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Publicly Available Published by De Gruyter April 4, 2018

Das neue Lern- und Informationszentrum (LIZ) der Landesbibliothek Oldenburg. Umbau und Neukonzeption des Benutzungsbereichs einer Magazinbibliothek

Corinna Roeder

Corinna Roeder

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From the journal ABI Technik

Zusammenfassung

Im Sommer 2017 wurde das neue Lern- und Informationszentrum (LIZ) der Landesbibliothek Oldenburg eingeweiht. Beim Umbau innerhalb der Kubatur des denkmalgeschützten Bibliotheksgebäudes wurden zwei bisher räumlich getrennte Benutzungsbereiche mit einer neuen Treppenanlage und einem Fahrstuhl über drei Etagen verbunden und zusätzlich um ehemalige Magazinflächen erweitert. In dieser großzügigen, barrierefreien und vielseitig nutzbaren Bibliothekslandschaft sind jetzt sämtliche bibliothekarischen Benutzerservices mit Ausnahme der Leihstelle integriert. Die vorhandene Innenraumgestaltung der Landesbibliothek vom Beginn der 1980er Jahre wurde im neuen LIZ sensibel aufgegriffen und modern interpretiert.

Abstract

Last summer Landesbibliothek Oldenburg opened a new learning and information centre (LIZ) in its historic building. Two formerly separate public service areas and former stacks now constitute LIZ which covers three floors with new staircase and lift. This generous, accessible and multifunctional library space integrates all library services except for the main circulation desk. The interior design of the 1980s was picked up sensitively and transformed to a modern interpretation.

1 Einleitung

„Wir brauchen offene, dynamische und flexible Räume, die uns auch in der Zukunft immer wieder neue Optionen eröffnen“, so formulierte Les Watson, Professor für die Entwicklung von Lernumgebungen an der Universität von Lincoln (UK), die aktuellen Herausforderungen an die räumliche Gestaltung wissenschaftlicher Bibliotheken.[1] Dabei geht es nicht nur um jeweils adäquat ausgestatte Arbeitsplätze für Studierende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern um die Schaffung von Orten, die emotionales und intellektuelles Lernen fördern. Die Bereitstellung von Medien, die Weitergabe von Wissen und Information müssen künftig eingebettet sein in eine räumliche Umgebung, die die kreative Verarbeitung dieser Impulse begünstigt. In der zunehmenden Virtualisierung vieler Lebens- und Lernbereiche gewinnen Bibliotheken nicht nur als nicht-kommerzielle Informationsvermittler, sondern auch als physische Orte wieder zunehmende gesellschaftliche Relevanz. Auch wissenschaftliche Bibliotheken können gesellige und inspirierende Orte sein, die für das soziale Leben der Menschen wichtig sind und unabhängig von Einkommen und Herkunft kulturelle Teilhabe und Bildung ermöglichen. Bibliotheken müssen dafür strategisch an der Entwicklung ihrer Räume arbeiten.

Abb. 1:  Blick in das neue Lern- und Informationszentrum (Foto: Olaf Mahlstedt)
Abb. 1:

Blick in das neue Lern- und Informationszentrum (Foto: Olaf Mahlstedt)

Die Landesbibliothek Oldenburg wurde 1792 gegründet und ist heute eine wissenschaftliche Universalbibliothek und regionale Archivbibliothek für Nordwestniedersachsen und ergänzt die Informationsversorgung der Hochschulen. Der fachliche Schwerpunkt ihres rund 900 000 Medien umfassenden Gesamtbestandes (darunter auch umfangreiche historische Bestände) liegt bei den Geistes- und Sozialwissenschaften. Seit den 1980er Jahren besteht eine enge Kooperation mit den Bibliotheken der Universität Oldenburg und der Jade Hochschule und ein gemeinsamer regionaler Verbundkatalog. Die Landesbibliothek Oldenburg hat in dieser besonderen lokalen Konstellation ihre Attraktivität als öffentliche wissenschaftliche Bibliothek im Nordwesten nicht nur behaupten, sondern ausbauen können. Mit zuletzt rund 10 000 aktiven Leserinnen und Lesern (davon mehr als 50 Prozent aus dem Hochschulbereich) und mehr als 330 000 Ausleihen jährlich haben sich die Nutzungszahlen in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Dennoch bleibt es eine große Herausforderung, die Landesbibliothek Oldenburg als klassische Regionalbibliothek im vollen Umfang funktionstüchtig und lebendig zu erhalten, sie erfolgreich weiterzuentwickeln und zu profilieren. Die Landesbibliothek wird ihre strategische Arbeit daher in den nächsten Jahren auf zwei komplementäre Bereiche konzentrieren: auf den Ausbau der Hybridbibliothek mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Retrodigitalisierung sowie auf die Entfaltung des Potentials ihres Gebäudes hin zu einem inspirierenden Arbeits-, Lern- und Kommunikationsort und zu einem Kristallisationspunkt für Buchkultur.[2]

Mit dem neuen Lern- und Informationszentrum verfolgt die Landesbibliothek Oldenburg daher das strategische Ziel, die Attraktivität des physischen Bibliotheksortes zu steigern und nicht nur bisherige Nutzerinnen und Nutzer langfristig ans Haus zu binden, sondern auch neue Besucherinnen und Besucher zu gewinnen. Durch die Bündelung von Funktionen in einem größeren Raumkontinuum erhöht sich die Flexibilität nicht nur für die Nutzung, sondern auch für betriebliche Abläufe und künftige Anforderungen. Für eine Magazinbibliothek, die die Landesbibliothek auch nach dem Umbau bleibt, bietet das LIZ die Chance, Bestände und Serviceangebote für die Besucherinnen und Besucher sichtbarer, erlebbarer und buchstäblich greifbarer zu machen.

Abb. 2:  Landesbibliothek Oldenburg (Foto: Piet Meyer)
Abb. 2:

Landesbibliothek Oldenburg (Foto: Piet Meyer)

2 Räumliche Ausgangssituation und Umbaukonzept

1987 bezog die Landesbibliothek Oldenburg ihr heutiges Domizil am Pferdemarkt. Sie verfügt damit über ein attraktives Gebäude in zentraler Lage zur Innenstadt mit guter Verkehrsanbindung. Das Gebäude mit Kombination aus denkmalgeschützter Hülle (Baujahr 1902) und dem zwischen 1983 und 1987 durchgeführten Umbau der früheren Polizeikaserne zur Landesbibliothek durch den Oldenburger Architekten Reinhard Fritsch überzeugt noch heute durch die gelungene architektonische Neugestaltung im Inneren und durch die Qualität der Ausführung.[3]

2.1 Raumprobleme im Benutzungsbereich

Das in den 1980er Jahren festgelegte Raumkonzept weist aber einige gravierende Mängel in den für Benutzer zugänglichen Bereichen auf. Für die seit dem Bezug stark angewachsenen Nutzerzahlen ist der Benutzungsbereich insgesamt zu klein dimensioniert. Besonders kritisiert wurde in allen Benutzerumfragen die viel zu geringe Anzahl aktueller, ausleihbarer Medien im direkten Freihandzugang (nur ca. 15 000 Bde.). Für die heutigen Bedürfnisse gerade von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden fehlten zudem Bereiche und Arbeitsräume für Kleingruppen.

Aus organisatorischer Sicht wirkte sich vor allem die strikte bauliche Trennung von Lesesaal, Leihstelle und Information/Anmeldung negativ aus. Die Leihstelle und der kleine Freihandbestand lagen in einem Raum auf der linken Gebäudeseite und waren durch das große Foyer getrennt von der Information (ehem. Katalograum) gegenüber auf der rechten Seite. Ebenfalls auf der rechten Gebäudeseite in den beiden darüber liegenden Geschossen befand sich der Lesesaal, dessen Eingang in der oberen Etage von Nutzern oft übersehen wurde. Kundinnen und Kunden mussten für verschiedene Anliegen ggf. mehrfach die Räume wechseln. Die starre Teilung in verschiedene funktional und räumlich getrennte Benutzungseinheiten minderte so die Aufenthaltsqualität und den Komfort für die Nutzerinnen und Nutzer erheblich und widersprach modernen flexiblen Arbeits-, Lern- und Kommunikationsformen.

Die bisherige Aufteilung erforderte zudem während der gesamten Öffnungszeiten einen kontinuierlich hohen Personaleinsatz von mindestens vier, in der Regel fünf bis sechs gleichzeitig im Einsatz befindlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (vier Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, zwei Magazinmitarbeiterinnen und -mitarbeitern). Angesichts begrenzter personeller Kapazitäten und wachsender Anforderungen an die Landesbibliothek waren räumliche Veränderungen die Voraussetzung für die Möglichkeit, perspektivisch auch Öffnungszeiten ausweiten zu können.

Auch Barrierefreiheit war nicht überall gegeben, denn der obere Stock des zweigeschossigen Lesesaals war für gehbehinderte Personen nicht selbständig per Fahrstuhl erreichbar. Mobilitätseingeschränkte Bibliotheksnutzerinnen oder -nutzer mussten stets Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter um Hilfe bitten und von diesen über den Aufzug im Magazin persönlich nach oben begleitet und wieder abgeholt werden.

Im Lesesaal fehlten schließlich ausreichende Brandschutzvorrichtungen nach heutigen Standards. Im Brandfall hätte ein gefährlicher Kamineffekt an der Deckenöffnung zwischen den Ebenen 2 und 3 entstehen können. Angesichts der hohen Brandlasten in der Bibliothek und des in den darüberliegenden Geschossen verwahrten Altbestandes war dies ein nicht länger hinzunehmendes Sicherheitsrisiko.

2.2 Grundzüge des Umbaukonzepts

Im August 2013 stellte die Landesbibliothek Oldenburg beim Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) den Antrag, die oben beschriebenen räumlichen Probleme im Benutzungsbereich durch eine „Kleine Baumaßnahme“ zu lösen und mit dem Umbau und der Erweiterung des Lesesaals zu einem integrierten Lern- und Informationszentrum zugleich einen strategischen Schritt in die Zukunft zu tun.

Der in der Landesbibliothek entwickelte Grundgedanke des Umbaukonzepts sah vor, die bisher getrennten Benutzungsbereiche rechts des Haupteingangs (Information und Lesesaal) mit einer neuen Treppe und einem neuen Fahrstuhl zu einem barrierefreien Raumkontinuum zu verbinden und durch einen einzigen zentralen Eingang vom Foyer aus zu erschließen. Die neue Bibliothekslandschaft sollte außerdem um ca. 300 Quadratmeter bisheriger Magazinfläche auf insgesamt 1 250 Quadratmeter vergrößert werden und auch die bisher in der Leihstelle untergebrachten Freihandbestände aufnehmen. Der Schulungsraum und ein Seminarraum mit jeweils rund 40 Quadratmetern Fläche sowie zwei neu zu schaffende Räume für Kleingruppen und das Paul-Raabe-Archiv sollten ebenfalls direkt von diesem großen Benutzungsbereich aus zugänglich sein.

Abb. 3:  Umbau- und Erweiterungsplan im Längsschnitt (Plan: kbg architekten)
Abb. 3:

Umbau- und Erweiterungsplan im Längsschnitt (Plan: kbg architekten)

Abb. 4:  Raumflucht auf Ebene 3 nach Abbruch der Magazinwände (Foto: Frauke Proschek)
Abb. 4:

Raumflucht auf Ebene 3 nach Abbruch der Magazinwände (Foto: Frauke Proschek)

3 Die Realisierung des Umbaus

Das Umbaukonzept wurde mit dem Staatlichen Baumanagement Ems-Weser im Herbst und Winter 2012/2013 im Rahmen einer Baufachlichen Beratung eingehend diskutiert und abgestimmt. Eine bauliche Vereinigung aller drei Benutzungsbereiche war durch die Anlage des Gebäudes – insbesondere durch das große Foyer und das zentrale Treppenhaus – nicht möglich. Eine ursprünglich vorgesehene zusätzliche Erweiterung ins Kellergeschoss wurde aus Kosten-Nutzen-Erwägungen wieder verworfen. Reinhard Fritsch, Architekt des Umbaus von 1987, fertigte erste Vorentwürfe selbst an, denn die ästhetische Qualität und stilistische Einheit des Gebäudeinnern sollte trotz Modernisierung gewahrt bleiben, die Funktionalität aber entscheidend verbessert werden. Die Baukosten für die Maßnahme wurden zu diesem Zeitpunkt auf insgesamt 600 000 Euro geschätzt, für die Bauzeit ca. 6 Monate veranschlagt.

3.1 Der zeitliche Ablauf

Im September 2014 bewilligte das MWK die Maßnahme aus Fördermitteln für Bildungsplanung und gab den Planungsauftrag und die Projektleitung an das Staatliche Baumanagement Ems-Weser. Mit der Ausführungsplanung und Bauleitung wurde das Oldenburger Büro kbg architekten beauftragt. Im April 2015 stellte Andrea Hoops, Staatssekretärin im MWK, das Umbaukonzept im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vor. Im Juni 2015 lag die Hauptunterlage Bau (HU-Bau) vor. Im Oktober 2015 mussten für die Erweiterung des Benutzungsbereichs rund 2 100 Regalmeter Zeitschriftenliteratur dauerhaft in ein Außenmagazin ausgelagert werden. Im Dezember 2015 waren der Baustellenbereich leer geräumt und ein provisorischer Lesesaal im Vortragsraum eingerichtet. Im Januar 2016 begannen die Bauarbeiten. Im März 2017 wurde das neue LIZ schließlich bezogen und zum Welttag des Buchs am 23. April 2017 im Probebetrieb für Nutzerinnen und Nutzer geöffnet. Die feierliche Einweihung nahm Ministerin Gabriele Heinen-Kljajić am 21. Juni 2017 vor. Auch danach setzten sich die Bauarbeiten, u. a. die Brandschutzmaßnahmen im Magazinbereich oberhalb des LIZ, noch fort und wurden erst Ende 2017 abgeschlossen.

Abb. 5:  Stützen unterhalb des Deckenausschnitts vor dem Aussägen (Foto: Frauke Proschek)
Abb. 5:

Stützen unterhalb des Deckenausschnitts vor dem Aussägen (Foto: Frauke Proschek)

Abb. 6:  Ausgesägte Teile der Betondecke (Foto: Frauke Proschek)
Abb. 6:

Ausgesägte Teile der Betondecke (Foto: Frauke Proschek)

3.2 Bauliche Herausforderungen

Die Öffnung der Geschossdecken für die Treppenanlage mit umlaufender Galerie über drei Etagen war nicht nur eine gestalterische, sondern auch eine technische Herausforderung und erforderte von Anfang an eine substanzielle Ergänzung des Brandschutzes. So teilen jetzt u. a. Rauchschutzvorhänge, die im Brandfall wie Jalousien rund um die Treppenöffnungen herunterfahren, den großen Raum in kleinere Brandabschnitte und ermöglichen ein sicheres Entkommen. Zusätzlich wurden in den Treppenhäusern feste Steigleitungen für die Feuerwehr installiert. Durch den Eingriff in das historische Gebäude und die notwendige Harmonisierung mit dem früheren Umbau der 1980er Jahre traten bei der Durchführung des Umbaus auch unvorhergesehene Schwierigkeiten auf: Während der Bauphase stellte sich z. B. heraus, dass die Geschossdecken oberhalb von Ebene 3 des neuen LIZ nicht aus Beton, sondern teilweise aus einer historischen Stahl-Stein-Konstruktion bestanden. Diese Deckenabschnitte mussten brandschutztechnisch neu bewertet und durch zusätzliche Brandschutzmaßnahmen kompensiert werden. Diese und weitere unangenehme Überraschungen, wie die Entdeckung von Schadstoffen in den älteren abgehängten Decken (ältere künstliche Mineralfasern) und im Wandputz eines Fußleistenbereichs (asbesthaltige Spachtelmasse), führten zu zeitweiligen Baustopps, zusätzlichem Begutachtungsaufwand und verstärkten Sicherheitsauflagen für die Fortsetzung der Arbeiten. Glücklicherweise konnte eine Gesundheitsgefährdung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Benutzerinnen und Benutzern nach sorgfältiger Prüfung ausgeschlossen werden. Aus diesen Gründen verzögerte sich der Umbau stark und stiegen die Kosten für die Baumaßnahme auf zuletzt knapp 1 Million Euro an. Trotz teilweise nervenaufreibender Projektphasen möchte die Verfasserin positiv hervorheben, dass alle Beteiligten stets in enger Abstimmung mit der Landesbibliothek fachgerechte und vernünftige Lösungen im Sinne der Ziele des Umbaus suchten und auch fanden. Das Umbaukonzept konnte so letztendlich erfolgreich verwirklicht werden.

3.3 Die Bibliothek während der Bauphase

Der reguläre Bibliotheksbetrieb lief während der gesamten Bauphase zu den normalen Öffnungszeiten weiter. Einschränkungen mussten die Nutzerinnen und Nutzer vor allem bei den Arbeitsplätzen und beim Präsenzbestand im provisorischen Lesesaal hinnehmen. Schulungen zur Informationskompetenz, Seminare und Vorträge waren nicht möglich, Ausstellungen nur in sehr eingeschränktem Umfang. Über die Homepage und eine Litfaßsäule im Foyer konnten sich Nutzerinnen und Nutzer jederzeit anhand von Fotos über den Stand der Bauarbeiten informieren. Die Ausleihzahlen gingen 2016 kaum zurück. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landesbibliothek waren während der Umbauphase aber nicht nur durch die räumlich Enge und die Abfederung der Unannehmlichkeiten für die Benutzerinnen und Benutzer stark gefordert. Neben dem „Bauteam“, bestehend aus Mitgliedern der Bibliotheksleitung und der Hausverwaltung, die ständig im Kontakt mit den Bauleuten standen, waren nahezu alle 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Organisation und Durchführung der vor- und nachbereitenden Arbeiten einbezogen. Mit der Auslagerung der 2 100 Regalmeter Zeitschriftenliteratur in das Außenmagazin wurde zwar ein Umzugsunternehmen beauftragt. Das Ausräumen des Lesesaals, das Verstauen der Medien und des Mobiliars in den verschiedensten Ecken des ohnehin schon überfüllten Bibliotheksgebäudes und die Neueinrichtung des LIZ mit Regalen, Tischen, Stühlen und Geräten und mit ca. 45 000 Medien aber wurden vom Team der Landesbibliothek in Eigenleistung bewältigt.

4 Gestaltung und Funktionen des neuen Lern- und Informationszentrums

Wo sich früher Lesesaal und Katalograum befanden, erstreckt sich jetzt über drei Etagen ein attraktiver, lichtdurchfluteter Raumkomplex mit flexiblen Arbeitsplätzen, moderner Technik und großzügigen Freihand- und Lesebereichen. [4] Schon vom Foyer des Gebäudes aus kann man durch die Glasfronten Menschen an Tischen mit PCs und Bücherregale im LIZ erkennen. Beim Betreten des Raumes wird der Blick dann sogleich von der zentralen Treppe angezogen, die oberhalb einen weiteren Bibliotheksraum vermuten lässt. Geht die Besucherin oder der Besucher einige Schritte darauf zu, so öffnen sich über ihm überraschend gleich zwei weitere Geschosse, die durch große Lichtfelder in der Höhe hell erleuchtet werden.

Abb. 7:  Vertikale Dynamik im neuen Treppenaufgang (Foto: Frauke Proschek)
Abb. 7:

Vertikale Dynamik im neuen Treppenaufgang (Foto: Frauke Proschek)

4.1 Treppenanlage und Fahrstuhl

Die zentrale Treppenanlage mit umlaufender Galerie über drei Etagen ist das architektonische Kernstück des Umbaus. Im Zusammenspiel mit der Lichtführung verleiht sie den Räumen des LIZ eine bisher ungeahnte Großzügigkeit und vertikale Dynamik. Das vorhandene Gestaltungskonzept der Landesbibliothek vom Beginn der 1980er Jahre wurde dabei von kbg architekten sensibel aufgegriffen und modern interpretiert: Die elegante, teppichbelegte Stahltreppe mit geradem Lauf und Zwischenpodest, die bereits früher die beiden Etagen des ehemaligen Lesesaals verband, erhielt direkt darunter eine Zwillingstreppe. Der auf Ebene 3 bereits vorhandene Deckenausschnitt für die Galerie wurde noch vergrößert und in der Ebene darunter ebenfalls dupliziert. Die großzügige Wirkung der Treppenanlage wird durch diese Wiederholung außerordentlich gesteigert, jede Monumentalität aber durch die betont schlichte, leichte und transparente Aufführung vermieden. Das sachliche Geländer aus rechteckigen Sicherheitsglasscheiben, die in schmale, weiß gestrichene Metallprofile eingesetzt sind, ersetzt das frühere aufwändige Geländer aus Edelstahl und Glas. Der Handlauf besteht aus naturfarbenem Eichenholz. Die Schienen der rings um die Treppenöffnung angeordneten Rauchschutzvorhänge sind in die abgehängte Decke eingelassen und fallen kaum auf.

Abb. 8:  Ansicht der Treppe auf Ebene 2 (Foto: Olaf Mahlstedt)
Abb. 8:

Ansicht der Treppe auf Ebene 2 (Foto: Olaf Mahlstedt)

Der neue Fahrstuhl im hinteren Raumbereich ist vom Eingang aus zwar gut zu erkennen und zu erreichen, jedoch mit einem gemauerten, verputzten Schacht und einer Edelstahltür zurückhaltend gestaltet. Durch die Erschließung des neuen integrierten Benutzungsbereichs mit einem zusätzlichen Aufzug über alle drei Geschosse können gehbehinderte Menschen erstmals selbstständig und ohne Benachteiligung alle Medien, Services und Arbeitsmöglichkeiten der Landesbibliothek nutzen.

4.2 Licht, Farbe und Mobiliar

Ebenfalls aufgegriffen und weiterentwickelt wurde das Beleuchtungskonzept: In der Raummitte sind auf jeder Ebene zwischen den Stützen große quadratische Lichtfelder in die Decke eingelassen, deren Beleuchtungskörper hinter weiß gestrichenen Holzrastern liegen. Über die gesamte Länge des Gebäudes – auch über Foyer und Leihstelle – zieht sich so ein zentrales Lichtband. Die Seiten der Räume sind durch eingelassene runde Strahler beleuchtet. Bei der Erweiterung des Lern- und Informationszentrums auf Ebene 3 wurden die Holzraster, die den Deckenöffnungen weichen mussten, wieder eingesetzt und so das Beleuchtungskonzept fortgeführt. Im ganzen Bereich wurden jedoch die Beleuchtungskörper ausgetauscht und die bisherige gelbliche Lichtfarbe dem Tageslicht angeglichen. Ebenfalls erneuert und konsequent weitergeführt wurde die indirekte Beleuchtung zwischen der abgehängten Decke und den Außenwänden. Trotz relativ geringer Deckenhöhen in den einzelnen Ebenen vermittelt das Beleuchtungskonzept so nicht nur die nötige Helligkeit zum Arbeiten, sondern auch den Eindruck von Leichtigkeit in den Räumen. Tagsüber wird der Raum hauptsächlich durch die großen historischen Sprossenfenster erhellt, die eine freie Sicht nach außen erlauben. Als Blend- und Sonnenschutz können bei Bedarf Lamellenvorhänge vorgezogen werden.

Das Büro kbg architekten beriet die Landesbibliothek auch bei der Inneneinrichtung des neuen Lern- und Informationszentrums. Alle Vorschläge wurden in einer bibliotheksinternen Arbeitsgruppe intensiv diskutiert, in der neben dem Bauteam, Personalvertretern und Mitgliedern der Benutzungsabteilung auch weitere interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilnehmen konnten. Wie bei den architektonischen Elementen, so wurde auch beim Einrichtungskonzept auf eine reduzierte, sachliche, schlanke Formensprache und eine klare, funktionale Gliederung der Räume Wert gelegt, die mit den Fenstern und der historischen Außenhülle reizvoll kontrastierten. Gleichzeitig musste auch bei der Ausstattung und Möblierung Rücksicht auf bereits in den 1980er Jahren getroffene Gestaltungsentscheidungen genommen werden, da ein kompletter Austausch von Bodenbelägen und Möbeln aus Kostengründen nicht infrage kam. Dies betraf vor allem den im ganzen Haus verlegten dunkelrot und beige gestreiften Teppichboden. Er wurde nachgewebt, an schadhaften Stellen ersetzt und in den neuen Räumen ergänzt und bildet den roten Grundton des Farbkonzepts im LIZ. Die übrigen Farben des Raumes und des Mobiliars wurden reduziert auf Weiß (Wände, Decken, Regale, Tische) und Anthrazit (Sitzmöbel, Theken) sowie einige wenige Akzente in Chrom und Beige/Holz. Zusätzliche Farbigkeit entsteht durch die Bücher.

Die großen, schweren Holztische und beigen Polsterstühle des früheren Lesesaals wurden durch leichte weiße Tische mit schwarzem Gestell und anthrazitfarbene Stühle mit Metallkufen für die Arbeitsplätze ersetzt. Das vorhandene Regalsystem wurde wiederverwendet und ergänzt, alle Seitenblenden jedoch einheitlich gegen weiße ausgetauscht. Direkt auf die Seitenblenden wurden in großer silbergrauer Schrift die Bezeichnungen für die jeweiligen Fachgebiete aufgebracht. Für die Informationstheken wurde ein Modulsystem der Firma Schulz-Speyer gewählt.

Abb. 9:  Arbeitsplätze und Freihandbestand auf Ebene 3 (Foto: Olaf Mahlstedt)
Abb. 9:

Arbeitsplätze und Freihandbestand auf Ebene 3 (Foto: Olaf Mahlstedt)

4.3 Funktionale Gliederung

Das neue Lern- und Informationszentrum der Landesbibliothek Oldenburg ist durch den zentralen Eingang auf Ebene 1 erschlossen und in verschiedene Zonen für unterschiedliche Nutzerbedürfnisse und für verschiedene Formen der Informationsvermittlung, des Lernens und Arbeitens, des Lesens und Kommunizierens untergliedert. Unmittelbar an den zentralen Bibliotheksraum schließen sich ein Schulungs- und ein Seminarraum, zwei Räume für Kleingruppen sowie das Paul-Raabe-Archiv an. Insgesamt stehen im LIZ rund 120 Arbeitsplätze für Benutzerinnen und Benutzer zur Verfügung, 30 davon sind ausgestattet mit Internet-PCs. Das Angebot an gedruckten Medien im erweiterten Freihandbestand umfasst ca. 45 000 Bände – teils ausleihbare aktuelle Monographien, teils Präsenzbestand an Nachschlagewerken. Hinzu kommen Datenbanken und E-Medien. WLAN im gesamten Benutzerbereich, Scanner und andere Geräte mit verschiedenen Funktionalitäten können größtenteils kostenlos genutzt werden. Eine klare funktionale Aufteilung der Räume und eine intuitive Wegeführung, die ohne umfangreiche Beschilderungen auskommt, sollen den Nutzerinnen und Nutzern bei der Orientierung und der Wahl des passenden Arbeitsplatzes helfen.

Abb. 10:  Grundriss und Einrichtungsplan Ebene 1 (Plan: kbg architekten)
Abb. 10:

Grundriss und Einrichtungsplan Ebene 1 (Plan: kbg architekten)

Auf Ebene 1 dient der Bereich vor der Treppe als Eingangs- und Orientierungszone. An der Informationstheke rechts sind Anmeldung und Erstinformation mit Rechercheberatung und Aufsicht kombiniert. Außerdem wird dort der ausleihbare Freihandbestand verbucht. Bei Bedarf kann ein zweiter Mitarbeiter zur temporären Verstärkung hinzugezogen werden. Auf der linken Seite befinden sich OPACs und einige Schließfächer, da das LIZ nicht mit Mänteln und Taschen betreten werden darf. Auf Ebene 1 ist der größte Teil der Internet-PCs und der Gruppenarbeitsplätze konzentriert. Schulklassen und andere Gruppen, die regelmäßig den angrenzenden Schulungsraum mit 20 Laptop-Arbeitsplätzen nutzen, können sich z. B. in Freiarbeitsphasen in kleineren Runden auf die Gruppentische, den Kleingruppenraum oder auch die Lounge im hinteren Raumbereich verteilen. Bei der gepolsterten Sitzgruppe sind auch eine kleine Auswahl von Zeitungen und Zeitschriften sowie die Belletristik untergebracht. Insgesamt ist die Ebene 1 die Zone für kommunikative Arbeitsformen mit einem niedrigschwelligen Angebot für Lektüre und Internetnutzung. Das angrenzende zentrale Foyer ist mit Sitzmöbeln und Getränkeautomat zusätzlich ein wichtiger Treffpunkt und Ort für soziale Kommunikation.

Abb. 11:  Lesebereich auf Ebene 1 (Foto: Frauke Proschek)
Abb. 11:

Lesebereich auf Ebene 1 (Foto: Frauke Proschek)

Lange wurde intern darüber diskutiert, ob auch die Leihstelle in das LIZ verlegt und damit alle Benutzerservices in die neu gestaltete Bibliothekslandschaft integriert werden sollten. Dies hätte für einen effizienten Personaleinsatz Vorteile gehabt und wäre auch für Nutzerinnen und Nutzer praktisch gewesen. Dafür stand aber letztlich nicht genügend Fläche zur Verfügung. Man hätte auf Schulungs- und Seminarraum oder auf eine Vergrößerung des Freihandbereiches verzichten müssen, und auch der großzügige, attraktive Raumeindruck wäre verdorben worden. Daher wurde die Leihstelle am bisherigen Ort links des Foyers belassen. Die durch die Verlagerung des Freihandbereiches dort frei gewordene Fläche kann künftig für Sonderausstellungen genutzt werden.

Auf Ebene 2 befindet sich direkt bei der Treppe und dem Fahrstuhl eine weitere Informationstheke. Hier werden u. a. historische Bücher und andere Medien ausgegeben, die nur auf dieser Ebene des LIZ eingesehen werden dürfen. Für die Arbeit mit besonderen Raritäten stehen in Sichtweite der Information einige größere Tische, die videoüberwacht sind. Auf Ebene 2 sind darüber hinaus alle technischen Geräte, Datenbanken und Fachgebiete konzentriert, die erfahrungsgemäß einen erhöhten Beratungs- und Betreuungsaufwand erfordern. So sind z. B. Readerprinter und Mikrofilmschränke, Kopierer, PCs mit Datenbanken und Handapparate direkt neben der Informationstheke angeordnet.

Abb. 12:  Grundriss und Einrichtungsplan Ebene 2 (Plan: kbg architekten)
Abb. 12:

Grundriss und Einrichtungsplan Ebene 2 (Plan: kbg architekten)

Abb. 13:  Grundriss und Einrichtungsplan Ebene 3 (Plan: kbg architekten)
Abb. 13:

Grundriss und Einrichtungsplan Ebene 3 (Plan: kbg architekten)

Auf Ebene 3 schließlich befinden sich der größte Teil des Freihandbestandes und der Einzelarbeitsplätze, aber lediglich ein Scanner und wenige OPACs. Es wird davon ausgegangen, dass Nutzerinnen und Nutzer auf dieser Ebene weitgehend selbständig arbeiten und mit ihren eigenen Laptops oder Tablets das WLAN nutzen. Die Arbeitsplätze sind alle an der Fensterseite angeordnet und im hinteren Bereich des langen Raumes auch sehr ruhig. Vorn beim Treppenaufgang und im Seminarraum stehen die Zeitschriften und Zeitungen, daneben ein paar bequeme Lesesessel. Der Seminarraum und auch der kleine Forscherarbeitsraum neben dem Paul-Raabe-Archiv sind als Teil des LIZ für Besucherinnen und Besucher zugänglich, soweit sie nicht reserviert sind. Gelegentlich finden auf der Freifläche vor dem Fahrstuhl Lesungen oder kleine Abendveranstaltungen statt.

Abb. 14:  Blick in die Ebene 3 (Foto: Olaf Mahlstedt)
Abb. 14:

Blick in die Ebene 3 (Foto: Olaf Mahlstedt)

Ein knappes Jahr nach der ersten Öffnung des neuen Lern- und Informationszentrums im Probebetrieb kann noch keine endgültige Bilanz gezogen werden. In diese letzten Monate fällt zudem noch eine weitere wichtige Veränderung in der Landesbibliothek, die Auswirkungen nicht nur auf den internen Betrieb, sondern auch auf die Nutzerinnen und Nutzer hat: die Ablösung des bisherigen lokalen Bibliothekssystems durch das System ALMA (ExLibris) im September 2017. Die neuen Routinen im Benutzungsbetrieb haben sich daher noch nicht gefestigt. Auch konnte das Werbekonzept für das LIZ 2017 nur punktuell umgesetzt werden. Die Besuchergruppen aber, die das LIZ bisher besichtigt haben, und auch sehr viele einzelne Nutzerinnen und Nutzer äußerten sich spontan positiv bis begeistert über die neuen Räumlichkeiten: Hell, modern, groß, übersichtlich und einladend sind die am häufigsten verwendeten Begriffe. Sehr gelobt wird auch die angenehme Atmosphäre und das harmonische Zusammenspiel von neu und alt. Während die Gestaltung der Räume offenbar durchweg überzeugt, gibt es bei der praktischen Nutzung durchaus auch Kritik – besonders an dem Verbot von Taschen und Mänteln im LIZ, den langen Wegen zum Freihandbestand auf Ebene 3 und an der Hellhörigkeit rund um die Deckenöffnungen. Während kleine Nachbesserungen möglichst sofort umgesetzt werden, soll eine umfassendere Evaluierung erst nach einer angemessenen Eingewöhnungsfrist erfolgen. Die bisherige Resonanz stimmt optimistisch, dass das LIZ die mit dem Umbau verbundenen Ziele erfüllen wird.

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Corinna Roeder

Corinna Roeder

Published Online: 2018-4-4
Published in Print: 2018-4-25

© 2018 by De Gruyter

Downloaded on 6.12.2022 from frontend.live.degruyter.dgbricks.com/document/doi/10.1515/abitech-2018-0009/html
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