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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter May 7, 2022

„Originalerhalt in Perspektive“ – Internationale Konferenz der KEK in der James-Simon-Galerie Berlin

Johanna Kraemer
From the journal ABI Technik

Anlässlich ihres 10-jährigen Bestehens richtete die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) am 23. und 24. November 2021 in Berlin die internationale Konferenz „Originalerhalt in Perspektive“ aus. Die simultanverdolmetschte Hybrid-Veranstaltung in der James-Simon-Galerie wurde von Shelly Kupferberg moderiert. Grußworte, ein Eröffnungsdialog und die Einleitung von Ursula Hartwieg (Leiterin der KEK) führten in das breit gefächerte Themenfeld. Verteilt auf sechs Panels befassten sich siebzehn Vorträge mit Strategien zum nachhaltigen Originalerhalt in und außerhalb Deutschlands, Hilfsprojekten international agierender Initiativen, Perspektiven auf Ertrag und Koordination der Massenentsäuerung und Aspekte der Nachhaltigkeit und des Risikomanagements. Vorträge zum Thema Chancen und Synergien für den Originalerhalt durch digitale Technologien mündeten in die abschließende Podiumsdiskussion. Die Vorträge sind größtenteils online verfügbar.[1]

Abgerundet wurde das Programm durch den Abendvortrag „Die Bedeutung der Wissensbewahrung für die Gesellschaft“ von Richard Ovenden (Bodley’s Librarian), einen Workshop zur Anwendung einer Modellierungssoftware für die Entscheidungsfindung bei der Bestandserhaltung und eine Führung durch die Staatsbibliothek zu Berlin.

In seinem Grußwort nannte Hermann Parzinger (Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, SPK), die Gründung der KEK ein „starkes Commitment zur Erhaltung von Kulturgut“ und betonte unter Verweis auf die im Zuge des Material Turn aufgekommene Frage nach dem materialimmanenten Wissen die Bedeutung internationalen Austauschs hinsichtlich der langfristig wohl größten Herausforderungen für die Kulturguterhaltung – Klimawandel, Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

In Vertretung für Maria Bering (Ministerialdirektorin und Leiterin der Gruppe „Geschichte; Erinnerung“ bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, BKM) erinnerte Jörg von Wangenheim an die Initiativen im Bereich der Bestandserhaltung, die die Gründung der KEK 2011 schließlich ermöglicht hatten, und hob Meilensteine der vergangenen Jahre hervor, darunter die „Bundesweiten Handlungsempfehlungen“[2] 2015 und den Start des BKM-Sonderprogramms 2017. Er dankte Team und Fachbeirat der KEK ebenso wie den beteiligten Einrichtungen des Bundes und der Länder und wies angesichts der Bewältigung der Hochwasserfolgen im Ahrtal auf die weiterhin zunehmende Bedeutung einer bundesweit agierenden Koordinierungsstelle hin.

Markus Hilgert (Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, KdL), bezeichnete die KEK vor dem Hintergrund der „gesamtstaatlichen Aufgabe Kulturguterhalt“ als Wissensspeicher für Expertinnen und Experten und hob ihre Funktion als Innovationstreiber anhand von Best-Practice-Beispielen besonders hervor. Die Bilanzierung der Schäden und Gefährdungen habe zudem eine substanzielle Förderlinie für Mengenverfahren in Kraft gesetzt.

Reinhard Altenhöner (Ständiger Vertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek zu Berlin) plädierte dafür, den Zusammenhang zwischen Erhaltung und Digitalisierung im positiven Wechselspiel zu betrachten. Die internationale Orientierung sei auch für die Aktualisierung der Handlungsempfehlungen von großer Bedeutung. Für die kommenden zehn Jahre schlug er zur gezielten Weiterentwicklung innovativer Verfahren die Erarbeitung von Rahmenleitplänen vor und merkte an, dass begrenzte Kapazitäten auf Seiten der öffentlichen Hand wie der Dienstleistungsunternehmen einen so hohen Mittelfluss zur Sicherung des schriftlichen Kulturguts, wie von der KEK mit 63,2 Mio. Euro jährlich veranschlagt, noch nicht zulasse, weshalb zur Ertüchtigung von Kapazitäten zunächst mit kleineren Fördervolumen zu arbeiten sei.

Der Eröffnungsdialog zwischen Barbara Schneider-Kempf (der ehemaligen Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und Mitglied der Allianz Schriftliches Kulturgut) und Isabel Pfeiffer-Poensgen (Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und 2011 Generalsekretärin der KdL) gab einen lebendigen Einblick in die Gründungszeit der KEK. Beide erinnerten daran, dass der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 und der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 das Anliegen, eine modellprojektorientierte Koordinierungsstelle auf Bund-Länder-Ebene zu etablieren, sehr dringlich gemacht hatten. Erfahrungen aus Landesprogrammen für Bestandserhaltung seien eingeflossen, die Hürde der Finanzierung aber sei schließlich durch eine initiative Mittelbereitstellung der KdL genommen worden. Schneider-Kempf hob die Bedeutung von Förderanträgen kleinerer Institutionen für die Öffentlichkeitswirksamkeit hervor, während Pfeiffer-Poensgen mit dem Hinweis auf die Restaurierung der Bibliothek Wallraf in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln den Blick auf das noch vergleichsweise wenig berücksichtigte Potenzial bürgerschaftlichen Engagements lenkte. Das weitreichende Interesse am Tag des offenen Denkmals könne in diesem Zusammenhang als wegweisend betrachtet werden, zumal, wie Schneider-Kempf anmerkte, die Aura und der Zauber des Originals nur über das Zeigen vermittelt werden könnten. Angebote für Kinder hätten daher besondere Bedeutung.

Ursula Hartwieg ging auf Geschichte und Aufgaben der KEK mit den Aufgabenfeldern Fördern, Informieren, Sensibilisieren und Vernetzen ein und unterstrich, dass die KEK als spartenübergreifend agierende Schnittstelle zu regionalen Fachkompetenzen und Förderstrukturen gedacht sei, um die Überlieferungssicherung auch bundesweit koordinieren zu können. Gefördert wurden demnach zwischen 2010 und 2021 387 Modellprojekte mit einem Fördervolumen von ca. 4,6 Mio. Euro in den Förderkategorien Archiv- oder Bibliotheksbestand, Fachkompetenz, Forschung, Notfallvorsorge und Öffentlichkeitsarbeit. An dem Ziel, die Querschnittsaufgabe Bestandserhaltung in all ihren Facetten abzubilden, werde auch künftig festgehalten. Das 2017 gestartete, zu mindestens 50 % vom Bund kofinanzierte BKM-Sonderprogramm beziehe mit Massenentsäuerung, Reinigung, Verpackung, Restaurierung und Schadenserfassung nun gezielt mengenbezogene Kategorien ein und die Förderbilanz umfasse bereits 463 Projekte.

Panel 1 legte den Fokus auf nachhaltige Strategien des Originalerhalts. Johannes Kistenich-Zerfaß (Staatsarchiv Marburg/Hessisches Landesarchiv) benannte Ziele, Maximen und Instrumente der fachlichen Querschnittsaufgabe Bestandserhaltungsmanagement, durch die der Originalerhalt zu einer lösbaren Aufgabe werde. Die Unersetzlichkeit des Originals begründe das Primat des Originalen. Er warb für transparente Ermittlungskriterien für Erhaltungsmaßnahmen unter Anpassung der Behandlungsstandards an die angestrebte Nutzungsform und -intensität.

Stephanie Preuss (Deutsche Nationalbibliothek) betrachtete in ihrem Beitrag „Cradle to Cradle oder nachhaltige Medienwerke – eine Herausforderung für die Bestandserhaltung?“ spezifische Merkmale von C2C-zertifiziertem Papier, das sich auf Gesundheits- und Umweltverträglichkeit sowie soziale Aspekte, weniger aber auf Alterungsbeständigkeit konzentriere. Absehbar müssten daher auch für nachhaltig produzierte Papierprodukte, deren Alterungsbeständigkeit eben nicht erstes Kriterium einer zertifiziert nachhaltigen Produktion sei, nachhaltige Wege der Erhaltung entwickelt werden.

Panel 2 bündelte internationale Perspektiven auf den Originalerhalt. Floriana Coppola (University of Ljubljana) sprach über das Modellieren von Konservierungsszenarien am Beispiel einer Fallstudie aus der Biblioteca Classense. Die Modellierung der zu erwartenden Lebensdauer von Bibliotheksgut anhand physikalischer und chemischer Parameter habe den potenziellen Ertrag verschiedener Konservierungsmethoden vergleichbar gemacht. Nächster Schritt sei nun, die als besonders gefährdet identifizierten Objekte zu digitalisieren.

Jacob Nadal (Library of Congress) stellte das dortige „Preservation Directorate“ vor und ging konkret auf Aspekte finanzpolitischer und organisatorischer Nachhaltigkeit ein. Strategische Planungszyklen ermöglichten es demnach, flexibel auf unmittelbare Anforderungen zu reagieren, während zugleich langfristige Bedarfe berücksichtigt würden.

Marie Vest berichtete über den Originalerhalt an der Dänischen Königlichen Bibliothek. Auf Basis einer Bestandsaufnahme sei um das Jahr 2000 entschieden worden, einen großen Teil der Sammlungen mittels Kaltlagerung anstelle von Massenentsäuerung zu konservieren. Die Klimastrategie der Bibliothek entlang der vier Schlüsselkategorien Gebäudeerhalt, Logistik, Beschaffung und Recycling strebe nun Klimaneutralität bis 2050 an.

In Panel 3 wurden Initiativen vorgestellt, die vergleichsweise unbürokratisch internationale Unterstützung beim Erhalt schriftlichen Kulturguts leisten. Sam van Schaik (British Library) stellte das Endangered Archive Programme (EAP) vor, das Erhaltungs- und Digitalisierungsmaßnahmen verbinde und außerhalb Europas und Nordamerikas in Anspruch genommen werden könne, auch unter pandemiebedingt erschwerten Bedingungen. Digitale Bild- und Tondateien würden sowohl beim jeweiligen Archiv als auch in der British Library archiviert.

Susann Harder präsentierte das Aufgabenfeld der NGO Blue Shield, die neben dem Schutz von Kulturgut in Krisenregionen mit bewaffneten Konflikten auch im Katastrophenfall Unterstützung leiste, beispielsweise nach der schweren Explosion im Hafen von Beirut 2020.

Matija Strlič (Institute for Sustainable Heritage, University College London/University of Ljubljana) stellte mit der European Research Infrastructure for Heritage Science (E-RIHS) eine EU-geförderte Forschungsinfrastruktur für Bibliotheken vor, über die positiv bewertete, interdisziplinäre Forschungsprojekte auch kostenlos Laborleistungen oder digitale Leistungen erhielten.

Der internationale Umgang mit der Massenentsäuerung wurde in Panel 4 beleuchtet. Agnes Blüher und André Page berichteten, dass in der Schweizerischen Nationalbibliothek zwischen 2000 und 2014 alle geeigneten Bestände entsäuert worden seien. Auf Basis des in die Qualitätssicherung eingebetteten Langzeit-Monitorings würden die Ergebnisse als nachhaltig wirksam bewertet. Die Bedeutung einer verantwortungsvollen Auswahl für die als invasiv zu betrachtende und nicht beliebig wiederholbare Maßnahme wurde besonders hervorgehoben.

Anna Czajka (Polnisches Staatsarchiv in Warschau) berichtete, dass in Polen auf Basis eines interdisziplinären Konzeptes vier regional arbeitende Behandlungszentren entstanden seien, die kooperierenden Bibliotheken und Archiven auf kurzem Wege sowohl Massenentsäuerungs- als auch weitere Mengenkonservierungsverfahren offerierten.

Michael Fischer (Badische Landesbibliothek in Karlsruhe) präsentierte in seinem Vortrag einen Geschäftsprozess zur Markierung von Pflichtexemplaren im Bibliothekskatalog als zu erhaltendes Archivexemplar, um diese zu einem späteren Zeitpunkt im Rahmen einer Massenentsäuerungsstrategie prioritär selektieren und behandeln zu können.

Panel 5 widmete sich Fragen der Nachhaltigkeit und des Risikomanagements. Cristina Duran (Casablancas, Amsterdam City Archive/Institute for Sustainable Heritage, University College London) sprach zum Thema „Simulation von Effekten verschiedener Möglichkeiten der Bestandserhaltung – Sind Archive komplexer als Raketen?“. Die Anwendung üblicher Komplexitätskriterien auf das System Archiv weise jedenfalls darauf hin, da sich über längere Zeiträume hinweg ein dynamisches Zusammenspiel aus jeweils prioritären oder nachgeordneten Erhaltungsmaßnahmen und Benutzungsfaktoren ergebe. Datenanalysen und Simulationen könnten entscheidend dazu beitragen, diejenigen Faktoren mit der größten Hebelwirkung gezielt ausfindig zu machen.

Auf Basis langjähriger Erfahrungen stellte Chris Woods (National Conservation Service Ltd., London) die Sinnhaftigkeit des Einsatzes störanfälliger und wartungsintensiver, vielfach unzureichend an die räumliche Umgebung angepasster, dabei energie- und kostenintensiver Klimaanlagen ganz grundsätzlich in Frage. Sie seien oftmals eine größere Gefährdung für Bestände, als wenn diese einfach dem jahreszeitlich gleitenden Klima ausgesetzt würden. Zusätzlich zur passiven Klimatisierung im Magazinbau hob er die Wirksamkeit feuchtepuffernder Schutzverpackungen hervor.

Johanna Leissner (Fraunhofer-Gesellschaft, Brüssel) informierte in ihrem Vortrag „Klimawandel und die Auswirkungen auf das kulturelle Erbe“ über die aktuelle Arbeit der EU OMC Group „Strengthening Cultural Heritage Resilience for Climate Change“. Ziel sei, aktuelle und absehbare Bedrohungen des Klimawandels für das kulturelle Erbe zu identifizieren, Schutzmaßnahmen abzuleiten und zur politischen Bewusstseinsbildung und dem Aufbau internationaler Kapazitäten beizutragen.

In Panel 6 ging es um den Einsatz digitaler Technologien zugunsten des Originalerhalts. Oliver Hahn (Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, BAM, und Universität Hamburg) zeigte anhand der nicht-invasiven, teils um Möglichkeiten der Infrarotreflektographie und Röntgenfluoreszenzanalyse erweiterten Multispektralanalyse von Papier und Pergament, wie die Kombination von Archäometrie und Konservierung Erkenntnisgewinne im Bereich der Palimpsest- und Zeichnungsforschung ermögliche.

Ulrich Fischer (Historisches Archiv der Stadt Köln) sprach zum Thema „Digitale Rekonstruktion Kölner Fragmente – Wie aus „Kölnflocken“ mithilfe von KI wieder vollständige Einheiten werden“. Da die manuelle Zusammenführung des besonders stark fragmentiert vorliegenden Teils des Bergungsgutes derzeit prioritätsbedingt ausgeschlossen sei, habe man mit Partnern ein innovatives, KI-basiertes Verfahren zur zunächst virtuellen Rekonstruktion dieses Bestandes entwickelt und 2020 in den Mengenbetrieb genommen.

Ville Ka Janne stellte abschließend den mittlerweile in Umsetzung befindlichen Prozess zur Massendigitalisierung von Archivgut am Finnischen Nationalarchiv vor. Im Fokus stehe digital erzeugtes Schriftgut staatlicher Stellen, das im Regelfall nach der Digitalisierung und einer Sicherheitsfrist entsorgt werde. Absehbar würden ein bis zwei Prozent des Schriftguts als Kulturerbe eingestuft und damit auch in analoger Form aufbewahrt werden. Er erläuterte, dass die Digitalisierung als Teil des Dokumentenlebenszyklus betrachtet werde. Die erzeugte digitale Erscheinungsform sei demnach das komplette, authentische Dokument, nicht lediglich dessen Kopie.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde das Konzept einer mit der Digitalisierung verbundenen Kassation modernen Archivguts zur Vermeidung hybrider Akten kritisch hinterfragt. Deutlich wurde zudem, dass Prävention unter Bedingungen von Nachhaltigkeit und Klimawandel neu zu denken und weiter zu fassen sei – auch, wie Ursula Hartwieg anmerkte, um die Handlungsempfehlungen der KEK an entsprechende Szenarien anpassen zu können. Eines der wichtigsten Anliegen sei die Ressourceneffizienz. Diese sei auch durch Effizienzsteigerung von Prozessketten zu erzielen, indem Abläufe zur Vermeidung von Engpässen entkoppelt, aber gleichwohl zusammen gedacht würden.

Published Online: 2022-05-07
Published in Print: 2022-05-05

© 2022 Johanna Kraemer, publiziert von De Gruyter.

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