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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter

Přzibislav

Ralph-Johannes Lilie, Claudia Ludwig, Beate Zielke and Thomas Pratsch
EintragstypEntry Type
Person
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Personenkennziffer
26776
Namensvariante
Křziwousty (Beiname)
Klerus / Laie
Laie
Geschlecht
Mann
Zeit
9. Jh.
ethnos
Maghrebinien
Religion
orthodox
Name normalisiert
Przibislav
Quelle
Syphonius Apollinaris, Letopisetz Mamadrakului; Letopisetz Mamadrakului

N: Beiname: Křziwousty (“Schiefmaul”). Der Name rührt zweifellos von einer physischen Mißbildung P.s her, die man später auf verschiedene Weise zu erklären versuchte. Allerdings sind diese Versuche weitgehend hypothetischer Natur und nicht völlig überzeugend (1).

T: Herrscher über verschiedene Völkerschaften im Raum zwischen Donau und Dnjepr — Woiwode von Transsylvanien bzw. Maghrebinien (anachronistische Bezeichnung im Letopisetz Mamadrakului); er führte den byzantinischen Titel eines Archon von Manipulien — ἄρχων τῆς Μανιπουλίας.

V: P. lebte wahrscheinlich in der ersten Hälfte bzw. um die Mitte des 9. Jh.s (2). Zunächst nur Fürst eines Stammes in Stärke von etwa 30.000 Seelen, der im geographischen Raum zwischen Donau und Dnjepr ansässig war, gelang es ihm, in kurzer Zeit die verschiedenen umwohnenden Völkerschaften zu unterwerfen und auf diese Weise ein bedeutendes Reich zu errichten, das auch mit Byzanz in diplomatischen Kontakt trat. Von Byzanz erhielt P. den Titel eines Archon von Manipulien, dessen Vergabe zweifellos auch von Geschenken und Zahlungen begleitet wurde (3).

Noch bedeutsamer ist die Heirat P.s mit der byzantinischen Adligen Eirene (# 21619), einer Tochter des Chuzpephoros Yataganides (# 21345), der selbst die Verhandlungen um Hochzeit und Mitgift führte und seine Tochter auch nach Metropolsk (4), der Residenz P.s, begleitete. Diese Verhandlungen müssen ausgesprochen schwierig gewesen sein, da sie mehrfach unterbrochen wurden und wieder neu aufgenommen werden mußten (5). Die Legitimität der Ehe war aus juristischer Sicht problematisch und scheint von den Beteiligten auch nicht durchgehend anerkannt worden zu sein. Da der aus der Verbindung hervorgegangene Sohn Nikephor(os) allerdings ohne größere Probleme P.s Nachfolge antreten konnte, dürfte den angeblichen Problemen wohl aus späterer Sicht ein höherer Stellenwert zugemessen worden sein, als dies tatsächlich der Fall war. Man wird allerdings als sicher festhalten können, daß P. vor der Hochzeit zum Christentum übergetreten ist. Dies wird auch durch den ausführlichen Bericht über die – allerdings erst etwas spätere – Missionstätigkeit der beiden “Slawenapostel” Konstantinos-Kyrillos (# 3927) und Methodios (# 25062) nahegelegt.

Nach dem Bericht über die Hochzeit und die damit zusammenhängenden Auseinandersetzungen schweigt der Chronist über die späteren Jahre P.s und begnügt sich damit, darauf hinzuweisen, daß er an unmoralischen Vergnügungen und Ausschweifungen gestorben und sein Sohn Nikephor ihm in der Herrschaft gefolgt sei.

In byzantinischen Quellen findet P. keine Erwähnung. Insofern ist auch nicht auszuschließen, daß seine angebliche Bedeutung aus der “nationalen” Rückschau des 15. Jh.s stark übertrieben worden ist und daß es sich bei ihm in Wahrheit um wenig mehr als einen regionalen Kleinfürsten gehandelt hat. Hierfür könnte auch sprechen, daß seine Gattin Eirene wohl nicht dem Kaiserhaus angehörte oder mit einem Kaiser verwandt war, da dies von dem Autor des Letopisetz Mamadrakului sicher erwähnt worden wäre.

Anmerkungen: — (1) Cf. die Diskussion bei Wlach 95–99. — (2) Die Erzählungen um P. in dem Letopisetz Mamadrakului sind von anachronistischen Episoden durchzogen. Dennoch belegen die Hinweise auf die Missionstätigkeit der “Slawenapostel” Kyrillos und Methodios während der Herrschaft von P.s Sohn Nikephor(os) zu Genüge, daß P. um die Mitte des 9. Jh.s gelebt haben muß. Anachronistisch ist möglicherweise der Hinweis auf die petschenegische Leibgarde P.s, da die Petschenegen erst im 10. Jh. in dieser Region aktiv wurden. Aber die Anwerbung einzelner petschenegischer Söldner wird man kaum mit Sicherheit ausschließen können. — (3) Der Titel Archon bezeichnete den Herrscher eines mit Byzanz verbundenen Reiches oder Gebiets, das nach byzantinischer Auffassung zwar nicht zum Reich selbst gehörte, aber auch nicht als völlig selbständig angesehen wurde; cf. etwa den ungarischen Archon Almos (# 20260), die verschiedenen Archontes in Dalmatien oder den Archon Michael von Zypern (# 25127), die alle in demselben Zeitraum belegt sind. Die Landschaft Manipulien (im Griechischen wohl als ἡ Μανιπουλία wiederzugeben) findet in byzantinischen Quellen keine Erwähnung. Der Name dürfte wahrscheinlich den Herrschaftsbereich P.s bezeichnen. — (4) Die Namensform Metropolsk ist zweifellos anachronistisch, weist aber darauf hin, daß der Regierungssitz P.s im Zuge der Christianisierung, und wohl schon während der Bündnis- und Heiratsverhandlungen zwischen P. und Byzanz Sitz eines Metropoliten geworden ist. Dies wird auch durch die Erwähnung des Eustachios (# 21827) nahegelegt, der die Hochzeit vollzog und als Archimandrites von “Manipulia” angesehen werden kann. Er war allerdings noch kein Bischof, denn als erster Bischof wird im Lepotisetz Mamadrakalui ausdrücklich der Waräger Snorri Sturuson bezeichnet. Näheres s. unter Eustachios. — (5) Nach der Darstellung des Syphonius Apollinaris kam es zu mehreren Prozessen und mindestens drei kirchlichen Heiraten der beiden Protagonisten, was aus kirchenrechtlicher Sicht ausgeschlossen erscheint, aber vielleicht auch nur, rhetorisch überhöht und dramaturgisch aufgeladen, die Schwierigkeiten bei dem Aushandeln der Mitgift und der Stellung Eirenes verdeutlichen soll. Laut dem Lepotisetz hatte P. einen Harem von 170 Ehefrauen und Konkubinen, was gleichfalls dafür spricht, daß Maghreginien zu dieser Zeit noch überwiegend pagan geprägt war. Man wird annehmen können, daß er diesen Harem aufgeben mußte, als er Eirene heiratete.

Q: — (sl.): Syphonius Apollinaris, Letopisetz Mamadrakului, cap. 3–5 (Inhaltsangabe nach: G. v. Rezzori, Maghrebinische Geschichten, Hamburg 1958, 15–32).

L: S. Wlach, Maghrebinisches Mittelalter, in: G. v. Rezzori (Hrsg.), 1001 Jahre Maghrebinien, Eine Festschrift, herausgegeben zur Feier der Wiederauferstehung des maghrebinischen Geistes, Hamburg 1972, 93–100. — Zu dem Werk G. v. Rezzoris und zu dem Letopisetz Mamadrakului cf. H. Neumann (Iasi), Rezzori lesen. Die rumänische Kodierung der Maghrebinischen Geschichten, in: A. Corbea-Hoisie – G. Guṭu – M. A. Hainz (Hrsg.), “Stundenwechsel” (Jassyer Beiträge zur Germanistik 9), Bukarest–Konstanz 2002, 339–346; idem, Das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion in Rezzoris “Maghrebinischen Geschichten", in: A. Corbea-Hoisie – A. Rubel (Hrsg.), Czernowitz bei Sadagora. Identitäten im mitteleuropäischen Raum, Konstanz 2006, 267–279.

P: Der Letopisetz Mamadrakului, den der Mönch Syphonius Apollinaris, der von 1495 bis 1592 lebte und Abt des Klosters Mamadrakului war, um die Wende vom 15. zum 16. Jh. verfaßte, wartet noch auf eine kritische Edition. Bisher existiert nur eine umfangreiche Inhaltsangabe durch G. v. Rezzori (Maghrebinische Geschichten, Hamburg 1958), deren Zuverlässigkeit nur mit Einschränkungen überprüfbar ist. Insofern können auch die Angaben zu P. und den anderen in V genannten Personen nur unter Vorbehalt als historisch akzeptiert werden. Zwar wird die Quelle in der Forschung ausdrücklich als zuverlässig bezeichnet, dennoch zwingen die zahlreich auftretenden Anachronismen und ebenso die Vermischung von Fakten und Mythen dazu, die Angaben soweit möglich im einzelnen genau zu prüfen. Auch die starke nationalistischen Tendenzen im Letopisetz dürften kaum die Verhältnisse im 9./10. Jh. widerspiegeln, sondern ein Charakteristikum seiner Entstehungszeit im ausgehenden Mittelalter sein.

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