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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter December 21, 2007

»Wo das Wort versagt und das Denken scheitert«. Überlegungen zu Hannah Arendts Eichmann-Charakterisierung

Christian Volk
From the journal Aschkenas

In der Rezeptionsgeschichte der Shoah nimmt Hannah Arendts »Eichmann in Jerusalem« eine einzigartige Stellung ein. Keiner Studie über die Shoah wurde auch nur annähernd eine vergleichbare Beachtung zu Teil. Nicht einmal die Verkaufszahlen von Daniel Goldhagens »Hitlers willige Vollstrecker« erreichen Arendts »Bericht von der Banalität des Bösen.« Dies mag sich zum großen Teil aus dem Aufschrei erklären, der bei Erscheinen ihres Prozessberichts gewaltig war. »Die Stadt [New York; C.V.]«, so William Shawn, damaliger Chefredakteur des »New Yorker«, »scheint kaum noch über etwas anderes zu reden.« Ganz abgesehen von den erdbebenartigen Reaktionen der jüdischen Organisationen und Gemeinden weltweit und der Attacke der westlichen Öffentlichkeit, zerbrachen nach Publikation des Eichmann-Buchs Hannah Arendts jahrelange Freundschaften u. a. mit Hans Jonas, Robert Weltsch und Kurt Blumenfeld. Entsprechend bezeichnete Anson Rabinbach die Kontroverse um Arendts Prozessbericht als den »bitterste[n] öffentliche[n] Disput unter Intellektuellen und Wissenschaftlern, der jemals über den Holocaust geführt« worden war. Wenngleich die Gründe hierfür äußerst zahlreich waren – sie kreisen um Arendts spezifische Beschreibung des Gerichtsverfahrens, ihre oftmals unklare Kritik an der Anklageschrift, ihre Polemiken gegen das Auftreten des Staatsanwalts Hausner, Arendts Tonfall, die vermeintliche »Verleumdung« des angesehenen Rabbiners Dr. Leo Baeck, ihre scharfe Anklage der Judenräte –, so entfachte sich der Sturm der Empörung in besonderem Maße an Arendts Charakterisierung des Angeklagten. Denn mit dem Untertitel des Buches »Ein Bericht von der Banalität des Bösen« positionierte sie sich explizit gegen die Verlautbarungen der Anklage und den unter nordamerikanischen Intellektuellen weit verbreiteten Standpunkt, bei Eichmann habe man es mit einem pathologischen Fall, einem ideologisch durch und durch überzeugten Mörder, einem Monster zu tun. Im Gegenteil: Die Prädisposition des modernen Menschen für den verwalteten Massenmord entspringt, so ihre herausfordernde und streitbare Behauptung, trivialen Quellen. Wie ist das zu verstehen?

Online erschienen: 2007-12-21
Erschienen im Druck: 2007-March-26

© Max Niemeyer Verlag, 2006

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