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Theophobos Perses

Θεόφοβος

Ralph-Johannes Lilie, Claudia Ludwig, Beate Zielke and Thomas Pratsch
EintragstypEntry Type
Person
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Personenkennziffer
8237
Namensvariante
Perses (Beiname bzw. Herkunftsbezeichnung); Nasr: Naṣr (arab.); Nasir: Naṣīr (arab.); Nusair: Nuṣaïr (arab.); Barsīs (arab.)
Klerus / Laie
Laie
Geschlecht
Beides
Zeit
9. Jh.
Erste Erwähnung
834
Titel / Beruf
Patrikios; Exusiastes; Perser (# 8237A); Schankwirtin (# 8237B)
Name normalisiert
Theophobos
Ort
Kurdistan; Persien; Kalifat; Sozopetra (Armenia-Melitene); Zapetra (s. Sozopetra); Dazemon bzw. Dazimon (Helenopontos); Anzen; Sinope (Helenopontos); Paphlagonien; Amorion (Galatien); Abasgia; Bukoleonpalast (Kpl.); Theophobiakloster (Kpl.); Kilikien; Oxeia (Stadtteil in Kpl.)
Quelle
ZV; al-Mas‘ūdi, Avertissement; al-Mas‘udi, Prairies d'or; Dunn, Seals; Symeon log.; Leon gr.; Theod. mel; Zonaras; Symeon sl.; Theoph. cont.; Skylitzes; Ps.-Symeon; Genesios; Georg. mon. cont. (Bonn); Georg. mon. cont. (Muralt); Michael syr.; Bar Hebraeus; aṭ-Ṭabarī; Glykas

N: Ursprünglicher Name: Naṣr bzw. Naṣīr oder Nuṣaïr. Bei seinem Übertritt zum Christentum erhielt er den Namen Theophobos; von den Byzantinern wurde T. wegen seiner Herkunft auch “der Perser” — ὁ Πέρσης genannt (Symeon log.).

T: Patrikios (Genesios III 3, p. 38,56f.: ὁ δὲ βασιλεὺς Θεόφιλος τὸν μὲν εὐγενῆ νεανίαν Θεόφοβον καταγεραίρει πατρικιότητι ...; ähnlich auch Theoph. cont. III 21, p. 112,14: Θεόφοβον ὁ Θεόφιλος τιμῇ τῇ πατρικίων ἐναριθμεῖ) und Feldherr (Strategos) der nach Byzanz geflüchteten Perser (Genesios III 5, p. 40,19-23: ... τῷ δὲ Θεοφόβῳ τὰ τῶν Περσῶν ἐγκεχειρικότος διαθέσθαι στρατηγικῶς τὰ στρατεύματα).

V: T. war kurdischer oder persischer Abkunft und Offizier des Khurramiten Babek (# 729), den er bei dessen Revolte gegen den Kalifen unterstützt hatte (1). Er ging vermutlich zusammen mit seinen Leuten (2) im Jahre 834 zu den Byzantinern über, wo er Christ wurde und den Namen Theophobos annahm. Seine Frömmigkeit und seine rhetorischen Fähigkeiten werden von den byzantinischen Quellen gerühmt (3). Er war zusammen mit dem Magistros Manuel (# 4707) einer der Heerführer des Kaisers Theophilos (4). Angeblich soll er von seinen (persischen) Soldaten zum Basileus ausgerufen worden sein, dies aber zurückgewiesen haben (5). Während des Einfalls in das Kalifat, bei dem Sozopetra (Zapetra) erobert wurde, sollen die Soldaten T.s die gesamte männliche Bevölkerung der Stadt massakriert haben. Es seien diese Vorfälle gewesen, die den Kalifen al-Mu‘taṣim (# 5205) äußerst erbittert hätten. Kaiser Theophilos habe später die Verantwortung für diese Vorfälle bei der Plünderung von Zapetra abgelehnt (6). Zusammen mit Theophilos und Manuel nahm T. an der Schlacht bei Dazimon (Anzen) 839 teil, wo seine persischen Soldaten kurzfristig überlegt haben sollen, zum Gegner überlaufen (7). Nach Zonaras soll er in dieser Schlacht Theophilos gerettet haben, was von Zonaras an anderer Stelle (XV 28, p. 371,6 – 372,1) und von den übrigen griechischen Quellen dem Manuel zugeschrieben wird; al-Mas‘ūdī nennt den neu zum Christentum bekehrten Naṣīr (= Theophobos) als Retter des Kaisers (8). Auch Michael syr. III 95 könnte in diesem Sinn interpretiert werden, der von einer Abteilung von 2.000 Mann spricht, dank derer der Kaiser entkommen sei. Diese Zahl entspricht vielleicht dem “persischen” Kontingent in der Schlacht, das von T. kommandiert wurde (9). Anschließend soll er als Usurpator und Verräter verdächtigt worden sein; er sei nach Sinope gezogen, und Theophilos sei ihm bis nach Paphlagonien gefolgt, habe ihm Straffreiheit versprochen und ihn mit nach Konstantinopel genommen. T. soll aufgrund seiner Rechtgläubigkeit in Konstantinopel sehr beliebt gewesen sein (10), womit offenbar ein Gegensatz zu dem ikonoklastischen Kaiser Theophilos aufgrund der unterschiedlichen religiösen Auffassungen konstruiert werden soll. Michael syr. III 96 (Bar Hebraeus 138) berichtet, daß der Kalif al-Mu‘taṣim nach der Eroberung Amorions 839 eine Bitte des Kaisers um Frieden mit der Forderung nach Auslieferung des Magistros Manuel und des T. gekontert habe. Der Kaiser habe abgelehnt, woraufhin der Krieg fortgesetzt worden sei.

T. war der Gatte der Helene (# 2547), der Schwester des Theophilos (11); abweichend und wohl irrtümlich aufgrund einer Verwechslung des Kaisers und der Kaiserin berichten die Quellen der sog. “Logothetenchronik” (12), T. habe eine Schwester der Kaiserin Theodora geheiratet. Diese Quellen nennen allerdings keinen Namen und sind weniger zuverlässig; außerdem sind die Ehemänner der Schwestern der Theodora (Sophia [# 6842]; Maria [# 4738] und Eirene [# 1448]) bekannt.

Zu einem uns unbekannten Zeitpunkt scheint T. zusammen mit Bardas (# 791), dem Bruder der Kaiserin Theodora (# 7286), eine Flottenexpedition gegen die Abasgen geleitet zu haben, die freilich aufgrund schlechten Wetters gescheitert sein soll. Nur wenige Byzantiner sollen zurückgekehrt sein (13).

Über seinen Tod gibt es verschiedene Nachrichten: Den griechischen Quellen zufolge wurde er der Usurpation verdächtigt (angeblich wollte er nach dem Tod des Kaisers Theophilos dessen Nachfolger werden) und 842 kurz vor dem Tod des Theophilos auf dessen Befehl getötet (14). Er sei heimlich aus dem Bukoleonpalast in das Kloster der Theophobia gebracht und dort bestattet worden (15). Arabische und syrische Quellen hingegen berichten, daß er 839/40 in Kilikien im Kampf gegen die Araber gefallen sei. Nach seinem Tod wurde das von ihm befehligte persische Kontingent auf die verschiedenen Themenkontingente aufgeteilt (16).

Anmerkungen: — (1) Theoph. cont. III 19, p. 110,6: δηλώσει δὲ καὶ τὸν Θεόφοβον ὁ λόγος, ὅθεν τε καὶ ὅπως ἐκ Περσῶν καταγόμενος; Genesios III 2, p. 37,4f.: τὸν ἐκ Περσίδος Θεόφοβον. — (2) Laut Symeon log. (Leon gr. 215,6-19; Theod. mel. 148,12-15; Symeon sl. 93,36-38); Ps.-Symeon 625,22 – 626,2; Georg. mon. cont. (Bonn) 793,1-5; Georg. mon. cont. (Muralt) 1009C mit seinem Vater (s. unten) und 14.000 Persern (# 10524). — (3) Genesios III 2, p. 37,5f.: Θεόφοβον, ἄνδρα θεοσεβῆ καὶ πολλῆς ἐχόμενον ἀρρενωποῦ καὶ παλαιᾶς λογιότητος. — (4) Theoph. cont. III 19, p. 109,22 – 110,1. — (5) Theoph. cont. III 29, p. 124,15 – 125,2; Genesios III 5, p. 40,23 – 41,43; Skylitzes 74,7-17. — (6) Michael syr. III 74. 88f.; Bar Hebraeus 132. 135. — (7) Theoph. cont. III 31/32, p. 127,14 – 128,16; Genesios III 2, p. 37,8-15; 14, p. 48,30-59; Skylitzes 76,77-80; Zonaras XV 27, p. 368,1 – 369,10. — (8) al-Mas‘ūdī, Prairies d'or 331f. (Vasiliev, Arabes I); idem, Avertissement 231f. (Carra de Vaux). — (9) In diesem Sinn auch H. Grégoire, in: Vasiliev, Arabes I 416; Rekaya, in: Byz 44 (1974) 67; Lesmüller-Werner, Genesios 156. — (10) Symeon log. (Theod. mel. 153,28 – 154,7; Symeon sl. 97,7-15) = Ps.-Symeon 637,2-17 = Georg. mon. cont. (Bonn) 803,6-16; Zonaras XV 29, p. 376,10 – 377,8. — (11) Theoph. cont. III 19, p. 110,6f.; Genesios III 3, p. 38,56-58; Skylitzes 67,3-5. — (12) Symeon log. (Leon gr. 215,9-11; Theod. mel. 148,15f.; Symeon sl. 93,38f.) = Ps.-Symeon 626,2f. = Georg. mon. cont. (Bonn) 793,5f. = Georg. mon. cont. (Muralt) 1009C. — (13) Theoph. cont. III 39, p. 137,16-22. — (14) Theoph. cont. III 29, p. 125,13-15; III 38, p. 135,16 – 136,23; Genesios III 7, p. 42,61-70; 8, p. 43,87-3; Skylitzes 80,77-85; Zonaras XV 29, p. 380,9 – 381,5; Symeon log. (Leon gr. 227,14 – 228,3; Theod. mel. 158,21 – 159,1; Symeon sl. 99,32 – 100,2) = Ps.-Symeon 646,9 – 647,2 = Georg. mon. cont. (Bonn) 809,22 – 810,11; Georg. mon. cont. (Muralt) 1021B-C. 1029A-B. — (15) Symeon log. (Leon gr. 228,6-8; Theod. mel. 159,3-6; Symeon sl. 100,2-5) = Georg. mon. cont (Bonn) 810,12-16; s. Janin, Églises 245f. — (16) Genesios III 6, p. 41,51-58; Theoph. cont. III 29, p. 125,4-11 und Skylitzes 74,17-22: Aufteilung schon vor der Verhaftung und dem Tod des T.

Q: — (Hist.): Theoph. cont.; Skylitzes; Genesios; Symeon log. (Leon gr.; Theod. mel.; Symeon sl.); Ps.-Symeon; Georg. mon. cont. (Bonn); Georg. mon. cont. (Muralt); Zonaras; Glykas 541,9-13. — (syr.): Michael syr. III 36. 74. 88f. 95f.; Bar Hebraeus 132 (?). 138. — (arab.): al-Mas‘ūdī, Prairies d'or; idem, Avertissement; aṭ-Ṭabarī (Yar-Shater XXXIII) 95 [1235] (= Vasiliev, Arabes I 294): Befehlshaber der “Perser” auf dem Feldzug gegen Sozopetra; aṭ-Ṭabarī nennt als Namen: Barsīs. — (Sg.): Evtl. ist auf diesen T. auch das Siegel ZV 2526 (Theophilos: # 8238) zu beziehen, so jedenfalls Seibt, in: Bsl 36 (1975) 212, der Θεοφόβῳ ἐξουσιαστῇ Περσῶν liest. Ähnliches gilt wohl für Dunn, Seals 4: Siegel eines Theophobos Patrikios (ohne griechischen Text), datiert in das 9. Jh.

L : ODB III 2067f. — Grégoire, in: Byz 9 (1934) 183–204; Vasiliev, Arabes I 93. 124. 154; H. Grégoire, in: Vasiliev, Arabes I 413– 417; Rekaya, in: Byz 44 (1974) 43–67; Rosser, in: Byzantina 6 (1974) 268–271; idem, Theophilus 197; Treadgold, Revival 502 (Reg.); idem, in: DOP 33 (1979) 157–197, bes. 175; Winkelmann II 260. 263 (Reg.); kurzer Überblick bei Lesmüller-Werner, Genesios 156; Ditten, Ethnische Verschiebungen 423 (Reg.); Treadgold, History 439–445; zuletzt J.-C. Cheynet, Théophile, Théophobe et les Perses, in: Η Βυζαντινή Μικρά Ασία (6o" - 12o" αι.), ed. S. Lampakis, Athen 1998 (Εθνικό Ιδρυμα Ερευνών. Ινστιτούτο Βυζαντινών Ερευνών. Διεθνή Συμπόσια 6 - Κέντρο για την Μελέτη του ελληνισμού "Σπύρος Βασίλειος Βρυώνης". Αρχαίος, Μεσαιωνικός, Νέος Εηλληνισμός, 27), 39–50. — Zu den Namen cf. Bosworth, in: aṭ-Ṭabarī (Yar-Shater XXXIII) 95 Anm. 269; ibidem 120 Anm. 334 für die arabischen Quellen zum Tod des T. a. h. 225 (839–840 a. d.) in Kilikien (dort auch weitere Literatur).

P: Zu den Legenden um seine Abstammung cf. im folgenden.

Angehörige (anonym):

1. Vater 8237A

T: Persischer Gesandter in Konstantinopel.

V: Um die Herkunft des T. ranken sich eine Reihe von großteils legendären Nachrichten, die wahrscheinlich alle Variationen einer einzigen Herkunftslegende sind, die in Byzanz zirkulierte und als Hintergrund wahrscheinlich den spektakulären Übertritt des T. mit seinen Anhängern nach Byzanz und die Heirat mit einer Schwester des Kaisers hatte. Dieser Legende zufolge soll der Vater des T. aus dem alten persischen Königsgeschlecht stammen, als Gesandter nach Konstantinopel gekommen sein und dort zusammen mit einer byzantinischen Schankwirtin (s. unten) T. gezeugt haben. Nach einer anderen Version soll er nach Byzanz geflohen sein, dort in die Dienste besagter Schankwirtin getreten sein und mit ihr den T. gezeugt haben. Später hätten die Perser ihn, der über seinen Vater ein Abkömmling der alten persischen Königsdynastie gewesen sei, aufgrund eines Orakels aufgefunden und zu ihrem Herrscher bestellt. Skylitzes 66,84f. legt in dieser zweiten Fassung Wert darauf, daß T. in einer legitimen Verbindung (νομίμῳ συναφείᾳ) gezeugt worden sei. Eine weitere Version bei Genesios gibt an, daß er im byzantinischen Heer gedient habe und in Sinope stationiert gewesen sei. Jedoch findet sich dies nicht bei Skylitzes. Symeon log., Ps.-Symeon und Georg. mon. cont. (Bonn) erwähnen, T. sei mit seinem Vater und 14.000 Persern nach Byzanz geflüchtet; Ps.-Symeon berichtet außerdem, Babek (# 729) habe den Vater des T. in Sinope ergriffen und sich anschließend mit seinem Heer dem Kaiser unterstellt. Als weitere Version führt er an, der Vater des T. sei arm nach Byzanz gekommen und habe mit einer Schankwirtin den T. gezeugt. Abweichend hiervon behauptet er etwas später, bei dem aufgefundenen Kind habe es sich um einen Sohn (# 729A) des Babek gehandelt.

Q: — (Hist.): Theoph. cont. III 19–21, p. 110,5 – 112,21; Genesios III 3, p. 37,25-49; 38,50f.; 4, p. 39,65 – 40,10; Skylitzes 65,57 – 66,90; Symeon log. (Leon gr. 215,6f.; Theod. mel. 148,12f.; Symeon sl. 93,36f.); Ps.-Symeon 625,23; 626,13 – 627,8; Georg. mon. cont. (Bonn) 793,2; Zonaras XV 27, p. 368,9f.

2. Mutter 8237B

T: Schankwirtin — ... τινὶ γυναικῶν, ᾗ τὸ καπηλεύειν εἰς ἐργασίαν παρῆν; Ps.-Symeon: γυναικὶ μισθαρνίαν καπηλεύειν λαχούσῃ.

V: Angeblich (s. P.) die Mutter des T., wohnhaft in Konstantinopel im Stadtteil Oxeia, wo sie eine Schankwirtschaft besaß.

Q: — (Hist.): Theoph. cont. III 19, p. 110,5 – 111,9; III 20, p. 111,17-19; Genesios III 3, p. 37,25-49; III 4, p. 39,65 – 40,10; Skylitzes 65,57 – 66,90; Ps.-Symeon 626,17-19.

P: Der ganze Bericht über die angebliche königliche Abstammung des Theophobos ist so offenkundig legendär, daß weder der persische Gesandte noch seine byzantinische Geliebte in Wahrheit jemals existiert haben dürften. — Cf. auch unter Babek (# 729), über den eine vergleichbare Geschichte existiert.

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