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Publicly Available Published by De Gruyter June 20, 2016

»Abrahamitische Religionen«? Monotheismus und Trinität im Dialog von Judentum, Christentum und Islam

  • Eckhard von Nordheim EMAIL logo
From the journal Aschkenas

Abstract

The term ›Abrahamitic religions‹ is often heard within the dialog of the three religions, which seems to indicate that Abraham is an identification figure for all of them. In fact, Abraham has entirely different, and unrelated, roles to play in Judaism, Christianity and Islam. What really connects the three religions is that they are monotheistic. In spite of the fact that Jews and Muslims have a critical view of the Christian trinity, monotheism is the true connecting element between them. One should therefore no longer speak of ›Abrahamitic religions‹ but rather of the three ›monotheistic religions‹.

Häufig hört und liest man den Ausdruck »abrahamitische Religionen«, wenn es darum geht, Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen Judentum, Christentum und Islam aufzuzeigen. »Der Internationale Rat der Christen und Juden« mit Sitz in Heppenheim/Bergstraße unterhält ein »Abrahamic forum« als Dialog-Plattform für junge Menschen aus den drei Religionen. Doch ist dieser Ausdruck wirklich sinnvoll? Ist die Gestalt des Abraham geeignet, als Identifikationsfigur für die drei Religionen zu dienen? Deswegen soll im Folgenden die Figur Abraham und ihre Bedeutung in den drei Religionen näher untersucht werden.

Abraham im Judentum

Die grundlegende Stelle in der Tora hierfür steht in Gen 12,1–3:

V. 1: Und der Herr sprach zu Abram: Ziehe hinweg aus deinem Vaterlande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen werde;

V. 2: so will ich dich zu einem großen Volke machen und dich segnen und deinen Namen berühmt machen, dass er zum Segensworte wird.

V. 3: Segnen will ich, die dich segnen, und wer dir flucht, den will ich verfluchen; und mit deinem Namen werden sich Segen wünschen alle Geschlechter der Erde.

Abraham ist hier der erste Träger einer gewichtigen Verheißung: Er soll der Stammvater eines großen Volkes werden. Dieses Volk soll so wichtig werden, dass sich auch andere Völker an ihm orientieren sollen.

Den gleichen Tenor finden wir in einer Stelle, die zunächst einen ganz anderen Sinn zu haben scheint. In Gen 22 wird Abraham von Gott aufgefordert, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern, zu töten. Damit wäre die Verheißung des großen Volkes, das von Abraham abstammen sollte, zunichte gemacht. Abraham ist gehorsam, vertraut auf einen geheimen Sinn, den nur Gott kennt, und ist bereit zum Opfer. Im letzten Moment verhindert Gott das Opfer des einzigen Sohnes und verheißt Abraham erneut:

V. 17: … darum will ich dich segnen und dein Geschlecht so zahlreich machen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Gestade des Meeres, und dein Geschlecht wird das Tor seiner Feinde besitzen;

V. 18: mit dem Namen deines Stammes werden sich Segen wünschen alle Völker der Erde, weil du mir gehorcht hast.

Die Verheißung des großen Volkes, das von Abraham abstammen wird, an dem sich sogar die anderen Völker orientieren werden, wird bestätigt.

Sogar im Neuen Testament gibt es eine Stelle, die die Abstammung aller Israeliten von Abraham und eine vermeintliche Sonderstellung deswegen bestätigt. Johannes der Täufer ruft seine Zuhörer zur Buße auf und sagt (Mt 3):

V. 8: Bringet darum Frucht, die der Buße gemäß ist,

V. 9: und meinet nicht, bei euch selber sagen zu können: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.

Abraham ist im Judentum ganz eindeutig der Stammvater des Volkes Israel. Zugleich ist er der Träger einer Segensverheißung, die dem Volk Israel eine Sonderstellung unter den Völkern verleiht. Es ist das auserwählte Volk Gottes.

Abraham im Christentum

In Gen 15,1–6 steht eine weitere Verheißung Gottes an Abraham:

V. 5: Und er (Gott) führte ihn (Abraham) hinaus und sprach: Schaue gen Himmel und zähle die Sterne – ob du sie zählen kannst? Und er verhieß ihm: So sollen deine Nachkommen sein.

V. 6: Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.

Paulus greift im Römerbrief (4,1–3) diese Stelle auf und interpretiert sie:

V. 1: Was können wir nun darüber sagen, was Abraham, unser Stammvater nach dem Fleisch, erlangt hat?

V. 2: Wenn nämlich Abraham aus Werken gerechtgesprochen wurde, so hat er Ruhm. Aber nicht vor Gott.

V. 3: Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet.«

Zwar nennt Paulus Abraham »unseren Stammvater«, aber mit dem Zusatz »nach dem Fleisch«. Das bedeutet nur die völkische Abstammung, nicht aber die Verheißung des erwählten Volkes. Hier legt Paulus einen ganz anderen Schwerpunkt: Er zitiert aus Gen 15,1–6 nur den letzten Vers und legt damit das Schwergewicht auf den Glauben Abrahams. Der Glaube Abrahams ist das Wesentliche und das Vorbild, dem man nacheifern soll. Das aber kann und soll für jeden Christen gelten – unabhängig von einer Zugehörigkeit zum Volk Israel.

Die gleiche Stelle Gen 15,1–6 wird auch im Jakobusbrief (2,21–24) aufgenommen, zwar anders interpretiert als in Röm 4,1–3, aber wieder wird nur V. 6 herausgegriffen, die Betonung des Glaubens Abrahams. Die Verheißung des erwählten Volkes spielt keine Rolle.

Paulus greift den Gedanken der Verheißung des erwählten Volkes auch im Galaterbrief (3,26–29) auf:

V. 26: Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus.

V. 27: Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen.

V. 28: da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.

V. 29: Wenn ihr aber Christus angehört, seid ihr ja Abrahams Nachkommenschaft, Erben gemäß der Verheißung.

In diesem berühmten Text legt Paulus alle völkischen, sozialen oder geschlechtlichen Unterschiede nieder. Sie sind ohne Bedeutung. Wichtig ist allein die Zugehörigkeit zu Christus Jesus. Abrahams Nachkommenschaft und damit das Erbe der Verheißung wird jetzt ausdrücklich auf die Taufe und auf den Glauben an Christus Jesus übertragen. Die ausschließliche Erwählung des Volkes Israel wird damit aufgehoben.

Abraham als der vorbildhaft Glaubende und gleichfalls seine Frau Sarah werden auch im Hebräerbrief (11,8–11) hervorgehoben:

V. 8: Aus Glauben erwies sich Abraham, als er berufen wurde, gehorsam, an einen Ort auszuziehen, den er zum Erbteil empfangen sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme.

V. 9: Aus Glauben siedelte er sich an im Lande der Verheißung als in einem fremden und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten.

V. 10: Denn er wartete auf die Stadt, die die festen Fundamente hat, deren Erbauer und Schöpfer Gott ist.

V. 11: Durch Glauben empfing auch Sara selbst Kraft, Nachkommenschaft zu erhalten trotz ihres Alters, weil sie den für treu achtete, der es verheißen hatte.

Der Text zitiert die grundlegende Verheißung in Gen 12 und auch die Verheißung eines Sohnes für Abraham und Sarah in Gen 18, und doch liegt der Schwerpunkt der Argumentation ausschließlich auf dem Glauben und dem Vertrauen von Abraham und Sarah. Auch hier spielen weder die Abstammung noch die Erwählung eine Rolle.

Damit kann man zusammenfassen:

Im Neuen Testament wird Abraham deutlich als der mustergültig Glaubende dargestellt, als Vater und Vorbild des Glaubens. Die Wichtigkeit der Abstammung und damit der Erwählung wird entweder übergangen oder sogar ausdrücklich bestritten. Wer glaubt, gehört zu Gott. Alles andere ist ohne Bedeutung.

Abraham im Islam

Abraham bzw. Ibrahim spielt auch im Islam eine große Rolle.

In Sure 3,68 heißt es:

Abraham war weder Jude noch Christ, und er war fromm und reinen Glaubens, ein Hanif, kein Götzendiener.

Bezeichnend ist hier, dass Abraham aus dem Judentum und dem Christentum herausgenommen wird. Der Grund dafür wird aus dem Folgenden ersichtlich. In der 6. Sure steht:

V. 75: »Erinnere dich, als Abraham zu seinem Vater Asar sprach: Nimmst du wohl Bildwerk zu Götzen an? Ich sehe nun, ihr, du und dein Volk, seid in einem offenbaren Irrtum!«

V. 79: »… O mein Volk, ich nehme keinen Anteil mehr an eurem Götzendienste,

V. 80: ich wende mein Angesicht zu dem, der Himmel und Erde geschaffen hat, als Hanif rechtgläubig, will ich nicht mehr zu den Götzendienern gehören.«

V. 83: »Wisst ihr das? Die, welche glauben und ihren Glauben nicht mit dem Unrecht (i. e. Götzendienst) bekleiden, die leben in Sicherheit und sind recht geleitet.«

14. Sure, V. 36: »Erinnere dich an Abrahams Wort. Er sagte: O mein Herr, gib diesem Lande Sicherheit und bewahre mich und meine Kinder vor dem Götzendienste …«

Abraham bzw. Ibrahim ist im Koran der Kämpfer gegen den Götzendienst. Er ist der Begründer des Monotheismus, der erste Monotheist. Er ist eigentlich der erste echte Moslem, der ausschließlich den einen Gott, Allah, verehrt. Um diese herausgehobene Position zu unterstreichen, wird er auch aus Judentum und Christentum herausgenommen.

Der Kampf Abrahams gegen die Götzen steht nicht im Alten Testament. Interessanterweise nimmt hier der Koran eine Tradition auf, die in jüdischen sog. zwischentestamentlichen Schriften enthalten ist, also Schriften, die in hellenistischer Zeit im Judentum entstanden sind, aber nicht kanonisch wurden. Mohammed muss sie bei seinen häufigen Kontakten mit Juden in mündlicher Form erfahren haben.

So heißt es im »Buch der Jubiläen«, Kap. 12:

V. 1: »Und es geschah in der sechsten Jahrwoche, in ihrem siebenten Jahr, da redete Abram zu seinem Vater, indem er sagte: Vater! Und er sagte: Siehe, ich, mein Sohn.

V. 2: Und er sagte: Welche Hilfe und Vorteil sind uns von diesen Götzen, die du verehrst und vor denen du niederfällst?

V. 3: Denn in ihnen ist kein Geist. Denn sie sind stumm, und ein Irrtum des Herzens sind sie. Verehrt sie nicht!

V. 4: Verehrt den Gott des Himmels, der Regen und Tau herabsteigen lässt auf die Erde und der alles auf der Erde macht und alles geschaffen hat durch sein Wort! Und alles Leben ist von seinem Antlitz.

V. 5: Weshalb verehrt ihr die, in denen kein Geist ist? Denn Werke von Händen sind sie, und auf euren Schultern tragt ihr sie. Und euch wird keine Hilfe von ihnen sein, sondern große Schande denen, die sie gemacht haben, und Irrtum des Herzens denen, die sie verehren. Und nun, Vater, verehrt sie nicht!

V. 6: Und er sagte zu ihm: Auch ich weiß es, mein Sohn. Was soll ich machen (mit) dem Volk, welche mir befohlen haben, vor ihnen zu dienen?

V. 7: Und wenn ich ihnen die Wahrheit erzähle, werden sie mich töten. Denn ihnen folgt ihre Seele bei ihnen, dass sie sie verehren und sie loben. Schweige mein Sohn, nicht sollen sie dich töten!

V. 8: Und er erzählte diese Rede seinen beiden Brüdern. Und sie wurden zornig über ihn, und sie brachten ihn zum Schweigen.

V. 9: Und im 40. Jubiläum, in der zweiten Jahrwoche, in ihrem siebenten Jahr, nahm sich Abram eine Frau, und ihr Name (war) Sora, Tochter seines Vaters. Und sie wurde ihm zur Frau.

V. 10: Und Haran, sein Bruder, nahm sich im dritten Jahr, in der zweiten Jahrwoche (eine Frau). Und sie gebar ihm einen Sohn im siebenten Jahr dieser Jahrwoche. Und er nannte seinen Namen Lot.

V. 11: Und auch Nahor, sein Bruder, nahm sich eine Frau.

V. 12: Und im 60. Jahr des Lebens Abrams, das ist die vierte Jahrwoche, in ihrem vierten Jahr, erhob sich Abram in der Nacht und verbrannte das Haus der Götzen. Und er verbrannte alles in diesem Haus. Und es war kein Mensch, der es wusste.«

Die Zerstörung eines Götzenbildes findet sich in ähnlicher Form auch im Testament des Hiob Kap. 1–5, nur in diesem Fall übertragen auf die Person des Hiob.

Abraham/Ibrahim ist also im Islam in erster Linie der Bekämpfer der Götzen, die Allah in seiner Einzigkeit bedrohen oder beeinträchtigen. Allah etwas zuzugesellen bzw. neben ihn zu stellen, gilt im Islam als größte Sünde.

Als Fazit der Untersuchung der Gestalt des Abraham in den drei Religionen kann man also feststellen:

Abraham werden in den drei Religionen jeweils ganz andere Funktionen zugewiesen: der Stammvater des erwählten Volkes im Judentum, Muster und Vorbild des Glaubens im Christentum, Gründer des Monotheismus im Islam. Es macht also wenig Sinn, ihn als Identifikationsfigur für den Dialog der drei Religionen heranzuziehen. Es gibt zwar die Figur des Abraham/Ibrahim in allen drei Religionen, doch hat dieser jeweils eine eigene Rolle mit eigenen Funktionen und Eigenschaften.

Nun könnte man versuchen, eine andere Person, die in allen drei Religionen eine Rolle spielt, in den gemeinsamen Mittelpunkt zu stellen, etwa König David, Elia, Mose oder sogar Adam. Das Ergebnis dürfte aber in jedem Fall ein ähnliches sein wie bei Abraham. Jede dieser Personen wird in den drei Religionen anders interpretiert. Was wäre aber sonst eine grundlegende Gemeinsamkeit der drei Religionen, die jeweils die Basis des Glaubens ist? Schließlich sind das Judentum, das Christentum und der Islam ja doch deutlich miteinander verwandt und aufeinander bezogen. Als wirkliche Gemeinsamkeit und Grundlage für einen echten Dialog kann nur der Monotheismus gelten. Er ist das wichtigste Charakteristikum aller drei Religionen.

Wie kam es überhaupt zum Monotheismus?

Eine etwas romantische Vorstellung (Jer 2,1–3) besagt, dass der Monotheismus Israels in der Wüste entstanden sei, auf der Wanderung von Ägypten in das Land Kanaan. Dort gab es keine Zivilisation, keinen Kontakt mit anderen Völkern und damit keine Kenntnis anderer Götter. Die Wüste galt in Israel auch oft als Ort der Meditation und Einkehr, der Besinnung auf Gott.

Tatsächlich hat Israel im Land Kanaan viele andere (Natur-)Götter kennen gelernt. Deshalb wurde schon sehr bald das 1. Gebot verkündet, das die Hinwendung zu anderen Göttern und ihre Verehrung untersagte. Streng genommen ist das 1. Gebot aber noch kein Ausdruck eines echten Monotheismus; denn es geht ja noch von der Existenz anderer Götter aus, wenn es ihre Verehrung untersagt. Man spricht in dem Fall von Monolatrie, der alleinigen Hinwendung zu einem Gott.

Ohne die umfangreiche Monotheismus-Debatte in der alttestamentlichen Wissenschaft zu berücksichtigen, soll hier nur festgehalten werden, dass der strikte Monotheismus im babylonischen Exil klar zur Ausbildung kam. In dieser Zeit der babylonischen Gefangenschaft mussten die exilierten Israeliten den Verlust ihres Königtums, von Tempel und Kult und ihres Landes der Verheißung verkraften. Sie waren konfrontiert mit einer politischen Übermacht und einer hoch entwickelten religiösen Kultur und vor allem Literatur. Sie standen vor der Wahl der Assimilation, also der Aufgabe ihrer bisherigen Traditionen, oder des Widerstandes. Sie entschieden sich für Letzteres und schufen z. B. eigene Schöpfungserzählungen als Gegenstück zu dem berühmten babylonischen Schöpfungsmythos »Enuma elish«. Nicht der Gott der Babylonier Marduk sondern der Gott Israels habe die Welt erschaffen. Bei dem Exilspropheten Deuterojesaja (Jes 44,9–20) findet sich richtiggehende Polemik gegen die fremden Götter, die doch nichts Anderes als Holz aus dem Wald, von einem Bildhauer geschnitzt, oder Eisen, von einem Schmied geschmiedet, seien. Erst jetzt entsteht der echte Monotheismus, der die Existenz anderer Götter rundweg bestreitet.

Dieser Monotheismus wurde zum grundlegenden Bekenntnis aller drei Religionen:

a) Im Judentum wurde der kurze Satz im Alten Testament (Dt 6,4): »Höre Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einer«, das sog. »Sch<hoch>e</hoch>ma Israel«, zum Grundbekenntnis für alle Zeit bis heute. Ausführlich dargestellt wird der Monotheismus im Gebet »Jigdal«, einem der Morgengebete im Siddur:

Erhaben ist der lebendige Gott und gepriesen, er ist, und keine Zeit beschränkt sein Dasein. Er ist einzig, und nichts ist einzig gleich seiner Einzigkeit, er ist unsichtbar, und unendlich ist seine Einheit.

b) Im Islam lautet das grundlegende Glaubensbekenntnis (Schahadah): »Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott. Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist.«

Ausgeführt wird dieses Bekenntnis zum Monotheismus in der 112. Sure:

Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Sprich: Allah ist der alleinige, einzige und ewige Gott (der unwandelbare). Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.

c) Das Christentum bekennt den Monotheismus im Glaubensbekenntnis, allerdings in der Form der Trinität. Das ist jedoch für die beiden anderen Religionen unverständlich bzw. sogar anstößig. Im aschkenasischen Judentum im Mittelalter gab es eine ausgedehnte Diskussion, ob das Christentum wegen seines Bekenntnisses zu einem dreieinigen Gott nicht Gotteslästerung sei. Erst nach längerer kontroverser Diskussion wurde der Monotheismus des Christentums anerkannt. Im Islam war der Widerstand gegen die christliche Trinität eher noch größer. »Die Muslime vertreten einen absoluten Monotheismus, der sich an der Christologie (Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott) und an der Trinitätslehre (Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist) reiben muß.«[1] Schon im Koran gibt es eine Polemik gegen die Trinität:

Sure 4, V. 172: »Wahrlich, der Messias Jesus, der Sohn Marias, ist ein Gesandter Allahs, und das Wort, das er Maria niedersandte, eine Erfüllung Allahs und sein Geist. Glaubt daher an Allah und seinen Gesandten, sagt aber nichts von einer Dreiheit. Vermeidet das, und es wird besser um euch stehen. Es gibt nur einen einzigen Gott. Fern von ihm, daß er einen Sohn habe. Sein ist, was in den Himmeln und auf Erden ist. Allah genügt als Beschützer.«

Beide Religionen betrachten die christliche Lehre von der Trinität als eine Aufhebung bzw. Auflösung oder wenigstens Aufweichung des Monotheismus.

Dagegen gab es christliche Versuche, die Trinität aus der biblischen Tradition zu begründen:

a) Gen 18,1–16:

V. 1: Und der Herr erschien ihm (i. e. Abraham) bei der Terebinthe Mamres, während er am Eingang seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war.

V. 2: Wie er nun seine Augen erhob und sich umschaute, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Sobald er sie sah, eilte er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen, verneigte sich zur Erde

V. 3: und sprach: Mein Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe doch nicht an deinem Knechte vorüber.

Hier und in der weiteren Folge dieses Textes wechselt ständig der Singular mit dem Plural ab. Es ist von drei Männern die Rede, und doch heißt es immer wieder »der Herr«. Und da steht im Hebräischen der Gottesname, das Tetragramm. Es ist also eindeutig der Gott Israels angesprochen. Die drei Männer sind drei Erscheinungsformen des einen Gottes. Die drei repräsentieren den einen.

In der russisch-orthodoxen Kirche wurde im 16. Jahrhundert von dem berühmtesten russischen Ikonenmaler Andrej Rublev eine Ikone gemalt, die die Erzählung von Gen 18 aufnimmt und im Sinne der Trinität interpretiert. Dieses Ikonenmuster wird bis heute gemalt, ist weit verbreitet und gilt als Symbol der Trinität.

b) Jes 6,1–5:

V. 1: In dem Jahr, da der König Usia starb, sah ich den Herrn auf einem hohen und erhabenen Throne sitzen, und seine Säume füllten den Tempel.

V. 2: Saraphe standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien bedeckte er sein Angesicht, mit zweien bedeckte er seine Füsse, und mit zweien flog er.

V. 3: Und einer rief dem anderen zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen! Die ganze Erde ist seiner Herrlichkeit voll!

V. 4: Da erbebten die Grundlagen der Schwellen von der Stimme des Rufenden, und das Haus ward voll von Rauch.

V. 5: Da sprach ich: Wehe mir! ich bin verloren! denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen und wohne unter einem Volke mit unreinen Lippen – und habe den König, den Herrn der Heerscharen, mit meinen Augen gesehen.

Der König, der hier angesprochen wird, ist Gott, aber er wird dreimal heilig genannt. Diese Dreiheit in der Einheit wurde schon in der frühen Kirche auf die Trinität hin gedeutet.

Dieses Trishagion hat ja auch Eingang in die Abendmahlsliturgie gefunden, sicherlich im Sinne der Trinität. Das sanctus von Jes 6,3 ist auch der Tagesspruch des Festes Trinitatis.

In der deutschen katholischen Dormitio-Kirche in Jerusalem findet sich genau in der Mitte ein Fußbodenmosaik mit drei ineinander verschlungenen gleich großen Kreisen. Ein weiterer großer Kreis umschließt die drei kleineren. In jedem Kreis steht das hebräische Wort קדוש = heilig – ein deutlicher Bezug auf Jes 6. Die drei gleich großen Kreise, umschlossen von einem größeren, symbolisieren die Trinität.

c) Num 6,22–27:

V. 22: Und der Herr redete mit Mose und sprach:

V. 23: Rede mit Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr zu den Israeliten sprechen, wenn ihr sie segnet:

V. 24: Der Herr segne dich und behüte dich!

V. 25: Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig!

V. 26: Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

V. 27: Wenn sie so meinen Namen auf die Israeliten legen, will ich selbst sie segnen.

Den Segen erteilen die Aaroniden im Namen des Herrn, des einen Gottes Israels, aber in dreifacher Form. Wieder haben die ersten Christen in diesem Segen die Dreiheit Gottes in der Einheit erkannt. Deswegen wurde diese Form des Segens im Gottesdienst der evangelischen Kirchen zum Standard erhoben. Vermutlich wird er aus genau diesem Grund im Synagogen-Gottesdienst nicht verwendet.

d) die Trinität als Bild

In äthiopischen Kirchen kann man oft als Wandmalerei drei alte Männer sehen mit jeweils einem Heiligenschein. Die Männer sind ganz gleich dargestellt, direkt nebeneinander, gleich groß und mit gleicher Kleidung. Durch die Gleichheit der Abbildung wird dem Betrachter klar, dass die drei Männer zusammengehören. Sie sind eigene Personen, aber doch zusammengehörig. So kann man die Trinität sogar als Bild darstellen.

Aus deutschen Kirchen ist die Symbolik für Gott bekannt als gleichseitiges Dreieck mit einem Auge in der Mitte und Strahlen außen herum. Die Seiten des Dreiecks sind gleich lang, die Winkel gleich groß. Jede Seite berührt die beiden anderen. Das Auge in der Mitte bedeutet, dass alle zugleich sehen können. Die Strahlen außen unterstreichen die Heiligkeit. Gott ist also eine Einheit, aber in sich zugleich eine Dreiheit.

Diese Auffassung der Trinität in Wort (Interpretation) und Bild ist zugleich die Bewahrung des Monotheismus im Christentum.

Fazit

Der Monotheismus steht im Zentrum der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam. »Abraham« ist aufgrund seiner verschiedenen Funktionen in den Religionen keine geeignete Identifikationsfigur. Man sollte in Zukunft statt von »abrahamitischen Religionen« besser von den drei »monotheistischen Religionen« sprechen.

Literaturverzeichnis

Die heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments, Zürcher Bibel. Stuttgart 1966.Search in Google Scholar

Der Koran. Das Heilige Buch des Islam. München 1999.Search in Google Scholar

Klaus Berger: Das Buch der Jubiläen. Gütersloh 1981 (Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit; II,3).Search in Google Scholar

Christfried Böttrich/Beate Ego/Friedmann Eißler: Abraham in Judentum, Christentum und Islam. Göttingen 2009.Search in Google Scholar

Jutta Sperber: Dialog mit dem Islam. Göttingen 1999.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-6-20
Erschienen im Druck: 2016-6-20

© De Gruyter 2016

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