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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter May 7, 2022

Editorial

From the journal ABI Technik

Am 3. März appellierte das ukrainische Ministerium für Bildung und Wissenschaft an die Unternehmen Elsevier und Clarivate, die die beiden weltgrößten Abstract-Datenbanken Web of Science und Scopus besitzen, die Zusammenarbeit mit Russland vollständig einzustellen, russische Einrichtungen sowie Einrichtungen, die seit 2014 in von Separatisten kontrollierten Gebieten der Ukraine gegründet wurden, aus Web of Science, Scopus und allen anderen elektronischen Datenbanken und Tools der Unternehmen zu entfernen. Die Zusammenarbeit mit russischen Staatsbürgern solle eingestellt werden, Zeitschriften russischer Einrichtungen sowie aus den Separatistengebieten nicht mehr indexiert werden, alle anderen Aktivitäten für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Russland eingestellt sowie der Russian Science Citation Index (RSCI) als separater Index der Web of Science-Plattform nicht mehr angeboten werden. Außerdem forderte das Ministerium auch die Beendigung der Aktivitäten der beiden Unternehmen in der Republik Belarus.

Es dauerte nur acht Tage, bis mit Clarivate das erste der beiden angesprochenen Unternehmen ankündigte, sich aus Russland zurückzuziehen. Zuvor hatte Clarivate bereits entschieden, neue Zeitschrifteneinreichungen aus Russland nicht mehr im Web of Science zu indexieren. Clarivate und Elsevier sind nur die beiden Schlüsselexponenten in dieser Entwicklung. Auch andere große Unternehmen der weltweiten Verlagsindustrie stehen unter Druck, die wissenschaftliche Produktion russischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Datenbanken nicht mehr sichtbar zu machen. Diese Forderung richtet sich an sie in erster Linie aufgrund ihrer Bedeutung als Wirtschaftsunternehmen, aber auch wegen ihrer Rolle als Dienstleister für die weltweite wissenschaftliche Community. Die Erwartungen an die Datenbankbetreiber gehen über die verpflichtenden konkreten Sanktionsmaßnahmen der USA und der EU weit hinaus und werden ebenso wie etwa der pauschale Abbruch von Forschungskontakten breit diskutiert.

Könnte diese Lücke nun durch Anbieter geschlossen werden, die sich der Initiative for Open Citations (I4OC) angeschlossen haben? Auch Anbieter von Indexdiensten der Public Domain könnten unter politischen Druck geraten, Publikationen aus Russland in ihre Indices nicht mehr aufzunehmen. Bibliotheken waren bisher nur bei problematischen Werken, etwa aus rechtsgerichteten Verlagen, Erwartungen ausgesetzt, diese in besonderer Weise in ihrem Bestand zu präsentieren oder womöglich gar nicht anzuschaffen. Den Wissenschaftsbereich hat das nicht tangiert. Für die Kontextualisierung sorgten die Forschenden in ausreichendem Maße selbst. Nun aber stehen die Forschenden selbst unter dem Druck ihrer Universitäten, Kooperationsprojekte mit russischen Einrichtungen abzubrechen oder Zeitschrifteneinreichungen aus Russland nicht mehr anzunehmen. Wenn Fußballspiele abgesagt und Kunstschaffende ausgeladen werden, warum sollte nicht auch die Wissenschaft einen Beitrag leisten, einen Aggressor weltweit zu isolieren, um schnellstmöglich Frieden zu schaffen? Die Bedeutung von Bibliotheken und Archiven in einem solchen Konflikt sollte sicherlich nicht überschätzt werden, ebenso wenig sollten sie ihren Einfluss selbst überschätzen. Im Hintergrund der Boykottaufforderung an Clarivate und Elsevier stand vor allem die Absicht, internationale Rankings russischer Einrichtungen zu beeinflussen. Wenn Bibliotheken und Archive sich aber in Zukunft Forderungen ausgesetzt sehen sollten, Bücher oder Zeitschriften aus russischer Produktion nicht mehr zu kaufen und auch nicht mehr in ihre Kataloge aufzunehmen, werden sie sich dem hoffentlich entschieden entgegenstellen. Denn spätestens in einer Nachkriegszeit muss der wissenschaftliche und kulturelle Austausch wieder möglich sein. Mit der Verzeichnung von Publikationen aus Russland in gekauften Datenbanken und der lückenlosen Datenlieferung durch weltweit agierende Dienstleister kann man bis dahin aber nicht mehr unbedingt rechnen.

Konstanze Söllner

Published Online: 2022-05-07
Published in Print: 2022-05-05

© 2022 Konstanze Söllner, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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