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Publicly Available Published by De Gruyter Saur April 30, 2014

Interkulturelle Bibliotheksarbeit ganz praktisch: das Portal www.interkulturellebibliothek.de

Susanne Schneehorst
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Deutschland hat sich zum Einwanderungsland entwickelt. Viele Bibliotheken haben auf den demografischen Wandel reagiert und definieren sich zunehmend als Lernorte (inter-)kultureller Bildung. Es mangelt jedoch an zentralen Informations- und Serviceangeboten für den Bestandsaufbau in Fremdsprachen und für die Gestaltung interkultureller Bibliotheksangebote. Die dbv-Kommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit bietet u. a. durch das Web-Portal www.interkulturellebibliothek.de den Bibliotheken vor Ort theoretische und praktische Hilfestellungen.

Abstract:

In recent decades people have become aware of the fact that Germany is a country of immigration. Many libraries have responded well to demographic change and migration defining themselves increasingly as extra-curricular places of (inter)-cultural education. However, there is a lack in central information and other assistance with regard to the development of multilingual collections and to the creation of various intercultural services. Since 2008 the Commission for Intercultural Library Services set up by the German Library Association (dbv) have been supporting libraries in establishing such services, for instance via their web portal www.interkulturellebibliothek.de which provides theoretical instructions and practical assistance.

„Deutschland ist kein Einwanderungsland“ hieß es jahrzehntelang, obgleich Einwanderung seit Ende des Zweiten Weltkrieges (in beide deutsche Staaten) immer stattgefunden hat. Erst im letzten Jahrzehnt des vergangenen und im ersten des noch jungen Jahrtausends fand ein Wandel statt – Einwanderung bzw. die Eingewanderten und ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt rückten in den Fokus öffentlichen Interesses. Sieht man sich die Zuwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte an, wird dieser Wandel sichtbar: Am 1. Januar 2000 trat ein neues Staatsangehörigkeitsgesetz in Kraft. Die Staatsangehörigkeit wurde nicht mehr vom Abstammungsprinzip abgeleitet, sondern vom Geburtsort. Aus ausländischen Kindern wurden Kinder mit Migrationsgeschichte, aus Ausländern und Eingebürgerten wurden Migranten und Menschen oder Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund. Zuwanderungskommission, Integrationsbericht, Nationaler Integrationsplan, Integrationsgipfel, Islamkonferenz usw. sind weitere Stichworte, die unter den Oberbegriffen „Migration“ und „Integration“ die Debatte um das Woher und Wohin der Gesellschaft bestimmten. Inzwischen debattieren wir über Diversity Management, d. i. die Wertschätzung kultureller Vielfalt, interkulturelle Kompetenz, Mehrsprachigkeit und Transkulturalität. Willkommens- und Anerkennungskultur und interkulturelle Öffnung sind weitere Begriffe, die debattiert werden – jedenfalls an Orten der Diskussion, die nicht von Schlagworten wie Sozialtourismus und Armutszuwanderung bestimmt werden.[1] Fest steht, dass bundesweit der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung 18,9 % beträgt, regional schwankt dieser Anteil zwischen 3,3 % in Thüringen und 27,5 % im Stadtstaat Hamburg.[2] Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt der Anteil erheblich höher.

Abb. 1: Statistische Zahlen zum Migrationshintergrund der Bevölkerung.

Abb. 1:

Statistische Zahlen zum Migrationshintergrund der Bevölkerung.

Wie haben die Bibliotheken auf die neu gestaltete Zuwanderungs- und Integrationspolitik und den gesellschaftlichen Wandel durch Einwanderung reagiert? Viele öffentliche Bibliotheken, meist in Großstädten, stellen schon seit den 1970er oder 1980er Jahren Medien in einigen Einwanderersprachen bereit. Zumeist waren diese in den traditionellen „Gastarbeitersprachen“ verfasst: Türkisch, Griechisch, Italienisch, Spanisch, aber auch in den Schulsprachen Englisch und Französisch. Als Reaktion auf die Umwälzungen in Osteuropa kamen Anfang der 1990er Jahre Russisch, Polnisch u. a. dazu. An kontinuierlicher Pflege und aktiver Vermittlung der Angebote hat es jedoch lange Zeit gefehlt – nicht zuletzt mangels zentraler Beschaffungs- und Erschließungsquellen. Besonders hervorzuhebende Ausnahmen bildeten die Türkische Bibliothek in Duisburg und die Namik-Kemal-Bibliothek in Berlin. Beide Einrichtungen haben sich übrigens im Laufe der Jahrzehnte gewandelt zu interkulturellen Bibliotheken – aus den Bibliotheken für „Gastarbeiter“ wurden Orte der (inter-)kulturellen Bildung.[3] 1999 ergab eine von der „Arbeitsgruppe der LektorInnen der DBV-Sektion 1“ durchgeführte Umfrage zu „Zentralen Serviceleistungen Fremdsprachen“ einen erheblichen Bedarf an Hilfestellungen beim Bestandsaufbau.[4] Mit der Abwicklung des Deutschen Bibliotheksinstitutes hatte zum Jahresende 1999 das einzige zentrale Beratungsangebot eingestellt werden müssen.[5]

Zeitgleich zur veränderten Wahrnehmung der Einwanderung begann man in den ersten Jahren dieses Jahrtausends über die Bedeutung der Muttersprache für die frühkindliche Entwicklung bei Kindern nicht-deutscher Muttersprache und zweisprachige Erziehung zu debattieren.[6] Die durch die Ergebnisse der ersten PISA-Studie 2000/2001 angeregte Diskussion über das Versagen des deutschen Bildungssystems im Hinblick auf Kinder und Jugendliche nicht-deutscher Muttersprache hat sicherlich dazu beigetragen. In diesen Jahren haben viele Bibliotheken festgestellt, dass sie auf die Veränderung ihres Zielpublikums reagieren müssen, und angefangen, ihre Angebotspalette zu überdenken. Es ging nicht mehr ausschließlich um Fragen des Bestandsaufbaus bzw. die Probleme bei der Beschaffung fremdsprachiger Medien, sondern um die Entdeckung der eingewanderten Bevölkerung als Bibliothekskunden der Gegenwart und Zukunft. Aus fremdsprachigen bzw. muttersprachlichen Angeboten für Menschen nicht-deutscher Sprache in den Bibliotheken wurden „interkulturelle Bibliotheksangebote“. Viele Bibliotheken suchten nach Programmen zur Sprachförderung als Vorstufe zur Leseförderung und nach zweisprachigen Medien. Und: auch die Verlagslandschaft reagierte mit einer Vielzahl von Neugründungen und verstärkter Herausgabe von zweisprachigen Kindermedien.[7]

Im Jahre 2004 trafen sich einige interessierte Kolleginnen in Stuttgart und überlegten, was zu tun sei. In vielen Bibliotheken bestand akuter Bedarf an:

  1. Fremd- und mehrsprachigen Medien für Kinder und Erwachsene und Deutsch-Lern-Materialien,

  1. Konzepten für unterstützende Angebote bei der Sprach- und Leseförderung sowie

  1. Konzepten für Bibliotheksbesuche von Integrations- und Deutschkursen.

Das Zuwanderungsgesetz machte im Jahr darauf den Besuch eines Integrationskurses für viele Einwanderer und Einwanderinnen zur Pflicht – der gemeinsame Bibliotheksbesuch gehört für viele dieser Kurse zum Programm, auch wenn es bisher (noch) nicht möglich war, den Besuch der örtlichen Bibliothek fest im Curriculum dieser Kurse zu verankern.[8]

Und es fehlt an Konzepten für neue Wege der Kommunikation mit den neuen Zielgruppen. Pressemitteilungen über die örtliche Tagespresse oder Flyer für ein ausschließlich deutschsprachiges Zielpublikum hatten sich in vielen Bibliotheken als uneffektiv erwiesen.

Als Ergebnis dieses formlosen Treffens wurde eine Fachgruppe „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“ ins Leben gerufen. Erstes Ergebnis war die im September 2004 eingerichtete Mailingliste OeB_multikulturell, über die Informationen zur interkulturellen Bibliotheksarbeit ausgetauscht werden konnten. Diese Liste hat inzwischen fast 400 Abonnenten! Die Fachgruppe installierte auf dem Fachstellenserver die Plattform: Multikulturelle Bibliotheksarbeit.

Im Sommer 2006 berief die Sektion 1 des dbv eine Expertengruppe „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“, die später in eine Kommission umgewandelt wurde. Zu deren Zielen und Aufgaben gehörten die Schaffung eines verstärkten Bewusstseins für Fragen der interkulturellen Bibliotheksarbeit in der Öffentlichkeit und der Fachwelt, die Erstellung eines Leitfadens für die interkulturelle Bibliotheksarbeit, das Sammeln und Dokumentieren von Best-Practice-Beispielen, der Aufbau eines Expertennetzes für den Bestandsaufbau u. v. m.[9] Hochgesteckte Ziele, an deren Verwirklichung sich die fünf Mitglieder der Expertengruppe voller Elan machten. Es galt, die Erfahrungen aus zahlreichen Bibliotheken, die Kenntnisse unzähliger Einzelpersonen unter einem Dach zusammenzufassen. Schon bald stießen Kolleginnen vom Goethe-Institut, der ekz, dem Büchereiverband Österreichs bvö und der Schweizer Bibliomedia als Gäste zur Gruppe, die ihr umfangreiches Wissen in die Gruppe einbrachten. Der Gedanke, eine Webplattform als Forum für interkulturelle Bibliotheksarbeit einzurichten, lag nahe, gab es doch in einigen Ländern Vorbilder.[10] Die Idee eines virtuellen Werkzeugkastens unter dem Dach des Bibliotheksportals von dbv und knb war geboren.

Welche Bereiche bibliothekarischen Arbeitens umfasst interkulturelle Bibliotheksarbeit und welche Werkzeuge sollte der Kasten enthalten? In einer durch kulturelle Vielfalt geprägten Gesellschaft ist interkulturelle Bibliotheksarbeit eine Querschnittsaufgabe, die alle Bereiche bibliothekarischen Handelns betrifft. Die Expertengruppe wollte möglichst praxisorientiert arbeiten: Bibliothekskonzepte, Beispiele aus der Lese- und Sprachförderung, Veranstaltungskonzepte, Literaturlisten etc. wurden gesammelt, kategorisiert und umformatiert. Die Expertinnen des knb leisteten wertvolle Unterstützung bei der Konzeption der Plattform und der Programmierung. Im September 2008 war es soweit: Expertengruppe, dbv und knb konnten www.interkulturellebibliothek.de der Öffentlichkeit präsentieren.

Kernstück des Portals war und ist die Link- und Dateisammlung in derzeit 27 Sprachen. Für jede Sprache werden Texte für die bibliothekarische Arbeit, Bibliotheksglossare und Online-Wörterbücher, Nachweise fremdsprachiger Bestände in deutschen Öffentlichen Bibliotheken, Linksammlungen zu Sprache und Kultur, Links zu fremdsprachigen Wikipedia-Plattformen, Links zu Medien, Zeitungen und Zeitschriften, Textvorlagen zu Maßnahmen der Sprach- und Leseförderung und landeskundliche Informationen zu Deutschland und zum Thema Gesundheit nachgewiesen. Für manche Sprachen, z. B. Türkisch, Russisch oder Polnisch, sind diese Nachweise sehr umfangreich, in anderen Sprachen ist die Anzahl der nachgewiesenen Quellen eher spärlich. Das Anforderungsprofil ist einem ständigen Wandel unterworfen. Viele türkische oder russische Einwandererfamilien benötigen keine muttersprachlichen Materialien (mehr), sie sind zwei- oder deutschsprachig. Andere Sprachen werden dagegen plötzlich nachgefragt. Ein Beispiel: In die Stadtbibliothek Nürnberg kommen derzeit zahlreiche Gruppen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Die jungen Menschen sprechen Amharisch, Pashto, Dari und Tigrinya – Sprachen, in denen es bisher noch kein Glossar, kein Infoblatt o. ä. gibt. Auch Materialien in Bulgarisch und Rumänisch werden seit einigen Monaten häufiger verlangt. Die welt- und europaweite Migration findet hier ihren – wenn auch kleinen – Niederschlag. Wie kann eine Bibliothek ihr Angebot vermitteln, wenn die Deutschkenntnisse der Besucher und Besucherinnen noch nicht für ein Gespräch reichen? Alle im Sprachenportal hinterlegten oder verlinkten Texte dürfen kopiert werden. Natürlich freuen sich die Urheber, wenn sie bei der Weiterverwendung genannt werden. Übersetzerhonorare etc. entstehen jedoch nicht. Mit ein wenig Kreativität ist es möglich, einen kurzen Benutzungsführer für die eigene Bibliothek aus den Textbausteinen zusammenzubasteln. Seit 2013 sind auch das interkulturelle Wimmelbild „Bibliotheken entdecken“ und die dazugehörigen mehrsprachigen Materialien über das Portal abrufbar.[11]

Abb. 2: Das Wimmelbild „Bibliotheken entdecken.“

Abb. 2:

Das Wimmelbild „Bibliotheken entdecken.“

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Praxisbeispiele zur Veranstaltungsarbeit und Bibliotheksführungen. Muttersprachliche Glossare können hier hilfreich sein, wichtiger jedoch ist die Atmosphäre. Das Portal bietet einige Beispiele aus Bibliotheken, die sich mit der Schaffung von „Wohlfühlatmosphäre“ für Deutschkursteilnehmerinnen und -teilnehmer besonders beschäftigt haben. Wie erfindungsreich Bibliotheken bei der Konzeptionierung von Sprachförderprogrammen für Jung und Alt sind, lässt sich anhand der Beispiele ebenfalls ablesen.

Auch ein Werkzeugkasten kommt ohne Theorie nicht aus. Der Anspruch, interkulturelle Bibliotheksangebote in den Rahmen bundesweiter Integrationspolitik einzubetten, ist sicherlich etwas hoch gegriffen. Dennoch bieten der Nationale Integrationsplan/Aktionsplan der Bundesregierung und die Web-Seite des Bundesamts für Integration und Flüchtlinge (BAMF) wertvolle Hilfestellungen, wenn es darum geht, politische Entscheidungsträger vor Ort von der Notwendigkeit interkultureller Bibliotheksdienstleistungen zu überzeugen. Einige Bibliotheken stellten ihre Konzepte interkultureller Angebote als Argumentationshilfe für Nachahmer zur Verfügung. Tipps zum Bestandsaufbau, Links zu einschlägigen Literaturlisten und eine Vielzahl von Links zum Thema Deutsch Lernen runden das Angebot ab.

Der Markt für fremdsprachige Medien ist leider sehr kurzlebig. Buchhandlungen werden eröffnet und zum Teil in sehr kurzer Zeit wieder geschlossen. Aus diesem Grunde wurde die Liste mit Buchhandelsadressen aus der knb-Plattform ausgelagert. Unter http://oebmultikulturell.wordpress.com/bezugsquellen/ führt die dbv-Kommission in- und ausländische Buchhandlungen auf, die Medien in zahlreichen Sprachen anbieten. Die wordpress-Plattform ist flexibler als das professionell vom knb und dbv gestaltete Bibliotheksportal. Wer will, kann mitarbeiten. Der Nachweis ausgewählter Fachliteratur und Hinweise zu Organisationen und Plattformen im Ausland gehören ebenfalls zum Angebot. Auch die Auftritte der Kommission auf den letzten Bibliothekartagen sind dokumentiert.

Nach mehr als fünf Jahren www.interkulturellebibliothek.de lässt sich resümieren: Hilfen zum Bestandsaufbau, annotierte Listen, Katalogisate usw. kann die Kommission leider nicht bieten. Diese Lücke, die das dezentral ausgerichtete deutsche Bibliothekswesen aufweist, kann nicht von Einzelnen geschlossen werden. Mit Neid blicken wir immer noch in andere Länder, in denen den Bibliotheken vor Ort bei der Beschaffung und Erschließung fremdsprachiger Medien Hilfestellung gegeben wird. Die ekz hat ihr Angebot in den großen Einwanderersprachen zwar ausgebaut und verstetigt, es fehlt jedoch weiterhin eine Einrichtung, die den Bibliotheken schnelle Hilfestellung gibt bei der Beschaffung einschlägiger Medien, gerade auch in neu nachgefragten Sprachen, z. B. Bulgarisch, Dari oder Pashto.[12]

Die Konzeption als Werkzeugkasten hat sich bewährt. Der praktische Nutzwert ist hoch, wenn eine Bibliothek vor Ort z. B. einen Autor mit türkischen Wurzeln sucht oder einen Überblick über die Bibliotheksgebühren in russischer Sprache abfassen will. Auffällig ist die Fülle der Angebote zur Sprach- und Leseförderung für Kinder nicht-deutscher Muttersprache. Theoretische Konzepte hingegen sind weniger gefragt.

Eine Netzplattform, die von fünf Kommissionsmitgliedern dezentral mit Material bestückt und zentral in Berlin von knb und dbv gehostet wird, kann nicht immer aktuell und schnell gepflegt werden. Blog-Plattformen wie Wordpress sind eine ideale Ergänzung, da sie kollektiv gestaltet werden können. Die dbv-Kommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit ist dabei, ihren Auftritt neuer und attraktiver zu gestalten. Noch in diesem Jahr wird http://oebmultikulturell.wordpress.com/ durch zahlreiche neue Rubriken ergänzt und erweitert werden. In neuem Format wird die Plattform dann die Mailingliste OeB_multikulturell ablösen. Nach ca. 450 Rundmails mit Anschaffungstipps, Veranstaltungshinweisen u. v. m. in fast zehn Jahren hat sich das Format „Mailingliste“ überholt. Wer will, kann in Zukunft „Follower“ der dbv-Kommission auf Wordpress werden.

Susanne Schneehorst:

Published Online: 2014-04-30
Published in Print: 2014-05-31

© 2014 by De Gruyter

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