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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 13, 2021

Projekt Benutzungsforschung International: Beteiligung der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin am Projekt „Cancelling the Big Deal“ (Ithaka S+R 2021)

Project International User Experience Research: Participation of the University Library of Freie Universität Berlin in the “Cancelling the Big Deal” Project (Ithaka S+R 2021)
Michael Dominik Hagel ORCID logo, Franziska Harnisch ORCID logo, Mario Kowalak ORCID logo and Cosima Wagner ORCID logo
From the journal ABI Technik

Zusammenfassung

Wie verschaffen sich Forschende Zugang zu Quellen, wenn der Zugriff auf etablierte Informationsangebote wegen Kündigung von Rahmenverträgen nicht mehr gewährleistet ist? Dieser Frage ging die qualitative Interview-Studie „Cancelling the Big Deal“ nach, die von der US-amerikanischen Not-For-Profit Forschungsagentur Ithaka S+R in Kooperation mit elf Universitätsbibliotheken in den USA und in Deutschland durchgeführt wurde. Neben der Kurzvorstellung der zentralen Ergebnisse resümiert das Team der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin im folgenden auch Erfahrungen aus der Projektbeteiligung hinsichtlich der internationalen Zusammenarbeit, der Stärkung von bibliothekarischer Nutzungsforschung und der „Liaison“-Arbeit mit Forschenden.

Abstract

How do faculty members access sources for research and teaching when libraries have cancelled subscriptions? This was the underlying question for the qualitative survey on “Cancelling the Big Deal” conducted by the US-American not-for-profit research organization Ithaka S+R in cooperation with eleven university libraries in the USA and in Germany. The following project report highlights the main findings of the survey as well as reflections of the participating team of Freie Universität Berlin University Library on the international cooperation, the strengthening of library-related user experience research and library-faculty collaboration.

1 Einleitung

Wie recherchieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Quellen für ihre Forschung und wie nutzen sie die Kataloge, Datenbanken und Services, die Universitätsbibliotheken dazu bereitstellen? Die Beantwortung dieser Fragen ist grundlegend für die fachspezifische wie fachübergreifende Ausgestaltung von Strategien für die Stärkung bzw. die Neuentwicklung von Dienstleitungen für Forschende in wissenschaftlichen Bibliotheken.[1]

Umso mehr gilt dies auch für die Frage, wie sich Forschende Zugang zu E-Books, E-Journals und Datenbanken verschaffen, wenn der Zugriff auf größere Teile des etablierten digitalen Informationsangebots der Universität kurzerhand wegbricht, weil wichtige Rahmenverträge aufgrund steigender Kosten und nicht mehr zeitgemäßer Geschäftsmodelle[2] gekündigt werden, wie dies an vielen deutschen Wissenschaftseinrichtungen nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Projekt DEAL geschehen ist. Hier setzte eine internationale Studie zu „Cancelling the Big Deal“ an, die von der US-amerikanischen Not-For-Profit-Forschungsagentur Ithaka S+R von 2020 bis 2021 in Kooperation mit elf beteiligten Universitäten in den USA und in Deutschland durchgeführt wurde.[3] Die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin war mit einem fünfköpfigen Team unter der Leitung von Mario Kowalak beteiligt.[4]

2 Projekt „Cancelling the Big Deal“

Im Rahmen des Projekts wurden elf einstündige leitfadengestützte Interviews mit Forschenden aus drei hauptsächlich von der Kündigung des Vertrags betroffenen Fachgebieten (Chemie, Geowissenschaften und Neurowissenschaften) pandemiebedingt per Webex durchgeführt. Die Koordination der Interviewstudie erfolgte in mehreren virtuellen Meetings seit Mai 2020, in denen die Projektmanagerinnen von Ithaka S+R, Danielle Cooper und Oya Rieger, äußerst professionell die temporären Benutzungsforschungsteams an allen beteiligten Universitätsbibliotheken in den USA und an der Freien Universität für ihre Interviews vorbereiteten. Dazu gehörten beispielsweise Hinweise zur Auswahl der Interview-Teilnehmenden (Sampling), die Klärung von Fragen zur Anpassung des Interviewleitfadens an lokale Gegebenheiten, Vorlagen für die Einholung von Genehmigungen (Datenschutzbeauftragte, Personalrat, Einverständniserklärung) und ein Interviewtraining.

Die zentralen Leitfragen der Studie waren, wie die Veränderungen beim Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften die Forschungserfahrung und Wahrnehmung ihrer Universitätsbibliothek beeinflusst haben bzw. welche Strategien Forschende nun anwenden, um sich Zugang zu den betreffenden Inhalten zu verschaffen, und wie Bibliotheken diese Prozesse analysieren und bewerten können. Daneben erhoffte sich das Team anhand der Eins-zu-Eins-Interviews auch Erkenntnisse aus dem Forschungsalltag der Befragten, welche diese von sich aus ansprechen konnten. Hierdurch konnten Themen und Bedarfe adressiert werden, die seitens der Bibliothek eventuell (noch) nicht ausreichend wahrgenommen werden (Aufdeckung „blinder Flecke“). Des Weiteren boten die Interviews Gelegenheit, gezielt Nachfragen zu stellen, um einen Dialog in Gang zu setzen und daraus folgend gemeinsam mögliche Handlungs- oder Problemfelder zu lokalisieren.

Die Interviews der beteiligten Institutionen wurden im Anschluss vor Ort transkribiert und als anonymisiertes Korpus an das Projektteam bei Ithaka S+R für die übergreifende Auswertung weitergeleitet. Am 22. Juni 2021 wurden nun die Ergebnisse dieser Meta-Analyse von insgesamt 89 Interviews auf der Webseite von Ithaka S+R[5] publiziert. Sie bieten wichtige Einblicke zu den Kernfragen der Studie, aus denen die Autorinnen verschiedene Handlungsstrategien für Bibliotheken ableiten: Insgesamt habe der Wegfall des Zugangs zu bestimmten Fachzeitschriften die Forschung und Lehre der Befragten bislang kaum negativ beeinflusst, die Strategie der Bibliothek würde generell positiv bewertet und unterstützt. Allerdings sei aus den Antworten der befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch deutlich geworden, dass Unklarheiten bezüglich des weiteren Vorgehens und Weges für die Entwicklung alternativer Subskriptionsmodelle bestünden und welche Rolle die Bibliotheken dabei spielen können bzw. sollten. Als wichtigste Handlungspunkte stellt der Bericht daher die folgenden heraus:[6]

  • Bibliotheken sollten neue Mechanismen für die Bewertung der Auswirkungen von wegfallenden Zugängen zu Fachzeitschriften entwickeln. Bislang sei es in den Bibliotheken noch nicht üblich, regelmäßig die Suchstrategien von Forschenden und die Bedeutung von Subskriptionsmodellen für Fachzeitschriften aus einem Blickwinkel sowie im Zeitverlauf zu untersuchen. Wenn man sich die Ergebnisse der Befragung anschaue, könne man aber die Frage aufwerfen, ob der Verlust des Zugangs zu bestimmten Fachzeitschriften über Bibliothekssubskriptionen überhaupt noch als großes Problem angesehen werden sollte, wenn er doch den Forschungsprozess augenscheinlich wenig behindere?

  • Bibliotheken sollten sich ihrer Rolle für die Veränderung des wissenschaftlichen Publikationssystems stärker bewusst sein und diese in Zusammenarbeit mit den Forschenden mehr nutzen. Die Analyse der Interviewantworten habe gezeigt, dass die Forschenden den bereits bestehenden stetigen Austausch und transparente Informationen zu aktuellen Entwicklungen im Zugang zu Fachzeitschriften sehr schätzen. Eine stärkere Einbeziehung von Forschenden bei Entscheidungen und Positionierungen der Bibliothek zu Subskriptionsentscheidungen könnte eine stärkere Hebelwirkung für die Veränderung des wissenschaftlichen Publikationssystems entfalten.

  • Bibliotheken sollten deutlicher machen, welchen Wert jeder einzelne (Transformations-)Vertrag hat, durch den es Angehörigen einer Institution schließlich ermöglicht wird, in der Regel unbürokratisch und ohne weitere Kosten Open Access zu publizieren. Bisher werden Bibliotheken von Seiten der Forschenden oft vor allem daran gemessen, ob ein direkter Zugang zu Inhalten bestimmter Zeitschriften besteht. Es geht demnach darum, diese Wahrnehmung um eine nachhaltigere Perspektive auf das Konglomerat aus wissenschaftlichem Publizieren und Rezipieren, unter besonderer Berücksichtigung des Open-Access-Gedankens, zu ergänzen.

3 Fazit zur Beteiligung an der Ithaka-Studie

Es kann an dieser Stelle keine weitere detaillierte Analyse der lokalen Interviewergebnisse in Ergänzung zu den „großen Linien“ des Berichts von Cooper und Rieger erfolgen, dies soll demnächst in einem weiteren Beitrag für ABI Technik geschehen. Als abschließendes Fazit zur Beteiligung an der Studie und für uns signifikanten Beobachtungen möchten wir jedoch das Folgende anmerken:

  • Die Durchführung der Studie ist für die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin ein wichtiger Schritt bei der Etablierung und Intensivierung von Nutzungsforschung,[7] aus der sich bereits weitere thematische Impulse und wichtige methodische Hinweise für weitere Untersuchungen an der Universitätsbibliothek ergeben haben.

  • Die Auswertung der Interviews hat auch bei uns ergeben, dass sich Nutzende in der Regel nicht an die Bibliothek wenden, wenn sie auf eine Bezahlschranke oder andere Schwierigkeiten beim Aufruf einer digitalen Ressource stoßen, sondern dass sie sich andere Wege des Zugangs suchen. Sie setzen sich dabei zum Teil auch über rechtliche Regelungen hinweg, beispielsweise durch die Nutzung von SciHub, wenn sie die benötigte Information anderweitig nicht finden. Das ist ein Befund, der dazu anspornt, in diesem Themenfeld besser zu werden, nicht zuletzt um auch auf diesem Gebiet im Sinn eines enge(re)n „Library Faculty“-Dialogs wieder stärker als Ansprechpartner wahrgenommen zu werden.

  • Auf diese Weise liefert Nutzerforschung der Bibliothek nicht nur Ergebnisse, sondern ist ein wertvolles Instrument, um den Kontakt zu den Nutzenden zu pflegen und die „Liaison“-Arbeit gerade auch zum Thema „Open Access“ zu intensivieren.

  • Schließlich möchten wir an dieser Stelle den Aspekt der internationalen Zusammenarbeit hervorheben, der durch die Vergleichsmöglichkeit mit den strukturellen und institutionellen Gegebenheiten in den USA sehr bereichernd war. Durch die Konfrontation mit Ähnlichkeiten und Unterschieden im Rahmen der Projektzusammenarbeit wurde der Blick heraus aus der eigenen Institution und ihren spezifischen Gegebenheiten auf globale Entwicklungen gelenkt. Dass dies für beide Seiten als Bereicherung empfunden wurde, wird deutlich an der Sonderstellung, die die Freie Universität in der Gesamtanalyse von Ithaka einnimmt, die sogar zu einem eigenen „Spotlight“-Interview mit dem Team der Freien Universität führte, das parallel zum Abschlussbericht auf der Blog-Seite von Ithaka veröffentlicht wurde.[8]

Wir planen, weitere Ergebnisse demnächst in die Fachdiskussion in deutschsprachigen und internationalen Foren einzubringen. Über einen fachlichen Austausch zu dem Thema mit den Leserinnen und Lesern der ABI Technik würden wir uns ebenfalls sehr freuen.

Published Online: 2021-11-13
Published in Print: 2021-11-05

© 2021 Michael Dominik Hagel et al., published by Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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