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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter 2022

Blickweisen auf Moscheen im Forschungsprozess

Über die Konstruktion von Forschungsergebnissen in migrationsgesellschaftlichen Kontexten

Chantal Munsch and Kathrin Herz

Abstract

Der Beitrag reflektiert die vielfältigen Blickweisen auf Moscheen in einem ethnografischen Forschungsprozess. Empirische Grundlage ist eine Studie über Moscheen in umgenutzten Gebäuden als Räume mit vielfältigen Funktionen, Nutzungsweisen und Bedeutungen. Ausgangspunkt der Argumentation ist ein konstruktivistisches und reflexives Verständnis von Forschung als einen Prozess, in dem Daten und Forschungsergebnisse in spezifischen Kontexten aus spezifischen Positionen heraus hergestellt werden. Die Konstruktion des Forschungsgegenstandes ‚Moschee‘ beginnt bereits mit der Auseinandersetzung mit der Literatur und der Formulierung der Fragestellung. Bei der Suche nach den Moscheebauten im Stadtraum sowie beim Zugang zum Feld werden spezifische Perspektiven auf Moscheen re-produziert. Forschende wie Beforschte positionieren sich in ihren Interaktionen zum Diskurs über Muslim:innen, Moscheen und das „deutsch-türkische“ Verhältnis. Ihre Verhandlungen über die Bedeutungen von Moscheen prägen die erhobenen Daten (Interviewtranskripte, Gesprächsnotizen, Beobachtungsprotokolle, Fotografien, Bauakten und Zeichnungen). Die Moschee erscheint dabei als eine unsichtbare und als eine gefährdete, die es zu verteidigen gilt. Sie wird zu einer, für die es keinen passenden Namen gibt und die mit den eingeschränktenMitteln vonArbeitsmigrant:innen finanziert werden muss. Im Spiegel öffentlicher Diskurse und medialer Berichterstattung erscheint sie als eine, die wirkmächtigen Klischees unterworfen ist und gleichzeitig als eine, die vielfältiger ist als diese Klischees. Immer wieder gerät sie als „türkische“ in den Blick - worüber im Forschungsteam vielfältig gestritten wird. Aus der Perspektive von Architektur und Städtebau erscheint die Moschee im umgenutzten Gebäude als eine, die weder als Architektur noch als baukulturelles Zeugnis anerkannt wird und die potentiell gegen Bauvorschriften verstößt. Deutlich wird bei der Reflexion der Felderfahrungen und der darin re-produzierten Bilder, wie stark der gesellschaftliche Kontext der Migrationsgesellschaft die Herstellung des Gegenstandes Moschee prägt.

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston