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Pacher, Michael

Madersbacher, Lukas
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Thieme-Becker Name
Pacher, Michael
Weitere Namen
Pacher, Michael; Pacher, Michele
Geschlecht
männlich
Beruf
Bildschnitzer; Bildhauer; Maler; Schnitzer; Freskant; Wandmaler
GEO-Nachweis
Tirol; Bruneck
Staat
Italien
Geburtsdatum
(um) 1430 / (um) 1435
Geburtsort
Neustift (Brixen)? / Bruneck
Todesdatum
1498.07/1498.08
Todesort
Salzburg; Salzbourg; Salzburgo
Fundstelle
AKL XCIV, 2017, 100; ThB XXVI, 1932, 122 ss
Thieme-Becker Name
Pacher, Michael
Further Names
Pacher, Michael; Pacher, Michele
Gender
male
Occupation
wood sculptor; sculptor; painter; carver; fresco painter; muralist
Geographical data
Tirol; Bruneck
Country
Italy
Date of birth
(um) 1430 / (um) 1435
Place of birth
Neustift (Brixen)? / Bruneck
Date of death
1498.07/1498.08
Place of death
Salzburg; Salzbourg; Salzburgo
Location
AKL XCIV, 2017, 100; ThB XXVI, 1932, 122 ss
InhaltsverzeichnisTable of Contents

Artikel

Vita

Michael, Südtiroler Maler, Bildhauer, ab 1462/63 nachg., † E. Juli/A. Aug. 1498 Salzburg, lebte in Bruneck, Vater von Hans, wahrsch. verwandt mit Friedrich.

Biogramm

P., dessen Herkunft aus dem Raum Neustift b. Brixen angenommen werden kann, muss bald nach 1460 eine Wkst. in Bruneck gegründet haben. Seine Frau Ottilie Schenk war Tochter eines Brunecker Bürgers. Das Haus, das Fam. und Wkst. beherbergte, ist heute noch erh. (Bruneck, Stadtgasse 29). Ab 1467 ist P. in den städtischen Quellen in relativ dichter Folge genannt und sein wirtschaftliches Gebaren, seine soziale und fam. Rolle sind gut erschließbar. Auch die Reihe seiner Werke ist fast durchwegs durch arch. Belege dokumentiert. Am Beginn stehen regionale Aufträge: Wandmalereien für St.Nikolaus in Issing (um 1460/62?) und das Hochaltarretabel für die Laurentiuskirche von St. Lorenzen, das P. einer späteren Quelle (1507) zufolge 1462/63 in Auftrag hatte. Bald dehnte sich sein Wirkungskreis aus und damit wuchs auch das Volumen der Aufträge. 1465 schuf er ein kleines Flügelretabel für den Musiker Johannes Lupi aus Bozen (verschollen). 1471 schloss er die Verträge über die Hochaltarretabel für die Pfarrk. von Bozen-Gries und für die Wallfk. von St. Wolfgang am Wolfgangsee (um 1475/81), 1481 über einen Michaelsaltar in der Pfarrk. von Bozen (verschollen). Seinen letzten Auftrag über das Hochaltarretabel der Pfarrk. von Salzburg erhielt er 1484. Der Umfang der Arbeiten an diesem größten Flügelaltar seiner Zeit machte ab 1495 eine Übersiedelung nach Salzburg notwendig. Vom Salzburger Benediktinerstift St.Peter wurde er auch für ein Retabel für St.Michael am Aschhof (Residenzplatz) entlohnt (1496/98). Im Zuge der Endarbeiten an dem bereits 1497 aufgestellten Hochaltar der Pfarrk. verstarb P. im Sommer 1498 in Salzburg. Sein Schwiegersohn Kaspar Neuhauser, Witwer seiner Tochter Margarethe, stellte 1502 die Schlussquittung über 3.300 rh. Gulden aus. Die Wkst. P.s wurde offenbar nach seinem Tod liquidiert. Der Sohn Hans übernahm stattdessen Haus und Wkst. des Friedrich. Seine erste Ausb. dürfte P. in Brixen erfahren haben. Das Frühwerk (Schlussstein aus Issing, um 1460/62, heute Bruneck, SM; Altar von St.Lorenzen) zeigt Anklänge an den Stil des Leonhard Scherhauff, des beherrschenden Künstlers in Brixen nach der Jahrhundertmitte, und spiegelt die Auseinandersetzung mit dem 1458/59 aufgestellten Sterzinger Altar des Hans Multscher. Folgenreich war jedoch ein Aufenthalt in Padua um 1460. Viell. fand P. dort Anschluss an die Wkst. des Francesco Squarcione. In jedem Fall studierte er die Werke der Florentiner Pioniere der Frührenaissance (Donatello, Paolo Uccello, Filippo Lippi, Antonio Pollaiuolo) und v.a. jene des Andrea Mantegna. Die Auseinandersetzung mit der Zentralperspektive und den neuen Möglichkeiten der Bildkonzeption, die diese eröffnete, wird sein gesamtes künstlerisches Schaffen prägen. Welche Rolle dem zeitgleich tätigen Meister von Uttenheim für P.s Entwicklung zukommt, ist in der Forsch. heftig umstritten. Es muss ein enger Kontakt zw. beiden Meistern bestanden haben. Ihre Werke weisen zahlr. künstlerische und techn. Parallelen auf (gemeinsam genutzte Ornamentschablonen). Der etwas ältere Anonymus dürfte in der Frühzeit durchaus Einfluss auf P. gehabt haben, jedoch scheint sich dieses Verhältnis bald umgekehrt zu haben. Die fast zur Gänze erh. Bildtafeln des bald nach der Rückkehr aus Italien entstandenen Laurentiusaltars von St. Lorenzen erweisen P.s fundierte Erarbeitung der perspektivischen Konstruktion. Die szenische Erschließung der tiefenräumlichen Architekturen stellt ihn jedoch noch vor Probleme. Neben der Auseinandersetzung mit oberitalienischen Quellen reflektieren die Frühwerke deutlich auch die Verarbeitung von oberrheinischen Vorbildern, v.a. der Stiche des Meisters E.S. In der frühen Skulptur P.s zeichnen sich diese Einflussmomente durchaus unterschiedlich ab. Die Renaiss.-Skulptur, die ihm in Padua vor Augen stand (Donatello, Nicolò Pizzolo), zeigte überraschenderweise kaum Wirkung. Die räumliche Präsenz der Madonna aus dem Altarschrein von St.Lorenzen resultiert aus einer kraftvollen Durchdringung von Gewand und Anatomie, die neben regionalen Wurzeln und den Grafiken des Meisters E.S. viell. bereits durch Werke des Niclaus Gerhaert van Leyden angeregt ist. Nach einer Reihe von Wandmalereiaufträgen der späten 1460er Jahre (St.Paul im Lavanttal; Innichen, Stiftsk.; Welsberg, Bildstock), die P. jedoch großteils an Mitarb., darunter Friedrich, delegierte, erweisen sich die 1470er Jahre als fruchtbarste Phase in seinem Schaffen. Als ein malerisches Hw. darf der Kirchenväteraltar (um 1470/78, München, AP) aus Kloster Neustift gelten. Erstmals in der Gesch. des Flügelaltars präsentiert sich das geöffnete Retabel als einheitlich zentralperspektivisch konstruiertes Bild. Eine Pointe dieses Werks liegt in seiner medienreflexiven Strategie. Offenbar um zu demonstrieren, dass die revolutionäre Umwandlung zum Einheitsbild Funktion und Prinzip des Wandelaltars nicht außer Kraft setze, entwarf er ein hintersinniges Raumkonzept, das das Schließen der Flügel mit den Mitteln illusionistischer Fiktion imaginieren sollte. Als Bildhauer arbeitete P. gleichzeitig an einer Neukonzeption des Schnitzaltars, deren Entwicklungsschritte sich an den Altarschreinen von Gries und von St.Wolfgang ablesen lassen. In Gries war P. vertraglich an die Vorgabe gebunden, die Marienkrönungsgruppe des Schreins nach dem 50 Jahre älteren Hochaltarretabel des Hans von Judenburg in der Pfarrk. von Bozen (1421) zu gestalten. Die Auseinandersetzung mit dem hist. Vorbild könnte zu einem neuen szenischen Ansatz in der Gest. von Schreinskulptur beigetragen haben. Bereits in Gries ist die Geschlossenheit der Figuren aufgegeben, die Oberflächen sind durch ausschwingende Gewänder zu einem inneren Zusammenhang verspannt. In der räumlichen Funktion der sich von den Körperkernen lösenden Draperien ist der Einfluss des Niclaus Gerhaert van Leyden nun deutlicher zu spüren. Andere Wurzeln haben die perspektivischen Effekte der Schrein-Archit., die die tiefenräumliche Wirkung der Krönungsszene steigern. In St.Wolfgang finalisiert P. das Prinzip der Verflechtung der Form. Der Schrein ist nun noch wesentlich dichter gefüllt. Archit. und Figuren scheinen untrennbar miteinander verwachsen und gewinnen aus dem Wechselspiel von Hell und Dunkel erscheinungshafte Dynamik. Das genuine Prinzip des Skulpturenschreins, der Schreinkasten mit eingestellten Figuren, ist damit vollends zugunsten eines bildhaft szenischen Konzepts überwunden. Die formale Durchdringung beschränkt sich in St.Wolfgang aber nicht auf den Schrein, sondern erfasst den Altarkörper als Ganzes und dient dem Anspruch, Inhalt über Formzusammenhänge zu erklären. Das Gesprenge stellt sich in dieser Weise als direkte Fortsetzung der Archit. des Schreins dar, als wäre es durch diesen hindurch nach oben gewachsen. Die flankierenden Schreinwächter fungieren in ihrer Drehbewegung wie Scharniere, die das funktionale Leitmotiv des Wandelaltars, das Drehen der Flügel, in Form übersetzen. Eine neue Dynamik kennzeichnet auch die Flügelbilder des Altars von St.Wolfgang. In Auseinandersetzung mit der niederl. Bilderzählung (Rogier van der Weyden) sind die Handlungsräume jetzt weit in die Tiefe getrieben. Die Figuren sind nicht mehr formatbeherrschend auf den Vordergrund beschränkt (St.Lorenzen), sondern durchmessen weiträumige perspektivische Archit. in alle Richtungen. Ihre Bewegungen sind in ursächliche Beziehung zur perspektivischen Raumerschließung gesetzt und damit auf rezeptionsästhetisch effektvolle Weise an den vordringenden Blick des Betrachters gebunden (Otto Pächt: "der Blick öffnet"). P.s Entwicklung in den 1480er Jahren ist in Ermangelung erh. Werke schwer zu beurteilen. Die Fragmente des 1498 vollendeten Salzburger Altars künden von einem deutlichen Wandel seiner späten Bildkonzepte. Die einzig erh. Skulptur des Salzburger Altars, die Madonna des Schreins, lässt auf eine Rücknahme der Formverflechtung zugunsten der Einzelfigur schließen. Auch in der Malerei ist die Abkehr von szenischer Dynamik feststellbar. Die Szenen der Salzburger Flügeltafeln öffnen sich nicht mehr in die Tiefe. Die Figuren bewegen sich nicht mehr durch den Raum, sondern bauen sich mon. im Vordergrund auf, als ob der Betrachter über die Schwelle des Bildes geschritten und eng an die Protagonisten herangetreten wäre. Man kann diesen scheinbaren Paradigmenwechsel als letzten Schritt der Subjektivierung des Bilderlebnisses zur Ausschnitthaftigkeit des Gesichtsfeldes deuten. P.s Nachf. (Marx Reichlich) werden an diese Realistik anschließen. - P.s Bed. liegt in den Synthesen, die er aus der europ. Kunst seiner Zeit zu ziehen vermochte. Als einziger Künstler außerhalb Italiens verstand er es, sich das perspektivische Bildprinzip des Quattrocento vollinhaltlich zu Eigen zu machen und in techn. hochkomplexe Lösungen zu übersetzen. In Verbindung mit Strategien der niederl. Bilderzählung gelangte er zu einer neuen, dynamisch suggestiven Erschließung des Bildraumes. P.s Konzepte reflektieren aber auch Brüche und Widersprüche zw. nördlichen und südlichen Bildprinzipien, wie die Wesensdifferenz zw. dem perspektivischen Einheitsbild (Leon Battista Alberti, "finestra aperta") und dem Bildträger Flügelaltar. An diesen Friktionen setzte P.s intellektuelle Auseinandersetzung über das Kunstwerk und seine Aufgabe an, die in seinen Werken an vielfältigen Aspekten ablesbar ist und sie damit zu aussagekräftigen Zeugnissen ihrer Zeit macht.

Werke

Bozen-Gries, Alte Pfarrk.: Teile des ehem. Hochaltarretabels: Schrein, zwei Flügelreliefs, Madonna aus dem Gesprenge, um 1471/75. Basel, KM: Predellentafel des Hochaltarretabels der Stadt-Pfarrk. Salzburg, vor 1498. Graz, Joanneum, Alte Gal.: Predellenflügel des Kirchenväteraltars aus dem Augustiner-Chorherrenstift Neustift, um 1470/78. Innsbruck, Tiroler LM Ferdinandeum: Predellentafel des Laurentiusaltars, um 1465. London, NG, Madonna zw. Hll., Andachtstäfelchen, um 1480/90. München, AP: vier Flügeltafeln des Laurentiusaltars, um 1465. - Bayerisches NM, hl. Michael, Skulpt., um 1465/70. Rychnov Nad Kněžnou, Schloss, Slg Kolowrat: Flügeltafel des Laurentiusaltars, um 1465. Salzburg, Franziskanerkirche; Madonna des Hochaltars, Skulpt., vor 1498. - Franziskanerkloster, Kopf des Kindes der Madonna. St. Lorenzen, Pfarrk. zum Hl. Laurentius, Madonna mit Kind, Skulpt., um 1465. Wien, Belvedere: zwei Flügeltafeln und zwei Predellentafeln des Laurentiusaltars, um 1465; drei Flügelfragmente des Hochaltarretabels der Stadt-Pfarrk. Salzburg, vor 1498.

Ausstellungen

E: 1998 Neustift, Augustiner-Chorherrenstift.

Bibliographie

ThB26, 1932. – Bauer, GEM VI, 1978; PittItalQuattroc II, 1986; DA XXIII, 1996. – E.Hempel, M.P., Wien 1931; O.Pächt, Kunstwiss. Forsch. 1:1931, 95-132; N.Rasmo, M.P., M. 1969; M.Koller/N.Wibiral (Ed.), Der P.-Altar in St. Wolfgang, W. 1981; B.Decker, Städel-Jb. 6:1977, 293-318; Ch.Wood, Res. J. of Anthropology and Aesthetics 15:1988, 89-104; U.Söding, Mitt. der Ges. für vergleichende Kunstforschung in Wien 45:1993(1)1-7; A.Rosenauer, WJbKg 50:1997, 119-130; M.P. und sein Kreis (K), Bozen 1998; M.P. und sein Kreis, Symposion, Bozen 1999; C.Limentani Virdis/M.Pietrogiovanna, Flügelaltäre, M. 2002; Ch.N. Opitz, Gotik-Schätze OÖ, Linz 2003; R.Kahsnitz, Die großen Schnitzaltäre, M. 2005; Brunopolis (K), Bruneck 2006; G.Bonsanti, Paragone 63:2012, 3-30; A.Prater, Kunst Kritik Gesch., B. 2013, 189-216; L.Madersbacher, M.P., B. 2015 (WV, Lit., Urk.).

Artikel aus Thieme-Becker

Biogramm

Pacher, Michael, Maler u. Bildschnitzer, * vermutlich Neustift bei Brixen um 1435, †1498. Von 1467 an als Bürger u. Meister einer Altarwerkstätte in Bruneck nachweisbar, die im letzten Drittel des Jahrh. an erster Stelle im mittleren Alpengebiet stand. Weit darüber hinaus reicht P.s kunstgeschichtl. Bedeutung. Durch ihn erreichte die Kunst des nordischenFlügelaltares ihrenHöhepunkt. Die Abstammung aus dem Pacher-Hof im Neustifter Oberdorf sehr wahrscheinlich. Die seit 1467, dem Jahr der Wahl Leonhard Pachers zum Propst von Neustift, nachweisbare Beschäftigung von Michael u. Friedrich P. an der Neuausstattung des Stiftes läßt naheverwandtschaftl. Beziehungen der 3 Persönlichkeiten vermuten. Wird das Stift als eigentliche geistige Bildungsstätte P.s anzunehmen sein - 1452 bis 1456 stand Nicolaus Cusanus, Fürstbischof von Brixen, mit Neustift in gutem Einvernehmen -, so wurzelt P. künstlerisch im Pustertal. Im Werk des Meisters von St. Sigmund ist die P.sche Kunst im Keim bereits enthalten. Die Wanderjahre werden vermutlich in die 50er Jahre gefallen sein. Schon wegen der benachbarten Lage ist mit Sicherheit eine Reise nach Oberitalien anzunehmen. Daß P. mit Padua, dem damal. Brennpunkt oberital. Kunst, mit dem Kreis der Bellini, Donatellos u. Mantegnas in Berührung kam, davon zeugt der 25 Jahre später entstandene Altar von St. Wolfgang. In der älteren Richtung Jacopo Bellinis trat ihm die venezian. Auffassung des Raumes als einer selbständigen Bildaufgabe entgegen, die bereits die Freilassung der mittleren Tiefenachse u. die Verlegung des Hauptvorganges auf eine Bildhälfte kannte. Mantegnas Eremitani-Fresken zeigten eine den heimischen Tiroler Vorbildern weit überlegene Raum- u. Körperbildung, deren Plastik durch den tiefen u. nahen Blickpunkt besonders betont wird. Überraschend neu mußte ihm vor allem das perspektivische Können erscheinen, das bereits zur Tiefenblickachse schräg verlaufende Hausfluchten richtig zu zeichnen verstand. Was P. übernahm, beschränkte sich auf den Kreis dieser technischen Darstellungsmittel. Seinem inneren Wesen näher stand die nordische Kunst. Hier ergab sich eine enge Berührung durch Multschers Sterzinger Flügelaltar. Aber auch dieser wird ihm über die Grenzen der Heimat nicht nur nach Ulm, sondern auch zur niederländ. Kunst Rogier van der Weydens den Weg gewiesen haben. In den 60er Jahren müssen bereits wichtige, uns zumeist unbekannte Werke entstanden sein, da ihm schon 1471 zwei Hauptaufgaben zufielen, die Hochaltäre in Gries und St. Wolfgang. Obwohl er nur als Maler bezeichnet wird, scheinen doch auch die geschnitzten Teile der Schreine von ihm mit Hilfe von Gesellen hergestellt worden zu sein. Dafür spricht die stilistische Einheit von Mal- u. Schnitzwerk. Auch läßt sich eine selbständige Schnitzer-Persönlichkeit aus seinem Werke nicht herauslösen. In den Kontrakten und Briefen ist stets nur von P. als alleinigem Meister die Rede. Im Kontrakt heißt es bezüglich des St. Wolfgang-Altars, "was aber auf dem weg zerbrochenwürd,sol erwiderumbganncz machen", und gerade bezüglich des Schnitzwerkes wurde von ihm verlangt, "dass es nach dem chöstlichen und pesten, so er das gemachen mag", ausfallen sollte. Trotzdem bleibt P. in erster Linie Maler. Er beherrscht Plastik u. Architektur, um sie in den Dienst seiner umfassenden Kunst zu stellen. So erhält die Malerei plastische Kraft und die festgefugte u. raumhaf te Struktur eines Baues, wie die Plastik ihre Isoliertheit verliert und sich einem malerischen Bilde einordnet. Das Einzigartige dieser innigen Verbindung, die nirgends in gleich hohem Maße wie im Südtiroler Werk P.s zu finden ist, ergab sich aus der Aufgabenstellung. Die Kunst hatte sich zugleich am FlüI22 Pacher gelaltar, der Schreinplastik wie dem Wandfresko und nicht im Bereich der Graphik u. des Porträts wie sonst im Norden ausgebildet. Schrein wie Fresko sind in Südtirol aus dem Geiste der spätgotischen Baukunst entstanden und verbleiben unzertrennlich in diesem Verband. Erster Grundsatz für das Verständnis von P.s Werken bleibt demnach, daß sie nicht Tafel für Tafel wie bei späteren Staffeleibildern, sondern als Teile einer untrennbaren Einheit beurteilt werden, die dort, wo sie verloren gegangen ist, zu rekonstruieren ist. Dieses einheitliche Ganze ist sich selbst Gesetz. Naturalistische u. rationale Forderungen, die aus anderen, späteren Zusammenhängen u. Erfahrungen abgeleitet sind, haben ihm gegenüber keine Gültigkeit und erschweren nur das Verständnis. P. könnte als Freskomaler begonnen haben, da er als solcher zuerst feststellbar ist. Das Fresko gab seiner Kunst von Anfang an die Richtung auf eine monumentale Raumkunst. Im übrigen kennzeichnen seine Frühzeit von 1467-75 überscharfe Plastik u. zurückhaltende Körperbildung. Das Flächenmäßige ist noch nicht überwunden, das Einzelne bleibt noch isoliert. Erst im Altar von St. Wolfgang in der 2. Hälfte der 70er Jahre wird die enge Verbindung aller Teile des Flügelaltares zu einem vollplastischen, von rauschendem Leben erfüllten Raumganzen erreicht. Die volle Reife tritt in den 80er Jahren ein. Im Neustifter Altar entfalten sich das vielfältige Leben und die zu einer Einheit zusammenfassende Kraft der P.schen Kunst zu einer unübertroffenen Leistung. Die Zeichnung wird stärker durch Farbe u. Licht unterstützt. Der Gegensatz zwischen der reichen u. festlichen Pracht der Innenseiten und der strengen, auf das wesentliche konzentrierten Einfachheit der Außenseiten zeigt die erreichte Spannweite seiner Kunst. Die Figuren verbinden sich noch enger mit dem Raum, der seine Selbständigkeit verliert. Der Spätstil der 90er Jahre bereitet die malerische Richtung des Donaustiles vor, für die der Salzburger Altar vermutlich von großer Bedeutung wurde. Die Gestalten wachsen weiterhin im Raum. Kühne u. kleine Raumausschnitte werden gewählt. Das Bildgefüge lockert sich. Die korrekten perspektivischen Konstruktionen werden aufgegeben. Der Ausdruck steigert sich vom Ruhigen zum schmerzhaft Erregten. - Die geistige Grundlage von P.s Kunst liegt in der angeborenen, natürlichen Frömmigkeit seines Volkes, die nicht mystisch gerichtet ist. Sicherlich wird diese Vorstellungswelt durch die Berührung mit Nicolaus Cusanus u. anderen Vertretern der Reform an Erhabenheit, Tiefe u. Klarheit gewonnen haben., Bezeugte Werke: Flügelaltar in der Alten Pfarrkirche zu Gries. Ehemals Hochaltar. Kontrakt vom 27. 5. 1471 zwischen P. u. Bürgern von Gries. Letzte Zahlung 1488. Gesamtsumme 950 rhein. Gulden. Die Ausführung in der 1. Hälfte der 70er Jahre. Erhalten: die Schreinskulpturen Krönung Mariä zwischen den H11. Erasmus u. Michael, die Malereien der Schreinrückseite (gleichzeitig, aber von fremder Hand) und 2 Flügelreliefs mit der Verkündigung u. der Anbetung der Könige. Verloren: die Predella mit Heiligenreliefs, die Flügelreliefs der Geburt Christi u. des Marientodes, die gemalten Passionsszenen der Flügelaußenseiten, die Hit. Sebastian u. Florian zu seiten des Schreines, der Aufsatz mit Kreuzigung u. Marienfigur. - Hochaltar von St. Wolfgang am Abersee. Kontrakt vom 13. 12. 1471 zwischen P. und dem Abt von Mondsee, Benedikt Eck. Kontrahierte Summe 1200 ungar. Gulden. Signiert u. 1481 datiert auf dem Rahmen der Außenflügel. Datum 1479 auf der Rückseite des Schreines. Hergestellt in P.s Werkstatt in Bruneck. Hervorragend gut erhalten. Sichtbar bei ganz geöffnetem Altar: im Schrein Krönung Mariä durch Christus allein zwischen den Hll. Wolfgang u. Benedikt, auf den Innenseiten des inneren Flügelpaares wie auf den Predellaflugeln gemalte Szenen aus dem Marienleben, in der Predella Anbetung der Könige. Geschnitzter Schreinrahmen mit den Vorfahren Christi, bei der Predella mit Vorbildern der hl. 3 Könige: David mit den 3 Rittern Abisal, Sabothai, Benaja und Salomo mit der Königin von Saba u. 2 Begleiterinnen. Bei Schließung der inneren Flügel zeigen sich auf ihnen u. den Innenseiten des äußeren Flügelpaares 8 gemalte Szenen aus dem Leben Christi mit Ausschluß der Passion und auf den Außenseiten der Predellaflugel die 4 Kirchenväter. Der völlig geschlossene Altar läßt 4 Darstellungen aus der St. Wolfganglegende auf den Flügeln und seitlich als Schreinwächter die Hit. Georg u. Florian sehen. Im Aufsatz Kreuzigung, Verkündigung, Gottvater u. Heilige. Altarrückseite mit Heiligengestalten bemalt. Von den geschnitzten Figuren zeigen die Hand P.s die Schreinfiguren und die H11. Georg u. Florian, von den Gemälden die Tafeln des inneren Flügelpaares und die Predellaflügel. Auch für die äußeren Flügel und die Schreinruckseite müssen detaillierte Entwürfe P.s vorgelegen haben. Ausführung der äußeren Flügelpaare vermutlich v. Friedrich P. - St. Michaelsaltar in der Stadtpfarrkirche zu Bozen. Angedingt am 14. 11. 1481. Zahlungen 1482/84. Vermutlich ein kleiner Pfeileraltar. 1687 beseitigt. - Hochaltar der Franziskanerkirche in Salzburg. Vertrag zwischen P. u. dem Rat von Salzburg Sommer 1484 nach vorhergehender Beratung durch Rueland Frueauf d. Ä. 1495/98 war P. an der Herstellung in Salzburg tätig. Gesamtsumme 3300 rhein. Gulden. Anfang des 18. Jahrh. abgerissen. Erhalten die thronende Marienfigur. Das ursprüngliche Kind im 19. Jahrh. beseitigt. - Tafel in St. Michael am Aschhof in Salzburg. Zahlung an P. 1496 vom Abt von St. Peter, Virgil Puchler. Verschollen. Zugeschriebene Werke. Fresken: Die 4 Kirchenväter in den Gewölbevierpässen der alten Sakristei von Neustift und ornamentale Rautenfelder im darüber befindl. Archivraum. Baudatum 1467. Frühwerke. - Marienbrustbild im Schlußstein der Erasmuskapelle der Pfarrkirche in Taisten. Baudatum 1471/72. Frühwerk. - Fresken des Welsberger Bildstöckls. Wichtig die Kirchenvater in starker Untersicht in den Bogenlaibungen der 4 Nischen. 1882 zerstört, fast völlig erneuert. - Vierpässe u. Schlußsteine der Decke der Stiftskirche in St. Paul im Lavanttal. Auftraggeber Abt Johann EClinger. Gewölbe 1468 eingezogen. Ausgeführt vermutlich Anfang der 70er Jahre durch Friedrich P. teilweise nach Entwürfen Michaels (Westteil des Hauptschiffes). - Reicher Prasser u. armer Lazarus an der Westwand des Kreuzganges von Neustift. Zusammenarbeit von Michael u. Friedrich P. Um 1475. - Hl. Candidus, Corbinian und ein Kaiser, vermutlich Otto I., über dem Südportal der Stiftskirche in Innichen. Um 1480. - Christophorus an der Kirche der hl. Walburg in Antholz-Niedertal. Nur der obere Teil ursprünglich. Autorschaft P.s bestritten. Spätwerk. - Kreuzigung, Opferung Isaaks und Erhöhung der ehernen Schlange im Kapitelsaal in Brixen. Spätwerk. Altarbilder: Halbfiguren der hl. Petrus, Paulus, Katharina u. Barbara. 2 Predellenflügel in der Stiftssamml. in Witten. Frühwerk. - Krönung Marien in der Ält. Pinak. München, um 1475. - Flucht nach Ägypten in der Öffentl. Kunstsamml. in Basel. Fragment. Ende der 70er Jahre. - Kirchenväteraltar aus Neustif † in der Ält. Pinak. München. Nach Bayern 1812 aus Neustift verbracht. Der Kirchenväteraltar der Stiftskirche schon 1465 geweiht. Die Tafeln jedoch nachweisbar erst unter Propst Leonhard Pacher (1467/1483) gemalt. Unter den Werken, die P. für das heimatliche Stift schuf, nach dem Erhaltenen zu urteilen, die hervorragendste und wohl auch letzte Leistung (um 1483). Die versuchte Identifizierung mit dem 1491 geweihten Kirchenväteraltar der Allerheiligenkapelle am Dom zu Brixen nicht möglich, da die Kapelle für den Neustifter Altar zu klein ist. Damit fällt auch der Ansatz um 1490. Bei geschlossenen Flügeln 4 Szenen aus dem Leben des hl. Wolfgang. - Hochaltar von St. Lorenzen bei Bruneck. Zu ihm gehörte vermutlich die thronende Marienfigur in St. Lorenzen als Schreinfigur. Die Flügelaußenseiten: Abschied des hl. Laurentius vom Papst Sixtus II. und der Heilige vor Gericht jetzt im Kunsthist. Mus. in Wien, der Heilige, Almosen austeilend u. Blinde heilend (bisher nicht richtig gedeutet, vgl. Antiphon des Stundengebetes vom 10. 8.), und das Martyrium des Heiligen jetzt in der Alt. Pinak. München. Daselbst auch 2 Tafeln der Flugelinnenseiten mit der Verkündigung u. dem Tod Mariens. 1. Hälfte der 80er Jahre. - Vermählung der hf. Katharina im Stift St. Peter in Salzburg. Zuteilung bestritten. Vermutlich Werkstattarbeit unter Mitwirkung P.s. Spätwerk. - Vermählung Maniens und Geißelung Christi im Kunsthist. Mus. in Wien. Beiderseitig bemaltes Flügelfragment. Hauptwerk des Spätstils, vermutlich vom Salzburger Altar stammend. - Hl. Barbara in der Samml. Colli in Innsbruck. Wohl Predellenflügel. Spätwerk. - Altar des hl. Thomas von Canterbury aus Neustift ins Joanneum zu Graz. 2 kleine Tafeln mit dem Martyrium und der Leichenfeier. Auf der Rückseite die Evangelistenzeichen Löwe u. Stier. Vermutlich von einem aus der Werkstatt P.s hervorgegangenen Meister. Ende 15. Jahrh. Wohl zu einem Gegenstück gehören 4 gleich große Tafeln mit Szenen aus dem Marienleben von gleicher Provenienz im Joanneum. Dem Meister der Tafel von Uttenheim zugeschrieben. - Marienfigur der Waldaufkapelle in der Pfarrkirche zu Hall. Die Weihe des Altars erfolgte erst 1505. Schon aus diesem Grund die Urheberschaft P.s zweifelhaft. - Johannesschüssel in der Samml. A. Colli in Innsbruck. P. nahestehend. Direkte Zuschreib. beifehlenden Vergleichsstücken nichtmöglich. Zeichnungen: Eine Mitra und ein Bischofsstab in der Erlanger Universitätsbibliothek. Vermutlich aus P.s Salzburger Spätzeit. Lit.: Gesamtdarstellungen: E. Hempel, M. P., Wien 1931. - J. v. Allesch, M. P., Lpzg 1931. - Tafelwerk: F. Wolff, M. P., Berl. 1909. - Allgemeines: O. Pacht, Die histor. Aufgabe M. P.s, in: Kstwiss. Forschungen, 1 (Berl. 1931) 97ff. - H. Schuritz, Die Perspektive in der Kst A. Dürers, Frankf. a. M. 1919, p. 20 ff. - Dokumente: L. Spatzenegger, Beiträge zur Gesch. d. Pfarr- oder Franziskanerk. in Salzb., in: Mitth. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde, 9 (1869) 24ff. - W. Mannowsky, Die Gemälde des M. P., Münch. 1910, p. 97ff. - I. Zibermayr, M. P.s Vertrag über die Anfertigung des Altars in der Kirche zu St. Wolfgang, in: Mitt. d. Inst. f. öst. Geschichtsforsch., 33 (1912) 468ff. - Schnita- und Malwerke: H. Semper, M. u. Friedrich P., Eßlingen 1911. - R. Stiassny, M. P.s St. Wolfganger Altar, Wien 1919.-Gemdlde: W. Mannowsky, op. cit. - O. Pacht, Österr.Tafelmalerei der Gotik, Augsburg 1929. - Zeichnungen: E. Bock, Zeichn. von M. P., in: Festschr. für M. J. Friedländer, Lpzg 1927, p. 14ff. - Wiener Jahrb. f. Kstgesch., 6 (1929) 74ff. (Tietze). - Einzelnes in Zeitschriften: Repert. f. Kstwiss., 8 (1885) 299ff. (Dahlke); 18 (1895) 114ff. (Strompen); 24 (1901) 448ff. (Röttinger); 26 (1903) 25 (Stiassny); 31 (1908) 39 (Suida). - Ztschr. f. bild. Kst, N. F. 6 (1895) 26 (Stiassny); 64. Jahrg. (1930/31) 22ff. (R. Verres) u. 225 (C. Th. Müller). - Mitteil. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde, 1907, p. 122 (O. Fischer).-Monatsh. f. Kstwiss., 2 (1909) 154ff. (Reichel); 8 (1915) 249f. (Braune). - Zeitschr. d. Ferdinandeums (Innsbruck), 1912, Heft 56 (Hammer). - Bildende Künste, 2 (19191 30ff. (Haberditzl). - Belvedere, I (1922) 34ff. (Suida); X/2 (1931) 26ff. (O. Fischer). - Jahrb. d. Preuss. Kstsmmlgn, 48 (1927) 226ff. (Sommer). - Blätter 1. Heimatkunde (Graz), 7 (1929) 67f. (Benesch). - Schlern, 12 (1931) 339ff. (Hammer), 424 ff. (Schrott). -P.-Bibliographien: H. Semper, op. cit. p. 393ff. - E. Hempel, op. cit. p. 92ff. E. Hempel.

QuelleSource