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Éva Knapp und Gábor Tüskés: Litterae Hungariae. Transformationsprozesse im europäischen Kontext (16.–18. Jahrhundert). Münster: readbox unipress, 2018. 592 S.

Károly Kókai
From the journal arcadia

Die frühneuzeitliche Gelehrsamkeit in Ungarn ist eine interkulturelle und mehrsprachige Angelegenheit. Der deutsche Kulturraum hatte dabei eine hervorragende Bedeutung. Die Gelehrten stammten oft aus deutschsprachigen Ländern, die verwendeten Sprachen waren neben dem wichtigen Latein auch Ungarisch und häufig eben Deutsch. Der Kulturtransfer fand in den Formen der Adaptation von stilistischen Lösungen, von Übersetzungen – die aus heutiger Sicht oft eher anderssprachige Variationen genannt werden müssen –, von Reisen und Auslandsaufenthalten sowie in der Übernahme von internationalen Stoffen und Motiven statt. Ihre Intensität kann durchaus mit der gegenwärtigen verglichen werden. Ihre Bedeutung war zweifellos eine größere, da die Autonomie der einzelnen Nationalkulturen vor dem Aufkommen der Idee von Nationalkulturen, was ja bekanntlich erst am Ende der hier angesprochenen Periode erfolgte, freilich noch nicht ausgeprägt war.

Éva Knapp und Gábor Tüskés widmen sich in zahlreichen Fallbeispielen vor allem der Motivforschung. Sie führen mit erstaunlichem Detailreichtum und – man kann es nicht anders nennen – Gelehrsamkeit in die Epoche ein. Sie gruppieren die Texte ihres Sammelwerks um Themenkreise wie deutsch-ungarische Literaturverbindungen, neulateinische Literatur, Text und Bild, Erzählforschung sowie Frömmigkeit und Literatur. Schwerpunkte bilden dabei die ungarischen Adaptationen von internationalen literarischen Stoffen, das vielfältige kulturelle Wirken der Jesuiten, die Emblematik oder das kulturelle Umfeld von kanonisierten ungarischen Schriftstellern wie János Rimay, Miklós Zrínyi und Kelemen Mikes.

Éva Knapps und Gábor Tüskés’ Litterae Hungariae. Transformationsprozesse im europäischen Kontext (16.–18. Jahrhundert) versammelt siebzehn Texte der Autoren. Für sieben zeichnet Tüskés, für fünf Knapp und für fünf zeichnen beide Autoren verantwortlich – eine Information, die weder dem Inhaltsverzeichnis, noch den einzelnen Texten, sondern lediglich dem Verzeichnis der Erstdrucke auf den Seiten 571–572 zu entnehmen ist. Hier werden die Autorennamen auch bloß mit den Initialen angegeben und nicht ausgeschrieben – wird also eine eher der im Buch behandelten Zeit als der des Verfassens der Beiträge und des Erscheinens des Bandes angemessene Praxis angewandt. Eine für das Einschätzen des Bandes ebenfalls nützliche Information ist, dass eine vergleichbare Textsammlung der beiden Autoren 2015 in Budapest erschienen ist. Dort wurden unter dem Titel A Fortunátustól a Törökországi levelekig (Vom Fortunatus bis zu den Briefen aus der Türkei – mit zwei für den vorliegenden Band wesentlichen Themen im Titel, die auch für den zentralen Diskussionsbereich des vorliegenden Bandes stehen: die Übernahme von internationalen literarischen Stoffen in Ungarn) zweiundzwanzig Texte veröffentlicht, von denen acht auch in diesem deutschsprachigen Band Aufnahme fanden. Die ungarische Sammlung erschien als Band 32 der Reihe Historia Litteraria des Budapester Verlages Universitas. Da es sich dabei oft um die Übersetzung von ursprünglich deutsch verfassten Texten handelte, kann die Arbeit des Autorenpaares als eine in beide Sprachrichtungen gestellte bezeichnet werden. Litterae Hungariae ist auch nicht der erste deutschsprachige Sammelband des Autorenpaares. Volkstümlichkeit, Emblematikforschung und deutsch-ungarische Literaturbeziehungen waren bisher auch ihre Themen. Mit der vorliegenden Publikation erweitern sie das Bisherige und tragen mit neuem Material zur wissenschaftlichen Diskussion bei.

Litterae Hungariae präsentiert also mit zwischen 1991 und 2018 entstandenen Berichten Ergebnisse der Motivforschung. In den ersten Texten der Sammlung geht es um die Epoche der „Entstehung des Romans“, um eine nicht nur gattungsgeschichtlich und literaturhistorisch, sondern auch literaturtheoretisch äußerst spannende Zeit. Tüskés, der Autor der ersten zwei Beiträge, weiß das und arbeitet äußerst präzise eine überwältigende Fülle von Details heraus. Als Beispiele wählt er die im deutschen Sprachraum als Fortunatus und als Simplicissimus bekannten Stoffe. Weitere Stoffe, Motive und Themen, die in ihrer jeweiligen Vielfalt im Band erfasst werden, sind die der rhetorischen Kompendien (etwa von Matthaeus Tympius oder von Jacob Masen), von Exempelsammlungen (katholischer und protestantischer Prediger), moralischen Themen wie etwa der Tugenden (in der allegorischen Form der zwölf Tugenden oder den Sünden gegenübergestellt in Predigten), Themenkreisen aus der ungarischen Geschichte etwa in Jesuitendramen von Süddeutschland-Österreich-Ungarn, ikonografische Pluralität von historischen Portraits, Variationen von christlichen Wundern sowie von mariologischen oder von hagiografischen Themen. Knapp und Tüskés tragen im Band zahlreiche vieldiskutierten wissenschaftlichen Themenbereiche bei – die ausführliche Vorstellung des Standes der jeweiligen Forschung ist integerer Teil ihrer diesbezüglichen Beiträge –, und behandeln zugleich Forschungsthemen, die bisher als Desiderate hätten gelten müssen, wären sie überhaupt ins Blickfeld der Wissenschaft geraten, wie etwa die Laufbahn des Benediktiners Odo Koptik.

Ein wesentlicher Beitrag von Knapp und Tüskés ist der Kulturtransfer, dass sie also über bedeutende Autoren der ungarischen Literaturgeschichte – Rimay, Zrínyi, Mikes – im deutschen Kulturraum, also in einem deutschen, bei einem deutschen Verlag erschienenen Buch berichten. Mit Rimay, Zrínyi und Mikes lässt sich ein Bogen spannen, der von der Herausbildung der ungarischsprachigen Literatur zur Zeit der Renaissance und Reformation bis zur Adaptation von Ideen der französischen Geistigkeit der Aufklärungszeit reicht. Das Werk dieser drei Schlüsselautoren wird von Knapp und Tüskés jeweils aufgrund von einer Spezialfrage beleuchtet, dadurch aber tiefergehend durchdrungen, plastisch dargestellt und um eine auch für die ungarischen Literaturwissenschaften ungewöhnliche Facette bereichert.

Anlässlich der präzisen Beschreibung der Problemlage bei der Suche nach den Bildquellen eines Tugendgedichtes von Rimay machen Knapp und Tüskés nicht nur auf einen bedeutenden ikonografischen Typus – die Darstellung der Tugenden – in der Emblematik der Spätrenaissance aufmerksam. Sie liefern so auch die nötigen Informationen für die weitere Forschung, die Bildquelle eines Rimay-Gedichtes zu finden. Das Buch richtet sich nicht nur an Literaturwissenschaftler, sondern ist auch für Kunsthistoriker interessant, insbesondere für die, die an interdisziplinärer Arbeit interessiert sind.

Der Name Miklós Zrínyi steht für mehrere Personen der ungarischen Geschichte, so für den Mitte des 17. Jahrhunderts wirkenden Autor, der in seinem berühmtesten Werk einer Heldentat seines gleichnamigen Großvaters ein Denkmal setzt. Tüskés analysiert nicht nur Bildportraits der beiden Zrínyis, sondern auch ausführlich die Titelgestaltung des Hauptwerks Obsidio Sigetiana, und zwar sowohl die der ungarischen Version von Miklós Zrínyi 1651 als auch die der kroatischen von Peter Zrinyi 1660. Tüskés verfolgt die bildliche Darstellung des Dichters von dessen Lebzeiten, so ein Ölgemälde des Rubensschülers Jan Thomas 1663 bis ins 20. Jahrhundert, so Béla Kondor 1965. Die Wenden der ungarischen Identitätsbildung instrumentalisierten die Figur der beiden Zrínyis jeweils so, dass die Nacherzählung dieser wechselvollen Geschichte zu einer Geschichte der ungarischen Identitätskonstruktion wird. Miklós Zrínyi nutzte Mitte des 17. Jahrhunderts sowohl die Literatur als auch die Bildkunst, um auf sein politisches Anliegen, den Kampf gegen die Osmanen, aufmerksam zu machen. Er war dabei auch als Feldherr aktiv, indem er Wehranlagen errichtete und Militärkampagnen führte. Sein Lebenswerk als Dichter, Publizist, Politiker und Soldat bildet eine Einheit, die durch die ikonografischen Analysen Tüskés‘ in ihren Ausmaßen und ihrer Bedeutung deutlich gemacht wird.

Kelemen Mikes’ 1794 erschienene Briefe aus der Türkei eröffnen in mehrerer Hinsicht eine neue Periode in der ungarischen Literaturgeschichte. Mikes steht auf einer anderen Stufe der literarischen Entwicklung als der Rest der von Knapp und Tüskés behandelten Autoren. Er arbeitete in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, im Wesentlichen zwischen 1717 bis 1758, aber bei ihm wirkte der Geist der französischen Aufklärung so stark, dass er als einer der ersten modernen Autoren Ungarns angesehen werden kann: typischerweise im Exil, also in relativer Isolation, vom literarischen Feld Ungarn abgekoppelt im Ausland arbeitend und unter ausländischem, hier französischem, Einfluss.

Schwerpunkte der im Band versammelten Arbeiten liegen vor allem im 17. sowie im 18. Jahrhundert. Dieser zeitliche Rahmen wird allerdings, soweit sachlich begründet, an einigen Stellen überschritten, etwa bei der Diskussion von Maria als Landespatronin Ungarns (seit dem 12. Jahrhundert) oder bei der Ikonografie von Miklós Zrínyi (bis ins 20. Jahrhundert). Besondere Bedeutung bekommen trotzdem die Grenzen der frühen Neuzeit, also die Periode der Reformation einerseits und die Periode der Aufklärung andererseits. Eine Besonderheit des Bandes ist das auffallende Interesse des Autorenpaares für das kulturgeschichtliche Wirken der Jesuiten. Dieses wird an Brieftheorien, an Dramenstoffen der Jesuitenbühne, am ikonografischen Programm einer Prunkstiege, an Viten von Jesuitenheiligen sowie an jesuitisch geprägter Frömmigkeitspraxis exemplifiziert.

Die ikonografische Beschreibung des Bildzyklus in der Prunkstiege des Jesuitenkollegs Raab durch die beiden Autoren ist dabei durchaus vergleichbar mit den Beiträgen über die literarische Themenforschung. Was Tüskés und Knapp interessiert, ist die Wanderung von Themen, Motiven, Stoffen, ob im Text oder im Bild und sowohl im Raum als auch in der Zeit: ihre verschiedenen Erscheinungen z. B. bei der Ikonografie der Zrínyis oder hier bei der Marienverehrung. Und das natürlich international – waren doch die Jesuiten ein internationaler Orden, war ihre Sprache das internationale Latein. Genauso bei den Zrínyis: war doch der Kampf gegen die Osmanen nur international zu führen. Ein Einzelner konnte nur beispielhaft auftreten, um eben für internationale Unterstützung zu werben. Ende des 17. Jahrhunderts war es dann auch ein internationales (im Wesentlichen österreichisches und ungarisches) Heer, das die Osmanen aus Ungarn verdrängte. Knapp und Tüskés zeigen, dass Themen nicht nur geografisch und in den Zeiten wanderten, sondern auch zwischen Literatur bzw. Rhetorik, Literaturtheorie einerseits und bildender Kunst und Theater andererseits. Die Arbeit Knapps und Tüskés’, das mühevolle Sammeln von Beispielen, ist dabei unabdingbare Voraussetzung, um die kulturelle Dynamik der frühen Neuzeit zu zeigen. Die Wanderung der Stoffe und ihre Transformationen lassen sich sonst nicht sichtbar machen.

Die gleichzeitige Rücksichtname auf die internationale und ungarische Wissenschaftlichkeit kann allerdings gelegentlich auch problematisch werden, so der einseitige Interpretationsversuch von Ergebnissen der deutschen Forschung. Tüskés referiert beispielsweise überzeugend eine deutsche literaturwissenschaftliche Diskussion der letzten Jahrzehnte zur Erzählliteratur der Reformation. Merkwürdigerweise plädiert er am Schluss des Berichtes in der Reihe seiner zehn Thesen „für einen stärkeren Einbezug der ostmitteleuropäischen Literaturregimes in die Reformationsforschung“ (442). Seine Diskussion der Problematik am Anfang des Beitrages orientiert sich allerdings ausschließlich an einer deutschen Diskussion. Der Autor ist, den Argumenten einer deutschen Diskussion folgend, der Ansicht, dass der Anfang der Neuzeit nicht durch einen Einschnitt markiert sei, sondern es eine Kontinuität, respektive ‚dialektische Grundstruktur‘ der Kulturgeschichte gebe. Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass es trotz aller Brüche immer auch Kontinuitäten gibt, deren Bedeutung keine seriöse wissenschaftliche Analyse unterschlagen kann. Die dialektische Grundstruktur ergibt sich allerdings genau daraus, dass es radikale Wenden, also eben Brüche gibt, die jeweils die Entwicklung von Neuem unterstützen. Außerdem ist bezogen auf Ungarn der Einschnitt der ‚Reformation‘ ein gewaltiger: osmanische Teilbesetzung des Landes, Mehrpoligkeit in der Bildung (protestantische und katholische), der Aufstieg der Volkssprache (zur intellektuellen Sprache) war durch ihn begleitet respektive bedingt. Aber auch bei Themen, die Tüskés und Knapp wiederholt behandeln (wie etwa die Rolle der Jesuiten) ist der Bruch der Reformation zentral. Die Jesuiten waren Träger der Gegenreformation und sind daher – theologisch, kirchengeschichtlich, politisch, bildungsgeschichtlich – ohne den Einschnitt der Reformation unvorstellbar. Die Forderung, die Forschung näher an die historische Realität heranzuführen (440) macht natürlich dann Sinn, wenn die Erfahrungen aus der spezifischen historischen Realität Ungarns (im Falle von Knapp und Tüskés) gezogen werden. Die von Tüskés thematisierte Problematik der Germanistik mit Bruch und Kontinuität sowie mit der Überwindung einer protestantisch geprägten Forschungsthese des 19. Jahrhunderts gilt in Ungarn nicht, weil in Ungarn nicht die protestantische Sicht die Wissenschaft bestimmte und weil der Bruch in Ungarn eben ganz klar da ist.

Der Band hat also einen klar begrenzten historischen Fokus und diskutiert dabei einige für gegenwärtige wissenschaftliche Fragestellungen wichtige Aspekte. So plädieren die Autoren für einen dem 21. Jahrhundert angemessenen Literaturbegriff. Historia litteraria umfasst genau in der von Knapp und Tüskés behandelten Periode alle Arten der Schriftlichkeit: Memoiren, religiöses Schrifttum wie konfessionelle Streitschriften, politische und diplomatische Berichte etwa in Briefform, wissenschaftliche Texte etc., also nicht nur das, was die Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts mit ‚Literatur‘ meint. Die zwei Autoren des Bandes befassen sich mit diesem aus der Sicht der vergangenen zwei Jahrhunderte ‚erweiterten‘ literarischen Feld. Das Entscheidende dabei ist freilich, dass sie es schaffen, die in den im engen Wortsinn nichtliterarischen Bereichen erzielten Erkenntnisse auf den Bereich der ‚Literatur‘ übertragbar zu präsentieren.

Die Beschäftigung mit Emblematik ist natürlich nicht neu, bekam aber in den Zeiten der Popularität von Visual Culture neue Impulse. In der Visual Culture-Diskussion der 1990er Jahre dominierte die Einsicht der politischen, propagandistischen Bedeutung des Visuellen, und zwar nicht nur der von Erzeugnissen der hohen Kunst, sondern auch der künstlerisch weniger hoch angesehenen Massenproduktion. Diese Massenproduktion war natürlich jeweils durch die kostengünstigen Medien der jeweiligen Epoche bedingt, in der Epoche des Barock eben durch die Massenproduktion von Druck.

Was Tüskés und Knapp bezogen auf die Schriftkultur der frühen Neuzeit diskutieren – Titel, Einführung, Textauswahl, Themen, Argumente – ist das Anliegen der gegenwärtigen globalen Literaturgeschichte, das Wegkommen von den Nationalliteraturgeschichtsschreibungen. Literaturgeschichte war – aus der historischen Distanz klar ersichtlich – immer die Begegnung von verschiedenen Kulturen. Das ist gegenwärtig so – es gibt so gut wie keinen Schriftsteller von Rang, der nicht über Fremdsprachenkenntnisse verfügt; das Lesepublikum ist geradezu überschwemmt von Übersetzungen nicht nur aus den sogenannten Weltsprachen, sondern aus zahlreichen kleinen; die sogenannte Weltliteratur ist Schulstoff und zwar von der Primarstufe an – und auch in der Epoche der Nationalliteraturen, im Falle Ungarns ab Ende des 18. Jahrhunderts war es nicht unähnlich. Nicht umsonst begann diese nicht in Ungarn, sondern in Wien und nicht mit selbständigen Publikationen, sondern mit Übersetzungen und Adaptationen durch einen Literatenkreis um György Bessenyei. Alles was darauf folgte, war inspiriert von ähnlichen Entwicklungen vor allem im deutschen Sprachraum und begleitet von ähnlichen Entwicklungen in allen mitteleuropäischen Literaturen.

Tüskés und Knapp nehmen die schwierige und unerlässliche Arbeit der philologischen Aufarbeitung von Texten auf. Sie sind gründlich, ausführlich, beachten die wesentlichen publikationstechnischen Details. Sie leisten die unerlässliche Vorarbeit für literaturgeschichtliche und literaturtheoretische Diskussionen. Die reichlichen Hinweise ermöglichen das Kontextualisieren. Einen systematischen Vorgang streben sie nicht an.

Wie alle ähnlich konzipierten Sammelbände leidet auch dieser unter dem Problem, dass er nicht systematisch verfasst wurde und so zahlreiche in den einzelnen Beiträgen angesprochenen Beispiele, Argumente, Perspektiven im Band nebeneinanderstehen, ohne miteinander verknüpft zu werden. So taucht z. B. die literarische Bedeutung von Tugenden nicht nur bezogen auf Rimay und bezogen auf die protestantische Literatur, sondern auf die katholische Frömmigkeitspraxis auf. Die Frage, was sich daraus für die Litterae Hungariae ergibt, muss aber der Leser selbst stellen, ohne diesbezüglich Überlegungen von Knapp und Tüskés kennenlernen zu dürfen.

Besonders interessant für den heutigen Leser ist es, die Überlegungen des Autorenpaares zu verfolgen, in denen sie die verschiedenen Aspekte der Entwicklung des Ungarnbildes im Ausland diskutieren. Gegenwärtig (Mai 2020) kann das Ungarnbild im Ausland, falls man darunter das westliche Ausland meint, wo eine etwas differenziertere Auseinandersetzung mit Ungarn beobachtet werden kann, nur mit dem Wort ‚katastrophal‘ bezeichnet werden. So gilt eine als Frage formulierte Abschlussbemerkung von Tüskés, ob in den „zukünftigen Zusammenfassungen und Lehrbüchern über die europäische Geschichte“ (313) die beiden Zrínyis vorkommen würden, für den gesamten Band: was ist die Bedeutung des in ihm ausgebreiteten Wissens? Werden so einzelne herausragende Persönlichkeiten in einer gesamteuropäischen Kulturgeschichte untergebracht? Oder ist es die bescheidenere und wissenschaftlich gesehen eher argumentierbare Bedeutung, dass hier für das interessierte Publikum der Reichtum eines Spezialgebiets erahnbar gemacht wurde?

Online erschienen: 2020-11-11
Erschienen im Druck: 2020-11-09

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