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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter May 7, 2022

Auf dem Weg der digitalen Transformation: Neubau der Bibliothek des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI)

On the Path of Digital Transformation: A New Library Building of the Leibniz Institute for Educational Media | Georg Eckert Institute (GEI)
Anke Hertling ORCID logo
From the journal ABI Technik

Zusammenfassung

Die Zielgruppe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler findet in den Auseinandersetzungen um neue Konzepte im Bibliotheksbau bislang kaum Berücksichtigung. Für die neue Bibliothek des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien (GEI) lag es deshalb nahe, ihre engen Kontakte zur Forschung zu nutzen und ihre Community in die Planungen mit einzubeziehen. Neben den ermittelten Bedarfen für ein hybrides und zunehmend kollaboratives Arbeiten war das Interesse am GEI groß, sich über Forschungsräume der Zukunft auszutauschen und sich vom Primat des Digitalen sowie von Pop-up Stores und Labs inspirieren zu lassen.

Abstract

The target group of researchers has seldom been considered in the discussion about new concepts in library building. For the new library of the Leibniz Institute for Educational Media, it was therefore important to use their close contacts in research and involve their community in the planning. In addition to revealing the need for surroundings that facilitate the hybrid and collaborative working patterns, there was great interest in discussing research rooms of the future; many ideas were inspired by the concept of digital primacy as well as by pop-up stores and labs.

1 Ausgangssituation

Rund 3 000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich in die öffentlich zugängliche Bibliothek des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI), die mit ihrer internationalen Sammlung von Schulbüchern und Lehrplänen der Fächer Geschichte, Geographie, Politik, Sozialkunde, Werteerziehung/Religion sowie mit ihren deutschsprachigen Lesebüchern und internationalem Fibel-Bestand weltweit einzigartig ist. Schulbücher und Lehrpläne werden kaum und zumeist nicht systematisch gesammelt, und so reisen viele Nutzerinnen und Nutzer auch aus dem Ausland nach Braunschweig, um hier mit Bildungsmedien aus dem eigenen Land zu arbeiten oder um vergleichende Forschungen zu betreiben. Aktuell stellt die Bibliothek des GEI rund 275 000 Medien bereit, davon etwa 190 000 Schulbücher und Lehrpläne aus 180 Ländern. Die rund 24 000 Bände umfassende historische Sammlung enthält Quellen aus der Zeit der Bestrebungen rund um eine Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 17. Jahrhundert. Parallel zu den Bildungsmedien sammelt die Bibliothek ebenfalls als einzige Institution systematisch internationale Sekundärquellen aus dem Bereich Schulbuch- und Lehrplanforschung. Mit ihren spezifisch für die Bedürfnisse der internationalen Bildungsmedienforschung entwickelten Infrastrukturen wie dem International TextbookCat, einem Recherchewerkzeug, das Schulbücher und Lehrpläne differenziert nach Fächern, Schulformen, Bildungslevel, Ländern oder Sprache recherchierbar macht, wird sie der im Institutsgesetz verankerten Aufgabe als forschungsorientierte Spezialbibliothek[1] gerecht.

Der Ursprung der Sammlung geht auf den Gründer des Instituts, Georg Eckert, zurück. Nach dem 2. Weltkrieg war er als Professor für Geschichte und Methodik des Geschichtsunterrichts an der Pädagogischen Hochschule in Braunschweig tätig, wo er sich intensiv mit Schulbüchern beschäftigte und begann, diese in seinem Arbeitsraum zu sammeln. Mit Kolleginnen und Kollegen aus Europa und den USA initiierte Georg Eckert Gespräche zur Revision von Schulbüchern mit dem Ziel, sie von nationalen Feindbildern und Stereotypen zu befreien. Eckerts langjähriges Wirken auf dem Gebiet der internationalen Schulbucharbeit folgte der Überzeugung von einer Aussöhnung ehemals verfeindeter Staaten sowie der Erziehung zum Frieden. Im Jahr 1951 gründete er in Zusammenarbeit mit der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ das „Internationale Institut für Schulbuchverbesserung“, aus dem 1953 das „Internationale Schulbuchinstitut“ hervorging. 1965 wurde die Bibliothek, für die zwei Jahre zuvor erstmals eine hauptamtliche Bibliothekarin eingestellt wurde, zum Schulbuchzentrum des Europarates ernannt. Bis heute sind Schulbuch- und Bildungsmedienforschung sowie die bi- und multilaterale Schulbucharbeit, wie etwa in den vom Auswärtigen Amt geförderten deutsch-israelischen, deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Schulbuchkommissionen, zentrale Pfeiler des Instituts. Nach dem Tod Georg Eckerts fasste der Niedersächsische Landtag 1975 den Beschluss zur Gründung des „Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung (GEI)“. Eine durch den Wissenschaftsrat 2008 durchgeführte Evaluierung bescheinigte dem Institut eine überregionale Bedeutung und ein gesamtstaatliches Interesse, das die Grundlage für seine Aufnahme als wissenschaftliche Infrastruktureinrichtung in die Leibniz-Gemeinschaft und damit für eine Förderung von Bund und Ländern im Jahr 2011 bildete. Gemäß dem Institutsgesetz führt das GEI anwendungsbezogene, internationale und multidisziplinäre Forschungen mit kulturwissenschaftlich-historischem Schwerpunkt durch. Mit seiner Umbenennung zum Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI) im Jahr 2021 reagierte das GEI, in dem aktuell 126 Mitarbeiter*innen tätig sind, auch mit seinem Namen auf den digitalen Transformationsprozess des Mediums Schulbuch.

Schulbücher liegen inzwischen vielfach als digitale Versionen vor. Im Rahmen des Fachinformationsdienstes (FID) Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung engagiert sich die Institutsbibliothek, sie als Forschungsquellen zugänglich zu machen. Der jährliche Zuwachs im Printbestand der Schulbuchsammlung liegt aktuell dennoch immer noch bei ca. 3 000 Bänden pro Jahr, weil Bildungsmedienverlage oftmals keine für die Forschung und Bibliotheken adäquaten Lizenzmodelle anbieten. Schulbücher und Lehrpläne aus Deutschland und Europa werden am GEI mit dem Ziel der Vollständigkeit gesammelt, wobei der hybride Bestandsaufbau prospektiv erfolgt und auf eine langfristige Bewahrung bzw. Zugänglichkeit ausgerichtet ist. Insbesondere durch die verstärkten internationalen Erwerbungsmöglichkeiten waren die räumlichen Kapazitäten der Bibliothek in der Villa von Bülow, dem Sitz des Instituts, bereits bei seiner Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft erschöpft. Die Villa, 1839 im spätklassizistischen Stil für den Braunschweigischen Kammerpräsidenten von Bülow als Sommerhaus gebaut, steht unter Denkmalschutz und ist Teil des rund um die Braunschweiger Altstadt führenden Wallrings. Sie liegt direkt am Umflutgraben der Oker und wird von ihrer Südwestseite von einem Park umgeben. 1981 wurde die halb verfallene Villa entkernt und für das GEI umgebaut. Im Erdgeschoss der Villa wurde der Bibliothekslesesaal mit 15 Arbeitsplätzen sowie ein rund 38 000 Bände umfassender Freihandbestand untergebracht. Die hohen Decken im Erdgeschoss erlaubten die Errichtung eines Zwischengeschosses in Form einer umlaufenden Galerie, auf der weitere frei zugängliche 46 000 Bände aufgestellt waren. 3 000 Schulbücher mit einem Erscheinungsjahr vor 1870 sowie die wertvollen Fibeln standen verschlossen und nur auf Anfrage nutzbar im Konferenzraum im Obergeschoss der Villa. Im Untergeschoss bot eine Kompaktregalanlage Platz für rund 140 000 Bände. Da Schulbücher vorwiegend als mehrbändige Reihen und in vielen verschiedenen Ausgaben erscheinen und eine Korpuszusammenstellung autoptische Vergleiche erfordert, schätzten es die Gäste, dass auch die Quellen in der Kompaktregalanlage als Freihandbestand zur Verfügung standen. Ein Regal-Browsing wurde mit den Jahren allerdings immer beschwerlicher, denn einzelne Sammlungen mussten aus Platzmangel fortwährend aufgeteilt und umgestellt werden. Obwohl deutsche Schulbücher im Erdgeschoss der Villa standen, waren z. B. deutsche Geographieatlanten aufgrund ihres Sonderformats im Untergeschoss platziert. Große Teile der europäischen Schulbuchsammlung mussten ebenfalls räumlich auseinandergerissen werden. Ein Mehrbedarf an Fläche ergab sich zudem aus einem viel zu geringen Regalabstand und einer gedrängten Bücheraufstellung, die aus Sicht der Bestandserhaltung höchst bedenklich war. Neben dem eklatanten Platzmangel für den Bestand machte es die steigende Anzahl von Institutsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern notwendig, mehr Arbeitsplätze sowohl in der Bibliothek als auch für das Institut insgesamt zu schaffen. Durch die Anmietung von Büroräumen verteilte sich das GEI zuletzt über mehrere Standorte: In der Villa von Bülow waren die Direktion sowie die Bibliothek und ihr Team untergebracht, während die Verwaltung in einem Nebengebäude und die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem rund zwei Kilometer entfernten Bürogebäude arbeiteten.

Abb. 1: Campus Georg-Eckert-Institut mit Villa von Bülow (rechts), Bibliothek (Mitte) und Bürogebäude (links) (Foto: Marjam Diederich)

Abb. 1:

Campus Georg-Eckert-Institut mit Villa von Bülow (rechts), Bibliothek (Mitte) und Bürogebäude (links) (Foto: Marjam Diederich)

2 Architektonisches Gebäudekonzept

Das schnelle personelle Wachstum des Instituts, die verteilten Standorte und die unzureichende Unterbringung der Sammlung waren Ausgangspunkt der 2008 begonnenen Planungen einer umfangreichen Baumaßnahme. Dabei verfolgte das GEI mit einer räumlichen Zusammenführung aller Institutsstandorte das Ziel, einen zusammenhängenden Institutscampus zu realisieren. Dies wurde durch den Ankauf eines an die Villa und den Park angrenzenden Wohnheims des Städtischen Klinikums und dessen Umbau zu einem Bürogebäude möglich. Da auch die Verwaltung in dem neuen Bürogebäude untergebracht wurde, wurde das Nebengebäude der Villa abgerissen und ausreichend Platz für einen Bibliotheksneubau geschaffen. Das Institut konnte somit seine zentrumsnahe Lage behalten und mit großer Unterstützung der Stadt Braunschweig die Campus-Lösung umsetzen. Die zweigeschossige 60 m lange und 10,60 m breite neue Bibliothek fungiert dabei symbolisch als Brücke zwischen Forschung und Öffentlichkeit. Sie verbindet architektonisch das neue Bürogebäude und die Villa, deren neues Foyer als öffentlicher Veranstaltungs- und Ausstellungsort genutzt werden wird.

Als einziges geisteswissenschaftliches Forschungsinstitut in der Region unterstreicht der zentral gelegene, rund 4 400 m2 umfassende GEI-Campus die Bedeutung des Instituts für Braunschweig, und die repräsentative Villa von Bülow gewinnt durch die vorgesehene Nutzung ihres Foyers als öffentlicher Begegnungsraum einen neuen Stellenwert für die Stadtgesellschaft. Die Villa und den angrenzenden Park als denkmalwerte Einheit zu erhalten, spielte bei der Bauplanung gleichfalls aus Sicht der Stadt Braunschweig eine wesentliche Rolle. Beim Bau berücksichtigt wurde sowohl das städtebauliche Interesse an einem öffentlichen Zugang zum Wallring-Weg entlang der Oker als auch ein möglichst geringer Eingriff in die Parkanlage. Das architektonische Konzept „Schulbücher im Park“ spiegelt diesen Ansatz im neuen Bibliotheksgebäude wider, ermöglicht doch dessen Glasfassade im Erdgeschoss den Durchblick von der Straßenfront bis in den Park. Unterstützt wird diese Transparenz des Baukörpers durch die im Bibliotheksinnenraum quer entlang der beiden Seiten der Hauptgänge platzierten Regale. Im Gegensatz zur massiven Villa ist der Bibliothek mit ihrer klaren rechteckigen Gebäudegeometrie eine Zurückhaltung zugewiesen, so dass die Villa als baulicher Solitär bewahrt bleibt. Von dem neuen Foyer der Villa aus gelangen Nutzerinnen und Nutzer über eine Brücke, die Villa und Bibliothek verbindet, zur Ausleihtheke ins Erdgeschoss der Bibliothek. Eine weitere Brücke zwischen Bibliothek und Bürogebäude, in dem sich auch die Arbeitsplätze der 15 Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter befinden, bietet einen direkten Zugang zur Bibliothek für die Kolleginnen und Kollegen des Instituts.

Abb. 2: Bibliothek mit Brücke zum Bürogebäude (Foto: Christian Bierwagen)

Abb. 2:

Bibliothek mit Brücke zum Bürogebäude (Foto: Christian Bierwagen)

Nach der 2017 erteilten städtebaulichen Genehmigung des GEI-Campus setzte eine intensive öffentliche Diskussion über den geplanten Bau und die damit verbundenen Eingriffe in die Parkflora ein. Besonders erregte der Bibliotheksneubau die Gemüter. So wurde u. a. das Ensemble von Bibliotheksneubau, Villa und Park als Eingriff in die denkmalgeschützte Raumsubstanz kritisiert. Als optischer Sperrriegel verhindere die Bibliothek zudem den Zugang zum Park und zum geplanten Oker-Weg. In zahlreichen Anhörungen im Stadtrat und in Diskussionsrunden mit Bürgerinitiativen aus den Bereichen Stadtgeschichte und Naturschutz warb der Direktor des Instituts für das bauliche Konzept. Das Bibliotheksteam unterstützte diesen öffentlichkeitswirksamen Prozess, indem es mehrere Male einen „Tag der offenen Tür“ organisierte und für die Arbeit des GEI und für die Bedürfnisse der Sammlung sensibilisierte. Nach intensiven Austauschprozessen mit Bürgerinnen und Bürgern, der Stadtverwaltung und dem Architekturbüro konnten letztlich konsensuale Lösungen gefunden werden. So verleiht eine semitransparente Vorhangfassade in Form einer durchlochten Metallverkleidung im Obergeschoss dem Bibliotheksneubau mehr Leichtigkeit. Die Verbindungsbrücken zur Villa und zum Bürogebäude wurden zugunsten einer architektonischen Zurückhaltung ebenfalls angepasst und als gläserne Korridore, in denen man den Eindruck hat, über der Parklandschaft zu schweben, realisiert. Gemeinsam mit dem niedersächsischen Minister für Wissenschaft und Kultur, der Vertretung des Bundes, dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft und dem Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig wurde 2018 die Grundsteinlegung feierlich begangen. Schon kurze Zeit später mussten die Bauarbeiten allerdings gestoppt werden. Beim Ausheben des Fundaments der neuen Bibliothek wurden mehrere hundert Grabstätten gefunden, die in Abstimmung mit dem Landes- und kommunalen Denkmalschutz archäologisch geborgen und erfasst wurden. Diese Gräberfunde ermöglichen neue Erkenntnisse über die Lebenswelt in den letzten Jahrhunderten, sie verzögerten aber das Bauvorhaben erheblich. Der Umzug in die neue Bibliothek und in das neue Bürogebäude erfolgte schließlich Ende 2020. Im Jahr 2022 wird der Umbau der Villa von Bülow und damit der GEI-Campus fertiggestellt.

Abb. 3: Blick aus der Bibliothek in den Park (Foto: Anke Hertling)

Abb. 3:

Blick aus der Bibliothek in den Park (Foto: Anke Hertling)

3 Nutzungskonzept

Mit dem Neubau konnte die GEI-Bibliothek ihre Nutzfläche im Vergleich zum alten Standort in der Villa von Bülow verdreifachen. Bei den architektonischen und bautechnischen Planungen stand dabei ein klassisch bestandszentrierter Bibliotheksbau im Fokus. Somit waren die Sammlung, ihre Erweiterung und ihre Erhaltung als Kulturgut Ausgangspunkt für die Genehmigungsverfahren. Damit die Glasfassade einen bestmöglichen Schutz für die Sammlung bietet, kamen für das Erdgeschoss und das Obergeschoss spezielles UV-Schutz- und Dämmungsglas sowie individuell bedienbare Beschattungsanlagen zum Einsatz. Eine Betonkerntemperierung dient dazu, Temperaturschwankungen im Gebäude zu verhindern. Das Monitoring und Management von Temperatur, Luftfeuchtigkeit sowie Meldungen von Starkregenereignissen erfolgen in der Bibliothek auf Basis einer netzwerkbasierten Sensortechnik, die in das Gesamtsystem für den GEI-Campus eingebettet ist. Hat die Bibliothek ihre Expertise für eine optimierte und möglichst digital gesteuerte Bestandserhaltung früh in den Planungsprozess eingebracht, stellte sich die Frage nach den Bedarfen von Nutzerinnen und Nutzern auch deshalb, weil Studien zu Nutzungskontexten in Forschungs- und Spezialbibliotheken bislang fehlen. Rund 60 % der Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer im GEI sind Postgraduierte, etwa 20 % davon führen den Status Professorin bzw. Professor. Studierende machen mit 15 % einen geringen Anteil bei der Nutzung aus.

Für die Erstellung eines Nutzungskonzepts ging die GEI-Bibliothek zweistufig vor und profitierte jeweils von ihren engen Kontakten zur Forschungscommunity. Zum einen nutzte sie ihre regelmäßig und international durchgeführte Online-Befragung. Sie richtet sich auch an Nicht-Nutzerinnen und -Nutzer, die über weltweit relevante Fachgesellschaften erreicht werden. Zum anderen wurden mit den wissenschaftlichen Abteilungen des Instituts Workshops mit Elementen aus dem Design Thinking veranstaltet. In der 2017 durchgeführten Online-Befragung, an der insgesamt 275 Personen teilnahmen, wurden u. a. bevorzugte Arbeitsplatzsituationen sowie Beratungsbedarfe und -formate, aber auch die Relevanz von verschiedenen Quellen (Schulbücher, Lehrpläne, wissenschaftliche Literatur) im Hinblick auf mögliche Prioritäten bei einer Aufstellung der Bestände eruiert. Die Antworten der Nichtnutzerschaft, deren Anteil rund 16 % ausmachte, unterschieden sich dabei kaum von jenen, die die GEI-Bibliothek bereits nutzten. Als Hauptbedarf wurde von beiden Gruppen der digitale Zugriff auf Primär- und Sekundärquellen geäußert. Dieses Ergebnis deckt sich mit den steigenden Nutzungszahlen der digitalen Angebote der Bibliothek, während die Anzahl der Bibliotheksbesuche vor Ort zurückgehen. Auch als Ergebnis der Befragung führte die GEI-Bibliothek eine E-preferred-Erwerbung ein und stärkt korrespondierend zur Digitalisierung ihrer historischen Schulbuchbestände auf diese Weise die digitale Informationsversorgung.

Die Aufgabe, Quellen digital und möglichst frei zugänglich zu machen, ist inzwischen Teil der langfristigen Institutsstrategie. 2020 begann das GEI mit dem Aufbau des Global Textbook Resource Center, das Daten von weltweit vorhandenen Schulbuch- und Lehrplansammlungen zentral zusammenführt und recherchierbar macht. Ziel ist die Entwicklung einer Infrastruktur, die neben Metadaten digitale Volltexte zur Verfügung stellt. Dafür forciert die GEI-Bibliothek ihre eigene Digitalisierung und unterstützt internationale Partner mit Bildungsmediensammlungen bei der Digitalisierung ihrer Bestände. Parallel zu dieser Infrastrukturaufgabe hat das GEI seine Forschungen zu digitalen Bildungsmedien sowie zum Medienwandel in der schulischen Bildung ausgebaut. Angesichts der strategischen Institutsplanungen und vor dem Hintergrund, dass Bibliotheken und ihre Angebote immer weniger auch bei den Geisteswissenschaften als Ausgangspunkt und Hauptinformationsquelle fungieren,[2] stellte sich die Frage nach der Relevanz und der Funktion der Bibliothek als Raum für die Forschung am GEI umso dringlicher. Bei einem gemeinsam mit den wissenschaftlichen Abteilungen des GEI durchgeführten Workshop, bei dem die Ergebnisse aus der Online-Befragung vertiefter diskutiert wurden, zeigten sich dann durchaus unterschiedliche Prioritäten. Rekurrierend auf ihre Erfahrungen aus dem Lesesaal in der Villa wünschten sich etwa Kolleginnen und Kollegen, die die Bibliothek stark nutzen, großflächige ruhige Einzelarbeitsplätze, die einer Arbeit mit Laptop und einer Vielzahl von Büchern gerecht werden. Bei Kolleginnen und Kollegen, die die Bibliothek bislang weniger nutzten, nahm der Bedarf nach Raum für Begegnungen und Austausch einen hohen Stellenwert ein. Die digitalen Angebote des GEI stärker im Neubau sichtbar und somit zugänglicher zu machen, war für alle ein wichtiges Anliegen. Zusammenfassend ergaben sich aus der Online-Befragung und der Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern folgende Anforderungen:

  • Arbeitsmöglichkeiten für kollaboratives Arbeiten

  • Arbeitsmöglichkeiten für kontemplatives Arbeiten

  • individuelle Fachberatungen

  • Raum für sozialen Austausch

  • intuitive Bestandsnutzung

  • freier Zugang zu den Beständen

  • Möglichkeit der 24-Stunden-Bibliotheksnutzung

  • Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von digitalen Angeboten und digitalem Content

Die genannten Bedarfe bestätigen den Weg, den Hochschulbibliotheken in den letzten Jahren bei der Umsetzung des Konzepts der Bibliothek als multifunktionaler, flexibel nutz- und gestaltbarer sowie mit entsprechender IT- und Medientechnik ausgestatteter „Lernort“ eingeschlagen haben.[3] Längst überholt ist das „Bild des einsam am Schreibtisch über einen Text gebeugten Forschers“.[4] Forschung gestaltet sich vielfältig, und dazu gehört, verstärkt kollaborativ tätig zu sein. In der neuen GEI-Bibliothek wurden deshalb im Bereich der Ausleihtheke sowie jeweils in Treppenhausnähe als genuin laute Zonen acht Arbeitstische als zusammenhängende Tischgruppe aufgestellt, so dass sie als großzügige Einzel- oder eben als Gruppenarbeitsplätze selbstorganisierend und natürlich mit Blick in den Park nutzbar sind. Ein zusätzlicher Gruppenraum bietet Platz für 15 Personen. Das dort vorhandene Smartboard ermöglicht es, Videokonferenzen durchzuführen oder gemeinsam und digital zu arbeiten.

Für kontemplatives Forschen gibt es Einzelarbeitsplätze in ruhigen Raumzonen auf allen drei Etagen. Erste Erfahrungen zeigen, dass die drei Carrels im Obergeschoss besonders bei Gästen beliebt sind, die für ihre Forschungen extra nach Braunschweig reisen.

Da auch bei dieser Nutzergruppe der Bedarf an individuellen Fachberatungen weiterhin sehr hoch ist, wurde zusätzlich zur Ausleihtheke im Erdgeschoss ein Auskunftsplatz im Obergeschoss eingerichtet, an dem Fachbibliothekarinnen und -bibliothekare während der gesamten Öffnungszeit der Bibliothek für Beratungen ebenso wie für Ausleihtätigkeiten zur Verfügung stehen.

Aufenthaltsorte für sozialen Austausch entsprechen ebenfalls den Nutzungsbedürfnissen. Zugunsten des Regalbedarfs und möglichst vieler Arbeitsplätze in der Bibliothek wird dafür ein Lounge-Bereich im neuen Foyer der Villa von Bülow geschaffen. Besucherinnen und Besucher können sich hier zudem anhand einer digitalen Ausstellungswand über die Geschichte des Instituts informieren, an einem Multi-Touch-Tisch eigene Schulbücher entwickeln oder in einer Virtual-Reality-Umgebung in die Welt der Bildungsmedien eintauchen.

Der Open-Library-Wunsch, also eine 24-Stunden-Bibliotheksnutzung, ist hingegen nicht sofort umsetzbar. Große Teile der historischen Sammlung sind Unikate und müssten speziell verwahrt werden, da sie aufgrund ihres zumeist fragilen Erhaltungszustandes nur unter Aufsicht genutzt werden dürfen, die nicht durchgängig garantiert werden kann. Werden diese Bestände wie geplant zeitnah digitalisiert, bietet sich ihre Verwahrung außerhalb des Freihandbestandes an. Im Untergeschoss der Villa ist dafür eine zusätzliche Regalstellfläche für die Bibliothek reserviert. Bis dahin gilt es, den Bestand mit einer RFID-Technologie auszustatten und über die Option einer Selbstverbuchung, für die im Neubau alle technischen Voraussetzungen geschaffen wurden, gemeinsam mit der Institutsleitung nachzudenken.

Bei den Überlegungen für eine intuitive Bestandsnutzung boten die im Vergleich zur Villa von Bülow im doppelten Umfang verfügbaren Regalmeter und die drei Etagen des Neubaus eine gute Planungsgrundlage. Wie von den Nutzerinnen und Nutzern gewünscht, wurde für den Großteil der Bestände eine Freihandaufstellung umgesetzt. Die rund 100 000 deutschen Schulbücher als der am intensivsten vor Ort genutzte Bestand konnte erstmals zusammenhängend aufgestellt werden. Alle 80 000 Bände der internationalen Schulbuchsammlung fanden im Obergeschoss ihren Platz, und die wissenschaftliche Sekundärliteratur mit einem Umfang von rund 75 000 Bänden ist im Untergeschoss untergebracht. Intensiv diskutiert wurde, inwieweit farbige Regale oder Teppichböden als Leitsysteme eingesetzt werden sollten. Da die befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Hinblick auf ein Raumdesign minimalistische Pop-up-Stores vor Augen hatten und die Durchblicke zum Park ungestört bleiben sollten, wurde auf eine Farbvielfalt letztlich verzichtet. Die Regale und der Teppich greifen den hellen Grauton der Metallaußenverkleidung am Obergeschoss auf, und die Oberflächen der Arbeitstische orientieren sich mit ihrem hellen Holzton an den Naturfarben im Park. Anstelle von bunten Möblierungen stehen die Schulbücher mit ihren farbenfrohen Covern im visuellen Mittelpunkt des Gebäudes. Allein die Ausleihtheke als Entree ist neben den Schulbüchern ein farbiger Eye-Catcher.

Der Bedarf, digitale Angebote zugänglicher zu machen und eine möglichst „barrierearme Konvergenz“[5] zwischen analogem Bestand und digitalem Content herzustellen, erwies sich neben der 24-Stunden-Bibliotheksöffnung als größte Herausforderung. Im Neubau übernommen wurden QR-Codes. Sie sind in den Regalen hinterlegt und führen zu entsprechenden E-Book-Providern. Ebenfalls im Bestand wurden frei verwendbare Tablets platziert, auf denen jeweils passender digitaler Content präsentiert ist. Diese Angebote sowie ein bereits im alten Lesesaal zentral platzierter Multi-Touch-Screen, der Zugänge zu Rechercheinstrumenten und Open-Access-Publikationen bietet, werden jedoch nur dann genutzt, wenn sie Gegenstand der individuellen Beratung durch die Bibliothek sind. Die Hürden besonders eines selbstorganisierten Medienwechsels scheinen unüberwindbar. In einem Workshop mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des GEI erörterte das Bibliotheksteam deshalb grundsätzlich die digitalen Arbeitsprozesse in der Wissenschaft. Das digitale Arbeiten umfasst heute auch in den Geisteswissenschaften den gesamten Forschungszyklus und immer weniger steht das Buch als physische Quelle im Mittelpunkt.[6] So wurde im Workshop die Zukunftsvision entwickelt, ausschließlich digital zu arbeiten. Dieses Anliegen bestärkt die Bibliothek in ihrer Digitalisierungsoffensive und E-preferred-Strategie, unterstützt aber zugleich die Entwicklung, dass die Nutzung der gedruckten Bestände zunehmend an Bedeutung verliert.[7] Selbst für individuelle Fachberatungen braucht es die Bibliothek als Raum nicht, das zeigte sich besonders in den Monaten, in denen wissenschaftliche Bibliotheken aufgrund der COVID-19-Pandemie für die Nutzung geschlossen werden mussten. Beratungen per Video oder Telefon wurden auch am GEI angeboten und sehr gut angenommen. Geisteswissenschaftliches Forschen ist ohne klassischen Bibliotheksraum denkbar und dafür notwendige Rahmenbedingungen wurden 2020 zu Beginn der Pandemie erfolgreich erprobt. Schulbuchverlage, die für Bibliotheken sonst keine Lizenzen anbieten, machten ihren Content für eine kurze Zeit frei zugänglich. Trotz Schließung konnte die Bildungsmedienforschung ihre Arbeit fortsetzen und die Bibliothek übernahm eine Vielzahl von Aufgaben rund um Lizenzerwerb, Fernleihe, Dokumentenlieferdienst, Digitalisierung on Demand bis hin zur Zusammenstellung und Lieferung von Bücherpaketen, die ins Homeoffice geschickt wurden.

Abb. 4: Deutsche Schulbuchsammlung im Erdgeschoss (Foto: Christian Bierwagen)

Abb. 4:

Deutsche Schulbuchsammlung im Erdgeschoss (Foto: Christian Bierwagen)

Ein verstärkt digitales Forschen und die Services während der Pandemie antizipieren ein Szenario, angesichts dessen auch Forschungs- und Spezialbibliotheken ihre Funktionen und Aufgaben neu definieren und sich baulich neu perspektivieren müssen. Für ihre forcierte Digitalisierung benötigte die GEI-Bibliothek neue Scannertechnologie, und daher musste ausreichend Platz für neue Scanner und die dafür notwendigen spezifischen räumlichen und technischen Voraussetzungen eingeplant werden. Explizit wurde im DFG-Projekt „Scholary Makerspace“ ein physischer Raumbedarf für die Digital Humanities ermittelt.[8] Die Erfahrungen am GEI zeigen, dass es dabei nicht nur um kollaboratives Arbeiten, sondern generell um Raum und Platz z. B. für große und mehrere Bildschirme geht, um Daten optimal zu kuratieren, auszuzeichnen, anzureichern oder zu visualisieren. Am GEI stellen sich zudem mit den digitalen Bildungsmedien neue Forschungsfragen und damit der Wunsch nach experimentellen Forschungsumgebungen, wie sie etwa die SLUB Dresden mit ihrem Makerspace[9] zur Verfügung stellt. An der Ideenfindung für ein GEI-Lab, das architektonisch und medial Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lernende, Lehrpersonal, Eltern und Lernsoftwareentwicklerinnen und -entwickler zum gemeinsamen Austausch und Arbeiten einlädt, konnten sich 2018 alle Institutsangehörige beteiligen. In zweifacher Hinsicht wurde eine enge Zusammenarbeit zwischen Bibliothek und Lab konkretisiert: Zum einen engagiert sich die Bibliothek für die Versorgung des Labs mit entsprechenden Lizenzen und zum anderen bringt sie sich insbesondere in Forschungen zur Materialität und Medialität von Bildungsmedien ein. Eine auch haptisch-materielle Auseinandersetzung mit der Sammlung und ihrer in der Bibliothek vermittelbaren Transformation in Form verschiedenster Medien und Datenträger gehört bei den Veranstaltungen des vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) geförderten GEI Digital Lab deshalb zum Standard. Neben den im Lab vorhandenen 3-D-Druckern und VR-Brillen erzielt nicht zuletzt das von der Bibliothek zur Verfügung gestellte Mikrofiche-Lesegerät mit seiner imposanten Größe und Lautstärke eine hohe Aufmerksamkeit und weckt große Neugier zum Ausprobieren.

Abb. 5: Ausleihtheke (Foto: Christian Bierwagen)

Abb. 5:

Ausleihtheke (Foto: Christian Bierwagen)

4 Resümee und Ausblick

Von Beginn der Planungen an bis zum Umzug in den Bibliotheksneubau auf dem GEI-Campus vergingen über zehn Jahre. Drei Mal wechselte in dieser Zeit die Bibliotheksleitung und das GEI etablierte digitale Infrastrukturen und neue Forschungsansätze. Dem langen Atem, der für Bibliotheksneu- und -umbauten notwendig ist, wird in der Forschungsliteratur leider viel zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl die damit verbundenen retardierenden Momente die Ausführungsprozesse maßgeblich prägen. Mutet es nun anachronistisch an, wenn wie beim GEI-Neubau der Bestand im Mittelpunkt einer Bibliothek steht? Die dargelegten Ergebnisse aus der Zusammenarbeit mit der Forschungscommunity verdeutlichen einen Raum- und Platzbedarf für ein vielfältiges geisteswissenschaftliches Forschen, das sich zwischen der möglichst räumlich und technisch barrierearmen Arbeit mit dem Bestand und dem Wunsch nach dessen vollständiger digitaler Verfügbarkeit für Forschungen in technisch gut ausgestatteten und inspirierenden Räumen bewegt. Für geisteswissenschaftliche Bibliotheken bedeutet dieser Befund, verschiedene Wissensgenerierungsprozesse zu ermöglichen und zugleich Konzepte für jenseits einer auf die Nutzung des Buchbestandes fokussierten Bibliotheksräume zu entwickeln. Andreas Hartsch vom DHI Paris insistiert aus medien- und kulturtheoretischer Sicht durchaus überzeugend auf das „Verstetigungspotential“ von Hybridsammlungen, „ihre Tragfähigkeit, wenn nicht sogar Notwendigkeit für geisteswissenschaftliche Bibliotheken“.[10] Die unterschiedlichen Funktionen und Spezifika bei der Arbeit mit analogen und digitalen Medien sollten geisteswissenschaftliche Bibliotheken berücksichtigen. Hartsch lässt jedoch außer Acht, dass bibliothekarische Leitbilder vielfach aus und in der Zusammenarbeit mit Nutzerinnen und Nutzern entwickelt werden. Das unbewiesene Zukünftige (Hartsch) können User Studien und partizipative Formate zwar nicht umfänglich auflösen, sie können aber gleichwohl für Bibliotheken Instrumente sein, Transformationsprozesse in der Wissenschaft gemeinsam mit der Forschung zu gestalten. In diesem Sinne avancieren Bibliotheksräume im digitalen Zeitalter selbst zum sozial-, kultur- und informationswissenschaftlichen Laboratorium, wo Programmatiken wie das Socializing empirisch[11] und bibliothekstypologisch geprüft und sich mit den (Un-)Möglichkeiten der Konvergenz auseinandergesetzt werden muss.

Abb. 6: Gruppenarbeitsplatz (Foto: Nadine Towara)

Abb. 6:

Gruppenarbeitsplatz (Foto: Nadine Towara)

Abb. 7: GEI Digital Lab (Foto: Janina Becker)

Abb. 7:

GEI Digital Lab (Foto: Janina Becker)

Published Online: 2022-05-07
Published in Print: 2022-05-05

© 2022 Anke Hertling, publiziert von De Gruyter.

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