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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter December 21, 2007

Zwischen Ausweisung, Repression und Duldung. Die Judenpolitik der »Reformpäpste« im Kirchenstaat

Jörg Deventer
From the journal

Am 3. September 2000 nahm Papst Johannes Paul II. mit Pius IX. den in der Kirchengeschichte am längsten – von 1846 bis 1878 – regierenden Pontifex in die »Schar der Seligen« auf. Wenige Wochen zuvor hatte sich eine von der »Unione delle Communità Ebraiche Italiane« ausgerichtete Tagung in Rom mit der Person und der Politik dieses Papstes beschäftigt, dessen Name vor allem mit der Durchsetzung des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit verbunden ist. Besonderes Aufsehen erregte auf dem Kongreß die Wortmeldung einer Nachfahrin der Familie Mortara, die gegen die Seligsprechung protestierte. Die Mortaras sind eine Familie, deren Name um 1860 in der europäischen Öffentlichkeit in aller Munde war. Im Jahre 1858 hatte die christliche Magd der jüdischen Familie Mortara im damals noch zum Kirchenstaat gehörigen Bologna gestanden, den schwer erkrankten sechsjährigen Edgardo ohne Wissen seiner Eltern getauft zu haben. Als diese heimliche Nottaufe eines jüdischen Kindes bekannt wurde, drangen Gendarmen in das Haus der Familie ein und entführten das Kind nach Rom, wo es in das im Jahre 1543 von Paul III. (Pontifikat 1534–1549) begründete »Haus der Katechumenen« – das später nochmals Erwähnung finden wird – gebracht wurde. Alle Versuche der Eltern, ihr Kind zurück zu erhalten, das weltweite Engagement jüdischer Gemeinden, der liberalen Presse in Europa sowie Petitionen Kaiser Napoleons III. und Kaiser Franz Josephs I. scheiterten an der unnachgiebigen Haltung Pius IX.

Online erschienen: 2007-12-21
Erschienen im Druck: 2005-July-03

© Max Niemeyer Verlag GmbH, Postfach 2140, D–72011 Tübingen, 2004