Accessible Published by K. G. Saur 2021

Calle, Sophie

Tack, Ifee
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Weitere Namen
Calle, Sophie
Geschlecht
weiblich
Beruf
Fotograf; Konzeptkünstler; Neue Kunstformen; Installationskünstler
GEO-Nachweis
Paris
Staat
Frankreich
Geburtsdatum
1953.10.09
Geburtsort
Paris; Parigi; París
PND-ID
PND119216000
Fundstelle
AKL XV, 1997, 595
Further Names
Calle, Sophie
Gender
female
Occupation
photographer; conceptual artist; non-traditional arts; installation artist
Geographical data
Paris
Country
France
Date of birth
1953.10.09
Place of birth
Paris; Parigi; París
PND-ID
PND119216000
Location
AKL XV, 1997, 595
InhaltsverzeichnisTable of Contents

Artikel

Vita

Calle, Sophie, frz. Konzept-, Foto- und Installationskünstlerin, *9.10.1953 Paris, lebt in Malakoff bei Paris.

Biogramm

Als Tochter des Onkologen, Kunstsammlers und Mitbegr. des Carré d'Art Robert "Bob" C. in gutbürgerliche Verhältnisse geboren, wächst sie nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihrer poln.-jüdischen Mutter Monique Sindler im 14. Arr. in Paris auf. Ihr Kontakt zur zeitgen. Kunst findet über die Sammlertätigkeit und den Freundeskreis ihres Vaters statt. Vor ihrer ersten Ausst. (MAMVP, 1980) hat sie, laut eigener Aussage, nie ein KM besucht. Stattdessen engagiert sie sich in ihrer Jugend in aktivistischen Gruppen, bei der Cause du Peuple, dem Groupe d'information sur les prisons und der Mouvement pour la liberté de l'avortement et de la contraception. Zahlr. Reisen nach Europa sowie Nord- und Südamerika. In den USA verbringt sie sieben Jahre und arbeitet u.a. im Zirkus, als Barkeeperin und Aktmodell für Zeichenkurse. Ihre ersten Fotogr. entstehen in Kalifornien und zeigen namenlose Grabsteine, die lediglich den familiären Status des Verstorbenen tragen (Les Tombes, 1990). Dieser ersten künstlerischen Auseinandersetzung mit Abwesenheit und Erinnerung folgen weitere: Les Anges, 1984; Les Aveugles, 1986; Fantômes, 1889-91; Last Seen, 1991; The Detachment, 1996; Dérobés, 2014. Nach ihrer Rückkehr verfolgt und fotografiert sie Fremde auf den Pariser Straßen. Ihre Beobachtungen zeichnet sie in Notizbüchern auf. (Filatures parisiennes, 1978-79; Suite Vénitienne, 1980, L'Hôtel, 1981). C. lädt mehrere Unbekannte während acht Tagen ein, jeweils acht Stunden in ihrem Bett zu verbringen und dokumentiert die Erfahrung sowohl schriftlich als auch fotogr. (Les Dormeurs, 1979). Auf Einladung des Kunstkritikers Bernard Lamarche-Vadel stellt sie 1980 auf der Pariser Bienn. aus. C. greift erneut das Thema der Verfolgung und Beobachtung auf, inszeniert jedoch das erste Mal bewusst die eigene Person. Für mehrere Tage folgt ihr ein Privatdetektiv, welcher wiederum von einem Freund C.s. dabei unwissend fotografiert wird (La Filature, 1981). Das Experiment der versuchten Rekonstruktion des Ichs durch die Augen eines Fremden wiederholt sie (Vingt ans après, 2001). - Außerhalb der Kunstkreise erlangt C. Bekanntheit als sie im Auftrag der Libération einen Sommer lang über ein laufendes Projekt schreibt: Mithilfe von Erinnerungen der Personen aus einem von ihr gefundenen Adressbuch, versucht sie, ein Bild des Besitzers nachzubilden und berichtet täglich über ihre Fortschritte. Der Eigentümer erkennt sich wieder und protestiert gegen das Eindringen in seine Privatsphäre, indem er eine Aktaufnahme C.s veröffentlichen lässt (Le carnet d'adresses, 1983). Fünf Jahre später findet ihre erste Retr. in Los Angeles statt (S. C. A survey, 1989). Paul Auster bedient sich C. als Vorbild für einen seiner Roman-Char. (Leviathan, 1992). Im gleichen Jahr präsentiert sie ihre erste Videoarbeit (No Sex Last Night, 1992), welche von Kritikern und Publikum gleichermaßen gelobt wird. In Zus.-Arbeit mit ihrem damaligen Partner Greg Shephard entsteht ein Roadmovie, in dem beide Protagonisten die gemeinsame Fahrt filmen und ihre Gedanken in Videokommentaren aufzeichnen. Zwei Perspektiven und Absichten treffen aufeinander: Ihr Wunsch der Hochzeit in Las Vegas, dem eigtl. Ziel der Reise, und seinem Traum, einen Film zu drehen. Es ist der Beginn für Arbeiten mit einen Ko-Autoren als aktives Subjekt in ihrem Werk, dem weitere folgen (Gotham Handbook, mit Auster, 1994; Èvaluation psychologique, mit Damien Hirst, 2003; Voyage en Californie, mit Josh Greene, 2003). - Ausz.: 2002 Sprengel-Preis für Fotogr.; 2003/04 Werkschau im Centre Pompidou, Paris (M'as-tu vue); 2007 Bienn. Venedig: Für ihren Beitrag lässt C. 107 Frauen eine Trennungsmail analysieren und eine Antwort formulieren (Prenez soin de vous, 2007). Für Provokation sorgt C. 2010, als sie den Tod ihrer Mutter (vier Jahre zuvor) in einer collagenartigen Hommage, bestehend u.a. aus private Fotos und Tagebucheinträge ihrer Mutter, sowie einem Video ihres Sterbens, verarbeitet (Rachel, Monique, 2010). Im gleichen Jahr wird sie für den 30. Internat. Award for Photogr. der Hasselblad Found. ausgewählt. In Zus.-Arbeit mit der Filmemacherin Victoria Clay Mendoza entsteht 2012 eine Dokumentation über C. (S. C.; Sans titre). 2014 Essay Prize der Univ. of Iowa. - Seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens kreiert und inszeniert C. sich als Kunstfigur und stellt dabei immer wieder Tle der eigenen Autobiografie (S. Histoires vraies, 1988-2003) in das Zentrum ihres Œuvres. In ihren öff. Aussagen und den Beschr. ihrer Werke spielt C. bewusst mit der voyeuristischen Neugier des Publikums. Anhand von Beobachtung, Selbstinszenierung, Rollenspielen, ritueller Wiederholung, Verfolgung und detektivischer Recherche untersucht C. das menschliche Verhalten aus versch. Blickwinkeln. Dabei provoziert sie häufig durch die Überschreitung konventioneller Grenzen. Wahrnehmung, Erfahrung von Abwesenheit, Aspekte von Erinnerung, Intimität und die Untersuchung von Identität sind ihre zentralen Themen. Die Gegensätze Distanz und Nähe, Realität und Fiktion sind eng verknüpft und scheinen zu verschmelzen. Die formale Grundlage bildet dabei v.a. die Gegenüberstellung von Videoarbeiten oder Fotografien (auch fremden) und kurzen, präzisen, bisweilen tagebuchartigen Texten, welche sie zus. ausstellt und in Künstlerbüchern veröffentlicht. Dabei ist die ständige Neuinszenierung bereits angefertigter Werke in and. Kontexten ein char. Vorgehen C.s. Durch die Kombination unterschiedlicher fotogr. und lit. Genres formuliert sie ihren eigenen bildtheoretischen Anspruch, der sie zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der zeitgen. Konzeptkunst in Frankreich werden lässt.

Werke

Kansas City/Mo., Nelson-Atkins Mus. of Art. Korsika, FRAC. La Jolla, San Diego Mus. of Contemp. Art. Limoges, FRAC Limousin. London, Tate. Los Angeles, County Mus. - MCA. Lyon, MBA. Marseille, FRAC. Nantes, FRAC Pays de Loire. New York, Brooklyn Mus. - Guggenheim. - Metrop. Mus. - MoMA. Nimes, Carré d'Art/MAC. Ohio, Progressive Corporation. Orleans, FRAC. Paris, MNAM. - Fond. Cartier. - FNAC. Santa Fe, Laura Carpenter FA. Toulouse, FRAC Midi-Pyrénées.

Selbstzeugnisse

Suite vénitienne, P. 1983; L'Hôtel, P. 1984; La fille du docteur, N.Y. 1991; Des hist. vraies, Arles 1994; L'érouve de Jerusalem, Arles 1996; Doubles-Jeux, Arles 1998; Double Game, Lo. 1999; L'Absence, Arles 2000; Les Dormeurs, Arles 2000; Des Histoires vraies + dix, Arles 2002; Douleur Exquise, P. 2003; En finir, P. 2005; Prenez soin de vous, Arles 2007; Où et Quand? Berck, P. 2008; Aveugles, P. 2011; Rachel, Monique, P. 2012; Moi aussi, P. 2012; Voir la mer, P. 2013.

Ausstellungen

E: New York: 1980 Fashion Moda Gall.; 1993 Leo Castelli Gall. / 1983 Paris, Gal. Chantal Crousel / 1994 Rotterdam, BvB / 1996 Tel Aviv, Mus. of Art /1999-2000 Paris, MAH du Judaïsme / 2000 Kassel, MHK, Mus. Fridericianum; München, Haus der Kunst / 2005 Tokio, Gall. Koyanagi / 2008 Paris, Gal. Emmanuel Perrotin / 2009 Berlin, Gal. Arndt & Partner / 2010 Tilburg, De Pont, Mus. voor Hedendaagse Kunst / 2012 Shanghai Bienn. / 2013 Boston, Isabella Stewart Gardner Mus. / 2014 New York, Episcopal Church of the Heavenly Rest / 2020 Ravensburg, KM. - G: 1981 Wien, Bienn.: Erweiterte Fotogr. / 1984 Paris, Centre Pompidou: Photogr. contemp. en France / 2001 Liverpool, Tate: Telling tales / 2002 New York, Guggenheim: Moving pictures / 2010 London, Tate Modern: Exposed: Voyeurism / 2016 München, Haus der Kunst: Eine Gesch. Zeitgen. Kunst aus dem Centre Pompidou (K).

Bibliographie

Delarge, 2001. – C.Pichel, Kunstforum internat. 1994(128)227-233; S.C. (K), Hn. 2002; J.Gratton, in: G.Rye/M.Worton (Ed.), Women's writing in contemp. France, Manchester 2002; S.C. M'as-tu vue (K), P. 2003; C.Macel, Kunstforum internat. 2006(181)72-73; A.Sauvageot, S.C. L'art caméléon, P. 2007; B.Naumann, in: P.Brunner u.a. (Ed.), Mehr als Schein, Z./B. 2008; A.-E. Kittner, Visuelle Autobiographien, Bielefeld 2009; S.Rentsch, Hybrides Erzählen, M. 2010; M.Despleschin, L'Officiel Art 2012(2)114-123; J.Preston, Moi Moi, Stella/The Telegraph 2013(Dezember)26-30; A.Sanson, Interview S.C., Whitewall 2014(17)1-8. – Online: artberlin.de.

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