Ruck, Germaid

Peruzzi, Baldassare

Accessible
K. G. Saur | 2020
EintragstypEntry Type
fulltext
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Thieme-Becker Name
Peruzzi, Baldassare Tommaso
Weitere Namen
Peruzzi, Baldassare; Perucci, Baldassare Tommaso; Perucio, Baldassare Tommaso; Perugo, Baldassare Tommaso; Perutio, Baldassare Tommaso; Petrucci, Baldassare Tommaso; Baldassare da Siena; Baldassare da Volterra; Peruzzi, Baldassarre
Geschlecht
männlich
Beruf
Architekt; Maler; Festungsarchitekt; Bühnenbildner; Freskant; Wandmaler; Zeichner; Dekorateur; Dekorationskünstler
GEO-Nachweis
Rom; Siena; Turin; Bologna; Volterra; Asciano; Ostia; Carpi
Staat
Italien
Geburtsdatum
(vor) 1481.03.07
Geburtsort
Ancaiano (Sovicille)/Siena
Todesdatum
1536.01.06
Todesort
Rom; Rome; Roma
Fundstelle
AKL XCV, 2017, 197
Thieme-Becker Name
Peruzzi, Baldassare Tommaso
Further Names
Peruzzi, Baldassare; Perucci, Baldassare Tommaso; Perucio, Baldassare Tommaso; Perugo, Baldassare Tommaso; Perutio, Baldassare Tommaso; Petrucci, Baldassare Tommaso; Baldassare da Siena; Baldassare da Volterra; Peruzzi, Baldassarre
Gender
male
Occupation
architect; painter; fortification architect; stage set designer; fresco painter; muralist; master draughtsman; decorator; decorative artist
Geographical data
Rom; Siena; Turin; Bologna; Volterra; Asciano; Ostia; Carpi
Country
Italy
Date of birth
(vor) 1481.03.07
Place of birth
Ancaiano (Sovicille)/Siena
Date of death
1536.01.06
Place of death
Rom; Rome; Roma
Location
AKL XCV, 2017, 197
InhaltsverzeichnisTable of Contents

Artikel

Vita

Peruzzi (Pe[t]rucci; Perucio; Perugo; Perutio), Baldassar[r]e (Baldassar[r]e Tommaso), ital. Architekt, Maler, Zeichner, Bühnenbildner, Dekorateur, get. 7.3.1481 Ancaiano (Sovicille), †6.1.1536 Rom. Bruder von Pietro; Vater des Architekten Giovanni Sallustio (Salvestro) und des Malers und Mönchs Onorio.

Biogramm

Sohn des Webers Giovanni di Silvestro aus Volterra. Ausb. bei Bernardino Fungai und Francesco di Giorgio Martini (zahlr. Archit.-Nach-Zchngn durch P.) in Siena unter dem prägenden Eindruck der um diese Zeit ebd. tätigen Maler Pintoricchio und Sodoma (lt. G.Vasari [1568] im Umkreis von Goldschmieden und Zeichnern). Erstmals als Künstler erw. 1501 anlässlich der Bezahlung für Darst. des Tierkreises im Gewölbe der Kap. S.Giovanni im Sieneser Dom. Nach dem Tod von Martini im selben Jahr vollendet P. vermutlich die von diesem zurückgelassenen Bauprojekte in Siena, bevor er sich um 1504 nach Rom begibt; lt. Vasari zus. mit dem Maler Piero aus Volterra, sehr wahrsch. identisch mit Pietro di Andrea da Volterra. Ab 1508 Mitgl., später camerlengo, sindaco und guardiano der röm. Confraternita di S.Rocco a Ripetta. Nach dem Tod von Donato Bramante avanciert P. zum Sub-Architekten von St.Peter (1.12.1514-1.8.1517; sechs Dukaten Monatsgehalt) unter Ltg von Raffael Santi, nach dem Tod des Letzteren am 1.8.1520 zum Haupt-Mitarb. (zwölf Dukaten Monatsgehalt) von Antonio da Sangallo d.J. Um 1519-20 bereist P. Terracina, Gaeta und Formia zwecks Antiken-Stud. (Taccuino dei viaggi, Florenz, Uffizien). 1521-23 hält sich P. auftragsbedingt in Bologna auf und erwirbt nach seiner Rückkehr nach Rom am 5.12.1523 ein Haus (heute via Frezza). Infolge des Sacco di Roma abenteuerliche Flucht nach Siena, wo P. 10.7.1527-1532 als Architetto della Repubblica überwiegend mit der Überwachung von Befestigungsanlagen (u.a. Verstärkung der Stadtmauern, samt fünf neuen Bastionen) sowie Straßen-, Brücken-, Deich- und Bergbau in Stadt und Provinz befasst ist (30 scudi Jahresgehalt). Erwirbt 1528 ebd. ein Haus mit Garten neben S.Pietro alla Magione und versieht 1529-35 das Amt des Dombaumeisters. Am 1.7.1531 ernennt Papst Clemens VII. P. zum Architekten von St.Peter auf Lebenszeit, ab 1.12.1534 gleichberechtigt neben Sangallo d.J. Ebenfalls 1531 verdoppelt die Republik Siena P.s Lohn, gewährt ihm sicheres Geleit bei der Übersiedlung nach Rom und ab 1532 für elf Jahre die Renditen von Ländereien. P. ist mit nahezu sämtlichen herausragenden Künstlern der Zeit bek. und arbeitet mit vielen von ihnen an gemeinsamen Projekten; persönlich verbunden ab spätestens 1509 (Zusammenarbeit in der Villa Farnesina, Rom) mit Raffael, der am 21.12.1511 die Bürgschaft beim Immobilienerwerb der Brüder P. in der Nähe von S.Salvatore in Lauro, Rom, übernimmt. Seine herausragende Bed. für nachfolgende Künstler-Generationen verdankt P. nicht zuletzt den zeichnerischen Dok. antiker Bauwerke, die teilw. in die "Sette libri dell'archit." von Sebastiano Serlio, dem meistgelesenen Archit.-Traktat des 16.Jh., eingehen. Beigesetzt im röm. Pantheon, unmittelbar an der Seite von Raffael. Das Bildnis P.s überliefern eine Med. des Pietro Cataneo (um 1530; mit Inschr.: "Balthasare Perucius Pictor et Excellens Architecto Inven.") sowie das von Francesco da Siena gefertigte, in einem Sieneser Cod. (Bibl. com., Mss., L.V.9,c. 7r) enthaltene und von Vasari in den Viten genutzte Porträt. - Zu den noch in Siena entstehenden archit. Frühwerken P.s, die Vasari einer Einzelaufführung nicht für wert erachtet, zählt vermutlich die von Martini beg. Villa Volte Alte (voll. um 1505; Innenausstattung ab 1523 wohl ohne P.s Beteiligung; Peschiera mit elliptischer Exedra von P., nach 1527) von Sigismondo Chigi in Sovicille. Mit dem ehem. beidgeschossig durch weite Arkaden loggienartig geöffneten Mitteltrakt zw. rückwärtigen Seitenflügeln nimmt dieser Bau wesentliche Details von P.s Hw., der 1509-11 (Planung ab 1505) im Auftrag des Finanziers Agostino Chigi, Bruder von Sigismondo, am linken Tiberufer in Rom errichteten Villa Farnesina vorweg. Inspiriert von antiken lit. Quellen zu dieser Gattung, gilt sie seinerzeit als Inbegriff einer Villa suburbana. Mit Rücksicht auf das längsrechteckige Grundstück verläuft die Hauptachse von Villa und Garten parallel zum Flussufer. Die kurzen rückwärtigen Flügel flankieren die ehem. offene Loggia mit den berühmten Deckenfresken von Raffael im Erdgeschoss des Hauptbaus. Die beiden, durch ein reich profiliertes Gesims geschiedenen Geschosse des Pal. werden allseitig durch flache Pilaster mit dorischen Kapitellen sowie einheitlich gerahmte Fenster gegliedert, deren gleichförmigem Rhythmus auch das Hauptportal in der Mittelachse der Front in Höhe und Breite unterworfen bleibt. Beiden Geschossen sind Mezzanine integriert, die nach außen lediglich in Gestalt kleiner quadratischer Öffnungen in den Fensterachsen in Erscheinung treten, ein Motiv das bereits die Sockelzone belebt. Unter der auskragenden Traufe läuft ein bekrönender dekorativer Terracotta-Fries mit reliefierten Festons um. Seinen vielfältigen Verbindungen zum päpstlichen Hof verdankt P. mehrfach Aufträge auch in entfernteren Städten und Regionen. Allein drei Mal, 1514, '15 und '22-23, hält er sich in Carpi auf, um für Alberto III Pio versch. Bauprojekte in dessen Heimatstadt zu realisieren: Ab 1513 die Kirche S.Niccolò als dreischiffige Basilika mit Flachkuppeln im Mittelschiff über allseitig von Pilastern besetzten Pfeilern sowie Quertonnen über den durch hohe Arkaden miteinander verbundenen, kapellenartigen Kompartimenten der Seitenschiffe; nach 1514 die neue Collegiata (Modell 1514; nach 1779 umgebaut), in der P. nach Vorbild von Bramante (St.Peter) Zentral- und Basilikalbau verbindet, mit mächtiger Vierungskuppel über hohen, um 45° aus der Achse gedrehten Pfeilern, die nach außen dreiseitig mit Pilastern besetzt, nach innen zur Vierung hin indes konkav gerundet sind; 1515 blendet er der Fassade der ma. Pfarrk. S.Maria (Sagra di Carpi) eine bramanteske, triumphbogenartige Archit. vor. Über persönliche Gespräche mit demselben Alberto III Pio dürfte P., wenngleich durch Quellen nicht belegt, Einfluss auf die Neugestaltung des ma. Kastells der Pio ebd. genommen haben, das sich nach dem Umbau mit eleganten, von mehrgeschossigen Loggien gesäumten Höfen und einer durch Portiken ausgezeichneten Piazza zum neuesten humanistischen Stil bekennt und dem gewandelten Archit.-Verständnis als eloquentem Mittel der Repräsentation Rechnung trägt. 1518 hält sich P. zwecks Begutachtung der Kirche S.Maria della Consolazione in Todi auf. P. zeichnet zahlr. antike Ruinen Roms, darunter allein über zehn Thermen, liefert gelegentlich aber auch konkrete, teils fantastische Vorschläge für deren mod. Überbauung. Zchngn (Florenz, Uffizien) dokumentieren versch. Varianten eines riesigen Pal.-Projektes über den Fundamenten der Agrippa-Thermen, mit einer Fassade von 15 Fensterachsen und Gruppierungen der Appartements um doppelgeschossig von Loggien gesäumte, hintereinander gestaffelte Höfe. Unausgeführt bleiben Pläne für den Pal. Aldobrandini auf dem Quirinal, vermutlich über Resten der Konstantins-Thermen, wohingegen P.s Entwurf (1523) für den Pal. Savelli über den erh. antiken Geschossen des Marcellus-Theaters umgesetzt wird, ein durchaus bemerkenswertes Projekt, bei dem der Architekt bewusst auf einheitliche Fassaden-Gliederung mit Rücksicht auf erh. antike Strukturen verzichtet. Neben Raffael, Giulio Romano, Sangallo d.J., Jacopo Sansovino u.a. beteiligt sich P. (Entwürfe, Florenz, Uffizien) 1518-19 erfolglos am Wettb. für die Errichtung von S.Giov.Batt. dei Fiorentini am rechten Tiberufer. Ab 1520 intensiviert P. sein Engagement am Neubau von St.Peter: Ein als Kpst. reprod. Entwurf im 3.Buch von Serlio kann als Weiterentwicklung des frühen Zentralbauplanes von Bramante gedeutet werden, wobei Sangallo d.J. und Papst Leo X. zu diesem Zeitpunkt einen Longitudinalbau favorisieren. Nach 1531 überarbeitet er seine frühen Entwürfe, gleicht sie mit den zwischenzeitlich von Sangallo d.J. vorgelegten Vorschlägen ab und bemüht sich, den Forderungen des Hl. Stuhls nach einer kostengünstigeren Lösung aufgrund finanzieller Einbußen infolge des Sacco di Roma gerecht zu werden. 1521-27 widmet sich P. dem kleinen Pal. des Francesco Fusconi aus Norcia an der Piazza Farnese, von dem sich, ungeachtet späterer Umbauten, das Hauptportal erh. hat, an dem P. erstmals das Motiv ionischer, von Triglyphen überhöhter Säulen als Aufleger für Architrave einsetzt, das in der F. von zahlr. Architekten wiederholt wird. Dez. 1521-April 1523 hält sich P. als Gast des Grafen Giovanni Battista Bentivoglio in Bologna auf und fertigt Entwürfe (vier erh., Bologna, Arch. stor. di S.Petronio; London, BM) für die Voll. der Fassade von S.Petronio, die neben zahlr. von der Antike inspirierten Details Zeugnis für P.s sensiblen Umgang mit spätgotischer Archit.-Sprache ablegen. Ebd. zeichnet P. verantwortlich für das antikisierende Marmorportal der Fassade von S.Michele in Bosco, erneuert den Pal. Lambertini (nicht erh.) und liefert Pläne für die Capp. Ghisilardi (1530-34 ausgef. von Giacomo Ranuzzi; innen stark verändert) in S.Domenico, über dem Grundriss eines griech. Kreuzes, mit freistehenden Säulen in den Ecken. 1523 zurück in Rom, möglicherweise in Begleitung von Serlio, dem P. erstmals in Bologna begegnet, befasst er sich 1523-25 mit der Planung der Villa Trivulzio in Salone/Tivoli, die nur teilw. realisiert und nachträglich stark verändert wird. Vor der offenen Portikus, die die beiden parallelen Hauptflügel verbindet, liegt das vom Baumbestand markierte Oval des Gartens, ähnlich einem antiken Hippodrom. 1526 inspiziert P. zus. mit Sangallo d.J., Antonio Dell'Abate und dem Ing. Pier Francesco da Viterbo die Arbeiten am Kastell S.Antonino in Piacenza, mit Abstecher am 19.4. nach Parma, zus. mit Sangallo d.J., zwecks Begutachtung der Kuppel von S.Maria della Steccata. Bereits vor der Übersiedlung nach Siena und der Ernennung zum dortigen Dombaumeister ist P. mehrfach auf dieser Baustelle aktiv: Nach 1524 empfängt er Zahlungen für dekorative Arbeiten und den Entwurf der Bronzetüren (Zchng, Windsor Castle, R. Libr.). Ab 1527 richtet er sein Augenmerk auf die Erneuerung der Innenausstattung, die Neu-Gest. des Presbyteriums (zum Hauptaltar, Turin, Bibl. reale.; zur Apsis-Gest., London, BM, und Siena, Coll. Chigi Saracini) auf Grundlage eines älteren Entwurfes von Martini und die Neuaufstellung der berühmten Kanzel von Nicola Pisano (1266-68; London, BM). Zu den übrigen für P. gesicherten Projekten in Siena zählen u.a. 1528 der nicht realisierte Entwurf des Oratoriums Immacolata Concezione der Compagnia dei disciplinati di S.Giov.Batt. sowie die Errichtung des Pal. Vescovi (später Celsi Pollini) und dreier Wohnhäuser (1529; Zchng, Florenz, Uffizien; stark verändert) in der via dei Fusari. 1532 setzen die Arbeiten an einem weiteren Hw. P.s ein, am 1536 voll. Pal. Massimo alle Collone, einem der bedeutendsten manieristischen Bautwerke Roms. Dem gekrümmten Verlauf der Via Papale (Vittorio Emanuele II) folgend entwirft P. eine streng symmetrische, konvexe Fassade aus jeweils zwei Haupt- und Mezzaningeschossen in schlichtem Bossenwerk. Dem geöffneten mittigen Bereich des Erdgeschosses ist eine Kolonnade aus sechs rhythmisch geordneten dorischen Säulen eingestellt, ein pointiertes plast. Motiv, das zu beiden Seiten in flachen Pilastergliederungen nachklingt. Über dem kräftig akzentuierten Gesims des Erdgeschosses verzichtet P., im bloßen Vertrauen auf den ruhigen Rhythmus der Fensteröffnungen, auf jegliche weitere archit. Gliederung. Trotz angrenzender Bauten, die einer symmetrischen Anlage des Gesamtgrundrisses entgegenstehen, gelingt es P., die frontale Loggia und das gegenüberliegende Atrium an der Via del Paradiso in einer durchgehenden Achse zu verbinden. Den seitlich davon etwas abgerückten Binnenhof zeichnen zwei gegenüberliegende Loggien aus, die das Kolonnaden-Motiv der Front aufgreifen. Als Maler arbeitet P. in den röm. Anfangsjahren vermutlich mit einer R. von Künstlern, darunter Jacopo da Ripanda, Cesare da Sesto oder Michele del Becca, bei diversen Ausstattungsprojekten des frühen 16. Jh. zus., deren anteilige Zuweisung in der Forsch. nach wie vor umstritten ist: U.a. Pal. dei Conservatori (Szenen zur antiken Gesch. Roms, 1500-24), Kastell von Giulio II. in Ostia Antica (Herakles-Sage, Porträt-Med., Grotesken, März 1508), Pal. Santoro ([Pal. Doria Pamphilj], 1511-13; nicht erh.) oder Appartamento Riario im Ostienser Bischofs-Pal. (nach 1517, evtl. nach Entwurf P.s von del Becca ausgef., die letzten beiden mit Szenen aus der Vita Kaiser Trajans). Das früheste röm. Werk überhaupt, das Vasari mit P. in Verbindung bringt, ist die Ausmalung (1500-49) des Chores von S.Onofrio unter Ltg von Pintoricchio, mit zentraler Darst. Muttergottes mit Kind, Hll. und Stifter (P. zugeschr.) sowie Szenen des Marienlebens in illusionistisch gerahmten, geometrischen Feldern, ähnlich der Decken-Gest. der Libr. Piccolomini in Siena. Die Zuschr. der einzigen erh. vorbereitenden Skizze (London, BM) mit Darst. von Sybillen schwankt zw. P. und Ripanda, der, ebenso wie evtl. da Sesto, in untergeordneter Position an den Fresken beteiligt ist. Ebenfalls P.s Frühwerk zugerechnet werden Fresken in der Capp. di S.Giovanni in Bramantes Tempietto S.Pietro in Montorio, mit der Marienkrönung in der Apsis sowie Kardinaltugenden und Sybillen am Triumphbogen, entstanden zw. 1500-24, wonach P. relativ früh an der Seite von Künstlern wie Raffael, Sebastiano del Piombo, Michelangelo Buonarroti u.a., die hier zeitgleich aktiv sind, gearbeitet hätte. Im Vatikan ist P. erstmals mit Grisaille-Malereien in der Uccelliera von Papst Julius II., inspiriert von den Matheseos libri VIII des Firmicus Maternus, dok. (Rom, Pin. Vaticana). Sicheres Terrain, das einen künstlerisch und ges. bereits arrivierten Künstler präsentiert, gewinnt man indes erst mit den Mosaiken der Capp. di S.Elena in S.Croce in Gerusalemme, 1506-07 erstellt im Auftrag des Kardinals Bernardino López de Carvajal, deren zentrales Decken-Med., Segnender Christus, die vier Evangelisten, Szenen der Kreuz-Legende in den Zwickeln und Hll.-Figuren (voll. 1525) umringen. Zu den malerischen Hw. P.s zählen seine Beitr. zur Ausstattung (urspr. Außenbemalung von P., Hist.-Bilder in Grisaille-Technik, nur rudimentär erh.; anonyme frz. Zchng, New York, Metrop. Mus.) der von ihm errichteten röm. Villa Farnesina, allesamt signifikante Zeugnisse profaner Emblem-Malerei der Hochrenaissance. 1509-10 gestaltet P. in der Stanza del fregio den namengebenden Fries mit Taten des Herakles und and. mythologischen Episoden als Anspielungen auf die Tugenden des Auftraggebers. 1511-12 folgt die Ausmalung der Sala di Galatea, benannt nach dem gleichnamigen Wandbild von Raffael. Die zentralen Decken-Felder besetzen Szenen des Perseus-Mythos, begleitet von Fama. Gemeinsam mit 14 Darst. astrologischer Konstellationen in den Zwickeln, die sich auf den Geburtstag von Agostino Chigi beziehen (1.12.1466, 19.00 Uhr, Schütze mit Jungfrau im Aszendenten) und in Gesch. aus Ovids Metamorphosen eingekleidet sind, zelebrieren auch sie den Ruhm des Bauherrn. Raffael und del Piombo, die an der Ausstattung dieses Raumes mitwirken, aber auch jüngste Skulpturen von Andrea Sansovino stehen hier Pate für eine neue mon., geschlossene Figuren-Auffassung P.s, von der insbes. die monochrome männliche Büste (ca. 1512) Zeugnis ablegt, die souverän ein ganzes Lunettenfeld des Raumes füllt. P.s Übergang vom frühen, noch im Sieneser Umfeld des Pintoricchio geprägten, zum neuen, mod. röm. Stil dokumentieren auch die von Vasari erw., um 1511 gefertigten Fresken an der Fassade des Wohnhauses von Ulisse da Fano mit Darst. aus der Odyssee (Odysseus mit Bogen, Zchng, Oxford, Ashmolean Mus.) sowie mehrere Feder-Stud. (Coburg, KS, Kpst.-Kab.) nach Antiken, darunter zwei mon. Figuren des Caesar und Augustus, beide wohl für die Fassade des Pal. von Francesco Buzio. 1510-36 arbeitet P. an einem Fries mit Darst. des Ev. Markus, im Tondo, und ähnlichen Putten wie in der Farnesina in S.Giovanni dei Frati, Viterbo. Über mehrere Jahre verteilen sich Aufträge der röm. Confraternita di S.Rocco a Ripetta, der P. ab 1508 persönlich angehört, darunter Fresken in den Kap. dei Mulattieri (1511) und dei Vignaioli (1515; beide zerst.), die Darst. einer Geburt Christi (nach 1515; stark beschädigt), ab 1519 Bau-Ltg bei der Erweiterung des Oratoriums nach Entwurf von Lorenzo di Corrado aus Lucca und Errichtung einer neuen Empore (ab 1524; zerst.). 1515 nimmt P. die Gest. zweier weiterer bed. Decken in Rom in Angriff: In der Stufetta (beheizbares Bad; voll. 1520), die Sangallo d.J. im Mezzanin des Pal. della Cancelleria einzieht, mit Szenen aus dem AT, Darst. von Tugenden, allegorischen und mythologischen Szenen, und in der Villa Stati Mattei (1525 voll.). 1516 übernimmt P. im Auftrag des päpstlichen Arztes und Schatzmeisters Ferdinando Ponzetti zudem die dekorative Ausstattung von dessen Fam.-Kap. in S.Maria della Pace, mit Szenen des AT und NT in fingierten Rahmen im Apsis-Gewölbe und einem bemerkenswerten freskierten Altarbild in Gestalt einer gemalten, die Konche illusionistisch erweiternden Archit.-Nische, die die Muttergottes mit Kind, die Hll. Brigitta und Katharina von Alexandrien sowie den knienden Stifter aufnimmt (Feder-Zchng, Oxford, Ashmolean Mus.). Anlässlich der Vermählung von Agostino Chigi mit Francesca Ordeaschi stattet P. 1518-19, zeitlich parallel zu Raffaels Ausmalung der Loggia ebd., seinen dritten und letzten Raum in der Villa Farnesina aus, die Sala delle Prospettive. In diesem weiteren Hw. löst P. die Wände durch spektakuläre illusionistische Archit.-Malereien auf, Kolonnaden, die den Blick auf Ansichten des zeitgen. Rom freigeben, sowie gemalte Archit.-Nischen über den Türen, die von lagernden Olympischen Göttern besetzt werden. Übereinstimmung herrscht darin, diese ebenso innovativen wie folgenreichen Dekorationen in engen Bezug zu P.s intensiven bühnenbildnerischen Aktivitäten (s.u.) zu stellen. Die etwas flüchtige Ausf. des umlaufenden Frieses im selben Raum, mit Szenen aus Ovids Metamorphosen und Grotesken, nährt Hypothesen, denenzufolge Gehilfen Raffaels und P.s möglicherweise wechselseitig an Projekten beider Künstler beteiligt sind, darunter Jacopo Siculo, Domenco Zaga, Giovanni da Udine oder Giorgio di Giovanni, Schüler des Letzten und auf Grotesken und Militär-Archit. spezialisiert, der vermutlich nach 1527 an der Ausmalung der Villa in Belcaro mitwirkt. Gemeinsam mit Romano und da Udine beteiligt sich P. 1520-25 an der Ausstattung der Villa Madama, abermals mit Friesen, Decken- und Lunetten-Bildern antik-mythologischen Inhalts, Allegorien und, gleich mehrfach, dem Wappen der Medici, zw. Darst. des Sonnen- und Mondgespanns bzw. umgeben von den vier Jahreszeiten und Grotesken. Eher selten widmet sich P. Tafelbildern: Nach einigen Frühwerken wie dem Tondo Vermählung der hl. Katharina (1502-03, Oberlin, Allen Memorial AM) entstehen kurz nach 1520 gleich mehrere Hw. in diesem Medium, z.B. Geburt Christi (Priv.-Bes.), dessen Palette und Ruinen-Lsch. im Hintergrund auf das Spätwerk von Raffael und Romano verweisen. Während seines Aufenthalts in Bologna 1521-23 malt P. Anbetung der hl. Drei Könige (Karton in chiaroscuro, London, NG) im Auftrag seines Gastgebers Bentivoglio, das enormen Einfluss auf die regionale Malerei ausübt, sowie im Auftrag seines Mäzens Alberto III Pio da Carpi Tanz des Apoll und der Musen auf Goldgrund (urspr. evtl. Deckel eines Musikinstrumentes, Florenz, Gall. Palatina), das unmittelbar von der Darst. des Parnass von Andrea Mantegna für das Studiolo der Isabella d'Este in Mantua angeregt ist. Für denselben Auftraggeber zeichnet P. Herakles vertreibt Avarizia aus dem Musentempel, ein Bl., das Ugo da Carpi später als Vorlage für einen Hschn. dient (London, BM). 1523 realisiert P. ein weiteres Hw., das Fresko Präsentation Mariens im Tempel, im Chor von S.Maria della Pace in Rom, im Auftrag von Filippo Sergardi, Test.-Vollstrecker des Agostino Chigi, und die monochrome Darst. Vision des hl. Bernhard (zerst.) in S.Silvestro al Quirinale. Um 1526 datiert eine weitere R. bed. Zchngn, u.a. Fortuna, Vorlage für das Frontispiz des opulenten Opus Triompho di Fortuna von Sigismondo Fanti, ferner die Ser. Storie di Giuseppe Ebreo (London, BM), das Bl. Festa campestre (Florenz, Uffizien; 1585 gestochen von Gilbert van Veen u.d.T. Nozze di Rebecca) und die Allegorie des Merkur (Paris, Louvre). Im Spätwerk tritt die Malerei merklich hinter P.s Engagement als Architekt zurück. Gleichwohl zeichnet er weiterhin, v.a. Figuren, deren malerische Übersetzung er Künstlern seines Vertrauens überlässt. So Hl. Christophorus (Zchng, 1532, Edinburgh, NG), von G. di Giovanni gleich zweimal aufgegriffen, 1534 in einem Tafelbild (Hll. Sebastian, Christophorus und Rochus, Priv.-Bes.) und 1535 in den Fresken der Kap. des Kastells in Belcaro (Siena; persönliche Beteiligung P.s an Archit. und Ausstattung umstritten; evtl. darauf beziehbar, Zchngn, Florenz, Uffizien). Eine Vorstellung vom manieristischen malerischen Spätstil P.s vermittelt die in gebrochenen Farben gehaltene und mit überlängten, schmalen und künstlich posierenden Figuren bevölkerte szenische Darst. eines Martyriums (1535). Ein weiterer Schwerpunkt in P.s Schaffen umfasst nach 1513 (Wahl des Giovanni de'Medici zum Papst Leo X.) seine umfangreiche Tätigkeit im Bereich der Festdekoration und Bühnenbildnerei, erstmals dok. durch den Entwurf von Triumphbogen mit Wappen des neuen Papstes anlässlich dessen Einzug in Rom am 11.4. desselben Jahres (Feder-Zchngn, London, BM. - Courtauld Inst., AG. - Witt Libr.; Florenz, Uffizien). Zum Empfang von Giuliano und Lorenzo de'Medici, Bruder und Neffe desselben Papstes, beauftragt das röm. Patriziat P. 1513 mit der festlichen Ausstattung des Kapitols mittels Malereien zur röm. Gesch., darunter La Punizione di Giulia Tarpea (Kopie des 16. Jh. erh.; auf dasselbe Ereignis zu beziehen evtl. die Zchngn: Lupa capitolina, Paris, Louvre; Dio Tevere; Carro di Cibele, die beiden letzten London, BM; Giove capitolino, Windsor Castle, R. Libr.). Als Bühnenbildner entwirft P. illusionistische Archit.-Prospekte für Aufführungen des plautinischen Poenulus, arrangiert von Fedra Inghirami und Camillo Porzio im Rahmen der festa capitolina 1513, oder der Komödie Calandria von Kardinal Bernardo Dovizi da Bibbiena, Sekretär des Papstes, zu Ehren von Isabella d'Este während ihres Rom-Aufenthaltes im Folgejahr (Modell Scena prospettica con edifici romani, Florenz, Uffizien). Nach dem 15.4.1531 entwirft P. Bühnenbilder für die Aufführung der Bakchen von Plautus anlässlich der Hochzeit (28.5.) von Giuliano Cesarini und Giulia Colonna. P. hat Hammer und Meißel vermutlich nie selbst betätigt, gleichwohl aber Vorlagen für mehrere plast. Bildwerke geliefert. Abgesehen von den o. erw. Bronzetüren des Sieneser Doms zeichnet er 1523 im Auftrag des Kardinals Willem van Enckevoirt Entwürfe für das Grabmal von Papst Hadrian VI. (ausgef. von Niccolò Tribolo und Angelo di Mariano; letzte Zahlungen an P. 29.7.1529) in S.Maria dell'Anima, dessen Triumphbogen-Motiv eine lange gattungsspezifische Trad. beschieden ist. In Siena verdanken sich seiner Invention die Grabmäler des Andrea Gentili in S.Gregorio Magno (später zerlegt) und Antonio da Burgos (1526; nicht erh.) in S.Maria in Porta Paradisi. Eine Zchng in Paris (nach 1525, Louvre) bezieht sich vermutlich auf einen projektierten Stadtbrunnen ebd.; Tle derselben fließen vermutlich in die Fontana dei Pispini in der gleichnamigen Sieneser Straße ein. Auf die bed. Erfindungen P.s im Bereich militärischer Gerätschaften und Fortifikationen kann hier nur verwiesen werden; erw. sei zumindest die Entwicklung einer Maschine zur Geldprägung (1529) für die Republik Siena. - P. zählt zu den zentralen Künstlerpersönlichkeiten der röm. Hoch-Renaiss., der seine Herkunft aus der spät-quattrocentesken Kunst Sienas, repräsentiert v.a. durch Pintoricchio, dank intensiver Antiken-Stud. und eines kontinuierlichen Dialoges mit Zeitgen. wie Bramante, Raffael, Sodoma, del Piombo, Sangallo d.J. oder Romano in Rom schnell überwindet. Im Folgenden besticht er immer wieder durch originelle Innovationen in verschiedensten Gattungsbereichen, Archit., Malerei, Dekorationskunst, und leistet mit seinem Spätwerk einen entscheidenden Beitr. zur Ausb. des manieristischen Stils. P.s Sohn Giovanni Sallustio, vermutlich in Siena geb. (u.a. Entwurf der Fassade S.Maria in Traspontina; Casina von Pius IV., Vatikan, zus. mit Pirro Logorio, beides Rom), lebt und arbeitet nach 1567 in Wien, wo er verstirbt.

Werke

Bomarzo, Pal. Giancorrado Orsini, 1519 (nach Plänen des Bruders Pietro voll.). Caprarola, Villa Farnese: Entwürfe, 1521 (evtl. zus. mit Sangallo d.J.; nicht realisiert). Fontegiusta, S.Maria in Portico: Sybille verkündet die Ankunft Christi, Fresko, 1520-35 (Zuschr.). London, Hallsborough Gall. Montepulciano, Pal. für Kardinal Giovanni Ricci, nach 1534 (lediglich Fundamente und Tle des Erdgeschosses ausgef.; Entwürfe, Florenz, Uffizien). Pitigliano, Pal. Orsini: diverse Arbeiten, Herbst 1519. Rom, Gall. Borghese. - Pal. am Largo Argentina, evtl. für Guiliano Cesarini: Umbau, um 1531. - Pal. Barberini, GN d'Arte Antica. - Pal. Ossoli Spada, 1520-27, im Auftrag von Giordano Missini aus Orvieto: Pläne (wohl überarbeitet von Sangallo d.J.; Zuschr.). - Vigna (Monte Mario), Villa des Blosio Palladio: Entwürfe evtl. schon 1529 (zerst.). Siena, Mus. Diocesano d'Arte Sacra. - Oratorio S.Sebastiano in Vallepiatta (von Martini beg.; Zuschr.). - Pal. Francesconi: Entwurf, 1520 (erb. ab 1531 in reduzierter Form; Zuschr.; erh.: unterer Fassadenbereich; einige Fenster; Tle der Hof-Loggia). - S.Domenico: Modell, nach 1531, London, Ashmolean Mus. (nicht realisiert). Stockholm, NM.

Selbstzeugnisse

Trattato di archit. (unvoll.; Kopie von and. Hand, Wien, ÖNB); S.Serlio, Sette libri dell'archit., Ve. 1540 (mit Ill. nach Zchngn von P.).

Bibliographie

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QuelleSource