Weniger Haben, mehr Teilen?

and Thomas Köster
JulianDörr, NilsGoldschmidt und FrankSchorkopf, Share Economy – Institutionelle Grundlagen und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen, Reihe: Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert, Band 1, Mohr Siebeck, Tübingen2018, 218 Seiten

Julian Dörr, Nils Goldschmidt und Frank Schorkopf, Share Economy – Institutionelle Grundlagen und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen, Reihe: Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert, Band 1, Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 218 Seiten

Die Herausgeber von „Share Economy“ wissen selbst um den Mangel einer präzisen Definition bei der Diskussion um die titelgebende Share Economy. Mit dieser Feststellung eröffnen sie ihr Buch. Medial ist mittlerweile der Begriff einer Sharing Economy geprägt. Eigentümer stellen vorübergehend den Besitz oder die Nutzung bestimmter Güter mittels digitaler Plattformen Dritten vorübergehend zur Verfügung. Wer begrifflich derart voreingenommen ist, könnte Schwierigkeiten beim Lesen des Sammelbandes haben. Löst sich der Leser von dieser engen Definition, und hat die Schere im Kopf erst abgelegt, wird die Lektüre zu einer spannenden Reise durch die digitale Welt der Wirtschaft.

Da es an einer genauen Begriffsbestimmung mangelt, machen die Herausgeber aus der Not eine Tugend und erlauben den Autoren eine breite Einordnung. Gleichwohl kreisen alle Beiträge um die Frage, ob eine Share Economy unser bisheriges Wirtschaftsmodell ablösen kann: Werden wir vom Gewinnstreben erlöst, und können wir der Verheißung eines nachhaltigen Konsums trauen? Und ist die Share Economy eine moralisch überlegene Alternative zur Konsumgesellschaft? Ist Teilen künftig wichtiger als Haben? Die Autoren ziehen dabei sehr unterschiedlich enge Kreise und nähern sich ihrem Untersuchungsgegenstand aus verschiedenen Richtungen.

Nothelle-Wildfeuer/Skala legen ihren Beitrag eher breit an und nehmen die sozialethischen Implikationen einer Wirtschaftsordnung grundsätzlich in den Blick. Haucap/Kehder und Hawlischek/Teubner analysieren eine engere Definition der Sharing Economy. Die Herangehensweisen sind den Professionen der einzelnen Autoren geschuldet. Dieser interdisziplinäre Ansatz ist mithin die eigentliche Stärke des Bandes. Gerade weil die Herausgeber es verstanden haben, verschiedene Perspektiven zuzulassen, ist das Buch bis zur letzten Seite intellektuell anregend.

Einige der Autoren konzentrieren sich auf Plattformökonomie im Konsumentenmarkt. Die Sharing Economy ist auf Plattformen angewiesen. Sie bringen Anbieter- und Nachfrager zusammen und organisieren den Austausch (Peer-to-Peer-Netzwerkorganisation). Über die direkte Konsumenteninteraktion hinaus gibt es jedoch viele weitere Ausprägungen der Plattformökonomie: Etwa im Business-to-Business-Bereich (B2B) oder Business-to-Customer-Lösungen, über die gewerbliche Anbieter Waren und Dienstleistungen an Endverbraucher vertreiben. Auch hier werden Informationen getauscht, Dienstleistungen geteilt oder Ressourcen zweitverwertet.

Aus Konsumentensicht sind vor allem die P2P und B2C-Plattformen relevant. Da gibt es die Vermittlung ortsabhängiger Gig-Work: Ähnlich wie bei der Buchung von Musikern (Gig) werden Dienstleistungen an einen bestimmten Ort vermittelt. Was ein Promoter mit guten Kontakten früher am Telefon mühsam erledigt hat, wird heute mit wenigen Klicks digital optimiert auf einer Plattform koordiniert. Oder der Vertrieb und die Versteigerung von ortsunabhängiger Crowd-Work: Wissensarbeiter erledigen ihnen aufgetragene Arbeit – wo auf der Welt sie das tun, bleibt ihnen überlassen. Davon abzugrenzen sind die Sozialen Medien: Menschen vernetzen sich und lassen andere an ihrem Leben teilhaben. EBay und Amazon wiederum sind klassische Plattformen für den Onlinehandel (E-Commerce), eröffnen aber auch Angebote für den Wiederverkauf von Waren (Redistribition).

Es gibt aber auch andere Einordnungen, derer sich die Autoren bedienen. Dörr/Goldschmidt bilden Cluster nach Art der angebotenen Leistungen. Haucap/Kehder unterscheiden nach Marktorganisation, Hawlitschek/Teubner nach dem Grad der Kommerzialisierung und der Art der angebotenen Ressource. Immer wieder genannt werden die Unternehmen AirBnB und Uber. Viele Autoren argumentieren vor allem entlang der Geschäftsmodelle dieser Globalplayer. Mancher sieht darin allerdings keine neuen Geschäftsfelder, sondern lediglich die Fortentwicklung etwa des Taxigewerbes oder einer Ferienwohnungsvermittlung im digitalen Zeitalter.

So beschreibt es auch Hesse und zieht wirtschaftshistorische Parallelen zur Share Economy. Er findet sie in den historischen Vorbildern der Allmende-Wirtschaft, der Pfandleihe oder dem Genossenschaftswesen. So begründet er auch seine Skepsis, was die beiden widerstreitenden Grundthesen des Bandes betrifft: Share Economy führe entweder zur Erosion unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsbildes bzw. ergänze es. „Hirngespinste über einen nachhaltigen Strukturwandel des Kapitalismus“ hält er für untauglich. Vielmehr handele es sich um eine IT-Revolution, die dem bekannten Phänomen des Teilens neuen Schwung verleihe. Insbesondere Hesses abschließende Analyse ist bestechend in seiner Argumentation und charmant im Stil. Er erteilt der zentralen These des Sammelbandes unumwunden eine Absage: „ohne klassische Marktwirtschaft gibt es keine Share Economy“.

Dennoch hat die technische Entwicklung auch neue Phänomene hervorgebracht. Es ist unübersehbar, dass in der Digitalwirtschaft unzählige neue Geschäftsmodelle entstehen und sich der Wandel der Wirtschaft beschleunigt. Gleichwohl fällt es schwer, sie zu kategorisieren und einzuordnen. An den Beispielen Uber und AirBnB beschreibt Ludwigs, wie schwimmend die Grenzen einzelner Geschäftsmodelle sind. Uber startete als Limousinenservice in einem klassischen Geschäftsfeld, allerdings mit digitalem Vertrieb (E-Commerce). Mit seinem Angebot, Mitfahrgelegenheiten zu vermitteln, ist Uber ein Unternehmen der Sharing Economy im engeren Sinne. Jedoch nur wenn Fahrer auf ohnehin gefahrenen Strecken Mitfahrer finden (früher UberPop). Dass Uber als Taxiunternehmen – mit Privatpersonen als Fahrer – agiert, wurde sehr schnell (auch juristisch) klargestellt. Die Fahrer bieten ihre Dienstleistung unabhängig von der Strecke für eine bestimmte Zeit an. Das Nutzerverhalten hat ein Geschäft der Sharing Economy in die Kategorie Gig-Work verschoben. Weil UberPop in vielen Ländern an der Regulierung zur Personenbeförderung gescheitert ist, bietet das Unternehmen nun mit UberPool ein neues, nur auf geteilte Fahrten ausgerichtetes Geschäft an. Mit UberTaxi ist das Unternehmen neuerdings auch im klassischen Geschäftsfeld aktiv.

Auch bei AirBnB sind die Grenzen fließend. Dient die vorübergehende Nutzung einer privaten Wohnung der Vermeidung von Leerstand? Wann handelt es sich um eine reguläre Vermietung, und ab wann wird ein solches Vermietungsgeschäft zu einer gewerblichen Aktivität? Es ist schon ein Unterschied, ob eine Wohnung für die Dauer des eigenen Urlaubs zur Verfügung gestellt oder ob sie ausschließlich zur AirBnB-Vermittlung vorgehalten wird. So sehen es auch viele Kommunen und versuchen das AirBnB-Geschäft strenger zu regulieren.

Ludwigs zeigt Anknüpfungspunkte der Geschäftsmodelle von Uber und AirBnB in der derzeitigen Rechtsordnung. Er überprüft die Rechtsquellen am Beispiel der Anwendungen, und findet keinerlei Regelungslücken der Rechtsordnung in Bezug auf die Geschäftsmodelle. Gleichwohl räumt der Rechtsprofessor ein, dass der demokratische legitimierte Gesetzgeber durchaus Spielraum für „umfassende (De-)Regulierung“ habe.

Zu Fragen der Regulierung wollen Haucap/Kehder Antworten aus ordnungsökonomischer Sicht geben. Sie grenzen den Untersuchungsgegenstand zunächst eng ein und konzentrieren sich auf das in der aktuellen Diskussion gängigstes Verständnis einer Sharing Economy: Sharing im Sinne des Teilens einer physischen Ressource auf Zeit im Rahmen einer Peer-to-Peer Netzwerkorganisation (P2P). Die Autoren tun sich schwer, bestimmte Geschäftsmodelle, wie das Cloud-Computing (Hochleistungsrechner oder Speicherplatz werden geteilt) oder Crowd- und Gig-Work unter Sharing Economy zu subsumieren. Hier ginge es nicht um die zeitweise Überlassung des Besitzes an einem Gut zur Nutzung ohne Eigentumsübergang. Der anschließenden Analyse tut dieser eng abgesteckte Rahmen gut. Die Autoren widmen sich einzelnen Problemstellungen und bieten konkrete Lösungen an. Sie konzentrieren sich auf zwei wesentliche Fragen. Bietet Sharing Economy einen unlauteren Wettbewerbsvorteil, weil sie sich durch die Art und Weise des Angebots der Regulierung entzieht? Und: Erodiert mit der Sharing Economy ein über viele Jahre entwickelter Ordnungsrahmen? Sprich: Welche Regulierung braucht es, damit sich digitale Geschäftsmodelle anpassen müssen (Durchsetzung), und wo ist Regulierung im digitalen Zeitalter obsolet geworden und muss reformiert oder sogar abgeschafft werden (Disruption). Die Autoren machen Vorschläge, wie beide Ziele erreicht werden können. So könnte man mithilfe von Schwellenwerten streng regulierte gewerbliche Anbieter von privaten gelegentlichen Anbietern mit weniger strikten Vorgaben unterscheiden. Auch für die Plattformen selbst sollten Schwellenwerte genutzt werden: Etwa wann bestimmte Mitwirkungs- und Informationspflichten gegenüber den Behörden gelten. So wäre eine effiziente Regeldurchsetzung möglich und Markteintrittsbarrieren würden niedrig gehalten.

Nothelle-Wildfeuer/Skala setzen sich aus sozialethischer Sicht mit der Wirtschaftsordnung im Allgemeinen und mit einigen Ausprägungen der Share Economy im Speziellen auseinander. Grundsätzlich brauche es einen ethischen Diskurs zu Wirtschaft und Markt. Wobei sich die Frage stelle, ob es überhaupt eine Wirtschaftsethik gebe. Die Autoren bejahen das – unter zwei Bedingungen. Zunächst müsse der Zugang definiert werden. Wolle man Wirtschaft und Ethik fundamentalethisch oder fundamentalanalytisch zueinander ins Verhältnis setzen. Anschließend seien die daraus abgeleiteten Fragen immer konkret-normativ zu behandeln: Die Bewertung der Phänomene hat also immer unter vorhandenen Bedingungen und Strukturen zu erfolgen.

Share Economy wird anders als bei Hesse nicht nur als Weiterentwicklung der Marktwirtschaft in Zeiten neuer Technologien verstanden, sondern bewusst auch als Gegenströmung zur aktuellen Wirtschaftsordnung diskutiert. Schablone für diesen Diskurs ist für die Autoren die Idee des Gemeinwohls, wie sie die katholische Soziallehre vertritt. Schlussendlich ginge es darum, welche Marktordnung am ehesten mit dem Postulat des Gemeinwohlprinzips in Einklang zu bringen sei. Die Share Economy böte einen gänzlich neuen Ansatz, da sie weniger von Gewinnerzielungsabsichten als dem selbstlosen Überlassen freier Ressourcen, getrieben sei.

Nothelle-Wildfeuer/Skala führen die Begriffe Wirtschaftsethik, Markt, Wettbewerb und Gemeinwohl sehr umfassend ein, und der Sprung zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand erscheint dem Leser entsprechend weit. Auch wenn altruistische Angebote in der Share Economy durchaus zu finden sind, Dörr/Goldschmidt oder Loske verweisen darauf, sind sie für das Gesamtphänomen weniger charakteristisch. Zumindest skizzieren Nothelle-Wildfeuer/Skala für den Bereich einer „kommerzialisierten Share Economy“ Herausforderungen: etwa die soziale Absicherung der Beschäftigten oder die Anwendung weiterer institutionalisierter Regeln.

Hier knüpft Krause an, der ebenfalls ein breites Verständnis von Share Economy hat. Auch er verweist auf das Problem der sozialen Absicherung. Wenn Plattformen sich als reine Marktplätze verstehen, die Anbieter und Nachfrager zusammenbringen, dann werden die gehandelten Arbeitsleistungen nicht selten in Form von selbständiger Arbeit erbracht. Die Plattformen sind weder arbeits- noch sozialrechtlich als Arbeitgeber verpflichtet, so wie es für abhängige Beschäftigung üblich ist. Krause nennt u. a. Mindestlöhne, Arbeitszeiten, Urlaub oder die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall sowie die genannte Absicherung in den Sozialversicherungen. Nach Krause ist dieser Mangel an Verantwortung für die Beschäftigten das Geschäftsmodell der Plattformen. Er problematisiert eine Atomisierung von Arbeitspaketen und die damit einhergehende Umwandlung von abhängiger Beschäftigung in weitgehend unregulierte Solo-Selbständigkeit. Und er plädiert dafür, den Rechtsbegriff des Arbeitnehmers an die digitale Wirtschaftswelt anzupassen und bestimmte Schutzvorschriften auch auf prekär Selbständige auszuweiten. Als ersten Schritt nennt er eine Altersvorsorgepflicht für diesen Personenkreis.

Hawlitschek/Teubner konzentrieren sich auf einen anderen, doch wesentlichen Aspekt: Digitalen Plattformen gelingt es, auch ohne persönlichen Kontakt oder zwischenmenschliche Erfahrungen Reputation und Vertrauen aufzubauen. Vertrauen braucht es, damit Nutzer sich überhaupt auf die Nutzung von Plattformen einlassen. Bewertungen oder Rezensionen minimieren zumeist Risiken für Verbraucher. Hawlitschek/Teubner gehen sogar soweit festzustellen, dass für den weiteren Erfolg der Share Economy ein „vertrauensförderndes Design“ unabdingbar sei. Sie zeichnen eine Taxonomie der Share Economy und eine technisch geprägte Prozessanalyse, um auf dieser Grundlage die Motive für ein Vertrauensdesign zu skizzieren und Modelle für Rating- und Review-Systeme zu beschreiben. In diesem Zusammenhang betonen sie die Bedeutung von Nutzerprofilen und einer Identitätsverifikation. Auch bisher neuere Phänomene wie plattformübergreifender Reputationstransfer bei dem Anbieter ihre Bewertungen oder Identität von der einen Plattform in die andere übertragen oder sichtbar machen, oder Versicherungs- und Ersatzangebote auf Plattformen, erscheinen den Autoren als markt- und wohlfahrtsfördernde Instrumente für die Share Economy. Für den nachhaltigen Erfolg der Share Economy, soviel steht für die Autoren fest, sind vertrauensfördernde Instrumente der Schlüssel.

Im Epilog fasst Schorkopf wichtige Erkenntnisse des Sammelbandes zusammen. Er betont, dass die Share Economy großartige Potenziale für eine effiziente Nutzung von Ressourcen biete, und verweist auf ihre sozialen Potenziale. Die Share Economy sei geeignet, Ressourcen auf für soziale Schichten nutzbar zu machen, die sich den Erwerb und Besitz bisher nicht leisten könnten. Dennoch sei ein moralischer Zeigefinger in dieser Debatte unangebracht. Auch wenn es derzeit Bestrebungen gebe, Sharing Modelle zu fördern, etwa durch kostenlose Parkplätze in Innenstadtlagen für Carsharing-Nutzer, müsse es „in der weiteren Debatte darauf ankommen, die Share Economy nicht als moralisch höherwertiges Konsummuster gegen die ‚Owner Economy‘ auszuspielen.

Inwieweit viele Modelle der Share Economy die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, bleibt abzuwarten. Wer heute durch die Innenstädte von Ballungszentren spaziert und sich an abgestellten Leih-Fahrrädern und E-Scootern vorbeischlängelt, mag den Eindruck gewinnen, die Share Economy setze eher zusätzliche Konsumimpulse. Und trotz massiven Ausbaus der Carsharing-Angebote steigen die Zulassungszahlen von PKW in Deutschland. Forschungsbedarf gäbe es also reichlich. Auch sollten die im Sammelband angesprochenen Themen weiter behandelt werden. Wenn wir Share Economy als Überbegriff der vielen Ausprägungen des digitalen kollaborativen Wirtschaftens verstehen, dann braucht es Differenzierung. Warten wir auf die Folgebände zur Plattformökonomie, zu Gig- und Crowd-Work und E-Commerce. Ein gelungenes Werk verlangt nach Fortsetzung – unabhängig davon ob man das Buch nun Haben oder Teilen möchte.

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