Karl Vorlaufer: Südostasien. Geographie – Geschichte – Wirtschaft – Politik. Buchreihe WBG-Länderkunden. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (3. aktualisierte Auflage 2018), 255 S.

Helmut Schneider 1
  • 1 Institut für Ostasienwissenschaften, Arbeitsgebiet Kulturgeographie – Regionale Geographie Südostasiens, Duisburg, Deutschland
Helmut Schneider
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  • Institut für Ostasienwissenschaften, Arbeitsgebiet Kulturgeographie – Regionale Geographie Südostasiens, Universität Duisburg-Essen, Duisburg, Deutschland
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VorlauferKarlSüdostasien. Geographie – Geschichte – Wirtschaft – Politik. Buchreihe WBG-LänderkundenWissenschaftliche BuchgesellschaftDarmstadt(3. aktualisierte Auflage 2018)
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Der Deutsche Geographentag in Kiel im Jahr 1969 gilt zu Recht als wichtige Wegmarke in der Geschichte der (west)deutschen Geographie. Damals wurde von Studierenden vehement die Abschaffung der Länder- und Landschaftskunde gefordert. Sie sei unwissenschaftlich und ohne Problemorientierung, so die Hauptvorwürfe. Aus heutiger Sicht mutet manches an der Kritik von damals überzogen an, ganz unberechtigt war sie freilich nicht. Und sie ist auch nicht folgenlos geblieben: Die traditionelle Länderkunde, in der meist nach einem festen Schema und in der Regel rein deskriptiv nahezu alles von der Geologie über die Wirtschaft bis zur Kultur eines Landes abgehandelt wurde, gehört der Vergangenheit an. Nur am Rande sei vermerkt, dass auch in dieser überholten Form meist sehr detaillierte Informationen und Beobachtungen dokumentiert wurden, die heute zwar oft nur noch von historischer Bedeutung sind, aber auch für aktuelle Forschungen von erheblichem wissenschaftlichem Wert sein können, wenn sie mit neueren Entwicklungen kontrastiert werden. Stellvertretend sei hier auf die 1942 erschienene Länderkunde der Philippinen von Albert Kolb oder die zweibändige Landeskunde Japans (1967, 1981) von Martin Schwind verwiesen. Um so erstaunlicher ist es vor diesem Hintergrund, dass 2018 – also fast 50 Jahre nach der Grundsatzkritik von „Kiel“ – in der einschlägigen Reihe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft mit dem Südostasien-Band von Karl Vorlaufer nunmehr eine geographische Länderkunde bereits in dritter Auflage und in aktualisierter Fassung erschienen ist. Allein dieser publizistische Erfolg einer geographischen Abhandlung, die sich über die engere scientific community hinaus ausdrücklich auch an eine breitere Leserschaft richtet, zugleich aber auch hohen wissenschaftlichen Standards genügt, ist außergewöhnlich und gibt Anlass, erneut auf dieses Werk aufmerksam zu machen.

Bemerkenswert ist zunächst, dass nicht ein Land in seinen nationalstaatlichen Grenzen, sondern mit Südostasien eine Region zum Gegenstand gemacht wurde, deren Bewohner erst in der jüngeren Vergangenheit begonnen haben, trotz vielfältiger sprachlicher, kultureller, politischer und ökonomischer Unterschiede eine gewisse regionale Identität zu entwickeln. Geographische Regionalisierung ist immer Konstruktion. Im vorliegenden Fall decken sich natur- oder kulturgeographische Abgrenzungen nicht mit den politischen Grenzziehungen, die oft kolonialer Machtpolitik geschuldet sind. Die Entscheidung, die zehn Mitgliedsstaaten der ASEAN sowie Ost-Timor in die Regionsdefinition einzubeziehen, ist pragmatisch nachvollziehbar (u. a. sind Nationalstaaten räumliche Bezugsbasis für viele statistische Angaben). Für die Nichtberücksichtigung Papua-Neuguineas gibt es ebenfalls Gründe, über die sich aber diskutieren ließe.

Das große und anhaltenden Interesse für Südostasien dürfte zum Teil der Faszination geschuldet sein, die von der Region ausgeht. Erfolgreiche ökonomische Aufholprozesse von „Tigerstaaten“ wie Malaysia und Singapur, später von Thailand und Vietnam, haben Bewunderung, aber auch wirtschaftliches und wissenschaftliches Interesse hervorgerufen. Mit der großen naturräumlichen und ethnisch-linguistischen Vielfalt sind kulturelle, archäologische und landschaftliche Attraktionen verbunden, die weltweit als ikonische Zeichen vermarktet werden und Südostasien zu einem Sehnsuchtsziel des „westlichen“, zunehmend aber auch des asiatischen Ferntourismus haben werden lassen. Aber über die bloße Faszination für einen ökonomisch dynamischen sowie landschaftlich und kulturell reizvollen Raum hinaus existiert ganz offensichtlich auch eine gewachsene Nachfrage nach wissenschaftlich aufbereitetem Orientierungswissen, das erst die Einordnung und Bewertung vielfältiger, meist medial vermittelter Einzelinformationen erlaubt. Südostasien ist inzwischen durch die Globalisierung in grenzüberschreitende, zum Teil weltumspannende Wirtschaftsaktivitäten einbezogen. Landeskundliche Basiskenntnisse haben dabei sowohl für unternehmerische Entscheidungen und als Vorbereitung für Mitarbeiter*innen, die auf Zeit an Firmenstandorte in der Region entsandt werden, an Bedeutung gewonnen. Ähnliches gilt auch für die wachsende Zahl von Touristen, die die Region Südostasien für sich entdeckt haben und deren Interesse über das hinausgeht, was die üblichen Reiseführer zu bieten haben.

Detaillierte Reiseinformationen und statistische Daten sind heute mit hoher Aktualität und in großer Fülle im Internet verfügbar. Es wäre ein vergebliches, aber auch sinnloses Unterfangen, wollte man mit einer gedruckten länderkundlichen Publikation damit konkurrieren. Das war auch erklärtermaßen nicht das Ziel des vorliegenden Bandes. Dem Verfasser ging es stattdessen um die exemplarische Auswahl von Themen- und Problemfeldern, die – ganz im Sinne der Typologie des Historikers Fernand Braudel – die Strukturen, Entwicklungen und Lebensverhältnisse von Gesellschaften im mittel- und langfristigen Wandel prägen (Prozesse der moyenne und longuedurée). Entsprechend konzentrieren sich die Abschnitte zum Naturraum, zu Bevölkerung, Siedlungsentwicklung und Migration sowie im umfangreichen Teil, der sich mit den Struktur- und Entwicklungsmustern der Wirtschaft beschäftigt, auf ausgewählte Themen, die von besonderer Bedeutung sind sowie auf Raumbeispiele, an denen sich Bedeutungen und Problematiken exemplifizieren lassen. Enzyklopädische Vollständigkeit konnte erklärtermaßen kein Ziel sein. Thematisiert werden so beispielsweise naturräumliche Ressourcenpotentiale, die Risiken und Gefahren, die mit Naturkatastrophen verbunden sind, aber auch die anthropogen bedingte Bedrohung der Umwelt in ländlichen und städtischen Räumen. Anhand ausgewählter Beispiele werden Fragen der Arbeitsmarktentwicklung, städtischer Armut und der Wohnungsversorgung diskutiert. Chancen, aber auch problematische Entwicklungen des Tourismus werden ebenso angesprochen wie der Wandel der Agrarwirtschaft und die damit verbundenen Folgen sowie die Problematik sozialer und räumlicher Disparitäten.

Keine exemplarische Auswahl ist ganz frei von letztlich subjektiven Entscheidungen. Aus anderer Perspektive mag man dieses oder jenes Thema vermissen oder hätte je nach eigenen (Forschungs)interessen vielleicht andere Raumbeispiele gewählt. In den letzten Jahren ist Südostasien zunehmend in den Fokus der Weltpolitik geraten, die „Ordnung der Welt“ (Menzel) ist in Bewegung geraten und die wachsende Rivalität der Großmächte hat auch die geopolitische Rolle Südostasien nicht unberührt gelassen, exemplarisch etwa am sich zuspitzenden Konflikt um das Südchinesische Meer ablesbar. Dieser Aspekt wird in der vorliegenden Länderkunde zwar in historischer Dimension, nicht aber in der aktuellen Zuspitzung berücksichtigt, zweifellos ein wichtiges Desiderat für die künftige länderkundliche Bearbeitung der Region.

Eine abschließende wissenschaftliche Bewertung dieser ausgesprochen dynamischen Region kann und will die vorliegende Südostasien-Länderkunde aber ohnehin nicht sein. Sie ist gleichwohl ein großer Wurf. Dies betrifft zum einen die gelungene problemorientierte Auswahl von Themen und Raumbeispielen. Dadurch werden exemplarisch, für die gesamte Region bedeutsame Aspekte etwa des Mensch-Umwelt-Verhältnisses, sowie Struktur- und Entwicklungszusammenhänge auf und zwischen verschiedenen Maßstabsebenen anschaulich und verständlich herausgearbeitet. Zum anderen betrifft es auch die verständliche, gut lesbare Aufbereitung komplexer Zusammenhänge sowie nicht zuletzt die reichhaltige Ausstattung mit inhaltlich anspruchsvollen, grafisch hervorragend gestalteten und deswegen auch besonders aussagekräftigen Karten. Das gilt auch für die zahlreichen Fotografien, die keineswegs nur illustrativer Zierrat sind, vielmehr informationellen Eigenwert besitzen. Karl Vorlaufers Südostasien-Länderkunde bietet vielfältige Anknüpfungspunkte zur Weiterarbeit, Vertiefung und Ergänzung für nachfolgende Generationen von Geograph*innen, die sich mit der Region Südostasien auseinandersetzen wollen. Dafür wird der vorliegende Band noch lange eine wichtige Referenz bleiben.

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