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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter December 21, 2007

»Mit Leib und Seele?« Überlegungen zum Körperbild jüdischer Konvertiten in der Frühen Neuzeit

Maria Diemling
From the journal

Zusammenfassung

Die Frage, ob eine Konversion vom Judentum zum Christentum in der Frühen Neuzeit auch eine Änderung des Körperbildes mit einschließt, läßt keine eindeutige Antwort zu, obwohl der Körper im Diskurs über jüdische Konversion eine zentralere Rolle spielt, als bisher angenommen wurde. In den deutschen Landen im 16. und 17. Jahrhundert konkurrieren zwei Modelle. Einerseits ist das auf mittelalterlichen Diskursen basierende theologische Modell, das Juden die Schuld am Tod Jesu gibt und ihnen ihre religiöse Verstocktheit vorwirft, nach wie vor verbreitet. Die Konversion zum Christentum ist für Anhänger dieses Modells die einzige Möglichkeit für Juden, sich ihrer Schuld zu entledigen. Das Taufwasser reinigt Juden nicht nur von der theologischen Schuld ihrer Vorfahren, sondern befreit sie auch von den körperlichen Übeln, mit denen sie als Juden zur Strafe behaftet waren. Das Alternativmodell, das mit aller gebotenen Vorsicht als Vorläufer des rassischen Antisemitismus der Moderne gelesen werden könnte, geht davon aus, daß das Jüdische eines Menschen mehr als seine Religion umfaßt und durch die Taufe nicht wirklich verändert werden kann. Der »Körper« meinte in der Frühen Neuzeit weitaus mehr als den bloßen Leib, sondern bezog auch Gestik, Haltung oder Sprache mit ein. Wie sich in den spanischen Inquisitionsprozessen gezeigt hat, waren es vor allem diese »mores«, die bei »Verdächtigen« argwöhnisch beobachtet wurden und die auch aufrichtige Konvertiten wie Victor von Carben oder Anthonius Margaritha schwierig abzulegen fanden, auch wenn biologistische Argumente den Diskurs letztendlich dominierten.

Michael Jackson personifiziert in unserer Zeit den Wunsch, eine bestimmte Identität durch die Änderung seines Körpers abzulegen. Er hat die Afrokrause und seine dunkle Hautfarbe ausgemerzt und sich als neuen – weißen – Menschen erschaffen. Er mag ein besonders extremes zeitgenössisches Beispiel des »turning away« von einer ungeliebten Identität sein, aber zahlreiche Konvertiten zum Christentum rangen wohl mit ähnlichen Gefühlen. Anthonius Margaritha standen freilich weder die finanziellen Ressourcen noch die medizinischen Errungenschaften Jacksons zur Verfügung, um sich »weißzuwaschen«. Eine Möglichkeit, sich von seiner jüdischen Vergangenheit zu distanzieren, war für ihn die Konstruktion einer eigenen, unter dem besonderen Schutz Gottes stehenden abrahamitischen Abstammungslinie für konvertierte Juden, die ethnisch (und moralisch) nichts mit anderen Juden gemein haben.

Online erschienen: 2007-12-21
Erschienen im Druck: 2006-July-03

© Max Niemeyer Verlag, 2006