden. Der Verweis auf Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ ist zwar etwas abgedroschen, darf an dieser Stelle aber nicht fehlen. Ordoliberalismus ist, das wird hier niemand bestreiten, im Kern ein markt- und kapitalismusfreundliches Wirtschafts- und Gesellschaftsprogramm, dem zumindest implizit immer auch das Versprechen von einer (materiell) besseren Welt innewohnt. Die seit den frühen 1970er-Jahren entstandene Wachstumskritik scheint – zumindest auf den ersten Blick – in allen Kernpunkten die Antithese des ordoliberalen Programms zu sein: Der Markt unterwirft alles, bis hin zu Naturgütern, einer gnadenlosen Preislogik; der Kapitalismus beutet Mensch und Umwelt zugunsten einer reichen Minderheit restlos aus und hinterlässt eine Spur zerstörerischen Raubbaus; Wachstum produziert materiellen Überfluss, der uns nicht glücklicher, sondern abhängiger und seelisch ärmer werden lässt. Wie können diese beiden Denkrichtungen, die sich auf den ersten Blick zueinander zutiefst antithetisch verhalten, zu einer Synthese verschmolzen werden?

Richters und Simoneit verfolgen wie auch andere Wachstumskritiker einen radikalen Ansatz. Im Gegensatz zu jenen ist ihr Ausgangspunkt jedoch kein „an die Wurzel gehender“ Marxismus oder (Links-)Anarchismus, wie er in vielen wachstumskritischen Positionen zu finden ist. Stattdessen legen sie zunächst frei, was aus ihrer Sicht die grundlegenden Prinzipien der Marktwirtschaft sind, und untersuchen dann, inwiefern in Theorie und insbesondere in der gesellschaftlichen Praxis diese Prinzipien durchbrochen werden. Ihre zentrale These: Freier Markttausch heißt, dass keine verzerrenden Faktoren den Tausch beeinflussen, und verzerrend sind Faktoren dann, wenn sie Folge illegitimer Machtpositionen sind. Ganz klassisch wäre dies der Fall, wenn ein Monopolist einen überhöhten Preis verlangen kann, also eine „Rente“ realisiert. Hier orientieren sich Richter und Simoneit ganz offensichtlich am idealen Markttausch, wie er in Einführungsbüchern für VWL-Studierende beschrieben wird. Sie erkennen in diesem Tausch aber nicht nur das Potential zu Effizienzsteigerungen – dies wird natürlich auch hervorgehoben –, sondern sehen hier auch das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit idealiter umgesetzt. Wenn Preise nicht durch Machtpositionen, sondern durch Leistung bestimmt werden, dann werden diejenigen belohnt, die sich auch entsprechend bemüht haben. Nach Richters und Simoneit ist dies ein fundamentales Prinzip, das sich angeblich in allen Kulturkreisen wiederfindet. Fast möchte man an den politischen Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ denken. Aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit von Akteuren in einer Marktgesellschaft entsteht so ein Geflecht umfassender Reziprozität, in welchem – da der Tausch Geld gegen Ware/Dienstleistung stets simultan und abschließend erfolgt – ständig Wertäquivalente getauscht werden. Niemand kann sich auf diese Weise systematisch einen Mehrwert (im Marx’schen Sinne) durch Ausbeutung aneignen. Es sind aber gerade die Verstöße gegen diese fundamentalen Marktprinzipien, die nach Richters und Simoneit für gravierende Verzerrungen in Wirtschaft und Gesellschaft sorgen und damit inakzeptable „leistungslose Einkommen“ ermöglichen. Das genannte und bekannte Beispiel des Monopolisten ist für sie nur ein Beispiel von vielen, in denen vermachtete Strukturen zu inakzeptablen Verwerfungen führen. Die Lösung für die Probleme des Wirtschaftssystems – inklusive der Umweltfrage – liegt daher nicht in „weniger Markt“, sondern in einer konsequenten Anwendung von Marktprinzipien, insbesondere der strikten Orientierung am Leistungsprinzip. Sie machen hierbei „vier Brennpunkte der Marktwirtschaft“ aus: (1) Kredite, (2) technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum, (3) Grundeigentum sowie (4) Marktmacht. All diese werden vor dem Hintergrund der „Utopie Marktwirtschaft“ auf Problemursachen hin untersucht und es werden entsprechende Lösungen vorgeschlagen.

  1. (1)Kernproblem des Geld- und Kreditwesens ist den Autoren zufolge, dass Banken quasi beliebig Geld durch private Kredite schöpfen könnten. Geld erhielten also am Ende nicht diejenigen, die es als Kompensation für echte Leistung verdient hätten; stattdessen fänden intransparente „Geldschöpfungsprozesse“ zugunsten bereits Privilegierter (also Kreditfähiger) statt, die politisch kaum zu kontrollieren seien. Richters und Simoneit fordern eine Abkehr von dieser privaten Geldschöpfung. Vielmehr solle der Staat sich dem Konzept des Vollgeldes verschreiben: Kredite ließen sich dann nicht via Schulden „aus der Luft“ schaffen, sondern müssten mit echten Werten voll hinterlegt sein. Dies würde das Geldsystem (wieder?) zu dem machen, was es für die Bürger sei: Ein System des Transfers realer Werte, sodass Geld einfach wieder Tauschmittel statt Spekulationsobjekt würde.
  2. (2)Bei technischem Fortschritt und Wachstum gehen die Autoren explizit auf das eingangs beschriebene Themenfeld ein. Hier bedienen sie sich dem bekannten Konzept der „Externalitäten“, um ein Auseinanderfallen von Leistungsentlohnung (Nutzen) und Kosten beim Ge- und Verbrauch natürlicher Ressourcen zu konstatieren. Einen grundlegenden „Wachstumszwang“ können sie nicht erkennen, vielmehr sei Wachstum politisch erwünscht, um technologisch bedingter Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. An dieser Stelle unterscheiden Richters und Simoneit am deutlichsten zwischen Marktwirtschaft als Koordinationsmechanismus und Kapitalismus als Eigentumsordnung mit Privateigentum an Produktionsmitteln. Unternehmer in einem Markt wären nicht gezwungen, ständig ihre Gewinne zu steigern, sondern müssten lediglich Produktionskosten und Lebensunterhalt decken – Investitionen in Expansion wären unter Umständen möglich, aber nicht nötig. Derart „stagnierende“ Unternehmen könnten dann ohne Wachstumszwang über Märkte in Tausch mit den Konsumierenden treten. Problematisch werde es erst, wenn die Logik der leistungslosen Einkommenssteigerung hinzukomme: Die Extraktion natürlicher Ressourcen – insbesondere fossiler Energie – erlaube es den Kapitaleignern, den persönlichen Gewinn ohne großen Aufwand zu steigern. Zusatzgewinne ließen sich in produktivitätssteigernde Technologien investieren, was aber technologisch induzierte Arbeitslosigkeit mit sich brächte. Politisch sei es dann nötig, den Wachstumsprozess noch weiter anzukurbeln, damit neue Arbeitsplätze schneller entstünden als alte obsolet würden. Als Maßnahmen gegen ökologischen Raubbau setzen die Autoren auf Absolutgrenzen für die Nutzung natürlicher Ressourcen; festgelegte Kontingente sollten dann via Zertifikate über Märkte gehandelt werden. Dies würde, im Gegensatz zu Steuerlösungen, das Einhalten absoluter Grenzen („Caps“) und eine effiziente Ressourcennutzung garantieren. Einnahmen aus Zertifikatsversteigerungen sollten dann als Ressourcendividende an alle verteilt werden, was auch ein Beitrag zum Schließen der Arm-Reich-Lücke wäre.
  3. (3)Ähnlich wie bei natürlichen Ressourcen stellen die Autoren fest, dass sich Bodeneigentümer vielfach leistungslose Renten aneignen, da die Steigerung von Bodenwerten (Bauland) meist nichts mit dem Verhalten von Bodeneigentümern zu tun hat. Vielmehr profitierten diese ohne eigene Leistung von der sich ständig verbessernden Infrastruktur – besonders in urbanen Räumen. Zur Abschöpfung solcher Bodenrenten empfehlen Richters und Simoneit eine Bodensteuer, deren Erlöse zugunsten aller Bürger – z. B. durch Infrastrukturförderung – eingesetzt werden sollten.
  4. (4)Der letzte Punkt verweist letztlich auf die klassische ordoliberale Agenda: Machtstrukturen in Märkten unterlaufen den Wettbewerb und das Leistungsprinzip, zudem gelingt es den wirtschaftlich Starken durch Lobbyismus-Tätigkeiten mehr als der breiten Schar an Bürger und Verbrauchern, die eigene Agenda auch politisch durchzusetzen. Problem und Lösungen sind daher für ORDO-Leser bekannt.

Das Buch schließt mit einem Plädoyer für eine „richtig“ verstandene Marktwirtschaft, in der der Staat als Regelgeber und nicht als diskretionärer Akteur das Marktgeschehen beeinflusst – ein Schluss, dem Ordnungsökonomen nichts entgegensetzen werden.

Dem Leser dieser Rezension wird aufgefallen sein, dass Vieles nach recht basalen ökonomischen Erkenntnissen klingt. In der Tat stellen Teil I und II (die zusammen etwas weniger als die Hälfte des Buches umfassen) eher eine geraffte Einführung in die VWL dar, mit Schwerpunkt auf die Vorteile des Markttausch. Hier zeigt sich eine Schwäche des Buches: Es versucht zwei widersprüchliche Ziele auf einmal zu erreichen. Einerseits will es ökonomisch Uninformierte mit einem „Basiswissen Markt“ versorgen. Dies ist an sich sinnvoll, da Wachstumskritiker – so meine eigene Erfahrung – oft reflexhaft alles ablehnen, was mit „Markt“ oder „Kapitalismus“ zu tun hat. Andererseits geht dies zu Lasten des zweiten Ziels, nämlich Lösungen für die ökologische Wachstumskrise aufzuzeigen, die auf dezentralen Marktlösungen und individueller Freiheit innerhalb eines Regelrahmens setzen – im Gegensatz zu vielen wachstumskritischen Vorschlägen, die auf dem engen Korsett sozialer oder staatlicher Kontrolle des Individuums beruhen. Die Analyse der vier Problembereiche und der Lösungsansätze in Teil III gerät so leider relativ kurz. Exemplarisch hierfür das Ende von Kapitel 5 zum Geldwesen: „Eine detaillierte Diskussion solcher Vorschläge geht über den Rahmen des Buches hinaus, zumal viele Fragen noch ungeklärt sind.“ Genau das wäre die Stelle gewesen, an der sich die Leser die nicht gelieferten Details gewünscht hätte, da viele Ideen zu vage bleiben. Auch bei den anderen Kapiteln von Teil III ergibt sich dieser Eindruck. Dies ist insofern schade, als die beiden Autoren in der Diskussionspapierreihe der Vereinigung für Ökologische Ökonomie bereits weitergehende Gedanken entwickelt haben, deren Übersetzung in die nicht-technische Sprache eines solchen Buches gelohnt hätte. Insgesamt würde es sich lohnen, die beiden Projekte „Basisbildung“ sowie „Analyse und Lösung für Fortgeschrittene“ in getrennten Büchern zu behandeln.

Damit verknüpft ist der Eindruck, dass die Analyse eines derart komplexen Phänomens wie Wirtschaft – noch dazu mit dem Anspruch, die konträren Positionen „Wachstumskritik“ und Ordoliberalismus zu vereinen – auf knapp 200 Seiten nicht gelingen kann, selbst wenn die vollmundigen Ankündigungen des Buches anderes vermuten lässt. Richters und Simoneit versuchen dies dennoch zu erreichen, indem sie eine sehr simple Schablone entwerfen. Kapitel 2 ist entsprechend überschrieben: „Gute Marktwirtschaft, böse Marktwirtschaft“. Die „böse“ Seite wird dabei oftmals diffus mit Kapitalismus gleichgesetzt, auch wenn nirgends klar wird, was mit Kapitalismus gemeint ist. Ein Blick u. a. in die Werke Euckens und anderer Ordoliberaler hätte gezeigt, dass es hier ganz unterschiedliche Modelle gibt, die alle unter dem schillernden Begriff „Kapitalismus“ firmieren (einen Überblick liefern z. B. Fritz und Goldschmidt (2019) sowie Plumpe (2018)). Es ist zu bezweifeln, dass sich „Markt“ und „Kapitalismus“ trennscharf abgrenzen lassen, es sei denn, den Autoren schwebt tendenziell ein „Marktsozialismus“ vor. Hier wäre vielmehr noch viel Arbeit zu leisten, um das Verhältnis von Markt, Kapitalismus – und letztlich auch Demokratie – genau zu beleuchten.

Die Kritik an „leistungslosen Einkommen“ und an der Generierung von Renten ist sicherlich berechtigt und im Einklang mit ordoliberalem Gedankengut. Aber die Schlussfolgerung, man müsse nur überall für „mehr Markt“ sorgen, ist weit unterkomplex. Hier verkennen die Autoren das vielfältige Wechselspiel zwischen Markt und Staat, das Ordnungsökonomen in zahllosen Arbeiten beleuchtet haben. Der Markt als „Quick Fix“ ist zu einfach gedacht, und auch der obligatorische Verweis auf den Ordnungsrahmen heilt dies nicht. Besonders klar wird dies beim Blick auf die normative Basis des Buches. Richters und Simoneit überhöhen das Leistungsprinzip als das Gerechtigkeitsprinzip in Gesellschaften. Dabei spielen die Prinzipien „Gleichheit“ und „Bedürftigkeit“ nicht minder prominente Rollen. Am Ende funktionieren Gesellschaften eben, in dem sie diese drei legitimen Prinzipien weitgehend zum Ausgleich bringen. Die Autoren müssen selbst wiederholt ihre eigene normative Basis der Leistungsgerechtigkeit zurückstellen und auf Bedürftigkeit verweisen, wenn sie ad hoc eine Korrektur allzu ungleicher Einkommensverhältnisse verlangen. Dass die vorgeschlagenen Maßnahmen die Arm-Reich-Schere im Einklang mit dem Leistungsprinzip erkennbar verkleinern würden, ist ein spannender Gedanke, aber eben auch nur eine Behauptung. Zahlreiche Maßnahmen – etwas die Pro-Kopf-Verteilung von Ressourcenzertifikaten – wäre eine politische Entscheidung, die zunächst nichts mit Leistungsgerechtigkeit zu tun hat. Hier leidet die Utopie an dem, was vielen normativen Vorschlägen zu schaffen macht: Ein Prinzip soll alles regeln, was aber nicht gelingt, weshalb ad hoc-Korrekturen vorgenommen werden. Hier müssten die beiden Autoren noch wesentlich systematischer herausarbeiten, wie sich die „Utopie Marktwirtschaft“ und deren Fundamentalprinzip „Leistungsgerechtigkeit“ mit der „Utopie Demokratie“ und deren Ideal der Gleichheit verträgt, und wie nicht zuletzt das Prinzip der Bedürfnisgerechtigkeit mit hineinspielt, auf welches die „Utopie Solidargemeinschaft“ basiert.

Abschließend ein Gedanke zur Marktwirtschaft als „Utopie“: Die Autoren verwechseln hier das neoklassische Modell des freien Markttausches, der bekanntermaßen eine Pareto-effiziente Allokation zum Ergebnis hat, mit einem normativen Leitbild. Bereits in den Grundlagenveranstaltungen der Mikroökonomik wird den Studierenden – wenn auch nur am Rande – beigebracht, dass Effizienz und Gerechtigkeit nicht deckungsgleich sind. Dies ist der implizite Kern des Zweiten Hauptsatzes der Wohlfahrtsökonomik. In einem hypothetisch-idealen Markt sind Tauschergebnisse nur dann gerecht, wenn man sich der utilitaristischen Verteilungsnorm verschreibt. Dies tun die Autoren, wenn sie Markttausch mit Gerechtigkeit gleichsetzen. Die utilitaristische Verteilungsnorm ist aber nicht allgemein konsensfähig (auch nicht hypothetisch) und zudem potentiell illiberal, wie John Rawls in „A Theory of Justice“ (1971) zeigt. Der Sprung von subjektbezogenen Präferenzen zu gesellschaftlichen Normen verlangt weit mehr als die Aufaddierung individueller Einkommen zu einem Aggregat, wie wir aus der Debatte um Arrows „Impossibility Theorem“ wissen. Der übliche Verweis auf Nutzengenerierung über monetäre Größen hinauf hilft hier nicht weiter, da es keine konsistente Methodik gibt, Nutzen intersubjektiv zu aggregieren. Ich vermute, die beiden Autoren hatten eine solch theoretische wohlfahrtsökonomische Debatte nicht im Sinn, als sie auf die Gerechtigkeit von Markttausch verwiesen. Aber all diese Punkte werden implizit mitberührt. Gerade deshalb scheint es mir wichtig, dass Richters und Simoneit die im Buch anklingende Verabsolutierung der Leistungs- und damit Tauschgerechtigkeit revidieren und die Grenzen des Leistungsprinzips gegenüber anderen Gerechtigkeitsprinzipien systematisch herausarbeiten. Der Ad hoc-Verweis darauf, dass Kinder oder Menschen mit Behinderung natürlich nicht im selben Maße als leistungsfähig gelten können wie „normale“ Menschen, reicht nicht aus. Hier sollten die beiden einen Blick in die Debatte um „Responsibility Based Justice“ werfen. Der genannte John Rawls, Ronald Dworkin (1981a, b), John Roemer (1996) und andere haben gezeigt, dass das Leistungsprinzip nur dort konsequent anwendbar ist, wo Menschen ganz allein für den eigenen Erfolg verantwortlich sind. Das wäre, um mit Richters und Simoneit zu sprechen, nur in einer „Eigenverantwortungs-Utopie“ der Fall – also in „U-topia“, einem Nicht-Ort, einem Nirgendwo. Als Gesellschaft sind wir dennoch bereit, in gewissen Bereichen auf das Leistungsprinzip vertrauen, auch wenn es sich nicht „in Reinkultur“ umsetzen lässt. All dies ist aber eine kollektive und kulturelle Aushandlungssache. Die Verabsolutierung des Leistungsprinzips, wie es bei Richters und Simoneit immer wieder anklingt, ist zu kurz gegriffen und unterkomplex. Es würde sich aber lohnen, hier genauer zu differenzieren, gerade, wenn es um gesellschaftlich eingeräumte Rechte an der Nutzung von Naturleistungen geht – die ja gerade niemand von uns durch eigene Leistung erzeugt hat. Man denke beispielsweise an die Regulation des Klimas durch natürliche Prozesse, die Erzeugung von Sauerstoff durch Wälder oder die Aufrechterhaltung des Wasserkreislaufs. Niemand wird bestreiten, dass wir alle ein (mindestens moralisches) Recht haben, von diesen Gütern zu profitieren. Die Berechtigung begründet sich aber gerade nicht durch irgendeinen individuellen Beitrag zu diesen Ökosystemdienstleistungen, sondern durch das Faktum, dass wir Menschen mit bestimmten Grundbedürfnissen sind. Gerade bei Naturgütern kann das Leistungsprinzip also nicht als Richtschnur dienen. Bestenfalls hilft es uns zu erkennen, dass – und hier folge ich Richters und Simoneit – sich manche Menschen Naturgüter ohne Kompensation anderer weit über den eigenen Bedarf aneignen, was erkennbar problematisch ist.

Das alles soll nicht heißen, dass die Analysen von Richters und Simoneit nicht hilfreich wären. Im Gegenteil, sie zeigen auf, dass an vielen Stellen eine konsequentere Anwendung von Markt- und Leistungsprinzipien als Richtschnur Probleme verringern würde. Allgemein sei hier an diverse Formen der Rentengenerierung – insbesondere Bodenrenten, Monopolrenten und Externalisierung von Kosten – gedacht. Gleichzeitig wird aber auch klar, (a) an welchen Stellen Märkte einer politischen Einhegung bedürften und (b) dass schon deswegen das Leistungsprinzip allein als Orientierung nicht ausreicht, wie bereits der mehrfache, aber letztlich stets arbiträre Verweis der Autoren auf ein Minimum an Gleichheit zeigt. Hier wäre eine systematische Analyse des Zusammenwirkens von Markt, Eigentumsrechten, Staat, Demokratie und Gesellschaft vonnöten – und zwar unter der Prämisse, dass das ökonomische System nicht wachsen darf. Explizit nicht gemeint ist dabei, dass durch eine absolute Entkoppelungsstrategie das BIP weiter steigt, die Umweltbelastung aber zurück geht. Derartige Versuche „grünen Wachstums“ sind weder theoretisch noch empirisch haltbar. Wachstum ökonomischer Größen führt – entgegen den Beteuerungen der Verfechter von Green Growth- oder Green New Deal-Strategien letztlich immer zur physischen Expansion des Wirtschaftssystems. Somit stellen sich die tatsächlich spannenden Fragen, sobald wir den Versuch unternehmen, das ökonomische System ohne Wachstumslogik zu denken. Gerade aus ordnungsökonomischer Sicht wäre zu hinterfragen: Ist dies kompatibel mit Wettbewerbsmärkten? Müssen bestehende Eigentumsstrukturen geändert werden? Wäre dies vereinbar mit der wirtschaftlichen Freiheit des einzelnen? Wie können Wachstumsgrenzen in einem demokratischen Rechtsstaat legitimiert und durchgesetzt werden? Das vorliegende Buch macht einen interessanten Anfang. Weitere Beiträge, die tiefer und umfassender ansetzen, müssen aber noch folgen.

Zusammenfassend: Das Buch „Marktwirtschaft reparieren“ hat ein sehr sinnvolles Anliegen, nämlich Gemeinsamkeiten von Wachstumskritik und Ordoliberalismus aufzuzeigen. Damit ragt es wohltuend aus der Vielzahl wachstumskritischer Werke heraus, die gewöhnlich einen fundamentalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft fordern, oft mit erkennbaren kollektivistischen und freiheitsbedrohenden Tendenzen. Der Fokus der Autoren auf „Leistungsgerechtigkeit“ und die Darstellung des Problems leistungsloser Einkommen erlaubt viele interessante Erkenntnisse, an welchen Stellen das bestehende Systems schädliche Ergebnisse hervorbringt. Allerdings bleibt die Analyse dabei unterkomplex und holzschnittartig. Mögliche Interdependenzen (auch von Lösungsansätzen) bleiben unberücksichtigt. Ich schlage daher vor, in einer Neuauflage den lehrbuchartigen Einführungsteil zu streichen (oder in einen eigenen Band auszulagern) und dafür die Analyse systematischer und den Lösungsteil umfassender zu gestalten.

Literatur

  • Dworkin, Ronald (1981a), Equality of Opportunity. Part 1: Equality of Welfare, Philosophy and Public Affairs 10, S. 185–246.

  • Dworkin, Ronald (1981b), Equality of Opportunity. Part 2: Equality of Resources, Philosophy and Public Affairs 10, S. 283–345.

  • Fritz, Roland und Nils Goldschmidt (2020, im Erscheinen), „Kapitalismus“. In: Staatslexikon der Görres-Gesellschaft, 8. Aufl., Freiburg.

  • Plumpe, Werner (2019, im Erscheinen), „Kapitalismus“. In: Staatslexikon der Görres-Gesellschaft, 8. Aufl., Freiburg.

  • Rawls, John (1971), A Theory of Justice, Cambridge.

  • Roemer, John (1996), Theories of Distributive Justice, Cambridge.

If the inline PDF is not rendering correctly, you can download the PDF file here.

  • Dworkin, Ronald (1981a), Equality of Opportunity. Part 1: Equality of Welfare, Philosophy and Public Affairs 10, S. 185–246.

  • Dworkin, Ronald (1981b), Equality of Opportunity. Part 2: Equality of Resources, Philosophy and Public Affairs 10, S. 283–345.

  • Fritz, Roland und Nils Goldschmidt (2020, im Erscheinen), „Kapitalismus“. In: Staatslexikon der Görres-Gesellschaft, 8. Aufl., Freiburg.

  • Plumpe, Werner (2019, im Erscheinen), „Kapitalismus“. In: Staatslexikon der Görres-Gesellschaft, 8. Aufl., Freiburg.

  • Rawls, John (1971), A Theory of Justice, Cambridge.

  • Roemer, John (1996), Theories of Distributive Justice, Cambridge.

OPEN ACCESS

Journal + Issues

ORDO is a forum for the discussion of fundamental concepts in institutional and regulatory economics and their application to real-life national and international problems. ORDO is the only academic journal in the German-speaking world that explicitly specializes in the interplay between economic, legal, political, and social organizational systems.

Search