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Publicly Available Published by De Gruyter Saur February 6, 2014

Lesen macht stark

Kinder aus Hohenschönhausen entdecken ihren Kiez neu

  • Julia Schabos

    Julia Schabos

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From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Im Juli 2013 startete der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv) gemeinsam mit der Stiftung Digitale Chancen das Projekt „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“. Seit Oktober 2013 setzten lokale Akteure erste Aktionen des dbv zur Leseförderung mit digitalen Medien in die Praxis um. Dieser Artikel bietet einen Überblick über das Projekt sowie einen Praxisbericht der Anna-Seghers-Bibliothek in Berlin-Lichtenberg.

Abstract:

In July 2013 the German Library Association (Deutscher Bibliotheksverband dbv) launched the project “Reading makes you strong. Reading and digital media” (Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien) together with the Digital Opportunities Foundation (Stiftung Digitale Chancen). Since October 2013 local agents have been putting first initiatives into practice in order to promote reading that makes use of digital media. The following article gives a survey of the project and reports on activities realized in the public library Anna-Seghers-Bibliothek in Berlin-Lichtenberg.

1 Das Projekt

Was macht eine Bibliothek für Kinder und Jugendliche interessant? Und wie erreicht man sie, wenn sie durch ihr Umfeld nicht an das Lesen herangeführt werden? Diesen Fragen stellte sich der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv) bei der Ausgestaltung des Projektes „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“. Dabei unterstützt der dbv gemeinsam mit der Stiftung Digitale Chancen die Leseförderung von bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 18 Jahren mit digitalen Medien. Das Projekt ist Teil des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer konvergenten Medienwelt auf. Vor allem durch das Internet werden Inhalte immer häufiger cross-medial entwickelt, genutzt und bearbeitet. Voraussetzung für diese Form der Mediennutzung ist aber immer auch die Fähigkeit zu lesen, um sich alle medialen Inhalte erschließen zu können. Dieses Verständnis unterschiedlicher medialer Inhalte ist Voraussetzung für die Teilhabe an der Gesellschaft und den Bildungserfolg.

Die Vermittlung von Sprach-, Lese-, Informations- und Medienkompetenz ist eine der Kernaufgaben von Öffentlichen Bibliotheken. Sie stellen dazu ein vielfältiges Angebot an Medien aller Arten bereit. Angesichts der wachsenden Verbreitung von neuen Lesemedien ist es daher ein Ziel von „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“, den althergebrachten Lesebegriff zu erweitern und digitale Medien nicht als Konkurrenz oder Gegensatz zu den gedruckten Medien zu sehen, sondern die Potenziale aller Lesemedien zu erkennen und zu nutzen.

Fünf außerschulische Angebote schlagen dabei die Brücke von alltäglicher Mediennutzung zur Leseförderung und greifen die Interessen der Zielgruppe auf. Ausgangspunkt ist immer ein gelesener Text, der dann mit digitalen Medien aufgegriffen und weiterentwickelt wird. TING-Stifte, Tablet-PCs, Web- oder Social Media Plattformen schaffen so bei der Projekt-Umsetzung spielerisch einen leichten Zugang zum Lesen.

2 Vor Ort vernetzt

Alle Angebote von „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“ werden lokal und von mindestens drei Institutionen gemeinsam umgesetzt. In den nächsten vier Jahren werden Bibliotheken in Städten und Gemeinden Bündnisse initiieren, die sich der Durchführung der Angebote des dbv und der Stiftung Digitale Chancen widmen. Unterstützt werden diese Bündnisse von Ehrenamtlichen, die zur digitalen Leseförderung bundesweit kostenlos durch die Stiftung Digitale Chancen qualifiziert werden. Ziel ist dabei die nachhaltige Vernetzung der Akteure vor Ort und die Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements für eine bessere Bildung.

In 2013 haben bereits 32 Bündnisse aus neun Bundesländern die Förderungszusage für Aktionen im Rahmen von „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“ erhalten. Die bewilligten „Bündnisse für Bildung“ aus Bibliotheken und weiteren Trägern der kulturellen Bildung überzeugten im Rahmen der ersten Ausschreibung eine unabhängige Jury inhaltlich und mit der kreativen Ausgestaltung der fünf altersgerechten Angebote.

Eine der geförderten Aktionen wurde von der Anna-Seghers-Bibliothek in Berlin-Lichtenberg ins Leben gerufen. Im Rahmen des Projektes hat sich die Bibliothek mit zwei weiteren Partnern des Bezirks zusammengetan, dem Hort der Matibi-Grundschule und LEG LOS!, der Anlaufstelle für Jugendmedienarbeit in Lichtenberg (M2B e.V.). Gemeinsam wählten sie die Aktion „Fotostory 2.0. – Fotografiere deine Geschichte“ des dbv und passten das Konzept für ihre Bedürfnisse an. Selbstbewusst nennt sich die Aktion „Wir Kinder aus Hohenschönhausen – Meine Fotostory“.

3 Die Kinder aus Hohenschönhausen

Am 4. November 2013 startete das Projekt. Bis zum Sommer 2015, dem 30. Jubiläum der Großwohnsiedlung Hohenschönhausen, werden insgesamt 48 Schüler der Matibi-Schule, im Alter von sieben bis zehn Jahren, im Hort oder in Ferienkursen daran teilnehmen. Ausgehend von einer Geschichte zum Thema Stadtrandsiedlung entwickeln die Kinder mit Tablet-PCs Fotogeschichten zu ihrem Bezirk, die anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten in der Bibliothek und der Schule ausgestellt werden. Ziel ist dabei die Förderung der Lese- und Erzählfähigkeit. Die Auseinandersetzung mit aufbereiteten Inhalten und deren Transfer in ein neues Medium fordert die Kinder in ihrer kreativen Bearbeitung und Gestaltung von Inhalten.

Die Anna-Seghers-Bibliothek ist als einzige Bibliothek in Berlin-Hohenschönhausen ein zentraler Ort für die Literaturvermittlung, Leseförderung und die Entwicklung der Medienkompetenz für Kinder und Jugendliche. Dafür stellt sie geeignete Medienangebote bereit und pflegt vielfältige Kooperationen mit Schulen, Kindergärten und anderen Einrichtungen im Umfeld der Bibliothek. Zwischen der Bibliothek und der Matibi-Schule besteht schon seit einigen Jahren eine enge Kooperation. Die Schule sowie der Hort nutzen die Angebote der Bibliothek regelmäßig. Im Hort werden die Kinder bis zur 4. Klasse nachmittags sowie in den Ferien betreut. Dabei steht neben Sport und Spiel auch die Leseförderung an wichtiger Stelle.

Durch die sozialräumliche Vernetzung im Bezirk konnten zusätzlich die Mitarbeiter vom Verein „Leg Los“ für das Projekt gewonnen werden. Der Verein initiiert und unterstützt medienpädagogische Projekte in Lichtenberg. Ziel der Arbeit ist es, Kinder und Jugendliche zum aktiven und kreativen Umgang mit den Medien anzuregen und die Entwicklung von Medienkompetenz zu fördern.

In ersten Treffen der drei Bündnispartner wurde schnell entschieden, die Jubiläumsfeierlichkeiten des Bezirks in das Projekt thematisch mit einzubeziehen. Die Antragstellung erfolgte durch die Bibliothek und wurde vom Projektteam des dbv betreut.

4 Ein Besuch in der Bibliothek

Zur Auftaktveranstaltung am 4. November 2013 in der Anna-Seghers-Bibliothek sollten die Jungen und Mädchen zuerst etwas mehr über die Stadtteilentwicklung erfahren. Für die einen Hochhaussiedlung und Problembezirk, für die anderen liebenswerter Lebensraum mit Abenteuerpotenzial: Für die sieben- bis zehnjährigen Teilnehmer/innen ist Hohenschönhausen einfach ihr Zuhause. Dort wohnen sie, besuchen die Schule, den Hort oder die Bibliothek. Doch wie sah es dort vor 30 Jahren aus? Gab es damals schon Hochhäuser oder noch Wiesen und Felder? Lebten dort viele Kinder?

Abb. 1:  Lesestunde in der Anna-Seghers-Bibliothek in Berlin-Lichtenberg.
Abb. 1:

Lesestunde in der Anna-Seghers-Bibliothek in Berlin-Lichtenberg.

Corinna Eckert, die zuständige Medienpädagogin der Anna-Seghers-Bibliothek und Projektleiterin, begrüßte die Kinder in der Bibliothek und stellte Herrn Heagert vor, einen begeisterten Hobby-Fotografen, der das gesamte Projekt ehrenamtlich unterstützen wird. Er wohnt bereits seit über 20 Jahren in Hohenschönhausen und hat dessen Entwicklung fotografisch begleitet.

Nach einem kurzen Kennenlernen versammelten sich alle um das Smartboard. Was auf den ersten Blick nach einem digitalen Memory-Spiel aussah, entpuppte sich als projizierte Bildausschnitte, die in der richtigen Anordnung ein Motiv der Umgebung zeigten. Von der U-Bahn-Station Hohenschönhausen über die Matibi-Schule bis hin zur Anna-Seghers-Bibliothek erkannten die Kinder schnell die entsprechenden Orte und setzten diese mit ihrem täglichen Leben in Verbindung: „Dort wohne ich!“, „Das ist unsere Schule.“, „Das ist die Bibliothek, da sind wir gerade!“

Abb. 2:  Quizspaß am Smartboard
Abb. 2:

Quizspaß am Smartboard

Gemeinsam ergaben die Fotos ein Gesamtbild von Hohenschönhausen. Anhand einer Fotodokumentation aus den letzten Jahrzehnten zeigte Herr Heagert, wie sich Lebenswelten wandeln können. Trotzdem wurde auf den Bildern schnell Bekanntes entdeckt und mit Orten verglichen, die den Kindern vertraut sind.

Wie andere Kinder am Stadtrand ihre Freizeit verbringen, erzählte Frau Eckert am Beispiel des Buchs „Wir Kinder aus dem Möwenweg“ von Kerstin Boie. Bei der Lesung erfuhren die Zuhörer alles über die Abenteuer der Kinder aus dem Möwenweg.

Abb. 3:  Abenteuer erleben mit den Kindern aus dem Möwenweg.
Abb. 3:

Abenteuer erleben mit den Kindern aus dem Möwenweg.

Beim nächsten Treffen im Hort ließen die Kinder die Geschichte noch einmal Revue passieren und verglichen gemeinsam mit ihrer Erzieherin, Frau Püschel, und Frau Eckert den Möwenweg mit ihren Lebensräumen, Spielplätzen und Orten, an denen sie sich aufhalten. Anschließend wurden erste Ideen für eine Fotostory entwickelt.

Es folgen noch drei weitere Termine in 2014, in denen die Kinder auch erneut die Bibliothek besuchen und dort im Umgang mit den Tablet-PCs vertraut gemacht werden. Sie schießen mit Unterstützung der Mitarbeiter von LEG LOS! (M2B e.V.) gemeinsam erste Fotos und bekommen einen Eindruck, wie eine Fotostory entwickelt werden kann. Ausgehend von der gelesenen Geschichte wird dabei in kleinen Gruppen gemeinschaftlich ein Storyboard konzipiert – geschrieben oder gemalt, abhängig von den individuellen Fähigkeiten der Kinder. So werden auch Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche einbezogen und die Angst vor Fehlern genommen.

Beim vierten Termin geht es schließlich an die Umsetzung. Passend zur entwickelten Bildergeschichte, entdecken die Kinder ihren Bezirk neu und machen unter der Anleitung von Herrn Heagert erste Fotos. Dabei erlernen sie Grundkenntnisse im Bereich digitaler Fotografie und Motivsuche und was bei der Wahl des richtigen Bildausschnitts zu beachten ist.

Am Abschlusstermin werden die entstandenen Fotos gesichtet und in den Räumen des M2B e.V. mit Hilfe der Mitarbeiter bearbeitet und anhand der Drehbücher am Tablet-PC schließlich zu Fotostorys zusammengefügt.

Im Rahmen der Veranstaltungen zum 30-jährigen Jubiläum Hohenschönhausen, eröffnet am 18. November 2014 in der Anna-Seghers-Bibliothek die Ausstellung der ersten Projektergebnisse. Gemeinsam präsentieren Herr Haegert und die im Projekt beteiligten Kinder in einer großen Ausstellung ihre Fotostorys. Zu diesem festlichen Anlass werden alle Kinder, deren Eltern, Familien und die Bündnispartner eingeladen. Bis zum Projektabschluss im Juli 2015 wird die Ausstellung jeweils erweitert und bis zum Ende der Jubiläumsfeierlichkeiten in der Bibliothek bzw. in der Schule zu sehen sein.

„Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“ ist ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. in Kooperation mit der Stiftung Digitale Chancen im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Fünf altersgerechte Angebote richten sich dabei an bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 18 Jahren.

Interessierte Bibliotheken und Einrichtungen können sich über www.buendnisse-fuer-bildung.de für Fördergelder bewerben. Informationen zum Projekt und zur Ausschreibung unter: www.lesen-und-digitale-medien.de

Nächster Ausschreibungstermin: 1. April 2014 bis 15. Mai 2014. Weitere Termine werden noch kommuniziert.

About the author

Julia Schabos

Julia Schabos

Julia Schabos:

Published Online: 2014-02-06
Published in Print: 2014-02-28

© 2014 by De Gruyter

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bd-2014-0021/html
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