Reason, Faith and the Struggle for Western Civilisation

and Manfred Spieker
SamGregg, Reason, Faith and the Struggle for Western Civilisation, Washington2019, Regnery Publishing, 192 Seiten

Samuel Gregg, Reason, Faith and the Struggle for Western Civilisation, Washington 2019, Regnery Publishing, 192 Seiten

Der Kampf um die westliche Kultur wird nur zu gewinnen sein, wenn Glaube und Vernunft in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden. Sam Gregg, Philosoph, Sozialethiker und Forschungsdirektor am Lord Acton Institut in Grand Rapids (Michigan), knüpft mit dieser These an der berühmten Vorlesung von Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in der Universität Regensburg zum Thema „Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen“ an. Der Papst hatte in dieser Vorlesung an seiner früheren Wirkungsstätte als Theologieprofessor das Verhältnis von Glaube und Vernunft thematisiert und deutlich gemacht, dass Glaube und Vernunft aufeinander angewiesen sind und dass bei Missachtung dieser Komplementarität verhängnisvolle Pathologien entstehen. Die Vorlesung wurde von radikalen Moslems zum Anlass genommen, nicht „Stunden später“, wie Gregg schreibt, sondern erst einige Tage später in einigen muslimischen Ländern blutige antichristliche Unruhen zu organisieren.

Gregg gliedert sein Buch in sieben Kapitel. Der Rede Benedikts, „die die Welt schockierte“, ist Kapitel 1 gewidmet. Kapitel 2 geht der Frage nach, was die westliche Kultur ausmacht, Kapitel 3 behandelt die historischen Pathologien der Vernunft, Kapitel 4 die Pathologien des Glaubens, Kapitel 5 die aktuellen Gefährdungen der westlichen Kultur durch die Diktatur des Relativismus und des Liberalismus einerseits und den Dschihadismus andererseits. Kapitel 6 widmet sich der Frage nach dem Weg zurück zur Stabilisierung der westlichen Kultur, während das Schlusskapitel 7 ein Lob auf die Gründungsväter der amerikanischen Verfassung enthält, das umso deutlicher ausfällt, als es mit dem Aufklärungsabsolutismus der Französischen Revolution konfrontiert wird.

Gregg grenzt die westliche Kultur sowohl geographisch als auch ideengeschichtlich ein: geographisch von Polen über Israel bis in die USA, Chile, Australien und Neuseeland, ideengeschichtlich von Platon und Aristoteles, den zehn Geboten des Alten Testaments und den Stoikern Roms bis zum Christentum, dem er drei entscheidende Beiträge zur Entwicklung der westlichen Kultur zuschreibt. Der erste war die Feststellung, dass Gott ein vernünftiges und schöpferisches Wesen ist, unübertroffen ausgedrückt im ersten Vers des Johannes-Evangeliums: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“. Gottes Wesen ist nicht irrational, ist nicht blinder Wille. Gottes Wesen ist Logos. Der zweite war die Bekräftigung, dass alle Menschen fähig sind, die Wahrheit durch ihre vernünftige Natur zu erkennen, das moralisch Gute und das moralisch Böse durch die Vernunft zu unterscheiden. Gregg zitiert den Römerbrief, in dem Paulus festhält, dass die Erkenntnis des Guten und Bösen allen Menschen ins Herz geschrieben ist. Dies ist die Basis des Naturrechts. Der dritte Beitrag ist die Überzeugung von der Freiheit des Menschen, einer Freiheit, die nicht nur jeder politischen Herrschaft Grenzen setzt, sondern auch die Möglichkeit beinhaltet, Christus zu folgen oder nicht zu folgen. Aber das Christentum lehrte zugleich, dass Freiheit mehr ist als die Abwesenheit von Zwang. Der Mensch ist frei für etwas, nämlich für die Befolgung der zehn Gebote.

In seiner Rede im Collège des Bernardins in Paris habe Benedikt XVI. am 12. September 2008 erneut das Verhältnis von Glaube und Vernunft thematisiert und unterstrichen, dass die Fähigkeit des Menschen zu vernünftiger Erkenntnis, die nicht aus einer irrationalen Quelle entstammen könne, einen göttlichen Schöpfer bezeuge. Aber gerade im 13. Jahrhundert, in dem mit Thomas von Aquin der Meister der Integration von Glaube und Vernunft lebte, habe es in der Theologie mit Duns Scotus auch einen, wenngleich noch milden, Voluntarismus gegeben. Der Verweis der Gotteserkenntnis in den Bereich des Subjektiven müsse zu desaströsen Folgen für die westliche Kultur führen. Der Glaube an die Naturwissenschaft und den durch sie ermöglichten Fortschritt ersetze den Glauben an Gott. Gemeinhin nennt man dies Aufklärung. Aber Gregg weiß zu unterscheiden zwischen einer Aufklärung, die auch von christlichen Denkern gefördert wurde, einer Aufklärung von Deisten und einer prometheischen Aufklärung, die von einer Neuschöpfung und Optimierung des Menschen träumte und zur Tyrannei führen musste. Ihr Szientismus bedeute eine Amputation der Vernunft. Er führte im 19. Jahrhundert zu Ideologien, die geradezu religiösen Charakter annahmen und die Gregg „Faiths of Destruction“ oder Pathologien des Glaubens nennt. Als solche betrachtet er den philosophischen Materialismus von Karl Marx, den Utilitarismus von John Stuart Mill und den mit dem Glauben an Gott auch die Vernunft missachtenden Willen zur Macht bei Friedrich Nietzsche.

Der Zusammenbruch dieser Ideologien im 20. Jahrhundert bedeute, so Gregg, nicht das Ende der prometheischen Versuchungen. Pathologien der Vernunft und des Glaubens gebe es auch im 21. Jahrhundert. Als solche betrachtet Gregg zunächst den autoritären Relativismus, für den es keine Wahrheit gebe und der von Benedikt XVI. „Diktatur des Relativismus“ genannt wurde, dann das liberale Verständnis von Religion, das die Dogmen des christlichen Glaubens in Symbolen auflöse, und schließlich den islamischen Dschihadismus, auf den die beiden ersten keine Antwort hätten, weil sie ihn irrigerweise mit ökonomischen und sozialen Ursachen zu erklären versuchen. Selbst Papst Franziskus habe nach der Ermordung des französischen Priesters Jacques Hamel am Altar durch zwei Dschihadisten, die ihm am 26. Juli 2016 die Kehle durchschnitten, die Wirtschaft, die den Gott des Geldes anbete, den ersten Terrorismus genannt. Der Bedrohung der westlichen Kultur durch den Dschihadismus könne nur dann begegnet werden, wenn dessen Wurzeln im muslimischen Gottesbegriff gesehen werden. In diesem Gottesbegriff ist Gott „not bound by the qualities inherent in Logos“. Er ist purer Wille, der auch terroristische Gewalt legitimiert. Der Mensch ist in dieser Sicht nicht nach dem Bild Gottes geschaffen. Theologie im Islam ist, so Gregg mit Rémi Brague, unmittelbare Übersetzung göttlicher Gebote in das politische, gesellschaftliche, rechtliche und wirtschaftliche Leben, weshalb der Islam im Gegensatz zum Christentum eine Religion plus Rechtsetzung, ja vielleicht nur Rechtsetzung sei. Dies sei auch die Ursache dafür, dass die Ideen des Konstitutionalismus und des Rechtsstaates in islamischen Staaten nicht richtig Fuß fassen. Verfassungen in islamischen Staaten seien primär „power maps“, nicht Instrumente zur Sicherung von Freiheit und Gerechtigkeit.

Um den Kampf für die westliche Kultur erfolgreich zu führen, stützt sich Gregg auf vier Thesen seines Lehrers John Finnis (Oxford), die er zunächst nur mit den Begriffen Schöpfung, Freiheit, Gerechtigkeit und Glaube kennzeichnet. Sie seien das Herz der westlichen Kultur, untrennbar miteinander verbunden. Sie können einzeln auch in anderen Religionen vorkommen. Untereinander verwoben aber sind sie ein Kennzeichen des Christentums. Schöpfung bedeute, dass die Entstehung der Welt nicht materialistisch erklärt werden kann, sondern einen intelligenten Schöpfer voraussetzt. Ansätze zu dieser Einsicht sieht Gregg auch bei Darwin und Einstein. Freiheit bedeute die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die Voraussetzung der Verantwortung ist. Gerechtigkeit bedeute, dem anderen das zukommen zu lassen, was ihm zusteht. Sie sei eine individuelle Tugend und die Grundlage eines Gemeinwesens, bzw. des Rechtsstaats, die Christen jedoch durch die Nächstenliebe zu übertreffen berufen seien. Unter Glauben versteht Gregg mit Finnis nicht das Gegenteil von Vernunft, sondern die Fülle der Wahrheit, die auf Offenbarung angewiesen bleibt, eine Offenbarung jedoch, die mit dem Suchen der Vernunft immer vereinbar bleibt. Christentum und Judentum sind die Übermittler dieser vier Thesen, die das Herz der westlichen Identität ausmachen.

Im Schlusskapitel unterstreicht Gregg noch einmal, dass es nicht nur eine Aufklärung gibt. Die Aufklärung, der sich die Gründungsväter der Vereinigten Staaten mit durchaus verschiedenen weltanschaulichen Hintergründen zurechneten, zeichnete eine freundliche Einstellung gegenüber Religion und Naturrecht aus, während die Aufklärung der französischen Revolution in Massakern gegen Christen, gegen Repräsentanten des Ancien Regime und gegen viele Revolutionäre selbst endete. Das Beharren von Juden und Christen auf der Einsicht, dass es keinen Himmel auf Erden gibt, sei eine wichtige Korrektur sowohl der Träume der Aufklärung von der Perfektion des Menschen und der Welt durch die Wissenschaft als auch der religiösen Träume von einem Paradies auf Erden. In Anlehnung an George Washingtons Überzeugung, dass die Gründung der Vereinigten Staaten von drei geistigen Quellen genährt werde, dem klassischen Erbe Athens und Roms, den Freiheitsrechten der Aufklärung und der Offenbarungsweisheit des Alten und Neuen Testaments, schließt Gregg: „Without Logos, the West is lost“. Aber dies sei nicht unabwendbar. Es könne verhindert werden, wenn die Entscheidung für den Logos, für Vernunft und Glaube ständig erneuert wird.

Gregg tut alles, um dieses Ergebnis plausibel zu machen. Er schreibt flüssig, gebildet und gut dokumentiert. Es geht ihm weder um philosophische noch um theologische Erkenntnisse. Er hat immer die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft im Blick. Seine aufgeklärte Verehrung für Benedikt XVI. spiegelt, dass ihm das, was er fordert, selbst gelungen ist: die Integration von Vernunft und Glaube.

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