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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by Deutscher Kunstverlag (DKV) December 30, 2017

Verkörperung – Entkörperung bei Rembrandt

Marianne Koos

Abstract

This article analyzes the painterly formation of pictorial subjects of embodiment and disembodiment since the early modern period. Starting with Gerhard Richter, Quattrocento painters, and Titian, it focuses on Rembrandt and his late group portrait The Anatomy Lesson of Dr. Deijman (1656). The subject of this picture is a dissection of a man’s brain – and hence the surgeons’ search for the seat of the human soul and the motion of life. In the motif of the corpse, Rembrandt performs a radical operation with paint layers that historical sources described with the terms “doodverwe” and “lyffverwe” (“dead color” and “body color”). Rembrandt’s pictorial formation is a distinctly complex answer to the soulless, lifeless corpse’s state of being, which has been reduced to no more than an image. At the same time, the dead body is the place in which Rembrandt reflects the act of painting as a way of working with the tension of embodiment and disembodiment, of giving and taking life, with color.


* Dieser Text ist Teil meines Forschungsprojekts »Metaphern medialer Verkörperung in Kunst und Kunsttheorie (1400 – 1900)«, das ich 2002/2003 mit einer Studie zu Caravaggio begonnen habe und das über Rembrandt und Liotard bis zu Manet führt. Alle Teile gehen von der dichten Forschung der letzten Jahre zum Inkarnat aus und befassen sich mit der in historischen Quellenschriften bemerkenswerten Umschreibung von Farbschichten, Bildoberflächen und Techniken der Farbapplikation mit Begriffen wie Haut und Fleisch(-Werdung) respektive, wo die gegenständliche Illusion zusammenbricht, »toter Farbe«, Färben oder Schminke(n). Der Schwerpunkt aller Studien liegt bei der Bedeutung dieser Metaphern für konkret ausgeführte Bilder. Als Subtext interessiert mich in allen Kapiteln das Spannungsfeld zwischen Oberfläche und Illusion, zwischen Opazität und Transparenz, Abstraktion und plastischer Figuration – mithin das Arbeiten vormoderner Künstler mit der Flächigkeit des Bildes als Grundbedingung von Malerei. Vgl. für die anderen Teile, die sich, in chronologischer Reihenfolge gelesen, auch thematisch aufeinander beziehen und Bildthemen in den Mittelpunkt stellen, die aus kulturhistorischer Perspektive für das jeweilige Jahrhundert als paradigmatisch bezeichnet werden können (1) Marianne Koos, Haut als mediale Metapher in der Malerei von Caravaggio, in: Daniela Bohde und Mechthild Fend (Hg.), Weder Haut noch Fleisch. Das Inkarnat in der Kunstgeschichte, Berlin 2007, 65 – 85. (2) Dies., Rembrandt (hier folgend). (3) Dies., ›Malerei ohne Pockenspuren‹. Oberfläche im Werk von Jean-Étienne Liotard, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 70, 2007, 545 – 572. (4) Dies., Sur/face. Manet malt Mlle E.G., in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 78, 2015, 239 – 276. Gedankt sei dem Wissenschaftskolleg zu Berlin, das mir im Jahr meines Stipendiums 2012/2013 ermöglicht hat, dieses seit Langem konzipierte (zugunsten meiner Habilitationsschrift über Liotard immer wieder aufgeschobene) Kapitel endlich auszuarbeiten. Gedankt sei dem Publikum in Bielefeld und Hamburg sowie einem/r anonymen Leser/in im Rahmen des peer review für produktive Kritik. Gewidmet ist dieser Text meiner Mutter. Die Erfahrung ihres Todes 2014 hat mich veranlasst, meine ursprüngliche Fassung, die von Quellenschriften über lyffverwe und doodverwe ausgegangen ist, nochmals grundlegend zu überarbeiten und meine Überlegungen zu Rembrandt in einen inhaltlich wie historisch größeren Rahmen zu stellen.


  1. Abbildungsnachweis: 1 – 5, 31 – 33 Ausst.-Kat. Gerhard Richter. Bilder/Serien 2014 (wie Anm. 1), 39 – 43 und 60f. – 6 – 9 Arasse 1999 (wie Anm. 11), 36f., 18, 42f. und 17. – 10, 11 Ausst.-Kat. Titian. Prince of Painters 1990 (wie Anm. 2), 214. – 12 – 15 Ausst.-Kat. Der späte Tizian 2007 (wie Anm. 26), 299, 355 und 12. – 16, 18, 26, 27, 30 © Amsterdam Museum. – 17 Lightbown 1986 (wie Anm. 72), Farbtafel X. – 19, 20 De Wetering 1997 (wie Anm. 75), 182 und 188. – 21 – 25 © Basel, Universitätsbibliothek. – 28, 29 Ausst.-Kat. Rembrandt Rembrandt 2003 (wie Anm. 31), 163, 165. – 34 Ausst.-Kat. Hans Holbein der Jüngere 2006 (wie Anm. 87), 258.

Published Online: 2017-12-30

© 2017 Marianne Koos, published by De Gruyter

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