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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter August 14, 2009

Sich erlaufen. Pilgern als Identitätsstärkung

Detlef Lienau
From the journal

Zusammenfassung

Vor dem Hintergrund eines ungeahnten Aufschwungs des Pilgerns vertritt dieser Artikel die These, dass Pilgern eine Stärkung der eigenen Identität ermöglicht. Dazu wird das Problem fragmentierter und unbestimmter Identität mit Rückgriff auf Zygmunt Bauman skizziert. Dagegen steht ein Identitäts-Modell, das von einer bereits bestehenden Vorfindlichkeit in einer Tradition ausgeht, in die man sich weiter hineinerzählt (im Anschluss an Albrecht Grözinger).

Im Hauptteil werden verschiedene Faktoren des Pilgerns daraufhin befragt, was sie zu diesem Prozess der Identitätsgewinnung beitragen. So bildet gerade ein viel begangener Weg wie der Jakobsweg einen geprägten Raum, der dem Pilger überlieferte Rollen zur Übernahme anbietet. Das Gehen als prägendes Element des Pilgerns wird interpretiert als leibliches Generieren und exzentrisches Erschließen von Raum, mit dem der Pilger sich selbst in der Welt versteht. Es kann zudem gezeigt werden, wie Gehen als Form leiblichen Seins, das vom instrumentellen Körperverhältnis zum unmittelbaren Sein im Lebensvollzug führt, Selbst- und Weltgewissheit vermittelt und im Bestehen von Herausforderungen das eigene Potential aktiviert und Selbstermächtigung bewirkt.

Der Autor macht sich für ein Verständnis des Pilgerns stark, das sich an der Wortbedeutung des Pilgerns als notvollen Durchquerens der Fremde orientiert, das zum Abbild eines zielorientierten Existenzverständnisses wird. Die für das Pilgern herausgearbeiteten Pole von bestärkender Vergewisserung und befremdender Irritation werden im Anschluss an Wilhelm Gräb als Ausdruck eines zwar wissenden aber zugleich distanzierten Selbst-verhältnisses gedeutet. Pilgern ist danach eine Form der leiblichen Selbstdeutung, in der der Mensch seiner Selbstvertrautheit ansichtig und bewusst wird.

Schließlich werden auf dem Hintergrund dieser Darstellung Kriterien für eine identitätsförderliche Gestaltung von Pilgerwanderungen erarbeitet.

Abstract

Against the background of an unexpected upswing in pilgrimages, this article states the thesis that pilgrimage enables a strengthening of one's identity. In addition, the problem of a fragmented and indefinite identity is sketched, with reference to Zygmunt Bauman. In contrast stands a model of identity (connected with Albrecht Grözinger) in which one contributes to a tradition in which one already is situated.

In its main part, the article investigates the various factors of pilgrimage that contribute to this process of gaining one's identity. Thus, a route frequented as much as the Way of St. James forms an already patterned space that offers the pilgrim traditioned roles to adopt. Walking, as a characteristic element of pilgrimage, is interpreted as physically generating and distinctively opening the space in which pilgrims understand themselves in the world. It also can be shown how walking as a form of physical being that leads from an instrumental relationship to one's body to an immediate being in living one's life, conveys certainty about one's self and the world, activates one's potential to overcome challenges, and provides self-empowerment.

The author makes a strong case for a definition of pilgrimage oriented to an understanding of the hardship of crossing a foreign land, which is an image of a goal-oriented understanding of existence. The resulting poles of self-assurance and self-estrangement in pilgrimage are, in connection with Wilhelm Gräb, interpreted as an expression of a truly known but at the same time distanced self-understanding. Pilgrimage is therefore a form of physical self-interpretation in which people learn to view and be aware of their self-familiarity.

Finally, against the background of this representation, criteria are elaborated for organizing a pilgrimage journey that is conducive to identity.

Online erschienen: 2009-08-14
Erschienen im Druck: 2009-September

© Walter de Gruyter 2009