Open Access Published by De Gruyter

Anonymus

EintragstypEntry Type
Person
EintragsspracheEntry Language
DeutschGerman
Personenkennziffer
31746
Klerus / Laie
Klerus
Geschlecht
Mann
Zeit
10. Jh.
ethnos
Byzanz
Religion
orthodox
Titel / Beruf
Monachos; Autor; Hagiograph
Name normalisiert
Anonymus
Ort
Stylos-Kloster (Latros) = Paulos-Kloster (Latros) = Theotokos-Kloster tu Stylu (Latros); Latros (Berg); Latmos (Berg); Karien (KP); Karien (L); Paulos-Kloster (Latros) = Stylos-Kloster (Latros); Theotokos-Kloster tu Stylu = Stylos-Kloster (Latros) = Paulos-Kloster (Latros)
Quelle
Vita Pauli Latrensis (BHG 1474)

T: Sicherlich ein Mönch des Stylos-Klosters (bzw. Paulos-Klosters oder Theotokos-Klosters tu Stylu) auf dem Berg Latros in Karien. Autor (Hagiograph).

V: Er schrieb die Vita Pauli Latrensis (BHG 1574), in der er Leben und Wirken des hl. Paulos (# 26337) beschrieb. Dies geschah nach dem Tode des Hegumenos Gabriel (# 22030), den er indirekt erwähnt und nach dem schon eine längere Zeit vergangen sein soll (cap. 6: Aufbewahrung der Askese-Steine Gabriels über lange Jahre — ἄχρι πλείστου). Da Gabriel in den Jahren 985–987 sicher im Amt bezeugt ist, ergibt sich für die Abfassung der Vita ein terminus post quem von 987.

Delehaye nahm aufgrund zweier Indizien eine Abfassung der Vita “ca. 975” an (in: Revue des questions historiques 54 [1893] 54: “aux environs de l’année 975”): 1) Der Autor spricht davon, daß der Täter (# 31439) eines im Herbst 960 begangenen Verbrechens bis zu seiner (des Autors) Zeit (εἰς δεῦρο) nicht hatte gefaßt werden können (cap. 49), was (laut Delehaye) nur dann eine sinnvolle Aussage ist, wenn der Täter theoretisch noch am Leben sein konnte, wenn also vielleicht nicht mehr als 40 Jahre (Delehaye: nicht mehr als 15 Jahre) seit der Tat im Herbst 960 vergangen waren. 2) An anderer Stelle spricht der Autor davon, daß sich ein Wunder “vor kurzer Zeit, nach dem Tode des hl. Paulos” ereignet habe (cap. 18: πρὸ μικροῦ μετὰ τὸν τοῦ πατρὸς θάνατον) und erweckt mit dieser Formulierung den Eindruck, der Tod des Paulos selbst habe sich “vor kurzem” ereignet.

Von diesen zwei Argumenten läßt sich das zweite mit dem Einwand entkräften, daß der Autor hier einfach nur ein postumes Wunder, das sich “vor kurzem” ereignet hatte, erzählen wollte – im Gegensatz zu den vielen vor langer Zeit geschehenen Wundern (ἵνα τὰ μὴ πολλῷ πρότερον γεγονότα λέγωμεν), wie er selbst sagt. Der Autor impliziert in dieser Passage also keineswegs, daß der Tod des Paulos (15.12.955) sich erst “vor kurzem” ereignet habe.

Der Autor hat bei der Abfassung seines Werkes, das er selbst an einer Stelle als “Erzählungen über den hl. Paulos” (cap. 10: τὰ τοῦ θείου Παύλου διηγήματα) bezeichnet, verschiedene schriftliche Quellen benutzt, die jedoch nicht erhalten sind, allen voran eine Art Autobiographie (“Buch von den eigenen Taten”) des hl. Paulos, die dieser neben der Bibel benutzte, um seinen Schülern geistliche Unterweisung zu erteilen (cap. 20: ἐκ τῆς οἴκοθεν βίβλου τῶν ἑαυτοῦ πράξεων). Ferner erwähnt der Autor ein “Buch der Laura” (d. h. des Stylos-Klosters, cap. 43: τῷ τῆς λαύρας ἐγγέγραπται βιβλίῳ), in dem er die Geschichte von der postumen Fürsorge des hl. Paulos für den Einsiedler Lazaros (# 24284) gefunden habe. Hierbei hat es sich offenbar um ein Buch gehandelt, in dem die Klostergemeinschaft selbst die postumen Wunder ihres Klostergründers niederschrieb (vielleicht auch alles, was noch an mündlicher Überlieferung über den hl. Paulos im Kloster kursierte). Schließlich ist noch von “Erinnerungen, die der berühmte Berg Latros besitzt” (cap. 8: ἐν ὑπομνήμασι, ἃ τὸ περιώνυμον ἔχει τοῦ Λάτρου ὄρος) die Rede, die der Autor nach eigener Aussage benutzt hat. Diese “Erinnerungen” könnten mit dem “Buch der Laura” identisch sein.

Der Autor beruft sich auf Zeitgenossen des hl. Paulos, die eine bestimmte Geschichte über ihn erzählt hätten oder Augenzeugen eines Ereignisses gewesen seien. So schreibt er an einer Stelle: “Denn ich habe nicht nur ein oder zwei, die es erzählt haben und Augenzeugen waren, sondern nicht weniger als 20, die mit dem hl. Paulos zusammengelebt haben und die nicht einfach nur wahrheitsliebend sind, sondern auch vollkommen tugendhaft, mehr noch: glühende Verehrer der Tugend.” (cap. 6: τοὺς γὰρ ἐξηγητὰς αὐτοὺς ἐκείνους καὶ θεατὰς ἔχομεν οὐχ᾿ ἕνα ἢ δύο, ἀλλὰ καὶ τῶν εἴκοσιν οὐκ ἐλάττους, οἳ τῷ μεγάλῳ τε συμβεβιώκασι, καὶ εἰσὶν οὐ φιλαλήθεις ἁπλῶς, ἀλλὰ κομιδῆ καὶ φιλάρετοι, μᾶλλον δὲ ἀρετῆς ἐπιμεληταὶ θερμότατοι). H. Delehaye hat aus dieser Stelle geschlossen (in: Revue des questions historiques 54 [1893] 54), daß die Lebenszeit des Autors sich mit der Lebenszeit seiner Gewährsleute überschnitt, deren Lebenszeit sich wiederum mit der des hl. Paulos überschnitt. Demnach dürfte der Autor nur bis zu ca. 50 Jahre nach dem Tode des Paulos geschrieben haben. Da der Autor jedoch auch schriftliche Quellen benutzt hat, läßt sich nicht ausschließen, daß er die Erzählungen der Zeitgenossen des hl. Paulos nicht von diesen persönlich gehört, sondern in dem “Buch des Klosters” aufgezeichnet gefunden hat. Allerdings spricht das Präsens des Prädikates “sind wahrheitsliebend” (εἰσὶν ...) doch dafür, daß diese Gewährsleute zur Zeit des Autors noch am Leben waren. Einige seiner Gewährsleute benennt der Autor konkret: Gabriel (# 22030) (cap. 33: Περὶ τούτου καὶ ὁτ᾿ ἄλλα μοι πάντα κατεξαίρετον παραδοὺς ὁ τὴν ἀρετὴν θαυμάσιος Γαβριὴλ διεσάφησεν ... ἔφη ὁ πάγκαλος Γαβριήλ ... φησί ...), und Demetrios (# 21476), dessen Information den Autor aber auch indirekt erreicht haben könnte. Viele Anekdoten scheinen auf die Erinnerungen des Symeon (# 27486) zurückzugehen, doch teilt der Autor uns nicht mit, wie diese auf ihn gekommen sind. So kann man sicher nur sagen, daß der Autor den Gabriel noch persönlich gekannt hat, vermutlich aber erst nach der von diesem veranlaßten Umbettung der Toten des Klosters (s. unter Leon/Lukas [# 24442]), also vielleicht erst nach 980 ins Kloster eingetreten ist.

Aufgrund der Datierung des Gabriel, der Passage über den “bis jetzt” noch nicht gefaßten Verbrecher und der wahrscheinlichen Überschneidung der Lebenszeit des Autors mit der einiger Zeitgenossen des hl. Paulos scheint eine Abfassungszeit kurz vor der Jahrtausendwende vielleicht am wahrscheinlichsten (990–1000), doch läßt sich nicht ausschließen, daß der Autor auch etwas später geschrieben haben könnte. Die zwei ältesten Handschriften, die den Text überliefern (Cod. Paris. gr. 1490 und Cod. Paris. Suppl. gr. 916 = Siglen “P” und “Q”), stammen beide aus dem 11. Jh.

W: Vita Pauli Latrensis (BHG 1474).

Q: — (Hag.): Vita Pauli Latrensis (BHG 1474), bes. cap. 6, 27,7-10 (AnBoll) = 107,33 – 108,1 (Wiegand); cap. 8, 34,5-13 (AnBoll) = 109,33 – 110,2 (Wiegand); cap. 10, 39,18 – 40,2 (AnBoll) =   111,27-29 (Wiegand); cap. 18, 54,8f. (AnBoll) = 116,17f. (Wiegand); cap. 20, 58,6f. (AnBoll) = 117,25 (Wiegand); cap. 33, 145,4-6. 13. 15 (AnBoll) = 125,12f. 18f. (Wiegand); cap. 43, 162,1-3 (AnBoll) = 130,15f. (Wiegand); cap. 49, 177,10f. (AnBoll) = 134,29 (Wiegand).

L: Delehaye, in: AnBoll 11 (1892) 10–13; idem, in: Revue des questions historiques 54 (1893) 49–85, bes. 52–54; idem, in: Wiegand, Latmos 100; DO Hagiography Database Nr. 81, Introduction, p. 80f. (s. v. “Paul the Younger of Latros”).

P: Daß der Autor mit Symeon Metaphrastes (# 27504) zu identifizieren sei, wie in einer Urkunde aus dem Jahr 1196 behauptet wird (ed. Miklosich–Müller IV, p. 306), wurde bereits von Delehaye überzeugend zurückgewiesen (AnBoll 11 [1892] 11f.; Revue des questions historiques 54 [1893] 73–85; in: Wiegand, Latmos 100). Die Vita Pauli Latrensis (BHG 1474) entstand zu spät, als daß sie noch vom Metaphrasten überarbeitet und in die metaphrastische Sammlung hätte aufgenommen werden können. Allerdings bieten einige der Handschriften, die die Vita Pauli Latrensis (BHG 1474) überliefern (z. B. Codd. Oxon. Barocc. 192 [14. Jh.], Paris. gr. 1490 [11. Jh.], Paris. gr. 1553 [14. Jh.], Paris Coisl. 148 [12. Jh.], Patm. 248 [11. Jh. + Ergänzungen von späterer Hand]) die Texte des metaphrastischen Dezember-Menologions und darin eingefügt zusätzlich die Vita Pauli Latrensis und – zuweilen – andere zusätzliche Texte (cf. Delehayes Übersicht über die Hss.; Ehrhard, Überlieferung II 492. 493. 511. 513). Dies könnte den Irrtum am Ende des 12. Jh.s erklären: Man hatte die Vita in einer Handschrift gelesen, die ansonsten die Texte der metaphrastischen Sammlung bot, und nahm daher an, auch die Vita Pauli sei von Symeon Metaphrastes verfaßt.

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