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Martini, Francesco di Giorgio

Frommel, Sabine
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Thieme-Becker Name
Francesco di Giorgio Martini
Weitere Namen
Francesco di Giorgio Martini; Martini, Francesco di Giorgio; Francesco Maurizio di Giorgio di Martino Pollaiuolo; Francesco Maurizio di Giorgio di Martino; Francesco di Giorgio di Martino Pollaiolo; Francesco Maurizio di Giorgio di Martino Pollaiolo; Francesco di Giorgio
Geschlecht
männlich
Beruf
Architekt; Bildhauer; Maler; Ingenieur; Illuminator; Buchmaler; Medailleur
GEO-Nachweis
Siena; Urbino; Cortona; Ancona; Jesi
Staat
Italien
Geburtsdatum
(vor) 1439.09.23
Geburtsort
Siena
Todesdatum
(vor) 1501.11.29
Todesort
San Giorgio a Papaiano bei Siena
Fundstelle
AKL LXXXVII, 2015, 387; ThB XII, 1916, 303 ss
Thieme-Becker Name
Francesco di Giorgio Martini
Further Names
Francesco di Giorgio Martini; Martini, Francesco di Giorgio; Francesco Maurizio di Giorgio di Martino Pollaiuolo; Francesco Maurizio di Giorgio di Martino; Francesco di Giorgio di Martino Pollaiolo; Francesco Maurizio di Giorgio di Martino Pollaiolo; Francesco di Giorgio
Gender
male
Occupation
architect; sculptor; painter; engineer; illuminator; miniature painter; medalist
Geographical data
Siena; Urbino; Cortona; Ancona; Jesi
Country
Italy
Date of birth
(vor) 1439.09.23
Place of birth
Siena
Date of death
(vor) 1501.11.29
Place of death
San Giorgio a Papaiano bei Siena
Location
AKL LXXXVII, 2015, 387; ThB XII, 1916, 303 ss
InhaltsverzeichnisTable of Contents

Artikel

Vita

Martini, Francesco di Giorgio (Giorgio, Francesco di; Giorgio di Martino, Francesco Maurizio di), ital. Architekt, Bildhauer, Maler, Ingenieur, Illuminator, Medailleur, get. 23.9.1439 Siena, †vor 29.11.1501 S.Giorgio a Papaiano b. Siena.

Biogramm

Der Vater, ein Stadtbeamter in der Finanzverwaltung (Ufficio di Biccherna), war Eigentümer kleiner Besitztümer in der Stadt und auf dem umliegenden Land. Schon 1460 erscheint sein Vorname gemeinsam mit dem des "Benvenuto" (viell. Benvenuto di Giovanni di Meo del Guasta) an der Seite des Lorenzo di Pietros, gen. il Vecchietta, der zu dem Zeitpunkt mit den Assunta der Kathedrale von Pienza beschäftigt war. Was das Wirken M.s als Maler und Bildhauer betrifft, so lastete das negative Urteil Giorgio Vasaris lange auf einer objektiven Wertung. Zeugnisse während seiner Ausb. (Predica di S.Bernardino, Liverpool, Walker AG; Gesch. von Joseph und Susanna im Bade, Siena, PN; Punizione di Psiche, Florenz, Coll. Berenson; Tavolette di Gabella, Siena, Arch. di Stato) offenbaren mannigfaltige Einflüsse, die sowohl von seinem Meister als auch von der florentinischen Malerei der ersten H. des 15.Jh. herrührten. Gemalte Archit., bei denen Vecchietta große Meisterschaft errungen hatte, spielten für M. von A. an eine wesentliche Rolle. Im Nov. 1464 zahlte ihm die Compagnia di S.Giovanni Battista della Morte zwölf Lire für die polychrome hölzerne Statue des Hl.Johannes (Siena, Mus. dell'Opera del duomo), die sich an Donatellos Werk in der Kathedrale in Siena (1457) anlehnt und den "Wiederauferstandenen Christus" von Vecchietta vorausahnen lässt (1476, Spedale di S.Maria della Scala, Kirche dell'Annunziata). Welch unterschiedliche Aufgaben dem jungen Künstler anvertraut wurden, zeigen im Jahr 1463 die Min. des Frontispizes von "De animalibus" von Albertus Magnus, die sich im Bes. des Alessandro da Sermoneta befanden (Siena, Convento dell'Osservanza, Mus. Aurelio Castelli) wie im Jahr 1467 das Titel-Bl. des "Sienesischen Verwaltungs-Reg.", Tavoletta di Biccherna, das er mit einer Abb. der Stadt während des Erdbebens im Jahr 1466 versah, über der die Jungfrau mit Engeln schwebt (Milanesi, 1854). Eine umfangreichere Tätigkeit ist für 1470/71 in der Kirche dello Spedale di S.Maria della Scala dok.: Dekorationen der Kassettendecke (wahrsch. in Zusammenarbeit mit dem Maler Lotto di Domenico di Lotto), das Fresko einer Krönung der Jungfrau Maria in der Apside (1732 zerst.) und eine Holzstatue. Von 1472 an erhielt er Aufträge des Klosters von Monteoliveto Maggiore, die wahrsch. die Szenen der Krönung der Jungfrau Maria (Siena, PN) in den Kap. von S.Caterina da Siena und S.Sebastiano betreffen. M. folgte hier dem Modell in Niello-Technik des Maso Finiguerra (Florenz, MN del Bargello), das durch Stiche bek. war (Pope-Hennesy, 1950). Das Werk ist als phil. Allegorie des ma. ptolemäischen astrologischen Systems gedeutet worden und stützt sich auf Dantes "Convivio" (II,3). Die dazugehörige Predella mit den Gesch. des Hl.Benedikt (Florenz, Uffizien) wurde seinem befreundeten Kollegen Neroccio di Bartolomeo di Benedetto de Landi zugeschrieben. Eines der aufschlussreichsten Zeugnisse dieser Schaffensperiode bildet die Verkündigung (Siena, PN), wo M. eig. Trad. mit dem perspektivischen Raum und einer klassizistischen Archit. zu verbinden suchte. Zu diesen frühen Experimenten gehört auch die Taf. mit dem Treffen von Dido und Aeneas (Portland/Ore., AM), während die kleinformatigen und der priv. Andacht gewidmeten Darstellungen der Jungfrau mit dem Kind (u.a. Boston/Mass., MFA; Siena, PN). wohl aus der Wkst. hervorgegangen sind. Ab 1469 war er auch als Ing. tätig und beschäftigte sich gemeinsam mit Paolo d'Andrea mit der unterirdischen Wasserversorgung der Stadt Siena, einer Aufgabe, der er sich fast sein ganzes Leben widmen sollte. Gegen M. der 1470er Jahre studierte er die "Codici di macchine" von Taccola (eigtl. Mariano di Jacopo), des für Mechanik begeisterten Sieneser Notars, und er verfasste den sog. Codicetto (Rom, Bibl. Apostolica Vaticana: Urb.lat.1757), in dem Anm. und Skizzen sein Interesse für die Baukunst bekunden. Sie spiegeln die Suche nach neuen mechanischen Lösungen wider, die sich auf antike Autoren wie Vegezio, Sesto Giulio Frontino, Vitruv, Marco Greco und Claudio Tolomeo stützten und die er später um Festungsgrundrisse und Aufzeichnungen zu Maschinenentwürfen des Roberto Valturio ergänzte (Galluzzi, 1991; Michelini Tocci, 1989). 1467 heiratete er Cristofana di Campagnatico und zwei Jahre später Agnese di Benedetto di Neroccio da Siena, die ihm acht Kinder schenkte. Möglicherweise entwarf er Tle der Kirche des Hospitals von S.Maria della Scala, wo er Decke und Apsis ausschmückte (1470-71), und er war 1474 mit dem Projekt der Kirche des Klosters dell'Osservanza vor den Toren der Stadt beauftragt, deren Formen florentinischen Einfluss verraten (nach 1485 voll.). Das Langhaus ist von zwei auf Pendentifs ruhenden Schirmkuppeln bekrönt, die sich mit der überkuppelten Vierung und dem Chor zu einem ausgewogenen Innenraum vereinen. Der schlichte Stil mit den sich im Gebälk verkröpfenden Ordnungen ist schon ganz den stilistischen Eigenheiten M.s verpflichtet. Als gesichert gilt die Zuschr. der großformatigen Taf. Hll.Bernhard und Thomas von Aquin mit zwei Engeln (Siena, PN) aus dem Jahr 1475, einer Anbetungsszene, in der er die primitive Holzkonstruktion der biblischen Trad. mit einem klassizistischen Tempietto kombinierte. Im Juli 1475 wählte er Vecchietta anlässlich der Auflösung seiner Zusammenarbeit mit Landi als Schiedsrichter und zog ihn am 28. Mai 1476 für sein Gutachten über den Fluss Bruna in Maremma hinzu. Danach mag seine Übersiedelung an den Hof Federico da Montefeltros in Urbino stattgefunden haben. Im Mai 1477 hatte er das Vertrauen des Ottaviano Ubaldini gewonnen, der sich in mehreren Verträgen auf ihn bezog, insbesondere für die Festung von Costacciaro und den herzoglichen Pal. von Gubbio, wo man einen Raum nach seinem Entwurf ausschmückte (wahrsch. das studiolo, wie es später in ähnlicher Form im Herzogspalast zu Urbino entstehen sollte). Im Nov. 1477 war M. fest in Urbino angesiedelt; 1478 begleitete er F.da Montefeltro im Feldzug gegen die Florentiner in die Toskana. Kurz darauf wurde er in Siena auf Empfehlung Federicos in den Volksrat der Stadt (Consiglio del Popolo) gewählt, erhielt das Privileg des Priors und mehrere Aufträge. 1481 folgte ein weiterer Aufenthalt in Siena im Auftrag Federicos, der mit der Inspektion einiger Festungen Mittelitaliens zusammenfiel, darunter auch Casole d'Elsa, wo er 1487 umfassende Arbeiten ausführen sollte. Das F.da Montefeltro gewidmete Opusculum de architectura (London, BM: cod. 187b21 [Harley 3281]), das wohl zu A. seines Aufenthalts in Urbino entstand, beinhaltet Zchngn von Festungen und Maschinen, die Funktionalität und klare geometrische Strukturen in Einklang zu bringen suchen. Zu den frühesten praktischen Aufträgen gehören die Verteidigungsbastion Costacciaro und der auf kreisförmigem Grundriss errichtete, befestigte Pal. von Sassocorvaro, dessen schlichte Gliederung des Innenhofes M.s Formensprache verpflichtet ist. Seine Hw. für F.da Montefeltro betrafen hingegen die Voll. des herzoglichen Pal., des Domes, sowie die Klöster von S.Bernardino und S.Chiara (K Siena, 1993). Eine genaue Dat. dieser Arbeiten ist durch den Verlust der lokalen Arch. nicht möglich. Entweder schon im Jahr 1449 oder spätestens 1454/55 wurde der Pal. mit dem zum Ort hin ausgerichteten Flügel auf bestehenden Strukturen beg.; seine Weiterführung oblag zw. 1466 und '72 Luciano Laurana. Nach dessen Ausscheiden plante wahrsch. M. den prachtvollen Hof, den im Erdgeschoss elegante Loggien säumen und in dessen Obergeschoss eine Pilasterordnung mit von Gesimsen bekrönten Fenstern alterniert (C.L. Frommel, 2004). Das Gebälk verkröpft sich über den Pilastern der kräftigen Eckpfeiler, während die Inschr. des Frieses F.da Montefeltro huldigen, der 1474 zum Herzog von Urbino ernannt worden war. Bei der Eingangsfassade bezog M. geschickt ältere Tle ein. Pilaster rahmen ein Erdgeschoss mit flachen Bossen, die sich auch im Obergeschoss fortsetzen sollten, wo elegante Fenster-Ädikulen in synkopischem Rhythmus zu den Portalen des Erdgeschosses stehen. In der dem Dom benachbarten Fassade begünstigen hingegen vorhandene Bauten eine axiale Beziehung zw. Portalen und Fenstern. An diesen Tl schloss M. den hängenden Garten an, der einen Verbindungsflügel zw. dem Pal. und dem castellare sowie eine Rundtreppe, Wirtschaftsräume, ein Wasserreservoir und das berühmte Bad umfasst. Er ergänzte weiterhin das oberste Geschoss der zum Tal gerichteten und weithin sichtbaren triumphalen Loggienfassade, die zw. zwei Türmen eingespannt ist. Mit Geschicklichkeit gelang es ihm dort, das studiolo, die Capp. del Perdono und den Tempietto alle Muse auf kleinstem Raum in klar gegliederte Räume zu integrieren. Einige der Innendekorationen und Intarsien offenbaren seine zeichnerische Begabung wie auch die Beherrschung des illusionistischen Raums. 1477-78 errichtete er den Dom auf den Fundamenten eines Vorgängerbaus und ließ sich bei der Fassade durch Leon Battista Albertis S.Andrea in Mantua inspirieren. Nach dem Einsturz der Kuppel im Jahr 1789 infolge eines Erdbebens baute Giuseppe Valadier die Kirche um und bewahrte dabei das urspr. System mit Langhaus und Seitenschiffen, auskragendem Querhaus und einem von zwei seitlichen Kap. flankierten Chor. Kurz darauf wurde auch die Fassade ergänzt. In diese Schaffensphase fällt das Bronzerelief mit der Kreuzabnahme (Venedig, S.Maria del Carmine) für das Oratorium von S.Croce (1475-77), das sowohl durch Donatellos "Beweinung" (London, V&A) als auch durch antike Vorbilder inspiriert ist (bes. in der Figur der Magdalena sichtbar). Auch das Urteil des Paris (Washington/D.C., NG of Art), das an eine Taf. mit dem gleichen Thema anknüpft (Malibu/Cal., Getty Villa), wie auch die 1474-80 entstandenen Stuckreliefs (Siena, Pal. Chigi-Saraceni; London, V&A), die durch idealisierte antike Archit. gekennzeichnet sind, zeugen von der wachsenden Fähigkeit M.s, klassische Vorbilder zu interpretieren. Die Medaillen mit dem Porträt des Herzogs F.da Montefeltro (u.a. Berlin, Staatliche Mus.; London, V&A) zeigen, mit welch umfassenden Aufgaben der Künstler am Hof von Urbino betraut war. Wahrsch. war M. auch für den Umbau des herzoglichen Pal. von Gubbio verantwortlich, wo er 1477 nachg. ist (Fiore, 1994). Dieser folgte dem Vorbild des Pal. von Urbino, wobei bestehende ma. Bauten zu Kompromissen zwangen, die sich insbesondere in der asymmetrischen Gliederung des Hofes niederschlugen. 1484/85 bezahlte die Stadt M. für den Entwurf einer Kirche, deren Grundstein schon kurz darauf gelegt wurde, und die aus einem tonnengewölbte Langhaus mit anschl. Vierung mit Kuppel auf achteckigem Grundriss besteht (erst nach 1508 durch den Florentiner Pietro di Norbo fertiggestellt). 1479 und '80 erhielt M. Zahlungen von der Schatzkammer des Hauses Aragon für Zchngn und Reliefs. Unmittelbar nach dem Tod F.da Montefeltros im Jahr 1482 erbaute er auf einem Hügel in der Nähe der Stadt die Kirche von S.Bernardino, ein Mausoleum, das einen Tl der Klosteranlage bildet. Die geometrisch klaren Baukörper und schlichten horizontal verklammerten Ordnungen sind ganz dem Stil von M. verpflichtet, wobei er die Tendenz zu vereinfachtem archit. Vokabular und neuen Formen der Antikenrezeption geschickt verband. Das Langhaus ist mit einer Tonne bekrönt, dem sich ein überkuppelter quadratischer Raum mit freistehenden Ecksäulen anschließt, wie er für antike Mausoleen typisch ist. In den gleichen Jahren begann M. den Bau des Klosters von S.Chiara, das Elisabeth, die Tochter F.da Montefeltros und Gattin des Roberto Malatesta vollenden ließ, um sich dort 1482 zurückzuziehen. Die heutige Klosterkirche besitzt einen runden Grundriss mit Tiburio, die auf einen späteren Umbau M.s zurückzugehen scheint. Zw. 1484 und '90 errichtete er durch Vermittlung von Luca Signorelli bei Cortona die Pilgerkirche von S.Maria delle Grazie al Calcinaio (1484-90), die durch ihre prägnanten Konturen und die Kuppel auf hohem Tambour die Lsch. beherrscht. Im Inneren entschied er sich zu einer straffen vertikalen Gliederung aus Pilastern und Gurten. Zw. 1478 und '90 entstanden die Festungen von Sassofeltrio, Serra San'Abbondio, Tavoleto (zerst.), Cagli (teilw. erh.), im Auftrag Giovanni della Rovere Mondolfo und Mondavio (die erste im 19.Jh. zerst., die zweite unvoll., aber in gutem Zustand), während er die Festungen von S.Leo und Fossombrone nach neuen wehrtechnischen Erkenntnissen umstrukturierte. Als die Stadt Siena 1485 die Rückkehr M.s für die Reparaturen der Brücke in Maciareto verlangte, war er noch in Urbino beschäftigt. So bedurfte es mehrerer Aufforderungen, Privilegien und eines Jahresgehalts von 800-1000 Fiorini, um ihn umzustimmen. Ein Jahr später erhielt er den Auftrag für das neue Rathaus von Jesi und Erstattungen für das betreffende Holzmodell (Agostinelli/Mariano, 1986). Bis 1500 gingen die Arbeiten bis zu den Fenstern des zweiten Geschosses zügig voran, bevor Veränderungen den Fortgang verlangsamten. Durch seinen U-förmigen Grundriss hält der Bau an lokalen ma. Typologien fest. Das Obergeschoss des aus Pfeilerarkaden gebildeten Hofes wurde von Andrea Sansovino beendet. 1480-90 entstand das Bronzerelief mit der Geißelung (Perugia, GN dell'Umbria), die sich vor einem antiken Tempel ereignet. Es zeigt die volle Beherrschung der antiken Formsprache, wobei auch Erfahrungen des Bühnenbildes zum Ausdruck kommen. Aus der gleichen Zeit stammen das Bronzerelief des Hl.Hieronymus (Washington/D.C., NG of Art), das durch den Naturalismus der Fels-Lsch. beeindruckt, sowie die vier tondi mit Figuren von Hll. (ebd.; Vaduz, Slg Liechtenstein; Berlin, Staatliche Mus.), deren Zuschr. sich auf stilistische Kriterien stützt. Um 1490 entstand die Statue des Hl.Christophorus (Paris, Louvre), die für eine Taf. von Signorelli in der Kirche von S.Agostino in Siena bestimmt war. Die beiden Künstler hatten in derselben Kirche Fresken entworfen (bei einer Rest. im 18.Jh. identifiziert), von denen sich Vor-Zchngn der Geburt der Jungfrau und der Geburt Christi bewahrt haben (Hamburg, KH) und die wahrsch. von M.s Atelier ausgef. wurden. Es ist anzunehmen, dass Signorelli und M. auch im Dom von Orvieto zusammengearbeitet haben, wo die Archit. der Lünette mit dem Antichristo M.s Züge trägt (Marchetti, 1996). 1498 bezahlte die Stadt Siena seine Arbeiten an der Brücke von Maciareto, die er gemeinsam mit Antonio Barili im folgenden Jahr beendete. Guidobaldo da Montefeltro, der Nachf. Federicos, bat im gleichen Jahr die Sienesen, M. in seiner Funktion als Podestà von Ponte Ercole zu ersetzen, damit er wieder nach Urbino käme. Bald rief ihn Siena jedoch zurück und beauftragte ihn, das Territorium zw. Chianciano und Montepulciano zu vermessen, wo die Grenzstreitigkeiten zw. den beiden Städten fortdauerten; kurz darauf erhielt er erste Zahlungen von der Sieneser Dombauhütte. Obwohl Urbino weiterhin um ihn warb, verpflichtete sich M. für Arbeiten in Siena (sein Mitarb. Giacomo verweilte noch 1489 am Hof der Montefeltro). Es erfolgte eine Zahlung für zwei Angeli reggicandelabro (Kerzenhalter), deren Formen von Donatello beeinflusst und die für den Hochaltar des Doms von Siena bestimmt waren. Es begann eine bewegte Periode, die M. als Entwerfer und Gutachter in and. Regionen Italiens führte. Im Juni 1490 begab er sich im Auftrag Gian Galeazzo Sforzas nach Mailand, um mit Giovanni Antonio Amadeo und Giovanni Giacomo Dolcebuono das Projekt für den Bau des Tiburio der Kathedrale von Mailand vorzubereiten. Im gleichen Zeitraum traf er sich mit Leonardo da Vinci in Pavia wegen eines Planungsgutachtens für den dortigen Dom. Dabei entwickelten sich intensive Kontakte sowohl mit da Vinci als auch mit Donato Bramante. Im Aug. war er zurück in Urbino und lieferte im Nov. Zchngn an Virgilio Orsini für die Festungen in Campagnano und Bracciano. Daraufhin begab er sich via Bologna nach Venedig und nahm im Jan. 1491 am Wettb. für die Kathedrale von Florenz teil, den Lorenzo de'Medici ausgeschrieben hatte. Im gleichen Jahr rief man den Spezialisten für Festungen nach Sesta della Berandenga, nach Cerreto Ciampoli (ohne Nachweise) und nach Lucca. Im Frühjahr 1491 ist eine erste Reise nach Neapel an den Hof des Herzogs von Calabrien dok., wohin er von Juni bis Nov. 1492 zurückkehrte. Dort beschäftigte er sich mit der Befestigung des Castel Nuovo, die sein Mitarb. Antonio Marchesi da Settignano weiterführte. Wahrsch. war er ebenfalls mit Arbeiten an der westlichen Stadtmauer und der neuen Festung von Castel Sant'Elmo betraut. Weitere Inspektionen im Königreich betrafen Festungen, die nach seinen Zchngn ausgef. oder von ihm umstrukturiert wurden (Otranto, Gallipoli, Taranto, Monte Sant'Angelo, Gaeta, Manfredonia, Brindisi, Massafra, Matera, Ortano, Vasto, Castrovillari, Crotone, Reggio Calabria, Rocchetta Sant'Antonio, Carovigno) (Dechert, 1990). Im Nov. 1495 ließ er die Mine explodieren, die den Fall des von Truppen Karls VIII. besetzten Castel Nuovo verursachte und die Neueroberung durch die Aragon möglich machte. Auch während der Aufenthalte in Neapel kümmerte sich M. um Aufgaben in seiner Heimatstadt. 1492 lieferte er Pläne für den Neubau der Univ. von Siena (Codice Magliabechiano); er verfolgte weiter die Arbeiten an den Abwasserkanälen und die Voll. eines Damms. 1496-98 war er in Montepulciano mit der Brücke der Bastia beschäftigt, nachdem er schon 1493 das Modell der Festung Castelluccio inspiziert hatte. 1499 stattete er in Urbino die Befestigung gegen Angriffe von Cesare Borgia aus; 1500 gab er in Loreto Empfehlungen für die Absicherung der Kuppel und viell. auch Zchngn für die Aquädukte und Befestigungen, die zw. 1518 und '21 ausgef. wurden. Als archit. Werke können ihm oder seiner Schule die Villa Chigi Le Volte und die Kirche von S.Sebastiano in Vallepiatta zugeschr. werden. Die Kirche wurde wohl 1493 auf einem griech. Kreuz mit Kuppel beg., während sich die Arbeiten bis ins zweite Jahrzehnt des 16.Jh. hinzogen. Mit Krypta und Oberkirche ausgestattet, gründet sich der Entwurf auf Studien antiker Prototypen mit Dreikonchen; er mag auch von der Kathedrale von Pavia beeinflusst gewesen sein. Der Bau der Villa des Mariano Chigi scheint 1496 auf den Mauern eines Vorgängerbaus beg. und 1505 voll. worden zu sein. M.s Schüler Baldassarre Peruzzi sollte für den Pal. Agostino Chigis in Rom (Farnesina), den Sohn von Mariano, an den U-förmigen Grundriss mit Loggia zw. Eckvolumina anknüpfen. 1488-94 schuf M. in der Capp. Bichi von S.Agostini zwei Grisaille-Malereien mit der Geburt der Jungfrau und der Geburt Christi, die neue Methoden der archit. Darst. bezeugen. Diese besteht in der Anbetungsszene aus einem heterogenen Bauwerk, das eine primitive Holzkonstruktion mit eleganten Ordnungen verbindet und Vitruvs Theorie der Entwicklung archit. Formen verpflichtet zu sein scheint (S.Frommel, 2013). Im letzten Jahrzehnt seines Lebens widmete sich M. Traktaten, die eine Synthese seiner Erfahrungen bilden. Diese waren von Albertis "De Re Aedificatoria" angeregt, doch im Gegensatz dazu ital. abgefasst und weitgehend mit Zchngn illustriert. Autografisch und ohne Zchngn ist die Traduzione vitruviana (Florenz, BN: Magliabechiano II.1.141, Tl 2), während der Codice T (Turin, Bibl. Reale: Saluzziano 148) zahlr. Korrekturen M.s aufweist. Nach der Ausg. von Promis (1841) und den Studien von Salmi (1947) bleibt die Ausg. von Maltese (1967) wesentlich, der die Traktate in zwei Gruppen teilt, und zwar in eine aus den Codici L (Florenz, Bibl. Medicea Laurenziana: Ashburnham 361) und T gebildete frühere Version, der die Codici S (Siena, Bibl. Cominale: cod. S.IV.4) und M (Florenz, BN, Magliabechiano II.I.141, Tl 1) folgen. Den abschließenden Tl bildet der Codice L der vier Fogli Reggiani (Reggio Emilia, Bibl. mpal: Regg.A.46.9 bis) (Mussini, 1991; Scaglia, 1992). Die Tatsache, dass in der Bibl. der Montefeltro in Urbino nur das Opusculum von Maschinen und Festungen aufbewahrt war, legt ebenso wie die stilistischen Merkmale die Vermutung nahe, dass die Codici L und T nach der Rückkehr M.s nach Siena um 1485 entstanden waren, wobei offen bleibt, ob sie zum Zeitpunkt des Aufbruchs nach Neapel beendet waren (K Siena, 1994). Nach 1496 widmete er sich wohl S und M und verarbeitete Einflüsse des Humanisten Fra Giocondos, dem er am Hof der Aragon begegnet war und der 1511 die erste ill. Vitruv-Ausg. veröffentlichen sollte. Der erste Tl widmet sich Festungen, Maschinen, Kirchen, Wohnbauten, archit. Ordnungen und deren Beziehungen zum menschlichen Körper und antiken Mon.; im zweiten Tl stehen wiederum Festungen, sozialen Typologien entsprechende Wohnformen (Vorläufer von Sebastiano Serlios "Sechstem Buch"), hydraulische und and. zum Heben und Transportieren bestimmte Maschinen im Fokus, die da Vincis Einfluss widerzuspiegeln scheinen. Letzterer war hingegen beeinflusst von den idealisierten Pal.-Entwürfen M.s, die dieser ihm 1490 übergeben haben könnte und die er dann variierte (S.Frommel, 2004). Hinzu treten die Opera di architettura des Codice Spencer (New York, Publ. Libr.), ein knapper, die Methode erläuternder Text und der Codice Zichy (Budapest), eine heterogene Gruppe von Zchngn aus der ersten Version des Traktats, die der Venezianer Angelo dal Cortivo vom letzten Jahrzehnt des 15.Jh. an kopiert hatte (Horváth, 1974; Azzi Visentini, 1975; Feuer-Tóth, 1988; Scaglia, 2001). Die figuralen Werke der letzten Schaffensperiode M.s werfen das Problem der Wkst. auf. Die Taf. mit Scipione Africano (Florenz, MN del Bargello) gehört zu einer Ser. illustrer Männer in der Casa Piccolomini, die heute in der ganzen Welt zerstreut sind. Wahrsch. wurden sie 1492/93 anlässlich der Hochzeiten von Silvio Bartolomeo dei Piccolomini di Stiacciano und Battista di Neri d'Aldello Placidi in Zusammenarbeit mit dem Meister der Griseldis ausgeführt. Pietro di Francesco Orioli scheint an der Taf. mit dem Spoliazione di Cristo (Siena, PN) entscheidenden Anteil gehabt zu haben. Mit Bernardino Fungai verwirklichte M. die Geburt der Capp. Tancredi in S.Domenico in Siena, die vor einem antiken Triumphbogen stattfindet. In den Figuren ist sowohl der Einfluss Filippino Lippis als umbrischer Maler als auch jener Signorellis und Pinturicchios sichtbar. M. starb 1501 auf seinem Anwesen Volta a Fighille bei S.Giorgio a Papaiano in der Nähe von Siena und wurde am 29. Nov. in der Kirche dell'Osservanza in Siena begraben.

Selbstzeugnisse

Trattati di archit., ingegneria e arte militare, ed. C.Maltese, I-II, Mi. 1967.

Bibliographie

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Paul Schubring

Artikel aus Thieme-Becker

Biogramm

Francesco di Giorgio Martini (mit vollem Namen Franc. Maurizio di Giorgio di Martino Pollaiuolo), Architekt, Bildhauer, Maler, Ingenieur u. Theoretiker, geb. 23. 9. 1439 in Siena, † Anfang 1502 auf einem Landgut bei Siena; neben Jacopo della Quercia die wichtigste und jedenfalls die universalste Künstlerpersönlichkeit der Sieneser Schule. Sein Lehrer war der 27 Jahre ältere Malerplastiker Vecchietta, dem er auch die perspektivische Schulung und die Leidenschaft für Architekturmalerei verdankte; bis 1475 stand er in Ateliergemeinschaft mit seinem Verwandten (Schwager?) Neroccio. Als deren wichtigstes Werk entstand für Monteoliveto maggiore bei Siena 1472 die Tafel der Krönung Mariae in der Sieneser Akad., zu der die Benediktspredella der Uffizien in Florenz (No 1304) gehört, die F. u. Neroccio gemeinsam gemalt haben. Das empyreische Thema der Haupttafel, nach szenischen Vorführungen der "diffici" aufgebaut, löst die bis dahin in der Sieneser Schule sehr flächenhaft und isoliert behandelte Komposition in eine einheitliche, starke Bewegung mit reichlichem, barockem Schwung auf; das Kolorit ebenfalls ganz neu u. eigenartig, zum Teil im stumpfen Blau u. Rot, z. T. metallisch leuchtend und lichtüberrieselt. Schon diese Tafel verrät den selbständigen Künstler, der aus der symbolischen u. andeutenden Sprache der Tradition sich löst und stärkere Wirklichkeiten dafür gibt; ein Einfluß Verrocchios ist unverkennbar. Die Predella ist im Gegensatz zu dieser großen rauschenden, festlichen Handlung von zartem, lyrischem landschaftlichen Reiz; F. hat nur die Architektur auf dem mittleren Bilde (das Wunder der zerbrochenen Mulde) gemalt. 1473 entstand das Bild der Anbetung des Kindes in derselben Galerie, in perspektivischem Rahmen halbrund schließend, mit weit entwickelter landschaftlicher Ferne u. verrocchiesker Behandlung der Gewänder; phantastisch die Felskulisse des Mittelgrundes. Dagegen bietet die andere, viel spätere Anbetung (in S. Domenico in Siena, nicht datiert, vermutlich um 1493) einen viel bewegteren Aspekt, eine an Filippino erinnernde Zackigkeit und Zerrissenheit der Silhouette. Hier steht als Mittelgrund ein auf röm. Erinnerungen beruhender Triumphbogen mit den Medaillons des Scaevola u. Codes. Dieselben beiden Sagen sind in den Frankfurter Grisaille-Cassoni (Städel. Inst. No l0a u. b) gegenübergestellt, deren topographische Treue in bezug auf die antike Roma F.s Vertrautheit mit den römischen Architekturen beweisen. Um 1475 ist die Verkündigung der Sieneser Akad. anzusetzen. Aus dieser Zeit stammen auch die feinen Schmalbilder mit der Josephsgeschichte (Cassonitafeln?) und seine Madonnenhalbfiguren in der Sieneser Akad. (andere im Sieneser Privatbesitz, in Rom bei Castelli-Miganelli, bei Butler in London u. Cook in Richmond). Im J. 1477 beruft ihn Federigo d'Urbino als Festungsarchitekten nach Urbino, wo er den Bau vieler (etwa 70!) Kastelle und Befestigungen leitet u. für den Palast des Herzogs jene Trofei-Reliefs modelliert (oder entwirft), die, ursprünglich für die Außenfassade bestimmt, jetzt in die Brüstungen der oberen Hofarkaden eingemauert sind. Wahrscheinlich ist er auch an dem Schmuck der Intarsia-Türen und des "studiolo" beteiligt gewesen. Während dieses ersten Aufenthaltes in Urbino (bis 1482) entstanden auch 3 vielumstrittene Bronzereliefs, die um 1478 datierbare Pietà, heute in Sa Maria del Carmine in Venedig, einst für die Congregazione della Croce in Urbino vom Herzog Federigo gestiftet (der Stifter u. sein etwa 6jähr. Sohn Guidobaldo knien rechts), ferner die Geißelung Christi in Perugia (Universität) u. das Stuckrelief der sog. Discordia (vielmehr Überfall bei der Hochzeit des Peirithous) in London (eine Wiederholung im Pal. Saracini in Siena). Bode hat die Zusammengehörigkeit dieser drei wichtigen, in ihrer erregten Figurensprache, ihrer perspektivischen Lebhaftigkeit u. sensitiven Gestaltung hervorragenden Reliefs zuerst erkannt u. sie zunächst Verrocchio, dann Leonardo zugewiesen; Venturi schreibt sie, ohne Gründe anzugeben, Bertoldo zu, Berenson und Maud Cruttwell Pollaiuolo. Unterzeichneter hat in seiner "Plastik Sienas" p. 186ff. ausführlich den Zusammenhang dieser Reliefs mit der Sieneser Kunst nachgewiesen; diese Attribution hat vielfach Zustimmung gefunden; am eingehendsten hat G. F. Hill (Burlington Magaz. 1910 p. 145ff.) seine Übereinstimmung begründet. Hartlaub, der die Autorschaft Francesco's noch durch weitere Gründe erhärtet hat, glaubt auch das Tonrelief mit dem die Fackel schwingenden Kentaur (im Thema mit dem Londoner Relief identisch) in Berlin (No 195) F. zuschreiben zu sollen; aber dies Relief gehört der Ansicht des Unterzeichneten nach in den Kreis Bertoldos (Bombe stimmt Hartlaub zu). Eine Medaille auf Herzog Federigo (mit 2 verschiedenen Reversen, von denen der eine auch als Plakette vorkommt) sowie die Plakette der Sammlung Dreyfuss in Paris, Orpheus u. Eurydice darstellend, sind ebenfalls in dieser Zeit entstanden. Bei der Rückkehr nach Siena 1482 setzt F.s Bautätigkeit in Toskana ein. Er erweitert zunächst die Kirche S. Francesco seiner Heimat; dann erbaut er die Madonna del Calcinaio in Cortona (s. u.). 1484 wird das Stadthaus in Ancona, 1486 der Stadtpalast in Jesi von F. umgebaut, zugleich ist er wieder in Urbino. Im Jahre 1489 übernimmt er 2 Bronzeengel am Hochaltar des Doms in Siena, neben Vecchiettas Tabernakel. Aber schon 1490 ist er in Mailand, um ein Gutachten über die Kuppel des Doms abzugeben. Hier ist F. mit Leonardo zusammengetroffen, mit dem er dann auch nach Pavia geht, um ein Gutachten über den dortigen Dom abzugeben. Nach Urbino geht's zum drittenmal, dann nach Bracciano u. 1491 über Rom nach Neapel, wo er die Belagerung durch Karl VIII. v. Frankr. u. die Abdankung Alphons II. miterlebt - hier soll er am 22. 11. 1495 zum erstenmal eine Pulvermine gelegt u. Bresche in das Castello nuovo, das die Franzosen besetzt hielten, geschossen haben. 1497 ist er endlich heimgekehrt, hat die Bronzeengel gegossen und wird Dombaumeister - ein neues Modell für den Chor des Doms ist sein letztes Werk. Den Umbau der Osservanza bei Siena, der 1485 erfolgte, hat F. seinem Schüler Giacomo Cozzarelli überlassen; aber die herrliche Gruppe der Pietà in großen Terrakottafiguren in der Unterkirche dieser Abtei ist sein geistiges Eigentum; denn dieses Meisterwerk ruht ganz auf dem Bronzerelief F.s in S. Maria del Carmine in Venedig. Tizios Angaben machen es freilich sicher, daß Cozzarelli die Gruppe gearbeitet hat. Eine Standbronze im Dresdener Albertinum, die einen nackten Schlangenbändiger (Askulap oder Herkules?) darstellt, ist wohl eine Arbeit F.s aus der Zeit, in der die Bronzeengel am Sieneser Hochaltar entstanden. Der hl. Christophorus im Pariser Louvre, den Fabriczy (Jahrb. d. pr. Kunstsamml. XXX Beih. Siena No 38) F. zuschreibt, ist von Cozzarelli. - Von kleineren Bildern hat Berenson F. noch zugeschrieben: eine Geburt Christi bei Butler in London, eine Geburt Christi u. ein Frauenprofil bei Cook in Richmond, ferner das sehr übermalte Cassonebild mit Europas Raub im Louvre (No 1640), dem Unterzeichneter den David-Cassone der Sieneser Galerie (No 217) angliedert, den Berenson Neroccio zuweist, und die Antoniuspredella in München (Alte Pinakothek No 1022). Weiter stehen mit F. folgende Cassonibilder in Verbindung: Paris, Samml. Kann: ein Triumphzug, Lockinge House, (Lady Wantage): ein Triumph der Keuschheit, dasselbe Thema, anders behandelt, bei Fr. Cook (Richmond) und der Teil eines Cassonebildes (Helenas Raub?) in der Sammlung Berenson (Fiesole). Die Beteiligung F.s an den Malereien des Gonfaloneschreins in Perugia (1472) wird von Venturi jetzt geleugnet; anders urteilt Schmarsow (in "Peruginos erste Schaffensperiode", Leipzig 1915 p. 56). F. ist bis 1475 in Siena nachweisbar und schwerlich in Perugia damals gewesen; das Bronzerelief der Universitätssammlung in Perugia stammt jedenfalls aus späterer Zeit (um 1480). Endlich stammen die Malereien einiger Bücherdeckel im Sieneser Archiv (von 1460 u. 66) von seiner Hand (das Madonnenbild No 5a des Frankfurter Städelschen Instituts ist nicht von F.). Als Architektsteht F. zunächst als Festungsbaumeister auf hoher Stelle; er hat in 30 Jahren etwa 100 Plätze neubefestigt u. wird im Krieg der Liga gegen Florenz, der Neapler Könige gegen Karl VIII., vom Herzog von Urbino u. von der eigenen Heimat immer wieder verwendet. Seine vielen Reisen müssen ihn auch nach Rom gebracht haben; denn das Skizzenbuch in der Biblioteca comunale in Siena (S IV 6), sowie Zeichnungen im Trattato der Saluzziana in Turin beruhen auf der Kenntnis römischer Bauwerke, ebenso wie der Triumphbogen auf der Anbetung in S. Domenico in Siena. In Urbino fand F. den Vitruv, den er selbst abgeschrieben hat (Florenz, Bibl. naz. Ind. II, 1, 141), u. darauf beruht dann sein eigener "Trattato dell' architettura civile e militare", den er während 30 Jahren in immer neuen Ergänzungen umformte. Das letzte Buch ist rein militärisch-fortifikatorisch. Die vier ersten Bücher, die reichlich mit Zitaten aus den Klassikern durchsetzt sind, enthalten: I. Allgemeine Bauverhältnisse, Baumaterialien, Würdigung der Steinarten, die bei Siena brechen; II. Kamine, Beschreibung des von F. erbauten Stalles in Urbino, im 10. Kap. die berühmte Abhandlung über die Palazzi pubblici; III. Städteanlage, im Anschluß an Vitruv. Säulenordnungen und Gebälk (Analogie mit menschlichen Gliedern). Astrolog. Vorschriften über den Tag der Grundsteinlegung eines Hauses; IV. "Templi", sowohl antike wie christliche. - Von F.s Monumentalbauten ist neben den Palazzi comunali von Ancona (1484) und Jesi (1486) die Madonna del Calcinaio bei Cortona der wichtigste. Ein Wunder am Karfreitag 1484 gab den Anstoß zu dem Bau, der am Bergabhang, an ungünstiger Stelle, starker Substruktionen bedurfte; schon im Juli d. J. reichte F., von Luca Signorelli gebeten, ein Modell ein, 1485 wird der Grundstein gelegt; langsam stieg der Bau in die Höhe. Es ist eine lateinische Kreuzanlage mit 3 Längsjochen u. etwa ebenso großen Querjochen. Der Chor schließt viereckig. In die Seitenwände sind die Nischen für die Altäre eingedrückt; eine Tonne wölbt das Langhaus. Die achteckige Kuppel mit Tambour ist erst nach F.s Tod, aber wohl nach dem 1. Modell, von Pietro di Domenico di Nozzo aus Florenz 1515 vollendet worden. Von außen gleicht der schlichte Bau der Kirche San Bernardino bei Urbino, so daß manche F. auch für den Architekten dieser Kirche halten. Der Hauptgiebel und die Rosette darüber zeigen schweren reichen Steindekor im Geschmack Alberti's, die Seitenfronten eine dünne Pilasterordnung in mehreren Stockwerken. Der Gesamteindruck im Innern ist durchaus unflorentinisch, denn es fehlt die Rhythmik der Räume; wie ein einziger Saal wirkt der Raum licht, feierlich. Die Profile u. Archivolten sind fast ärmlich. Vielleicht ist das Ausbleiben der Spenden, die immer spärlicher flossen, der Grund solcher Sparsamkeit. Trotzdem gehört der Bau zu den klassischen Gebäuden der Frührenaissance; die Kirche wurde vorbildlich für viele mittelitalienische kleinere Bauten. Für den von F. gedachten Hochaltar (erst 1519 voll.) gibt vielleicht die Zeichnung der Uffizien (Abb. bei Stegmann, letzte Tafel u. Schubring, Plastik Sienas, Abb. 122) einen Anhalt. (Weitere Zeichnungen bei Ulmann u. Schubring). F.s Hauptbegabung lag zweifellos in seiner Bau- u. Ingenieurkunst. Aber schon F.s Jugendarbeiten in der Malerei haben Sienas Kunst neue Wege gewiesen. Die rein lyrischen Stimmungsbilder werden von ihm durch handlungsfreudige Szenen verdrängt; das Flächenhafte gewinnt Schwung u. Körper. Ein edles Pathos erfüllt alle seine Gestalten. In der Plastik war Giovanni di Stefano sein Vorläufer; dieser bleibt in der Sphäre bürgerlich tüchtiger Handwerklichkeit. F. adelt die Figuren durch eine feinere Körperbildung und Schlankheit, durch Beweglichkeit der Glieder u. der Falten. Das Seelische erreicht in dem Bronzerelief der Pietà eine erschütternde Tiefe; ein verfeinertes, nervöseres Geschlecht tritt hier auf, das nicht nur in den Bewegungen des Leibes, sondern auch in dem Pathos des Geistes eine höhere Stufe betritt. Zu den sakralen Stoffen treten im Relief der Deidameia u. in den Cassoni-Malereien humanist. Themata. Die Huldigung, die F. der Antike bezeugt, ist vor allem in seinem Traktat zu finden. Wie hoch ein Leonardo von ihm dachte, hat Müller-Walde (Jahrb. d. pr. Ksts. XX 107) berichtet. Hat F. den Ruhm, die Schlösser für Federigo d'Urbino gebaut zu haben, hergeben müssen, so bleibt diesem Universalen doch der Ehrenplatz in der Sieneser Kunst neben Quercia unbestritten; als Universaler u. Theoretiker steht er neben Leon Battista Alberti. 1) Urkunden u. Quellen. Fr. di G. Mart., Trattato di archit. civile e militare, pubbl. da C. Saluzzo, 2 Teile u. Atlas, Turin 1841. - Milanesi, Doc. ... arte senese, 1854 II 308ff., 411ff.; III 27, 294, 305. - Borghesi-Banchi, Nuovi doc.. arte senese, 1898 p. 250, 256ff., 334ff. - Brogi, Invent.. . prov. di Siena, 1897 p. 232, 263, 567. - Pini-Milanesi, Scrittura di artisti ital., I No 76. - Della Valle, Lettere sanesi, III 67ff., 880f. - Gaye, Cartegg. ined. I. - A. Schmarsow, Die Reimchronik des Giov. Santi, 1887. - F. Malaguzzi Valeri, Arch. stor. dell' arte it., VII 371 (Urk. über F.s Aufenthalt in Bologna 1490). 2) Monographien, Zusammenfassendes. Vasari-Milanesi, III 69ff. - Vasari-Gottschewski-Gronav, III 261ff. - C. 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