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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter December 21, 2007

Die heilige Sprache und das Bild. Hebräische Bilderhandschriften, jiddische »Volksbücher« und der christlich-jüdische Kulturaustausch im europäischen Mittelalter

Norbert H. Ott
From the journal

Von Bernard Berenson, dem großen Connoisseur der Renaissance-Malerei, dessen Engagement die Museen der USA einige ihrer bedeutendsten Exponate italienischer Kunst verdanken, stammt die Behauptung: »Die Juden […] haben für die bildende Kunst wenig und für figürliche Kunst so gut wie gar kein Talent bewiesen. […] Den Juden war des Wortes Glanz und Zauber eigen.« Ein solches Urteil ist zwar höchst geläufig, muß aber, selbst wenn es von einem jüdischen Sammler und Kunsthistoriker stammt, nicht unbedingt zutreffen. Wer an psychoanalytischen Erklärungsmodellen Gefallen findet, könnte natürlich auch Sigmund Freuds ›Mann Moses‹ bemühen, um sich diesem Stereotyp anzuschließen, das, wie nicht weiter ausgeführt zu werden braucht, ein religiös begründetes ist und als solches in allen drei großen Buchreligionen in bestimmten historischen Situationen unterschiedlich stark virulent wurde. Kulturen, an deren Anfang nun einmal das Wort steht – und zwar das Wort, das, zumindest im christlichen Verständnis, identisch ist mit Gott –, definieren sich, jedenfalls in ihren Eliten, über das Text- und Schrift-Medium; im Umgang mit dem visuellen Medium tun sie sich schwerer und müssen vor allem seine Verwendung im Ritus und in der religiösen Praxis erst begründen. So wird, wenn es um christliche Kunst geht, die Diskussion bis heute von dem Diktum Papst Gregors des Großen aus dem Jahre 600 bestimmt, wonach den Intellektuellen Sprache und Literatur als Erkenntnis- und Kommunikationsmedium zukommt, die Literatur der Laien hingegen die Bildkunst sei. Zwar war der Anlaß dieser Aussage ein durchaus pragmatischer – nämlich der, den bilderstürmenden Bischof Serenus von Marseille zu ermahnen, seine Kirchen nicht ihrer Bilder zu berauben –, ihr Charakter ist letztlich aber doch eher metaphorisch: Aliud est enim picturam adorare, aliud picturae historia, quid sit adorantum, addiscere. Gregor faßt damit ziemlich präzise die Argumentation der Westkirche zusammen, mit der schon der Ikonoklasmus des Frühchristentum rechtzeitig abgewehrt worden war. Und er tut damit letztlich nichts anderes, als das biblische Bilderverbot zu erneuern, das sich gegen die Anfertigung figürlicher Darstellungen zum Zwecke ihrer Anbetung wendet und so eine klare Abgrenzung gegen den Götzendienst vornimmt. 600 Jahre nach Gregor hat der Franzose Richard de Fournival die hinter Gregors Definition liegende Vorstellung, daß Wort und Bild als gleichberechtigte Informationsvermittler fungieren, in ein – auch illustriertes – Gleichnis gefaßt: Jede Erkenntnis, so schrieb er, gelange auf zwei Wegen – parole und peinture – ins menschliche Gedächtnis, und zwar durch zwei Türen: das Ohr und das Auge, wobei dem Ohr das Sprachmedium, dem Auge das Bildmedium zugeordnet ist. Obgleich es, zumindest im Mittelalter, offiziöse Lehrmeinung der lateinischen – christlichen – Schriftkultur blieb, dem Bild höchstens Ersatzfunktion zuzugestehen, wurden in der Praxis solcherart theoretische Differenzierungen nicht allzu streng befolgt, ja ständig überspielt. Und gleiches gilt für die jüdische Kultur. Dort gab es, etwa im 15. Jahrhundert, Stimmen wie die des Rabbi Jakob ben Moses ha-Levi Möllin, der heftigen Einspruch erhob gegen die Benutzung prächtig illustrierter Gebetbücher, die man ihm für den Synagogen-Gottesdienst zu Jom Kippur übergeben hatte. Doch in der Praxis – und nach der Interpretation in der Mischna – gilt das Bilderverbot vorrangig für Plastik und Relief; in der Buchmalerei waren figürliche Szenen zu jeder Zeit gang und gäbe, lediglich die Torarolle war und ist davon ausgenommen. Nur wenig früher als Jakob Möllin, der bedeutendste Talmudist seiner Generation, verwies der spanische Arzt und Gelehrte Profiat Duran – Isaac ben Moses ha-Levi mit seinem hebräischen Namen – darauf, daß »die Betrachtung von und die Beschäftigung mit wohlgefälligen Formen, schönen Bildern und Zeichnungen den Geist erweitert und anregt und seine Fähigkeiten stärkt. […] So wie es bei Gott ist, der Sein Heiligtum mit Gold, Silber, Juwelen und kostbaren Steinen verschönern wollte, so sollte es auch bei Seinen heiligen Büchern sein.« Diese Bemerkung, die gar nicht so sehr viel anders klingt als das ein Jahrtausend ältere Wort Gregors des Großen, steht interessanterweise in einer Schrift, die sich mit Sprache auseinandersetzt, nämlich dem ›Ma'aseh 'Efod‹, einer breitangelegten, vergleichenden Grammatik der semitischen und romanischen Sprachen und des Griechischen, die übrigens auch essentielle Bemerkungen zur jüdischen Musik enthält. So, wie die Kunstproduktion des Christentums sich souverän hinweggesetzt hat über schubweise immer wieder aufkommende, zu ihrer Domestizierung erdachte Spitzfindigkeiten der Theologen, so wird die Behauptung, in der jüdischen Kultur spiele die Bildkunst nur eine untergeordnete Rolle, Lügen gestraft durch das, was uns vor Augen tritt, wenn wir z. B. mosaikengeschmückte Synagogen sehen oder vor der um die Mitte des 3. Jahrhunderts bemalten Westwand der Synagoge von Dura-Europos am Euphrat stehen, oder wenn wir uns hebräische Handschriften anschauen, zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert im islamischen Orient oder vom 13. bis ins 16. im christlichen Europa illuminiert – was in folgenden im europäischen Kontext geschehen soll. Sich dabei mit Vorurteilen auseinanderzusetzen, die im Kostüm ethno-psychologischer Begründungen einherkommen, erübrigt sich schon angesichts des Bilderschatzes, der allein aus dem Mittelalter auf uns gekommen ist.

Online erschienen: 2007-12-21
Erschienen im Druck: 2004-December-08

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