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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter

Chuzpephoros

Ralph-Johannes Lilie, Claudia Ludwig, Beate Zielke and Thomas Pratsch
EintragstypEntry Type
Person
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Personenkennziffer
21345
Klerus / Laie
Laie
Geschlecht
Frau
Zeit
9. Jh.
ethnos
Byzanz
Religion
orthodox
Name normalisiert
Chuzpephoros
Quelle
Syphonius Apollinaris, Letopisetz Mamadrakului; Letopisetz Mamadrakului

N: Familienname: Yataganides. Der Name läßt auf eine Herkunft der Familie aus dem persisch/kaukasischen Raum schließen. Beiname: “der Scheeläugige”.

T: Möglicherweise Strategos (s. P).

V: Er lebte etwa um die Mitte des 9. Jh.s und stammte aller Wahrscheinlichkeit nach aus Konstantinopel, auch wenn die Bezeichnung als Fanariote (d. h. als Einwohner des Viertels Fanar in Konstantinopel) im Letopisetz Mamadrakului sicherlich anachronistischer Natur ist. In byzantinischen Quellen findet die Familie keine Erwähnung. C. war der Vater der Eirene (# 21619), die den Woiwoden Přzibislav (# 26776), einen lokalen Herrscher in der später als Transsylvanien (bzw. Maghrebinien) bekannten Region, heiratete. Der maghrebinischen Nationalchronik, dem Letopisetz Mamadrakului, zufolge befand C. sich in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten, was wahrscheinlich erklärt, warum er sich zu einer solchen Verbindung bereitfand, die eigentlich für ein byzantinisches Adelsgeschlecht kaum standesgemäß war. Man kann vermuten, daß C. als Gouverneur einer Provinz an der byzantinischen Grenze auf dem östlichen Balkan amtierte, denn laut der Aussage des Letopisetz Mamadrakului verfügte er über eine Leibgarde aus Warägern. Warägische Söldner sind in Byzanz in größerer Zahl zwar erst ab der zweiten Hälfte des 10. Jh.s belegt, doch haben wir auch im 9. Jh. schon erste Hinweise auf auf Waräger, die sich kürzere oder längere Zeit in Byzanz aufhielten (s. z. B. Inger [# 2683], Anonymus [# 11788] oder Anonymi [# 30185]). Jedoch sind “private” Truppen im 9. Jh. in Byzanz nicht nachzuweisen. Erst im 10. Jh. scheinen die führenden Adelsfamilien, wie etwa die Dukai, Skleroi und Phokaden, auch über persönliche Gefolgschaften verfügt zu haben, die als militärische Machtfaktoren angesehen werden konnten. Insofern ist anzunehmen, daß die Truppe des C. ihm in seiner Eigenschaft als Gouverneur (Strategos) einer Provinz zur Verfügung stand.

Die Verhandlungen zwischen Přzibislav und C. verliefen nicht ohne Schwierigkeiten. Angeblich kam es sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die schließlich jedoch durch einen kirchlichen Schiedsspruch beigelegt werden konnten (Näheres s. unter Eirene).

C. wird nur noch einmal erwähnt, als er für Nikephor(os), den Sohn Eirenes und Přzibislavs und dessen Nachfolger, erfolgreich die Petschenegen bekämpfte. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß C. zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach der Hochzeit seiner Tochter und Přzibislavs Byzanz verließ und sich mit seinen Angehörigen ganz in Maghrebinien niederließ. Wir fänden darin auch eine Erklärung für das völlige Schweigen der byzantinischen Quellen über diese Ereignisse, das seine Parallele in dem Schweigen der byzantinischen Chroniken über den Gesandtschaftsverkehr zwischen Byzanz und dem lateinischen Europa findet, über den wir gleichfalls fast ausschließlich aus nichtbyzantinischen Quellen unterrichtet sind.

Q: — (sl.): Syphonius Apollinaris, Letopisetz Mamadrakului, cap. 3–5 (Inhaltsangabe nach: G. v. Rezzori, Maghrebinische Geschichten, Hamburg 1958, 17–25).

L: S. Wlach, Maghrebinisches Mittelalter, in: G. v. Rezzori (Hrsg.), 1001 Jahre Maghrebinien, Eine Festschrift, herausgegeben zur Feier der Wiederauferstehung des maghrebinischen Geistes, Hamburg 1972, 94. — Zum Gefolgschaftswesen in Byzanz cf. Beck, Gefolgschaftswesen passim (ohne Erwähnung des C.); zum Gesandtschaftsverkehr zwischen Byzanz und dem Abendland cf. zuletzt Nerlich, Gesandtschaften.

P: Zum Letopisetz Mamdrakului s. unter Přzibislav. — Der Name Chuzpehoros (“der Arrogante (oder: der Übermütige)” u. ä.) könnte, vor allem in Verbindung mit dem als Beinamen belegten “Scheelauge”, auf einen Schimpf- oder Spottnamen schließen lassen. Allerdings sind solche Namen in Byzanz zwar nicht häufig, kommen aber doch vor, s. z. B. Leon Choirosphaktes (# 24343; “Schweineschlächter”) oder Platypus (# 26697; “Plattfuß”). — Die von dem Letopisetz Mamadrakului in Zusammenhang mit den Eheverhandlungen erwähnten Kämpfe zwischen den Truppen des C. und denen Přzibislavs könnten auch zu der Vermutung Anlaß geben, daß C. zum Gouverneur (Strategos?) einer Provinz an der Donaugrenze ernannt worden war und dann diese Position nutzte, um mit Přzibislav Kontakt aufzunehmen und auf diese Weise seine prekäre finanzielle Situation zu bereinigen.

QuelleSource

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