Keazor, Henry

Nouvel, Jean

Accessible
K. G. Saur | 2020
EintragstypEntry Type
fulltext
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Weitere Namen
Nouvel, Jean
Geschlecht
männlich
Beruf
Architekt; Designer
GEO-Nachweis
Paris
Staat
Frankreich
Geburtsdatum
1945.08.12
Geburtsort
Fumel (Lot-et-Garonne)
Fundstelle
AKL XCIII, 2017, 47
Further Names
Nouvel, Jean
Gender
male
Occupation
architect; designer
Geographical data
Paris
Country
France
Date of birth
1945.08.12
Place of birth
Fumel (Lot-et-Garonne)
Location
AKL XCIII, 2017, 47
InhaltsverzeichnisTable of Contents

Artikel

Vita

Nouvel, Jean, frz. Architekt, Designer, *12.8.1945 Fumel/Lot et-Garonne, lebt in Paris.

Biogramm

Stud.: 1964-66 EBA Bordeaux, 1966-72 ÉNSBA Paris. - Preise u.a.: 1983 Méd. d'argent de l'Acad. d'Archit.; 1987 Chevalier de l'Ordre nat. du Mérite, Grand Prix Nat. d'Archit. und Équerre d'Argent; 1989 Aga Khan Award for Archit.; 1993 Équerre d'Argent; 1997 Commandeur dans l'Ordre des Arts et des Lettres; 2000 Lione d'Oro, Bienn. Venedig; 2001 Premio Internaz. di Archit. Francesco Borromini, Praemium Imperiale und R. Gold Med. of the R. Inst. of Brit. Archit.; 2002 Chevalier de la Légion d'honneur; 2003 Premier Prix de l'Internat. d'Archit. der UNESCO; 2005 Wolf-Prize der Wolf Found.; 2006 Highrise Award, Officier de l'ordre nat. du Mérite, Arnold W. Brunner Prize Memorial Prize in Archit.; 2008 Pritzker Prize; 2010 Officier de la Légion d'honneur; 2012 Best Tall Building Worldwide and Middle East & Africa. - Während des Stud. Nebenverdienst in der renommierten Arbeitsgemeinschaft des Architekten Claude Parent und des Philosophen Paul Virilio, die N. nach einem Jahr mit der Ltg eines großen Bauprojektes betraut. Zus.-Arbeit mit François Seigneur, den er im Büro von Parent kennenlernt (1970-74). N. wird dank einer Begegnung mit dem Kritiker Georges Boudaille im Rahmen der Bienn. von Paris tätig, für die er von 1971-86 das Ausst.-Design entwirft. In dieser Zeit Bekanntschaften mit Persönlichkeiten aus dem Kunst- und Theaterbereich, u.a. mit dem Szenografen Jacques le Marquet, der ihn nachhaltig prägt. Ab 1976 starkes intellektuelles und politisches Engagement für eine neue Archit. und deren Bedingungen, so als Mitbegr. der Bewegung "Mars 1976", die sich gegen den autoritären Korporatismus der Architekten richtet, d.h. gegen ihre Einbindung in autoritäre Entscheidungsverfahren. Mitbegr. des Syndicat de l'Archit. (1977/78), einer Art Gewerkschaft, die bis 1986 besteht. Mitorganisator eines internat. Gegen-Wettb. zum offiziellen und dann realisierten Projekt (Claude Vasconi/Georges Pencreac'h) für die Neu-Gest. des zentralen Pariser Stadtviertels Les Halles. Gründer und Leiter der Pariser Archit.-Bienn. (1980). Aufeinanderfolgende Kooperationen mit den Architekten Gilbert Lézénès, Jean-Francois Guyot und Pierre Soria (1972-84). Zus. mit diesen sowie mit dem "Archit. Studio" (Martin Robin, Rodo Tisnado, Jean-François Bonne und Jean-François Galmiche) Entwurf und Gest. des Inst. du Monde Arabe (IMA) (1981-87), mit dem N. seinen internat. Durchbruch feiert. Gründung des Büros "J.N. et Assoc." zus. mit Emmanuel Blamont, Jean-Marc Ibos und Mirto Vitart. Nach Aufnahme des Architekten Emmanuel Cattani 1988 Umbenennung in "JNEC" (J.N. und E.Cattani). Aufgrund einer schweren finanziellen Krise im Zuge eines verlorenen Projekts, Überführung des Büros (zus. mit Michel Pélissié) in die noch heute bestehende Agentur "Ateliers J.N." (1994). Ein Jahr später Gründung der "J.N. Design Agency" (JND), in der seither u.a. Möbel, Haushaltsobjekte und Modeartikel entworfen werden. Nach der Trennung von Pélissié aufgrund von Meinungsverschiedenheiten 2013, erfolgt im Jahr darauf, wegen erneuter finanzieller Probleme, der Verkauf der Hälfte der Agentur an das Büro "Groupe Hugar" und damit die Abgabe der Geschäftsleitung. - N.s Archit. wird nachgesagt, dass sie keinem festgelegten individuellen Stil folgt und nicht als Schöpfung N.s erkennbar sei. N. hat wiederholt betont, dass er jeweils projekt- und ortsspezifisch konzipiere, plane und baue. Seine Projekte seien gewissermaßen Antworten auf die jeweils unterschiedlichen Anforderungen: "Ich antworte stets sehr präzise auf unterschiedliche Fragen. Erst an dem Tag, an dem man mir zweimal hintereinander die gleiche Frage stellt, werde ich auch sicher zweimal das Gleiche antworten." In der Tat nehmen sich N.s Gebäude sehr unterschiedlich aus: Während eines seiner frühesten Bauten, das Haus Delbigot (1968-73, Villeneuve-sur-Lot), in seiner Massivität und mit den schrägen Ebenen noch ganz der Ästhetik seines "archit. Vaters" Parent folgt, arbeitet er kurz darauf bei den Projekten zum Haus Dick (1978, Troyes) und bes. bei dem Collège Anne Frank (1978-80, Antony) mit typischen Strategien der Postmoderne, indem er ironische Verweise auf die Archit.-Gesch. setzt. N. geht es hierbei nicht um ein reines Spiel mit Zitaten, sondern die Referenzen werden zum Zweck der Kritik an den schwierigen, von den Behörden verhängten, Arbeitsbedingungen eingesetzt: Dem Collège Anne Frank legt N. den Grundriss eines Schlosses zugrunde und verteilt auf dem Gebäude Abgüsse klassischer Statuen sowie im Inneren Archit.-Fragm., um damit den Umstand zu konterkarieren, dass er bei Konzeption und Bau einen extrem engen finanziellen Rahmen einhalten musste. Ebenfalls in einem kritischen, zugleich produktiven Sinn greift N. bei dem für den sozialen Wohnungsbau realisierten Projekt Nemausus (1985-87, Nîmes) auf Entwürfe Le Corbusiers zurück. Dessen Konzept der "Unité d'Habitation" (Wohneinheit, auch: Wohnmaschine), basierend auf einer Schiffsmetapher, zum Ausgangspunkt nehmend, strebt N. danach, die "Fehler" Le Corbusiers zu korrigieren, aber ohne das Gesamtkonzept zu verwerfen. Z.B. verlegt N. die bei Le Corbusier langen, dunklen inneren Verbindungskorridore zw. den einzelnen Wohnungen nach außen und gibt den beiden Wohnblöcken von Nemausus zum Zeichen der Referenz an Le Corbusiers Grundidee das Erscheinungsbild von Schiffen. Wie ortsspezifisch N. arbeitet, bezeugt auch das dem sozialen Wohnungsbau gewidmete Projekt in Bezons (1990-93), bei dem N. aufgrund der vollkommen unterschiedlichen Gegebenheiten ganz and. Elemente aus den Unité-Bauten Le Corbusiers adaptiert. Trotz der aufgezeigten Unterschiede zu seinen Vorbildern - Parent, die Postmoderne, Le Corbusier etc. - und der Verschiedenheit der daraus gewonnenen Resultate, lassen sich bei N. dennoch einige, seine diversen Projekte und Lösungen verbindende Themen ausmachen. Anschaulich v.a. am arabischen Kulturzentrum in Paris (IMA): N. rekurriert hier z.B., um die Funktion des Gebäudes zu kommunizieren, zum einen erneut auf Traditionen, zum and. greift er auf filmische Vorbilder zurück. Schon 1987 wollte er einen Stadtteil von Nogent-sur-Marne nach einem Szenario gestalten, das sich an Wim Wenders "Der Stand der Dinge" (1982) anlehnt. In seinem Film "Bis ans Ende der Welt" (1991) zeigt Wenders den von N. für Paris entworfenen, aber nie gebauten Tour sans fin (1989) mit Hilfe von Trickaufnahmen, was immer wieder zu der irrigen Annahme führt, der Turm existiere tatsächlich. Auch später arbeitet N. wiederholt mit filmischen Strategien, Szenarien und Verweisen, so z.B. in den Zimmern des 1999/2000 in Luzern gestalteten Designhotels The Hotel oder bei seiner Gest. eines Areals der Schweizer Expo.02, für die er einen auf Stanley Kubricks Film "2001 - Odyssee im Weltraum" (1968) anspielenden riesigen Monolithen schafft, der auf dem Murtener See schwimmt. Tatsächlich beschreibt N. in biogr. Skizzen eine bereits seine Kindheit prägende zügellose Kino-Leidenschaft und vergleicht die Rollen von Architekten und Regisseuren als "createur d'images" miteinander. - Am Pariser IMA lässt sich N.s Interesse an den diversen Wirkungsmöglichkeiten von Glas beobachten, das er gerne einsetzt, um Spiegelungs- und Entmaterialisierungseffekte zu erzielen. Hierin manifestiert sich zum einen seine Faszination für den Science-Fiction-Film und die dort gezeigten technischen Möglichkeiten, z.B. mithilfe reiner, transparenter Energie Räume zu schaffen. Er verwendet Glas, um solche Effekte wenigstens zu simulieren (so z.B. auch in der scheinbar frei schwebenden Bar des oben erwähnten Hotels in Luzern). Zum and. seine Faszination für die Entmaterialisierung, die durch die Lehren seines and. "archit. Vaters" Virilio hervorgerufen wird. In seiner Schrift "Vitesse et politique" (1977) entwirft Virilio eine Theorie, die die Gesch. der Menschheit unter dem Gesichtspunkt der Beschleunigung betrachtet, welche ihm zufolge zuletzt zur Unsichtbarkeit der Dinge führe. In der Pariser Fondation Cartier (1991-94) hat N. diese Unsichtbarkeit auf äußerst eindrucksvolle Weise gestaltet, indem er einen reinen Glaskubus durch zusätzlich davor- und dahinter geschaltete Glasflächen zum Verschwimmen und Verschwinden bringt. Ebenfalls am IMA gut beobachtbar ist N.s Begeisterung für die Möglichkeiten der Technik, welche nie Selbstzweck wird, sondern stets einer klaren Funktion folgt. So gestaltete er die Fenster nach Art eines trad. arabisch gemusterten Lattenfensters, des sog. Moucharabieh, um auf den Zweck des Gebäudes als "Schaufenster der arabischen Kultur" zu verweisen, setzte sie aber zugleich in Form eines hochtechnisierten Apparates um, indem Fotozellen die individuellen Öffnungen in den stählernen Fensterrahmen steuern und so automatisch einen konstanten Lichteinfall garantieren sollen. Auch das in einer Höhe von 21 bis zu 44 Metern stützenlos über den Vierwaldstättersee auskragende und sich an den Rändern auf wenige Zentimeter verdünnende Dach des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) ist mehr als eine rein technische Meisterleistung, die Stürmen und Schneemassen trotzt. N. will auf diese Weise See und Gebäude miteinander verbinden, zumal sich die Reflexe des Wassers auf der Fläche der Dachunterseite spiegeln. Allerdings sind diese komplexen technischen Elemente wiederholt Anlass zu Kritik: Den Fenstern des IMAs wird nachgesagt, sie funktionierten nicht; das Dach des KKL Luzern muss, obgleich es angeblich eine Lebensdauer von 80 Jahren haben soll, 2013 und '14 saniert werden. Ebenfalls 2013 muss der 2008 erst eröffnete, von N. ab 2004 gestaltete Badekomplex Les Bains des Docks in Le Havre zwecks Reparatur und Rest. vorübergehend geschlossen werden. - N. arbeitet bei der Realisierung seiner Projekte immer wieder mit Künstlern wie Szenografen oder Lichtgestaltern zusammen. Für den Umbau der hist. Oper von Lyon (1986-93) lässt sich N. nicht nur von der Idee des Szenografen Le Marquet inspirieren, den Parcours durch das Gebäude dramaturgisch zu gestalten, sondern übergibt die Beleuchtungs-Gest. dem Künstler Alain Bony, der mit N. später bei Projekten wie dem Farbkonzept des Torre Agbar (2001-03, Barcelona) und der Innenausstattung der Zimmer im Hotel Sofitel Vienna Stephansdom (2010, Wien) kooperiert, dessen zentrale Decken-Gest. wiederum von Pippilotti Rist stammt. - Darüber hinaus hat N. seine ganze Laufbahn hindurch die Nähe zu Philosophen gesucht und wird inspiriert von Michel Foucault, Gilles Deleuze und Félix Guattari. Mit Jean Baudrillard führt N. eine Ser. von Dialogen, die 2000 als Buch erscheinen. Anlässlich einer Retr. (2008, Louisiana, Humlebæk) verfasst N. eine polemisch-phil. Streitschrift, in der er für eine neue, stärker kontextbezogene und die Natur respektierende Archit. plädiert und die unter dem Titel "Louisiana Manifest" publiziert und bek. wird.

Werke

Berlin, Gal. Lafayette, 1995. Charleroi, Polizeirevier La Tour Bleue, 2014. Köln, Kölnturm Mediapark, 2001. London, Pavillon der Serpentine Gall., 2010. Lyon, Umbau der Oper, 1993. Madrid, Erweiterungsbau des MN Reina Sophía, 2005. Minneapolis, Guthrie Theater, 2006. Paris, Inst. des maladies génétiques Imagine, 2014. - Mus. du Quai Branly, 2006. - Philharmonie, 2015. Perpignan, Théâtre de l'Archipel, 2011. Prag, Gebäudekomplex Zlatý anděl, 2000/2002. Sydney, One Central Park, 2014. Wien, Umnutzung Gasometer, 2001.

Selbstzeugnisse

Una lezione in Italia, Mi. 1999; N./J.Baudrillard, Les objets singuliers, P. 2000; Louisiana Manifesto, Humlebæk 2008; Ce qui est là n'est pas ailleurs, Mi. 2009.

Ausstellungen

E: 1990, '91 Zürich, ETH / 1992, '93 London, Inst. of Contemp. Arts / 1993, '94 Bordeaux, Centre d'archit. arc en rêve / 2001, '02 Paris, Centre Pompidou / 2008 Humlebæk, Louisiana Mus. of Modern Art / 2011 Paris, Gagosian Paris Project Space (Ausst von JND) / 2014 London, Gagosian Gall.: Tripytches (Spiegel-Installation). - G: 2006 Frankfurt am Main, Dt. Archit.-Mus.: High Soc. Aktuelle Hochhaus-Archit. und der internat. Hochhaus Preis 2006.

Bibliographie

M.Emanuel (Ed.), Contemp. architects, N.Y. u.a. 31994; DA XXIII, 1996; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996; Dict. internat. des arts appliqués et du design, P. 1996; M.Poisson, 1000 immeubles et mon. de Paris, P. 2009. – I.Blazwick u.a., J.N., Emmanuel Cattani et Assoc. (K), Lo./Z. 1992; P.Goulet, J.N., P. 1994; F.Márquez Cecilia u.a. (Ed.), El Croquis 65/66:1987-1998 u. 112/113:1994-2002, Ma. 2000 u. 2002; O.Bossière, J.N., P. 2001 (Lit.); F.Chaslin, J.N. critiques, Gollion 2008 (Lit.); P.Jodidio (Ed.), J.N. by J.N., I-II, Köln/P. 2009 (WV); H.Keazor, in: A.Beyer u.a. (Ed.), Das Auge der Archit., M. 2011; id., archimaera 7:2015(6)111-121. - Filme: M.Van Zele, Un Nouvel Opéra, 1993; R.Copans/S.Neumann, Nemausus 1, une HLM des années 1980, 1995; B.Kuert, J.N., l'esthétique du miracle, 1998; S.Nagel, Magie aus Stahl und Glas, 2000; L.Riccardi, Le chorégraphe et l'architecte, 2003; O.Fillion, J.N - les traits de l'architecte, 2008; C.Berizzi, Architectural guide Milan, B. 2017. – Online: Website N.

QuelleSource