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Staurakios

Σταυράκιος

EintragstypEntry Type
Person
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Personenkennziffer
6880
Klerus / Laie
Laie
Geschlecht
Eunuch
Zeit
8. Jh.
Erste Erwähnung
782
Titel / Beruf
Patrikios; Logothetes Dromos
Name normalisiert
Staurakios
Ort
Kalifat; Thessalonike; Griechenland (s. Hellas); Peloponnesos; Thrakien; Armeniakon (byz. Thema); Malagina (Bithynien); Kappadokien
Quelle
Vita Irenae imp. (BHG 2205); Mansi; Theophanes; Symeon log.; Leon gr.; Theod. mel; Zonaras; Symeon sl.; Kedrenos; Theod. Stud., Catech. magn.; Georg. mon. (Muralt); Michael syr.; Georg. mon.; Bar Hebraeus; aṭ-Ṭabarī; Vita Philareti (BHG 1511z); Vita Philareti (BHG 1512)

T: Patrikios, Logothetes des Dromos bzw. des oxys Dromos (Theophanes).

V: Der Eunuch S. war unter Kaiserin Eirene (# 1439) einer der leitenden Staatsbeamten. Besonders während ihrer Regentschaft (zwischen 780 und 791) lenkte er mehr oder weniger die Staatsgeschäfte (1). Als Logothetes des Dromos dürfte er der direkte Nachfolger des Gregorios (# 2409) gewesen sein, der von Eirene kurz nach ihrem Herrschaftsantritt wegen Verschwörung bestraft worden war (2).

Theophanes erwähnt ihn das erste Mal anläßlich des arabischen Einfalls von 782, bei dem S. zu der Delegation gehörte, die Friedensgespräche mit den Invasoren führen sollte, es aber unterließ, sich durch Geiseln abzusichern, und so von den Arabern gefangengenommen wurde. Eirene sei dadurch zu Friedensgesprächen und zu Tributzahlungen gezwungen worden (3). Während dieses Einfalls sei auch der Strategos Tatzates (# 7241) aus Haß gegen den alles beherrschenden S. zu den Arabern übergegangen (4). Ein Jahr später (783) leitete S. einen großangelegten Feldzug gegen die Slawen (Theophanes: κατὰ τῶν Σκλαυινῶν ἐθνῶν), auf dem er über Thessalonike bis nach Griechenland und in die Peloponnes hinein vorstieß und reiche Beute machen konnte (5). Im Januar 784 konnte er diesen Erfolg mit einem Triumph im Hippodrom feiern (Theophanes 457,4-6).

Nach der Sprengung des Konzils im Jahre 786 durch die Soldaten der Tagmata begab S. sich auf Anordnung der Kaiserin nach Thrakien und zog die dort stationierten Abteilungen der kleinasiatischen Themen (τὰ περατικὰ θέματα) auf die Seite Eirenes (Theophanes 462,5-10). Laut der späteren Version der Vita Philareti soll er im Jahre 788 zusammen mit Eirene Maria von Amnia (# 4727) als Braut für Konstantinos VI. ausgesucht haben.

Aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen September 789 und Februar 790 (s. Rochow, Theophanes 251) kam es zu einer Verschwörung, die Konstantin VI., der unterdessen volljährig war, an die Macht bringen wollte und die laut Theophanes nicht gegen Eirene, sondern gegen den von S. ausgeübten Einfluß gerichtet war. Dieser wurde jedoch rechtzeitig informiert und brachte Eirene dazu, die Verschwörung niederzuschlagen, ihre Teilnehmer bestrafen zu lassen und sie in die Verbannung zu schicken (6). Der nachfolgende Versuch Eirenes, die Armee auf sich (unter Ausschließung ihres Sohnes Konstantin VI.) einschwören zu lassen, mißlang. Die Themen riefen Konstantin VI. als alleinigen Kaiser aus, und Eirene wurde zum Rücktritt gezwungen.

Als eine seiner ersten Amtshandlungen ließ Konstantin VI. im Dezember 790 den S. peitschen und scheren und verbannte ihn in das Thema Armeniakon, das ihm besonders feindlich gesonnen gewesen zu sein scheint (7). Diese Verbannung kann allerdings nur kurz gewesen sein, da S. schon im Herbst 792 wieder in Konstantinopel nachweisbar ist, wo er zusammen mit Eirene Konstantin VI. dazu überredet haben soll, den Alexios Musulem (# 1154) blenden zu lassen, um dessen sonst angeblich unausweichliche Erhebung zum Kaiser zu verhindern (8). In den folgenden Jahren trat S. weniger in Erscheinung, auch wenn er seinen Einfluß auf Eirene behalten zu haben scheint. Im Frühjahr 797 begleitete er Konstantin VI. auf einem Feldzug gegen die Araber, sorgte aber angeblich zusammen mit anderen Anhängern Eirenes dafür, daß der Feldzug ergebnislos abgebrochen wurde (9).

Nach dem Sturz Konstantins VI. im August 797 übernahm S. während der Alleinherrschaft Eirenes wieder die Leitung der Staatsgeschäfte, fand jetzt aber einen starken Rivalen in dem Eunuchen Aëtios (# 106), der anscheinend während der neunziger Jahre an Einfluß bei der Kaiserin gewonnen hatte. Die Chronik des Theophanes spricht von der Rivalität zwischen S. und Aëtios, da beide für ihre jeweiligen Verwandten das Kaisertum angestrebt hätten (10). Einen ersten Versuch des Aëtios im Jahre 799, der sich mit dem Domestikos der Scholen, Niketas (# 5426), verbündet hatte, um S. zu entmachten, konnte dieser abwehren, was aber nur zu einer Verschärfung des Machtkampfs führte (11). In der ersten Hälfte des Jahres 800 soll Staurakios dann selbst einen Staatsstreich versucht haben, um an die Macht zu kommen, konnte sich jedoch gegen den von Aëtios und Niketas geleiteten Widerstand nicht durchsetzen. Er scheint allerdings seine Āmter zunächst nicht verloren zu haben. Bevor es zur Entscheidung zwischen den Rivalen kam, starb S. im Juni desselben Jahres, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt und einem daraus folgenden Blutsturz, wie Theophanes 474,29 – 475,1 schreibt: ὁ δὲ καρδιόπληκτος γενόμενος αἷμα διὰ στόματος ἀνῆξεν ἀφρῶδες ἐκ τῶν κατὰ θώρακα καὶ πνεύμονα μορίων (12).

Anmerkungen: — (1) Die Chronik des Theophanes 456,12 billigt ihm maßgeblichen Einfluß zu: πρὸς Σταυράκιον, τὸν πατρίκιον καὶ λογοθέτην τοῦ δρόμου, τὸν εὐνοῦχον, πρωτεύοντα πάντων τῶν τηνικαῦτα ὄντων καὶ τὰ πάντα διοικοῦντα; ähnlich 464,19f.: Σταυράκιον τὸν πατρίκιον καὶ λογοθέτην τὰ πάντα κατέχοντα ... Laut der Vita Philareti 143 war er der Erste des Palastes und regelte alle Palastangelegenheiten: ὃς ἅπαντα ἐδιοίκει τοῦ τὰ παλατίου ... ὁ πρῶτος τοῦ παλατίου. — (2) Theophanes 454,12-21. — (3) Theophanes 456,15-19; Georg. mon. 767,9-14; Symeon log. (Leon gr. 193,24 – 194,4; Theod. mel. 133,25-28; Symeon sl. 84,17-20); Georg. mon. (Muralt) 960A. — (4) Theophanes 456,11-19. — (5) Theophanes 456,25 – 457,2; Symeon log. (Leon gr. 194,4-7; Theod. mel. 133,29 – 134,1; Symeon sl. 84,20-22); Georg. mon. (Muralt) 960A; Kedrenos II 21,18-22; Michael syr. III 13; Bar Hebraeus 120. — (6) Theophanes 464,17-25. 29 – 465,9; Symeon log. (Leon gr. 196,5-16; Theod. mel. 135,11-20; Symeon sl. 85,27-32 [mit Abweichungen]); Georg. mon. (Muralt) 964A; Kedrenos II 24,7; Zonaras XV 11, p. 290,17 – 291,12. — (7) Theophanes 466,26-28; Symeon log. (Leon gr. 197,8-11; Theod. mel. 136,5-7; Symeon sl. 86,10-12); Georg. mon. (Muralt) 964C; Kedrenos II 24,20-22; Zonaras XV 11, p. 292,12-15. — (8) Theophanes 468,13-16; Vita Irenae imp., cap. 10, p. 19. — (9) Theophanes 471,20-27; Georg. mon. cont. (Muralt) 968A. — (10) Theophanes 473,18-22. — (11) Theophanes 474,11-20; Symeon log. (Leon gr. 200,12-15; Theod. mel. 138,11-13; Symeon sl. 87,26f.). (12) Theophanes 474,22 – 475,9; Symeon log. (Leon gr. 200,16f.; Theod. mel. 138,14f.; Symeon sl. 87,27-30); Georg. mon. (Muralt) 969A-B; Kedrenos II 28,6-9; Theod. Stud., Catech. magn. II 59 (p. 423 Papadopulos-Kerameus).

Q: — (Hist.): Theophanes; Symeon log. (Leon gr.; Theod. mel.; Symeon sl.); Georg. mon.; Georg. mon. (Muralt); Kedrenos. — (Conc.): Mansi XIII 416E. — (Hag.): Vita Philareti (BHG 1511z) 143,5-9. 14f. (hier Name aber nur aus BHG 1512 ergänzt); Vita Philareti (BHG 1512) 77,17-19. 24f.; Vita Irenae imp. (BHG 2205) cap. 9, p. 17f.; cap. 10, p. 19; cap. 11, p. 20 (wortgleich mit Theophanes). — (Hom.): Theod. Stud., Catech. magn. II 59 (p. 423 Papadopulos-Kerameus). — (syr.): Michael syr.; Bar Hebraeus. — (arab.): Zu dem Feldzug und Friedensschluß von 782 (ohne Namensnennung und genauere Einzelheiten) s. auch aṭ-Ṭabarī (Yar-Shater XXIX) 220f. [504] (= Williams II 100f.).

L : ODB III 1945. — Dölger, Regesten Nr. 340; Diehl, Fig. byz. I, 77–109; Ostrogorsky, Geschichte 150f.; Kaegi jr., in: Bsl 27 (1966) 62f.; Alexander, Nicephorus 19 Anm. 2; Speck, Konstantin VI. 853 (Reg.); Niavis, Nicephorus I 312 (Reg.); Winkelmann II 54–58; Rochow, Theophanes 237–239. 255. 271. 273. 332–334; Ditten, Ethnische Verschiebungen 424 (Reg.); Lilie, Eirene 433 (Reg.); Pratsch, Theodoros 131 Anm. 87; Treadgold, History 418–423. 446. 565.

P: Der Bericht des Theophanes über einen arabischen Einfall des Jahres 798 könnte vermuten lassen, daß die von den Arabern bei Malagina geplünderten Stallungen dem S. gehört hätten (Theophanes 473,25-27: καὶ ἐπιφθάσας ἐν τοῖς σταύλοις Σταυρακίου τοὺς ἵππους καὶ τὴν βασιλικὴν προμοσέλλαν λαβὼν ὑπέστρεψεν). Jedoch war dieser als Logothetes des Dromos auch für die kaiserlichen Stallungen und Pferde zuständig. — Der Bericht des Theophanes über den Tod des S. läßt vermuten, daß dieser selbst Kaiser werden wollte (Theophanes 475,5: ὅτι ζήσεται καὶ βασιλεύσει), jedoch war ihm dies als Eunuch nicht möglich, so daß man allenfalls annehmen könnte, daß S. entweder den Thron für einen seiner Verwandten erobern oder aber endgültig seinen Rivalen Aëtios ausschalten wollte. Für letzteres spricht auch Theophanes 475,6f., der aussagt, daß S. kurz vor seinem Tod in Kappadokien einen Aufstand gegen Aëtios (und nicht gegen Eirene) vorbereitet habe: ... στάσιν ἐν ταῖς Καππαδοκίαις συνεσκεύασε κατὰ Ἀετίου γενέσθαι. Allerdings mag auch diese Nachricht auf eine S. gegenüber feindlich eingestellte Vorlage zurückzuführen sein. — Theodoros Studites (Catech. magn. II 59 [p. 423 Papadopulos-Kerameus]) berichtet in einer Katechese, die etwa zwischen 811 und 814 entstanden ist, von dem Tod eines Logothetes Staurakios. Laut Theodoros Studites war dieser sehr berühmt (πολυθρύλλητος λογοθέτης), und als er irgendwo nahe dem Meer starb (πρὸς παραθαλασσίαν ἦν κείμενος), sah er im Sterben Dämonen aus dem Meer aufsteigen, die die übrigen Anwesenden nicht sahen. Da der Rang eines Logothetes relativ hoch und andere Amtsinhaber desselben Namens aus dieser Zeit nicht bekannt sind, dürfte hier der im Juni des Jahres 800 verstorbene S. gemeint sein.

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