Verstehen und Glauben im Johannesevangelium: Ein alternativer Übersetzungsvorschlag für Joh 5,37–40

  • 1 Institut für Neutestamentliche Wissenschaft, Evangelisch-Theologische Fakultät, Wien, Austria
Hans Förster
  • Corresponding author
  • Institut für Neutestamentliche Wissenschaft, Evangelisch-Theologische Fakultät, Universität Wien, Schenkenstraße 8–10/5/5, 1010 Wien, Wien, Austria
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Abstract

John 5:37–40 concerns a central problem of the Gospel of John: the relationship between understanding and faith. Translational choices appear to have had a strong influence on the interpretation of this passage. This contribution discusses alternative options for translating the passage. This alternative understanding of the passage allows the author to argue in favour of close links between John 5:37–40 and Jewish tradition.

Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung steht die Aussage Jesu in Joh 5,37: καὶ ὁ πέμψας με πατὴρ ἐκεῖνος μεμαρτύρηκεν περὶ ἐμοῦ. οὔτε φωνὴν αὐτοῦ πώποτε ἀκηκόατε οὔτε εἶδος αὐτοῦ ἑωράκατε. Die Lutherübersetzung (1984=2017) überträgt: „Und der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben. Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen.“ Übersetzungen wie diese scheinen eine wesentliche Ursache dafür zu sein, dass dem jüdischen Volk in der theologischen Forschung pauschal der Weg zur Gotteserkenntnis abgesprochen wurde, wie dies exemplarisch in einem Zitat Rudolf Bultmanns geschieht: „[…] den Juden ist Gott gänzlich verborgen; sie haben keinen Zugang zu ihm […]. Die prätendierte Gotteserkenntnis der Juden ist also Lüge […]; nicht etwa bloßer Irrtum, der auf Mangel an Information beruht, sondern Schuld, denn sie ist Verschlossenheit gegen Gott.“1

Im Folgenden wird auf Basis einer philologischen Analyse eine Neuübersetzung dieses Verses versucht, die sowohl im engen Kontext der nachfolgenden Verse (Joh 5,38–40) als auch im weiteren Kontext der vorangegangenen Heilung des gelähmten Mannes am Sabbat (Joh 5,5–9) die Grundlage einer Neuinterpretation der Stelle bilden kann.

1 Auslegungen zu Joh 5,37

1.1 Überblick über die exegetische Diskussion

Jean Zumstein verweist für das Verständnis dieser Stelle auf einen möglichen Prätext in Dtn 4,12, wo zwischen dem (möglichen) Hören der Stimme Gottes und dem (unmöglichen) Sehen seines Abbildes unterschieden wird.2 Im Sinne der eng mit dem jüdischen Monotheismus verbundenen theologia negativa seien Aussagen über die sichtbare Erscheinung Gottes prinzipiell nicht möglich.3 Die Formulierung in Joh 5,37 οὔτε εἶδος αὐτοῦ ἑωράκατε sei folglich „gut jüdisch-orthodox“4.

Andere Autoren konstruieren in der vorliegenden Passage einen offenen Konflikt zwischen Jesus und seinen jüdischen Gesprächspartnern („hostile persons“)5, bei dem Jesus polemisch auftrete6 und „zum Angriff übergehe“7. Die jüdische Tradition wird in dieser Argumentation abgewertet8, da Jesus der ausschließliche Zugang zum Vater sei und die Juden demnach keinen direkten Zugang zu Gott hätten.9 Martin Asiedu-Peprah fasst diese Position mit den Worten zusammen: „‚The Jews‘ do not have God’s λόγος in them because of their failure to believe in Jesus’ words (v. 38b).“10 Klaus Wengst fordert diesen Interpretationen gegenüber ein, die konkrete (vorgestellte) historische Situation im Auge zu behalten, und warnt vor Verallgemeinerungen, die die Aussagen verschärfen.11

1.2 Philologische Analyse

Im Text von Joh 5,37b (οὔτε φωνὴν αὐτοῦ πώποτε ἀκηκόατε οὔτε εἶδος αὐτοῦ ἑωράκατε) kommt den beiden Perfektformen ἀκηκόατε und ἑωράκατε besondere Bedeutung zu. Diese sind insofern bemerkenswert, als sie zum einen insgesamt sehr selten sind12 und zum anderen auffällig gehäuft im Corpus Iohanneum vorkommen.13 Diese ungleiche Verteilung der Perfektformen im Neuen Testament bedarf einer Erklärung und legt die Vermutung nahe, dass der Verfasser des Johannesevangeliums diese Formen bewusst gewählt hat.

1.2.1 ἀκηκόατε

Für die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk im Alten Testament war das Hören seiner Stimme grundlegend. So liest man in Ex 19,5: „Und nun, wenn ihr auf meine Stimme hört, bewahrt ihr meinen Bund und werdet mein Eigentum sein vor allen Völkern, denn mein ist die ganze Erde.“14 Auf das Hören der Stimme Gottes folgen das Bewahren des Bundes und die Auserwählung des Volkes Israel. Vor dem Hintergrund des Exodusgeschehens war die wahrscheinlich erste Assoziation eines frommen Juden, der die Worte Jesu in Joh 5,37 hörte, das Shema Israel aus Dtn 6,4, das er – sei es auf Hebräisch (שׁמע ישׂראל) oder auf Griechisch (ἄκουε, Ισραηλ) – täglich sprach.15 Die tägliche Wiederholung dieser Worte sollte bewirken, dass Israel die Worte hört und im Tun bewahrt (Dtn 6,3a), die Worte selbst sollten im innersten Wesen des Menschen verankert sein.16

Trotz der großen Bedeutung des Hörens auf Gottes Stimme im Alten Testament und in der jüdischen Tradition erwecken die gängigen Übersetzungen von οὔτε φωνὴν αὐτοῦ πώποτε ἀκηκόατε den Eindruck, Jesus wolle abstreiten, dass die Juden jemals Gottes Stimme gehört hätten. Eine Untersuchung des Gebrauchs und der Bedeutung des Perfekts von ἀκούω soll hierzu eine alternative Deutung ermöglichen. Stellt man die passenden Belegstellen nebeneinander, fällt der enge Zusammenhang zwischen ἀκούω im Perfekt und Verben, die Wissen zum Ausdruck bringen (οἶδα, συνίημι), auf: In Joh 4,42 sagen die Samaritaner: „… denn wir haben gehört (ἀκηκόαμεν) und erkannt (οἴδαμεν), dass dieser [Jesus] wahrhaftig der Retter der Welt ist.“ In Joh 18,21 antwortet Jesus auf die Frage des Hohenpriesters nach seiner Lehre: „Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben (τοὺς ἀκηκοότας), was ich ihnen gesagt habe. Siehe, diese wissen (οἴδασιν), was ich gesagt habe“. In Apg 6,11 sagen Zeugen im Asebieprozess gegen Stephanus, „was wir gehört haben“ (ἀκηκόαμεν) als sicheres Wissen aus. Im Römerbrief (Röm 15,21) wird ein Wort des Propheten Jesaja zitiert: „Denen nicht verkündigt wurde über ihn, die werden sehen, und die, die nicht gehört haben (ἀκηκόασιν), die werden verstehen (συνήσουσιν).“17 In diesem Schriftzitat wird offensichtlich aus einem „Nicht-Gehört-Haben“ durch Verkündigung ein „Wissen-Werden“. Hören und Verstehen (οἶδα, συνίημι) liegen, so darf man festhalten, im biblischen Sprachgebrauch sehr eng beieinander. Damit ist das Perfekt von ἀκούω nicht einfach als „gehört haben“ zu übertragen, vielmehr bedeutet dies „verinnerlicht haben“.18 Damit kann der griechische Text οὔτε φωνὴν αὐτοῦ πώποτε ἀκηκόατε folgendermaßen übertragen werden: „Weder habt ihr euch seine Stimme je zu Herzen genommen“ oder „weder habt ihr seine Stimme je wirklich verstanden“. Diese Übersetzung ändert den Sinn der vorliegenden Stelle grundlegend.19

1.2.2 ἑωράκατε

Auch bei dem Verb ὁράω kann mit dem Verweis auf die Wortwurzel ϝιδ die Bedeutung „einsehen, verstehen“20 erschlossen werden. Der Verfasser des Johannesevangeliums scheint in besonderer Weise das Perfekt von ὁράω in diesem Sinn und nicht als optische Wahrnehmung zu deuten. Dabei befindet er sich in der Tradition der Septuaginta. In Gen 26,28a heißt es: „Wir haben gesehen (ἰδόντες) und eingesehen (ἑωράκαμεν), dass der Herr mit dir war.“

Aufschlussreich ist des Weiteren eine Belegstelle aus dem ersten Johannesbrief. Hier heißt es einleitend (1Joh 1,1): „Was war von Anfang an, was wir gehört haben (ἀκηκόαμεν), was wir gesehen haben mit unseren Augen (ἑωράκαμεν τοῖς ὀφθαλμοῖς ἡμῶν), was wir betrachtet haben (ἐθεασάμεθα) …“. Hier wird die Begegnung mit Jesus offensichtlich einmal mit dem Perfekt von ὁράω und einmal mit dem Aorist von θεάομαι beschrieben, wobei zwischen „einsehen“ im intellektuellen Sinn (ἑωράκαμεν) und „sehen“ im physischen Sinn (ἐθεασάμεθα) unterschieden wird. Die bereits hier sichtbare semantische Nähe zwischen den beiden Verben ἀκούω und ὁράω im Sinn von „verstehen“ wird durch die Handschriften bestätigt. Für Joh 8,38 beispielsweise bieten Zeugen wie Kodex Sinaiticus (1. Hand), P75 und eine ganze Reihe anderer Handschriften ἑωράκατε, Kodex Sinaiticus (2. Hand) zusammen mit P66 und zahlreichen anderen Handschriften bezeugt hingegen ἠκούσατε (Kodex Sinaiticius in der Schreibung ηκουσαται). Die Tatsache, dass der Korrektor von Kodex Sinaiticus die erste Lesart (ἑωράκατε) nicht getilgt hat, spricht dafür, dass aus Sicht dieses Korrektors beide Lesarten eine Berechtigung hatten. Es geht also bei dieser Bedeutung von „sehen“ um ein „wahrnehmendes Verstehen“.

1.2.3 εἶδος

Um die zweite Satzhälfte (οὔτε εἶδος αὐτοῦ ἑωράκατε) semantisch korrekt übertragen zu können, muss neben dem Verb ἑωράκατε noch die Bedeutung des Begriffs εἶδος geklärt werden. Nach den gängigen theologischen Wörterbüchern hat εἶδος hier die Bedeutung „Gestalt“, „äußere Erscheinung“ bzw. „Aussehen“.21 In der Septuaginta begegnet dieses Wort sowohl in der Bedeutung von „Gestalt“ wie auch von „Wesen“.22 In der Bedeutung von „Gestalt“ kann εἶδος sogar die „Gestalt Gottes“ bedeuten. So berichtet Jakob in Gen 32,31 nach dem Kampf am Jabbok, er habe „die Gestalt Gottes“ (εἶδος θεοῦ) „von Angesicht zu Angesicht“ (πρόσωπον πρὸς πρόσωπον) gesehen. Die Verwendung von εἶδος im Sinne von „Wesenseigenschaft“ findet sich z. B. in der antithetischen Beschreibung der Schwestern Lea und Rahel, wo es in Gen 29,17 heißt: „Leas Augen aber waren schwach“ (οἱ δὲ ὀφθαλμοὶ Λειας ἀσθενεῖς), Rahel dagegen war „anmutig in ihrem Wesen“ (καλὴ τῷ εἴδει) und „wunderschön im Aussehen“ (ὡραία τῇ ὄψει). Mit den „schwachen Augen“ Leas ist nicht in erster Linie eine physische Beeinträchtigung gemeint, vielmehr sagen die Augen als Spiegel der Seele etwas über das Wesen einer Person aus. Ebenso beschreiben die matten Augen Jakobs in Gen 27,1 (ἠμβλύνθησαν οἱ ὀφθαλμοὶ αὐτοῦ) diesen als einen Mann, der „nicht mehr den Durchblick“ hatte, als Jakob sich den Segen der Erstgeburt holte. Das Wissen, dass εἶδος in der Septuaginta auch „Wesenseigenschaft“ oder „Wesen“ bedeuten kann, ermöglicht für Joh 5,37 eine Übersetzung, die nicht von der sichtbaren Gestalt Gottes sprechen muss.

1.3 Neuübersetzung

Auf der Basis der hier vorgelegten philologischen Untersuchung ist nun eine Neuübersetzung von Joh 5,37 möglich, welche die Besonderheiten des Perfekts von ἀκούω und ὁράω sowie die Bedeutungsmöglichkeit „Wesen“ des Begriffs εἶδος berücksichtigt: „Der Vater, der mich gesandt hat, legt Zeugnis23 über mich ab: Weder habt ihr euch seine Stimme jemals zu Herzen genommen (ἀκηκόατε) noch habt ihr sein Wesen (εἶδος) verstanden (ἑωράκατε).“ Jesus behauptet somit nicht, dass seine jüdischen Zuhörer die Stimme des Vaters niemals gehört hätten. Natürlich haben sie seine Stimme gehört, sie haben sich seine Stimme nur nicht in der Art zu Herzen genommen, wie Jesus es von ihnen erwartet. Die vorliegende Passage erscheint somit als ein Diskurs zwischen Jesus und den jüdischen Gesetzeslehrern um das richtige Verständnis des Gesetzes, wie diese Offenbarung „im Herzen zu bewahren“ und im täglichen Leben umzusetzen ist. Von einer prinzipiellen Ablehnung der Juden als Volk ist keinesfalls die Rede.

2 Neuinterpretation von Joh 5,37 im Kontext

Mit der hier vorgeschlagenen Neuübersetzung von Joh 5,37 ergibt sich die Notwendigkeit, die Aussage Jesu in den näheren Kontext einzuordnen. Wie im Folgendem gezeigt wird, bestätigen die Verse Joh 5,38–40 inhaltlich das hier vorgeschlagene Verständnis. Auch fügt sich die neue Übersetzung auf narrativer Ebene sinnvoll in die Gesamtheit des fünften Kapitels ein.

2.1 Joh 5,38 – Faktizität statt Kausalität

Der Text von Joh 5,38 lautet: καὶ τὸν λόγον αὐτοῦ οὐκ ἔχετε ἐν ὑμῖν μένοντα, ὅτι ὃν ἀπέστειλεν ἐκεῖνος, τούτῳ ὑμεῖς οὐ πιστεύετε. Dies kann folgendermaßen übertragen werden: „Und sein Wort habt ihr nicht als eines, das in euch wohnt. Offensichtlich ist (ὅτι): Den jener gesandt hat, dem glaubt ihr nicht.“ Jesus scheint mit diesen Worten faktisch zu beschreiben, wie er den Umgang mit seiner Person („den jener gesandt hat“) und seiner Lehre („dem glaubt ihr nicht“) bei seinen jüdischen Gesprächspartnern erlebt. Sie haben sein (d. i. Gottes) Wort nicht verinnerlicht, es hat in ihnen keinen Bestand, es wohnt nicht in ihnen (τὸν λόγον αὐτοῦ οὐκ ἔχετε ἐν ὑμῖν μένοντα). In der dargebotenen Form ist diese Beschreibung mit keiner Wertung verbunden. Das in den gängigen Übersetzungen von Joh 5,38 konstruierte Kausalverhältnis („Ihr habt Gottes Wort nicht …, weil …“)24 und die damit theologisch problematische ontologische Ablehnung „der Juden“ ist vom Text her nicht gegeben.

2.2 Joh 5,39 – Frage nach der Schrifthermeneutik

Dieser Vers wird als zentrale Stelle für das Verständnis der Schrifthermeneutik des Evangelisten gesehen.25 Der griechische Text der Stelle lautet: ἐραυνᾶτε τὰς γραφάς, ὅτι ὑμεῖς δοκεῖτε ἐν αὐταῖς ζωὴν αἰώνιον ἔχειν· καὶ ἐκεῖναί εἰσιν αἱ μαρτυροῦσαι περὶ ἐμοῦ. Als Übersetzung hierfür wird vorgeschlagen: „Sucht in den Schriften! Offensichtlich ist: Ihr seid überzeugt, in ihnen das ewige Leben zu haben. Und jene sind es, die Zeugnis ablegen für mich.“

Diese Übersetzung erfordert gegenüber den herkömmlichen Übertragungen an zwei Stellen eine Erklärung: Zum einen wird die Form ἐραυνᾶτε gewöhnlich als zweite Person Plural Indikativ Präsens gelesen.26 Michael Theobald kommt nach dieser Lesart zu folgender Auslegung: „‚Ihr erforscht die Schriften‘ […],27 aber ihr tut dies unter einer falschen Voraussetzung, sagt der johanneische Jesus, nämlich in der ‚Meinung‘, ‚in ihnen […] ewiges Leben zu haben‘.“28 Mit der Übersetzungsentscheidung, ἐραυνᾶτε als zweite Person Plural Indikativ Präsens zu verstehen, wird den jüdischen Gesprächspartnern der Vorwurf gemacht, die Schriften zu gebrauchen, ohne ihre wesentliche Aussage zu verstehen. Die hier vorgeschlagene Lesung als Imperativ gründet sich zum einen auf eine parallele Aufforderung zum Studium in Joh 7,52b (ἐραύνησον καὶ ἴδε …) sowie die Interpretation als Imperativ in der alten Kirche. So bietet der Text von D 05 (Codex Bezae Cantabrigiensis): Scrutate scripturas quoniam ….29 Der Imperativ ἐραυνᾶτε fordert die jüdischen Zuhörer auf, mit der Schrift in der Hand Jesus und seine Botschaft besser zu verstehen. Dies bedeutet eine Aufwertung des jüdischen Schriftstudiums!30

Eine weitere Erklärung erfordert das Verb δοκεῖτε. Joachim Gnilka umreist die Semantik dieses Verbs wie folgt: „Nach jüdischer Auffassung ist in der Thora die zukünftige Welt, das heißt das ewige Leben. Doch dies ist nur ein Wähnen. Leben gewinnt nur jener, der zu Jesus kommt. Der Streit zwischen Kirche und Synagoge um die Bibel ist voll entbrannt.“31 Mit der Wiedergabe von δοκεῖτε mit „wähnen“ oder „meinen“32 wird die Urteilsfähigkeit der jüdischen Schriftauslegung in Frage gestellt.33 Es handle sich um eine reine „Meinung“, weil die Juden nicht erkennen wollen, dass die Schriften von Jesus Zeugnis ablegen. Diese Aussage steht nun zu dem vorangestellten Imperativ ἐραυνᾶτε inhaltlich im Widerspruch. Die angesprochenen jüdischen Schriftgelehrten sind in der Lage, die Texte zu „verstehen“ und daraus ihre Überzeugungen abzuleiten, weshalb die Übersetzung „ihr seid überzeugt …“ für δοκεῖτε vorzuziehen ist. Die richtige Frömmigkeit – und diese ist für die jüdischen Gesprächspartner aus Jesu Sicht möglich – führt zu einem tieferen Verständnis der prophetischen Schriften und der jüdischen Identität.

2.3 Joh 5,40 – Antwort oder Frage?

Durch die Neuübertragung von Joh 5,37–39 wurde aus einer pauschalen Ablehnung der jüdischen Gesprächspartner Jesu ein intensiver Dialog mit diesen. Der abschließende Satz dieser Auseinandersetzung lautet: καὶ οὐ θέλετε ἐλθεῖν πρός με ἵνα ζωὴν ἔχητε. Dies wird traditionell folgendermaßen übertragen (Lutherübersetzung 2017): „Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“34 Dieses anklagende Schlusswort wirkt im Kontext der vorgeschlagenen Übersetzung von Joh 5,37–39 unpassend.35

Überträgt man in Joh 5,39 das Verb ἐραυνᾶτε als Imperativ, so ändert sich damit auch die Satzart von Joh 5,40. Aus einem Deklarativsatz36 wird ein Interrogativsatz. Die folgende Übersetzung ist auf Basis der griechischen Grammatik möglich: „Und ihr wollt trotzdem nicht zu mir kommen, damit ihr das Leben habt?“ Nach der korrigierten Übersetzung gilt: Die jüdischen Gesprächspartner Jesu sollen gerade in der Schrift suchen, da sie dort nach Auffassung Jesu fündig werden. Jesus konstatiert also nicht ihren Widerwillen, sondern fordert sie auf, seine Botschaft und sein Handeln vor dem Hintergrund der Schrift zu deuten. Die Interpunktion der kritischen Edition des Novum Testamentum Graece ist in einzelnen Fällen kritisch zu hinterfragen.37

2.4 Deutung im Zusammenhang mit Joh 5,5–9

In der vorliegenden Debatte konfrontiert Jesus nach seiner Heilung des gelähmten Mannes die jüdischen Rechtsgelehrten damit, dass ihre Auslegung des Sabbatgebots am Wesen des Gesetzes vorbeiginge. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht offensichtlich die halachische Frage, ob am Sabbat geheilt werden dürfe. Dabei wird das Sabbatgebot als solches nicht generell in Frage gestellt. Dennoch beharrt Jesus darauf, dass die Gebote im Sinn von Lev 18,5 „Leben in Fülle“ schenken sollen.38 Ein Gelähmter, dem Heilung aus religionsgesetzlichen Gründen am Sabbat verweigert würde, hätte nun gerade kein „Leben“ in Fülle. Damit wäre der Kern der Auseinandersetzung das rechte Verständnis der Schrift und die Frage, ob Jesus berechtigt ist, die Schrift autoritativ auszulegen.

3 Zusammenfassung

Die neue Übersetzung macht deutlich, dass es sich bei der vorliegenden Passage in Joh 5,37–40 um einen Diskurs zwischen Jesus und jüdischen Gesetzeslehrern handelt, der eine innerjüdische Debatte um das Gesetz und sein korrektes Verständnis zum Thema hat. Zum besseren Verständnis ist zusammenfassend die gesamte Passage in der neuen Übersetzung zu bieten:

„Der Vater, der mich gesandt hat, legt Zeugnis über mich ab: Weder habt ihr euch seine Stimme jemals zu Herzen genommen noch habt ihr sein Wesen verstanden. Und sein Wort habt ihr nicht als eines, das in euch wohnt. Offensichtlich ist: Den jener gesandt hat, dem glaubt ihr nicht. Sucht in den Schriften! Offensichtlich ist: Ihr seid überzeugt, in ihnen das ewige Leben zu haben. Und jene sind es, die Zeugnis ablegen für mich. Und ihr wollt trotzdem nicht zu mir kommen, damit ihr das Leben habt?“

Bei dieser Übersetzung wird deutlich, dass die Schrift die Grundlage der Auseinandersetzung zwischen Jesus und seinen jüdischen Gesprächspartnern bildet. Damit können nur Schriftgelehrte die Adressaten der Rede Jesu sein. Nur sie sind in der Lage, in den Schriften zu lesen und diese auszulegen. Von einer pauschalen Polemik gegen „die“ Juden kann bei dieser Übersetzung der vorliegenden Passage keine Rede mehr sein. Jesus nimmt vielmehr an einem innerjüdischen Diskurs zu einer halachischen Frage teil.

Footnotes

Article note

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts (FWF-Project P28821; funded by the Austrian Science Fund). Frau Christine Treu danke ich für ihre Mitarbeit im Rahmen eines weiteren Forschungsprojekts (FWF-Project P29315).

Footnotes

1

 Rudolf Bultmann, Das Evangelium des Johannes. Studienausgabe (KEK 2), Göttingen 211986, 200–201.

2

 Dtn 4,12: καὶ ἐλάλησεν κύριος πρὸς ὑμᾶς ἐκ μέσου τοῦ πυρός· φωνὴν ῥημάτων ὑμεῖς ἠκούσατε καὶ ὁμοίωμα οὐκ εἴδετε, ἀλλ᾿ ἢ φωνήν.

וידבר יהוה אליכם מתוך האשׁ קול דברים אתם שׁמעים ותמונה אינכם ראים זולתי קול׃

3

 Vgl. Jean Zumstein, L’Évangile selon Saint Jean (1–12) (CNT[N] IVa), Genf 2014, 200: „Qu’Israël n’ait pas vue le visage de son Dieu (εἶδος αὐτοῦ ἑωράκατε) est conforme à la tradition classique du monothéisme juif (cf. Ex 33,20; cf. Jn 1,18).“ Diesen Stellen stehen andere gegenüber, in denen die Möglichkeit des Sehens (der Herrlichkeit) Gottes nicht verneint ist (z. B. Ex 24,17 oder Hiob 42,5).

4

 Josef Blank, Krisis. Untersuchungen zur johanneischen Christologie und Eschatologie, Freiburg i. Br. 1964, 206, Anm. 66.

5

 Frederick Dale Bruner, The Gospel of John. A Commentary, Grand Rapids (MI)/Cambridge (UK) 2012, 341.

6

 Vgl. Christian Dietzfelbinger, Das Evangelium nach Johannes (ZBK 4/1 und 4/2), Zürich 22004, 207.

7

 Vgl. Michael Theobald, Das Evangelium nach Johannes. Kapitel 1–12 (RNT), Regensburg 2009, 413.

8

 Vgl. Andreas J. Köstenberger, John (BECNT), Grand Rapids (MI) ²2007, 192: „Though not seeing God directly, Israel received the law at Mount Sinai and accepted it from God’s servant Moses. Now, however, the Jews are rejecting greater revelation from an even greater messenger.“

9

 Vgl. Udo Schnelle, Das Evangelium nach Johannes (ThHK 4), Leipzig 52016, 151.

10

 Martin Asiedu-Peprah, Johannine Sabbath Conflicts as Juridical Controversy (WUNT II.132), Tübingen 2001, 108.

11

 Vgl. Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. 1. Teilbd.: Kapitel 1–10 (ThKNT), Stuttgart 22007, 219.

12

 ἀκούω (Belege in über 950 Versen in der Septuaginta, davon 34 Perfektformen; Belege in 398 Versen im Neuen Testament, davon 10 Perfektformen), ὁράω (Belege in 1308 Versen in der Septuaginta, davon 75 Perfektformen; Belege in 432 Versen im Neuen Testament, davon 29 Perfektformen).

13

 Zum Perfekt von ἀκούω: Wenn man zwei Belege aus der Apostelgeschichte und einen Beleg aus dem Römerbrief abzieht, dann stammen alle anderen Belege aus dem Corpus Iohanneum, und zwar aus dem Johannesevangelium (Joh 4,42; 5,37; 18,21) und dem ersten Johannesbrief (1Joh 1,1.3.5; 4,3). Zum Perfekt von ὁράω: Drei Belege finden sich im Lukasevangelium, die Apostelgeschichte bietet zwei weitere Belege. Die verbleibenden 24 Verse sind wiederum dem Corpus Iohanneum zuzurechnen: Es finden sich Belege im Johannesevangelium (Joh 1,18.34; 3,11.32; 4,45; 5,37; 6,36.46; 8,38bis.57; 9,37; 14,7.9bis; 15,24; 19,35; 20,18.25.29) sowie dem ersten (1Joh 1,1.2.3; 3,6; 3,40) und dritten Johannesbrief (3Joh 11).

14

 Anders als im Hebräischen wird in der Septuaginta das zweite Verb in den Konditionalsatz gezogen (καὶ νῦν ἐὰν ἀκοῇ ἀκούσητε τῆς ἐμῆς φωνῆς καὶ φυλάξητε τὴν διαθήκην μου …). Inhaltlich werden mit dieser Lesart dem Volk Israel zwei Bedingungen gestellt, damit es „Gottes Eigentum“ werden kann. Dieser Lesart folgt die Vulgata, ebenso Luther (letzte Hand).

15

 Der hier verwendete Imperativ Präsens impliziert eine allgemein gültige Aufforderung. Es handelt sich folglich nicht um ein Aufforderung zum einmaligen Hören; gefordert wird eine hörende Haltung.

16

 Die hebräische Bibel gebraucht in Dtn 6,6 dafür den Ausdruck על־לבבך, in der Septuaginta findet sich das Hendiadyoin ἐν τῇ καρδίᾳ σου καὶ ἐν τῇ ψυχῇ σου.

17

 Jes 52,15b: כי אשׁר לא־ספר להם ראו ואשׁר לא־שׁמעו התבוננו׃

18

 Auch Walter Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, hg. v. Kurt Aland/Barbara Aland, Berlin 61988, s. v. ἀκούω 7, bietet die Bedeutung „verstehen“.

19

 Die Verengung der Bedeutung von ἀκούω in der Übersetzungsliteratur von Luther angefangen ist möglicherweise auf die Vulgata zurückzuführen, die die Wendung οὔτε φωνὴν αὐτοῦ πώποτε ἀκηκόατε mit neque vocem eius umquam audistis überträgt. Mit dem Präsens von audio sind nicht die Assoziationen verbunden, die mit dem Perfekt im griechischen Ausgangstext in Verbindung zu bringen sind.

20

 Bekannt ist, dass die Wortwurzel ϝιδ, der im Lateinischen videre und im Englischen wisdom etc. entspricht, nicht nur Sehen, sondern auch Verstehen umfasst (besonders deutlich wird dies im Französischen: voir/savoir). Im Aorist greift ὁράω auf eben diesen Stamm zurück ([ε]ιδ-).

21

 Vgl. Bauer, Wörterbuch (s. Anm. 18), s. v. εἶδος, sowie Gerhard Schneider, εἶδος, EWNT 1 (1980) 933–935, hier 934 und Gerhard Kittel, εἶδος, εἰδέα (ἰδέα), ThWNT 2 (1935, Nachdruck 1957) 371–373.

22

 Gegen Takamitsu Muraoka, A Greek-English Lexicon of the Septuagint, Louvain/Paris/Walpole (MA) 2009, s. v. εἶδος, der die Bedeutungen „form“, „shape“; „that which looks like“; „visible form“; „external appearance“; „sort“, „kind“ bietet, und Johan Lust/Erik Eynikel/Katrin Hauspie, Greek-English Lexicon of the Septuagint, überarb. Ausgabe, Stuttgart 2003, s. v. εἶδος, die „appearance“, „form“, „shape“, „visible form (of God)“, „pattern“ und „kind“ bieten.

23

 Das Perfekt μεμαρτύρηκεν wird hier als präsentisch und damit als allgemein gültige Aussage aufgefasst.

24

 So z. B. die Lutherübersetzung (1984=2017): „Und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.“ Oder die Gute Nachricht (1997): „Auch sein Wort in den Heiligen Schriften nützt euch nichts mehr – weil ihr dem, den er gesandt hat, keinen Glauben schenkt.“ Beide Übersetzungen entscheiden sich, die Konjunktion ὅτι kausal zu übertragen. Dies ist eine problematische und mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Vulgata zurückgehende Übersetzungsentscheidung; vgl. Hans Förster, Die syntaktische Funktion von ὅτι in Joh 8.47, NTS 62 (2016) 157–166.

25

 Vgl. Theobald, Johannes (s. Anm. 7), 415: „Die Verse enthalten in nuce die Schrifthermeneutik des Evangelisten, die streng christologisch konzipiert ist.“ So ähnlich auch Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium. II. Teil: Einleitung und Kommentar zu Kap. 5–12 (HThKNT 4/2), Freiburg 41985 (= Darmstadt 2000), 176: „Dieser Satz spricht kurz, ohne nähere Erläuterung, ohne Angabe einzelner Stellen, das Schriftverständnis der christlichen Gemeinde aus und setzt es dem Schriftgebrauch des Judentums entgegen.“

26

 Thyen weist kurz auf die Möglichkeit einer anderen Übersetzung hin; vgl. Hartwig Thyen, Das Johannesevangelium (HNT 6), Tübingen 2005, 326. So bereits Charles K. Barrett, The Gospel According to St. John. An Introduction with Commentary and Notes on the Greek Text, London 21978, 267 und auch Ben Witherington III, John’s Wisdom. A Commentary on the Fourth Gospel, Louisville (KY) 1995, 144.

27

 Ebenso übersetzen die Lutherübersetzung („Ihr sucht in den Schriften …“) und die Gute Nachricht („Ihr forscht doch in den Heiligen Schriften …“).

28

 Theobald, Johannes (s. Anm. 7), 415.

29

 Den Imperativ bieten auch die Handschriften a (Codex Vercellensis) und b (Codex Veronensis).

30

 Gegen Köstenberger, John (s. Anm. 8), 193: „Jewish diligence in studying the Torah was legendary. But although the Jews’ zeal in studying Scripture was undeniable, Jesus maintained that such zeal was misguided, for alone it was insufficient for attaining eternal life. […] Yet Jesus’ Jewish opponents ‚did not want‘ to come to him […] their refusal is deliberate […].“

31

 Joachim Gnilka, Johannesevangelium (NEB.NT), Würzburg 72009, 45.

32

 So übersetzt z. B. auch die Lutherbibel.

33

 Vgl. Theobald, Johannes (s. Anm. 7), 415: „Das intensive Bibelstudium der Juden […] geht davon aus, dass die Tora Quelle allen Heils ist […]. Der Evangelist nennt dies aber ein subjektives ‚Meinen‘ […].“

34

 In der Lutherübersetzung wie auch in anderen Übersetzungen wird hier ein adversatives καί vorausgesetzt. Auf dieser Entscheidung aufbauend wird bei der Übertragung anstatt der kopulativen Konjunktion „und“ mit „aber“ (Lutherübersetzung 2017, Gute Nachricht 1997, Basis Bibel), „und doch“ (Neue Genfer Übersetzung, Einheitsübersetzung 1984, Zürcher Bibel, Schlachter Bibel) oder „aber trotzdem“ (Menge Übersetzung) übersetzt. Aufschlussreich ist die King James Version, wo es heißt: „And ye will not come to me, that ye might have life.“ In der King James Version wird die zweite Person Plural von θέλω als Futur übersetzt, sodass in besonderer Weise eine klare ontologische Ablehnung der jüdischen Gesprächspartner in Jesu Mund gelegt wird. Eine vergleichbare ontologische Aussage wird auch durch die Übersetzung der Guten Nachricht (1997) hervorgerufen: „Aber ihr seid nicht bereit, zu mir zu kommen und so das ewige Leben zu haben.“

35

 Vgl. Theobald, Johannes (s. Anm. 7), 415–416: „Mit der Anklage V. 40 schließt die Sequenz. Obwohl ‚die Schriften‘ für Jesus Zeugnis ablegen, ‚wollen‘ die Juden nicht zu ihm kommen! Der johanneische Kreis ist derart von der Evidenz des Schriftzeugnisses für Jesus überzeugt, dass er das Nein der Synagoge zu ihm nur als ein unbegreifliches Nicht-Wollen […] einstufen kann.“

36

 Vgl. auch Philipp Fabian Bartholomä, John 5,31–47 and the Teaching of Jesus in the Synoptics. A Comparative Approach, Bib. 92 (2011) 368–391, hier 384: „[…] Jesus declares in John 5,40 that they are not willing to come to him and accept him.“ Hier folgt die traditionelle Übersetzung der Stelle wiederum der Vulgata, die nicht als Frage übersetzt werden kann: et non vultis venire ad me ut vitam habeatis.

37

 Dies wurde kürzlich für Joh 8,43 gezeigt; vgl. Förster, Funktion (s. Anm. 24), 163–164.

38

 Eine vergleichbare Auseinandersetzung Jesu mit den Schriftgelehrten, wo es ebenfalls um die Konkurrenz des Gebotes der Hilfe für einen Kranken mit anderen Geboten der Tora geht, findet sich im Lukasevangelium im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37).

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