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Publicly Available Published by De Gruyter Saur June 10, 2015

Öffentlichkeitsarbeit in der Stadt-und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder)

„Nirgends kann man den Grad der Kultur einer Stadt und überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller und doch zugleich richtiger kennen lernen, als in den Lesebibliotheken.“ Heinrich von Kleist, 1800

Dirk Wissen
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder) hat in den letzten Jahren ihre Aktivitäten im Bereich der Öffentlichkeits- und Veranstaltungsarbeit intensiviert. Durch zahlreiche Kooperation mit Kultureinrichtungen, Buchhandlungen und Unternehmen ist es ihr gelungen, ein starkes Netzwerk aufzubauen und das Image der Bibliothek neu zu prägen.

Abstract:

During the last years, the city and regional library (Stadt- und Regionalbibliothek) Frankfurt (Oder) has intensified its activities in the fields of public relations work and event management. Through numerous co-operations with cultural institutions, bookshops and companies the library succeeded in building a strong network and give itself a new image.

Gegenwärtig hat die Stadt Frankfurt (Oder) 57.999 Einwohner. Ein Bürger der Stadt war der Dichter Heinrich von Kleist, der am 18. Oktober 1777 hier geboren wurde. Die Kleiststadt begreift sich aber auch als Musik-, Sport- und Universitätsstadt und stellt sich als unmittelbarer Grenzort zu Polen bewusst in einen europäischen Kontext. Die Stadt- und Regionalbibliothek (SRB) leitet aus eben diesem städtischen Selbstverständnis ihre strategischen Ziele ab. Als Bildungs- und Kultureinrichtung richtet sie von Zeit zu Zeit Projekte in diesem interdisziplinären Kontext aus und bietet z. B. spezielle Medienpräsentationen und Veranstaltungen zu Kleist, zur Musik (z. B. durch ihr Bach-Archiv) und zum Sport (im vergangenen Jahr z. B. Fotodokumentationen zu den Söhnen der Stadt, dem Olympiniken Weingarten oder den Schwergewichtsboxer Henry Maske). Als Sportstadt, nahm die Bibliothek im vergangenen Jahr die Fußball-WM zum Anlass, während des Stadtfestes im Juli 2014 die deutsche und polnische Autorennationalmannschaft zu einem Fußballturnier antreten zu lassen.

Abb. 1:  Kleist-Zitat im Schaufenster der SRB.

Abb. 1:

Kleist-Zitat im Schaufenster der SRB.

Mit solchen Aktionen sollen Erwachsene in die SRB gelockt werden, getreu dem Motto „Nur wenn Erwachsene lesen, lesen auch die Kinder“. Und dieses Prinzip ist im vergangenem Jahr aufgegangen. So kann die Bibliothek für das Jahr 2014 auf eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr bei ihren Besuchen um plus 14.343 Besuche, bei den Entleihungen um plus 15.049 Entleihungen und bei den Leseausweiskartenbesitzern um plus 221 Nutzer verweisen.

Schwerpunktmäßig hat die SRB darüber hinaus in den vergangenen Jahren ihre Öffentlichkeitsabreit intensiv in Form von mehr Kooperationen, mehr Pressemitteilungen und mehr Veranstaltungen ausgebaut. Hierdurch ließen sich Multiplikatoren und neue Partner gewinnen und somit das Ziel verfolgen, gemeinsam mit Partnern ein positives Image der Bibliothek zu vermitteln.

Die Stadt Frankfurt (Oder) und ihre Region sind von einem starken Strukturwandel geprägt. So ist die Stadt geprägt von einem starken Einwohnerwegzug, steigendem Altersdurchschnitt, hoher Arbeitslosigkeit und zahlreichen Pendlern. Im FOCUS-Städteranking vom März 2014 belegte Frankfurt (Oder) den letzten von 402 Plätzen.[1] Doch begreift die Stadt ihre Chancen, einerseits im Potenzial, mit Słubice eine einmalige deutsch-polnische Doppelstadt zu werden, und andererseits in ihrer hohen Dynamik mit Entwicklungspotenzial.

Auch die SRB erkennt die Gunst ihrer geografischen Lage an der deutsch-polnischen Grenze an und kann schon jetzt gemeinsame Kooperationsvereinbarungen mit allen vier Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken beider Städte vorweisen. Gemeinsam bieten diese deutsch-polnische Leseförderprojekte und Veranstaltungen an und sprechen sich auch in den Bestandsangeboten ab, die die Einwohner beider Städte nutzen können. Gemeinsam mit anderen Akteuren aus Frankfurt und Słubice konnte die Bibliothek bestehende Freundschaften ausbauen und neue Partner gewinnen. Diese Zusammengehörigkeit lässt ein Wir-Gefühl entstehen und stärkt die Identifikation der Bürger mit ihrer Bibliothek.

So bietet die Bibliothek u. a. verschiedene Attraktivitäten für die Wachstumsbranche „Tourismus“ im Land Brandenburg. In stadthistorisch bedeutenden Gebäuden untergebracht, ist sie Aufenthaltsort für Touristgruppen, bietet Gästen aus nah und fern die Möglichkeit, in angenehmer Atmosphäre Kaffee zu trinken, tagesaktuelle Zeitungen zu lesen, ihre Mails abzurufen oder an Veranstaltungen teilzunehmen.

Diese Angebote präsentiert sie auch seit Jahren im Familienpass Brandenburg. Kulturtourismus betreibt die Stadtbibliothek nicht nur als Gastgeber gegenüber Besucherinnen und Besuchern: Die Veranstaltungsflyer der SRB liegen im Tourismusbüro und in den Hotels der Stadt aus. Das reichhaltige Bildungs- und Kulturangebot, das im Jahr 2014 mehr als 161.000 Besucher in die Räume der SRB führte, lockt auch bekannte Autorinnen und Autoren nach Frankfurt (Oder), wie z. B. Judith Hermann oder Birk Meinhardt im vergangenen Jahr oder im Mai dieses Jahres Martin Walser. U. a. durch solche allgemeinen Kooperationen entstand ein positiver Imagewandel der Bibliothek. Ihr Bild wird nach außen getragen und sie profitiert darüber hinaus auch vom Image ihrer Partner.

Abb. 2:  Anstieg der Partner in den letzten zehn Jahren.

Abb. 2:

Anstieg der Partner in den letzten zehn Jahren.

Oberste Qualitätskriterien der SRB sind in Bezug auf ihr Medienangebot die Aktualität sowie die Bedarfsorientierung. Die Bibliothek ermöglicht Zugang zum lokalen wie weltweiten Wissen in digitaler und physischer Form durch Bestsellerangebote, Leserwünsche, Digitale Lesestifte, E-Medien, Konsolenspiele, Blue-Rays, Wii-Spiele, Hörbücher oder auch Gesellschaftsspiele. Die SRB bietet Orientierung in der sich ständig wandelnden Medienwelt und ist Garant für die Grundversorgung von Information und Medien.

Vor allem für ihre Bildungs- und Kulturangebote hat die Bibliothek einige regionale sowie überregionale kompetente Partner. So organisiert sie z. B. zusammen mit Buchhandlungen vor Ort und dem Landesverband des Börsenvereins regelmäßig Vorlesewettbewerbe, wie in diesem Jahr auch den Landeswettbewerb für Brandenburg.

Und auch mit bibliothekarischen Verbänden, Fachfirmen sowie lokalen Unternehmen werden Fortbildungen zur Medienkompetenzschulung durchgeführt. Durch gemeinsame Planung und Durchführung solcher Veranstaltungen erfährt die SRB im Dialog mit ihren Partnern deren Erwartungen oder auch Ideen, mitunter sogar Kritik, die sie als fördernd empfindet. Durch diese neuen Gedankengänge und Inspirationen von außen gestaltet die Bibliothek die Abläufe und Inhalte neu und kann eine bessere Qualität der jeweiligen Dienstleistungen anbieten.

Ihre Kernaufgaben definiert die SRB unter dem Stichwort „Kulturelle Bildung“, die sich in der „Leseförderung“, „Literaturvermittlung“ sowie „Schulung von Medienkompetenz“ ausprägt. Die SRB versteht sich gleichermaßen als Bildungs- und Kultureinrichtung für Bürger und Gäste der Stadt sowie für alle Kitas und Schulen der Stadt und Region. Sie leistet mit ihrem dazugehörigen Veranstaltungsprogramm einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Bildung bei den Bürgern und insbesondere zum lebenslangen Lernen – dazu gehören Medienkisten und Themenboxen, Vorlesepaten, eine Puppenbühne, ein Bilderbuchkino, Klassensätze, Bibliothekseinführungen sowie Hilfe beim Erarbeiten von Facharbeiten. Die Zusammenarbeit mit den Kindertagesstätten und Schulen ist dafür eine wichtige Grundlage. Die SRB gestaltet ihre Angebote überwiegend mit freiem Eintritt, sodass für jeden Menschen die Möglichkeit besteht, an kultureller Bildung teilzuhaben.

Die SRB ist als Öffentliche Bibliothek Teilbetrieb des Kultureigenbetriebes Frankfurt (Oder) mit Sitz in zwei Häusern im Zentrum der Stadt. Die Bibliothek begleitet, koordiniert und initiiert Projekte, um eine lebendige Kultur in der Stadt als Netzwerker zwischen Bildungs- und Kulturinstituionen und der freien kulturellen Szene mitzugestalten. Der kulturelle Austausch sowie die Förderung von Kreativität bilden dabei Eckpfeiler.

Abb. 3:  SRB-Gebäude, Haus 1.

Abb. 3:

SRB-Gebäude, Haus 1.

Die Bibliothek versteht ihre zahlreichen Kooperationspartner als Multiplikatoren in Bezug auf den allgemeinen und fachlichen Informationsaustausch untereinander. Die Partner haben ein gewisses Maß an Standing und Reputation. Die SRB steht durch ihre Freundschaften im Fokus als Ansprechpartner und wird verstärkt für die Durchführung von Projekten und Veranstaltungen angefragt. Die Bibliothek versteht sich deshalb als eine offene und selbstlernende Bildungs- und Kultureinrichtung, mit einem Team, das sich kontinuierlich weiterentwickelt und fortbildet. Das Bibliotheksteam tritt gegenüber seinen Kunden serviceorientiert, kompetent und leistungsbereit auf. Bürgernahe Beratung in einer sich stetig weiterentwickelnden Umwelt geht nur mit einem starken Netzwerk, in dem die lernenden Institutionen miteinander in Beziehung stehen, sich ergänzen und voneinander im Umgang mit Wissen und Informationen profitieren.

Ein wichtiger Faktor für die gestiegene Besucherfrequenz der SRB ist nicht nur das qualitative Angebot, sondern auch eine Erhöhung der Anzahl von Kooperationspartnern in den letzten Jahren, die als Multiplikatoren u. a. das Interesse der Bürger an der Bibliothek steigern. Jede einzelne der derzeit über 180 lokalen sowie überregionalen Partnerschaften ist dabei individuell wichtig!

So unterstützt beispielsweise die Märkische Oderzeitung die Bibliothek einmal im Jahr in den Sommermonaten durch redaktionelle Begleitung bei ihrer Sommerleseförderaktion. Durch diese Leseförderaktion konnten in den letzten fünf Jahren über 500 Neukunden gewonnen werden und die Zeitung hatte jeden Sommer ein Thema für ihr Sommerloch. Durch Partnerschaften wie diese kann die SRB mehr Leistung erwirken und es bedeutet für sie nicht nur Arbeitsteilung, sondern auch eine Erhöhung der Anzahl ihrer Angebote, Besucher, Veranstaltungen sowie Neukunden und eine Verbesserung ihres Images.

Zudem werden durch ein „Ehrenamtscafé“ freiwillige und engagierte Bürger eingeladen, durch ihren Einsatz in anregenden und interessanten Aufgabenbereichen der Bibliothek mitzuwirken. Dadurch hat die SRB in den vergangenen Jahren über 30 Freiwillige gewinnen können, die u. a. die Planung und Organisation von Veranstaltungen und Projekten in den Bereichen der Leseförderung oder auch Medien- und Literaturvermittlung unterstützen. Die Bürger haben die Möglichkeit, sich mit ihren Impulsen einzubringen und die Angebote zu bereichern. Diese Netzwerke sorgen für Bürgernähe, denn die SRB ist somit direkt im Geschehen verankert und kann sich an den Bedürfnissen, Interessen und Problemlagen der Bürger orientieren.

Die SRB ist ein Ort, an dem Lese- und Medienkompetenz sowie Literaturvermittlung ihre Heimstatt haben, weshalb das Angebot über die klassische Ausleihe von Büchern weit hinaus geht. Die Frankfurter Bürger sollen sich in ihrer Bibliothek zu Hause fühlen. Deshalb sorgt die SRB als Wohlfühlort für eine besondere Aufenthaltsqualität sowie eine angenehme Atmosphäre, die den Strom der Gedanken angenehm fließen lässt – beim Studium der aktuellen Zeitungen und Zeitschriften, gemeinsamen Schularbeiten oder an den für Bibliotheksmitglieder kostenfreien Internetplätzen.

Mit ihren Aktivitäten und Veranstaltungen wirkt die SRB als Begegnungsstätte im Zentrum der Stadt und trägt somit zur Belebung der Innenstadt bei. Dadurch, dass die SRB ihre Räume gern ihren Kooperationspartnern zur Verfügung stellt, erfährt sie Unterstützung durch diese, auch in finanzieller Weise durch manch eine Kostenübernahme beispielsweise bei Veranstaltungen für Honorare, Übernachtungs- oder Reisekosten, wie z. B. durch die Europa-Universität bei der Veranstaltungsreihe „Zwischen()Welten“. Doch oberster Gewinn ist hierbei zunächst die Qualitätssteigerung ihrer Angebote durch kompetente Kooperationspartner und die Profilierung und Imagesteigerung durch Partner und Freiwillige.

Kernaufgabe: Leseförderung

Als immaterielles Kulturgut prägt Vorlesen die Gesellschaft und ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für unsere Kommunikation. Wenn Erwachsene nicht lesen, lesen auch die Kinder nicht. Viele Kinderbücher führen die Kinder über Bilder und dann zunehmend mit mehr Text an das „Selberlesen“ heran. Da der SRB dies so wichtig ist, hat sie sich bundesweit als erste Bibliothek an dem Programm „Lesen macht stark“ sowie am Projekt „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ beteiligt, bei dem Kinder Lesematerial kostenfrei erhalten. Darüber hinaus können Erwachsene in der SRB Vorlesen erleben und lernen, denn die Bibliothek bietet ein spezielles Training an, das sich an Eltern, aber auch an Erzieher, Erzieherinnen und Lehrkräfte richtet, um als Vorlesepaten fungieren zu können. Darüber hinaus gibt es entsprechend den Alters- bzw. Klassenstufen Medienkisten, Klassenführungen und Vorlesewettbewerbe.

Kernaufgabe: Literaturvermittlung

Neben den genannten Leseförderprojekten gibt es zudem eine ganze Reihe von Veranstaltungsreihen zur Literaturvermittlung, die auch die Lesebegeisterung wecken sollen. So gibt es beispielsweise das Literaturcafé, in dem sich die Teilnehmer in gemütlicher Runde über gern gelesene Bücher austauschen können. Zudem bietet die SRB in den Wintermonaten ein Literaturkino an. Darüber hinaus findet einmal im Jahr die „Nacht der Poesie“ statt, bei der die vielfältige, kreative und ehrenamtliche freie Szene, die sich literarisch betätigt, ein öffentliches Podium erhält. Durch die „Nacht der Poesie“ und das viermal im Jahr stattfindende „Autorentreffen“ fördert die SRB das literarische Angebot der Stadt und Region. Daneben finden zahlreiche weitere einzelne Veranstaltungen für alle Altersgruppen statt, in der Literatur und hierdurch auch die Mediennutzung nahegebracht werden.

Abb. 4:  Autorentreffen in der Bibliothek.

Abb. 4:

Autorentreffen in der Bibliothek.

Als gemeinsame Kooperation wird zusammen mit dem Kleist-Museum einmal im Jahr der jeweilige Kleist-Preisträger eingeladen. Diese Art der Partnerschaft ist ein Beispiel dafür, wie die Bibliothek sich auch die Kompetenz ihrer Partner zunutze machen kann. In Kooperation mit Kleist-Museum, Kulturbüro, Museum Viadrina und Museum Junge Kunst beteiligt sich die SRB jährlich an der „Kurzen Nacht der Museen“.

Insbesondere durch Partner und Freiwillige wurden im vergangenen Jahr über 300 Veranstaltungen organisiert, durchgeführt sowie moderiert. Die SRB hat für Honorare nur einen geringen Jahresetat von maximal 6.000 Euro, sodass sie auf Partner, Honorarzahlungen und Kostenübernahme bei derartig vielen Veranstaltungen angewiesen ist.

So ist sie z. B. regelmäßig in Zusammenwirkung mit dem Literaturkollegium Brandenburg e. V. Gastgeber des Autorentreffens regionaler Autorinnen und Autoren. Diese Treffen bieten den Teilnehmern die Möglichkeit, sich nicht nur kennenzulernen und eigene Texte vorzulesen, sondern vor allem Erfahrungen über das Publizieren auf dem Medienmarkt auszutauschen. Positiver Nebeneffekt dieser gemütlichen Runden ist, dass einige der Autorinnen und Autoren freiberufliche Journalisten sind, die anerkennend über die SRB berichten.

Abb. 5:  Veranstaltung „Das Leben erzählen“.

Abb. 5:

Veranstaltung „Das Leben erzählen“.

Auch bei der Veranstaltungsreihe „Das Leben erzählen“, die im Mai dieses Jahres zum 50. Mal stattfand, werden die entstehenden Kosten vom Partner übernommen – die SRB stellt lediglich ihr Lesecafé zur Verfügung. In mehr als 300 Bänden werden Biografien von beiden Seiten der Oder als Erinnerung aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet von einem deutschen Verein „My Life – erzählte Zeitgeschichte e. V.“ und einer polnischen Stiftung des Collegium Polonicums zusammengetragen. Der Verein sammelt Lebensgeschichten, um sie vor dem Vergessen zu bewahren, pflegt die Kultur des Zuhörens und und setzt sich mit den individuellen Schicksalen auseinander. Bei den Lese- und Erzählnachmittagen, die monatlich stattfinden, stellt der Verein ausgewählte Lebensgeschichten seines Archivs „für menschliche Schicksale“ in der SRB vor. Das sind Beispiele lebendiger Zeitgeschichte, die in keinem Geschichtsbuch stehen.

Bei der Veranstaltungsreihe „Wissen trifft … – das Kulturgespräch an der Oder“ besuchen monatlich Literaten Frankfurt und stellen ihre aktuellen Werke vor. Hierdurch etablierte sich die Veranstaltungsreihe „Wissen trifft …“ zu einem Spiegel der gegenwärtigen Literaturszene und Forum für aktuelle Tendenzen des literarischen Diskurses. Sie ist Literaturförderung und -vermittlung gleichermaßen und bietet ein Podium für Neu- und Wiederentdeckungen, wodurch sie sich zu einer beliebten Literaturveranstaltung der Region entwickelt hat. In den vergangenen Jahren konnte die Bibliothek bereits auf eine Vielzahl von geladenen Gästen, darunter zahlreiche Buchpreisträger, wie z. B. Rolf Hochhuth, Erich Loest, Eugen Ruge oder Juli Zeh zurückblicken. Den Aufbau am Tag der Veranstaltung übernehmen Ehrenamtliche. Weitere Unterstützung erfährt die Bibliothek zudem durch die örtlichen Buchhandlungen, Fernseh- sowie Radiosender und die lokale Presse. Zudem wirken zahlreiche Verlage mit und übernehmen die Autorenvermittlung, liefern kostenfrei Fotos, Plakate, Pressematerialien und Verlagsinformationen.

Abb. 6:  Wissen trifft …

Abb. 6:

Wissen trifft …

Ähnlich ist die Veranstaltungsreihe „Zwischen()Welten“ konzipiert. Hierbei wird die deutschsprachige Literatur der Gegenwart ausländischer Autorinnen und Autoren vorgestellt und die Veranstaltung ist ebenfalls ein gutes Beispiel einer gelungenen Kooperation. Diese Darbietung richtet sich gleichermaßen an Studierende der Europa-Universität Viadrina sowie an Bürger der Stadt Frankfurt (Oder), die sich für junge Weltliteratur interessieren. Eingerahmt von einem Gespräch sowie einer lebhaften Diskussion mit dem Publikum, stellen die Autorinnen und Autoren wie Ulrike Draesner, Olga Grjasnowa, Abbas Khider oder Robert Schindel ihre neuesten Werke vor. Im Fokus der Veranstaltungsreihe stehen hierbei die Themenpunkte Exil, Grenzerfahrung, Migration, Integration und die damit verbundenen Fragen der Identität. Nicht nur die Kostenübernahme, auch die Organisation, Aufbau, Durchführung und Moderation wird von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Axel-Springer-Stiftungsprofessur der Europa-Universität Viadrina übernommen.

Kernaufgabe: Schulung von Medienkompetenz

Die SRB war bereits 1997 eine der ersten Bibliotheken in Deutschland mit einem eigenen öffentlichen Internetanschluss und hatte sehr früh gegenüber anderen Bibliotheken zur virtuellen Vernetzung eine eigene Website mit Integration des OPAC. Darüber hinaus war sie die fünfte Bibliothek deutschlandweit, die seit 2007 die E-Ausleihe anbietet. Seit 2012 arbeitet die Bibliothek im Onleihe-Verbund-Brandenburg mit den Bibliotheken SLB Potsdam, Fouqué-Bibliothek Brandenburg, SRB Cottbus sowie den Bibliotheken des Landkreises Potsdam-Mittelmark zusammen.

Dadurch ergeben sich neue Synergien, vor allem hinsichtlich eines breiten Bestandsangebotes und einer erhöhten fachlichen Kompetenz. Vor allem seit der Bereitstellung der E-Books im E-Pub-Format erfreut sich dieser Service zunehmender Beliebtheit und jährlich steigender Entleihungen und so konnten im Jahre 2014 für diesen Bereich 2.142 Zugriffe mehr im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet werden. Um den Nutzern den Umgang mit der neuen Medienform zu erleichtern, bietet die Bibliothek seit zwei Jahren auch entsprechende Endgeräte wie E-Book-Reader zum Verleih und seit diesem Jahr W-LAN an. Innerhalb solcher Verbünde und generell durch Partner haben Bürger verstärkt bzw. leichter die Möglichkeit, aktiv beim Bestandsaufbau oder bei Veranstaltungsinhalten mitzuwirken.

Interessant wäre es, in Zukunft auch neue Marketingformen wie das sogenannte „Virale Marketing“ für die Bibliothek zu nutzen. Dabei werden Informationen über geeignete Plattformen innerhalb kürzester Zeit, ähnlich einem biologischen Virus, von Mensch zu Mensch übertragen, wobei der Nutzer den Werbejob übernimmt. Das Spielen mit internetpopkulturellen Referenzen und Erwartungshaltungen ist zukünftig ein wichtiger Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit.

Ein weiteres nutzerorientiertes Angebote ist der „Mobile Bibliothekservice“. Dieser versorgt ans Haus oder Heim gebundene Menschen mit Medien. Dabei werden nicht nur Bücher und Medien von Ehrenamtlichen zu den Menschen gebracht, sondern bei Bedarf auch daraus vorgelesen oder die Abspielgeräte bedient. Um dieses umfassende Programm bieten zu können, gibt es ehrenamtliche Helfer, die die SRB tatkräftig unterstützen.

Große lobbyistische Unterstützung erfährt die SRB zudem durch ihren „Freundeskreis der Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder) e. V.“, der sich am 23. April 2012, dem „Welttag des Buches“, gründete. Der Verein stärkt laut Satzung die gesellschaftliche Bedeutung der Bibliothek und unterstützt ihren Bildungs- und Kulturauftrag im Hinblick auf deutsch-polnische Projekte für die Zielgruppen „Generation Plus“ und „Kinder und Jugendliche“.

Konkret konnte durch die Unterstützung und Kontakte des Fördervereins und durch dessen hohes Engagement in erfolgreicher politischer Lobbyarbeit die Situation für die Bibliothek gegenüber den geplanten Personalkürzungen in 2012 entschärft werden. In einer dreimonatigen Unterschriftenaktion konnten 4.246 Unterschriften bei damals 58.700 Einwohnern gesammelt werden. Der Freundeskreis trug hiermit nicht unerheblich dazu bei, dass u. a. eine bereits gestrichene Stelle wiederbesetzt werden konnte. Darüber hinaus gab es durch den Verein Unterstützung bei der Durchführung diverser Veranstaltungen zur Leseförderung für Kinder.

Um die genannten Kernaufgaben (Leseförderung, Literaturvermittlung und Schulung von Medienkompetenz) sinnvoll zu vermarkten, hat öffentliche Transparenz oberstes Prinzip. Es ist nicht nur wichtig, Service- und Leistungsangebote umzusetzen, sondern diese auch durch Öffentlichkeitsarbeit den Bürgern bekannt zu machen. Generell bilden Kooperationen im Hinblick auf Veranstaltungen den Schwerpunkt dieser Öffentlichkeitsoffensive im Zusammenspiel mit Lobbying und Pressearbeit. Hierzu werden u. a. halbjährlich ein Programmflyer verteilt, monatlich Newsletter an die Partner der Bibliothek und fast täglich Pressemitteilungen zu Veranstaltungen versendet. Dadurch, dass sowohl die SRB als auch ihre Partner Informationen an die Medien geben, vervielfältigt sich auch die Anzahl der Medienkontakte. Darüber hinaus erfahren die Pressemitteilungen eine Weiterverwertung in der Onlineselbstvermarktung und sie enthalten jeweils die Nennung der beteiligten Partner. Auch auf der Website der SRB werden alle Partner öffentlich genannt. Hingegen gibt es den Grundsatz, dass in den Räumlichkeiten der Bibliothek keine Werbeschilder der Partner installiert werden.

Täglich aktualisiert die SRB ihre Homepage und pflegt Termine in lokale und überregionale internetbasierte Veranstaltungskalender ein. Dies geschieht, um nicht nur Termine auf einen Blick sichtbar zu machen, sondern auch zur Koordinierung und somit zur Vermeidung unnötiger Überschneidungen in laufenden Stadtmarketingprozessen.

Die Bedeutung lokaler, regionaler und internationaler Kooperationen im Bildungs- und Kulturbereich nimmt vor allem vor dem Hintergrund der Veränderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu. Ohne Projektpartner für kooperative Zusammenarbeit wird es zukünftig nicht gehen. Schwerpunkt der Kooperationen der SRB ist die gemeinsame Ausrichtung und Vernetzung kultureller Veranstaltungen. Für die Bibliothek gibt es auch zahlreiche Beispiele bereits gut funktionierender Kooperationen, zum einen mit den Bildungs- und Kultureinrichtungen der Stadt, der feien Szene aber auch mit Firmen, Hochschulen, Verbänden, einzelnen Vereinen und anderen Institutionen, die beispielsweise dem fachlichen Austausch dienen. Inzwischen bestehen darüber hinaus z. B. auch überregionale Kontakte zum Goethe-Institut oder zur US-Botschaft. Ziel ist es, dauerhaft über institutionelle Grenzen hinwegzublicken, sich zu öffnen und das Bewusstsein zu stärken, um als innovativer Kulturbetrieb zu agieren. Vorhandene Kooperationen sollen weiterhin gepflegt werden, ebenso wie die Erschließung weiterer Kooperationsfelder ausgebaut werden soll.

Solche Verbindungen ermöglichen darüber hinaus eine hierarchisch flache Verständigung in den Kommunikationsbeziehungen. Durch die Gleichberechtigung werden beide Seiten weder rechtlich benachteiligt noch bevorzugt.

Rückblickend hat sich in der SRB in den vergangenen sieben Jahren ein stimmiges und profilgebendes Zusammenspiel von Kooperatiosarbeit, Lobbying, Presse- und Veranstaltungsarbeit sowie Werbung ergeben, das sich Öffentlichkeitsarbeit nennt. Begonnen hat diese im Umfeld der Amtseinführung des neuen Direktors im Jahr 2008. Im Rahmen einer Kontaktoffensive zwecks Netzwerkbildung, Imagegewinn und dem Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek wurden in den ersten 100 Amtstagen jeder des Bibliotheksteams sowie über 100 Persönlichkeiten, die für die Bildungs- und Kulturlandschaft von Bedeutung sind, ins Direktionsbüro eingeladen. Intensive Beziehungen konnten von Beginn an mit Direktoren anderer Bibliotheken, Museen, Bildungs- und Kultureinrichtungen Frankfurts, aber z. B. auch zum Oberbürgermeister und zum Hausmeister hergestellt werden. Auf die Einladungen auf eine Tasse Espresso folgten Gegeneinladungen zu Ausstellungs- und Veranstaltungseröffnungen. Durch diese Offensive konnten nicht nur schnell ein Netzwerk aufgebaut, sondern das Image der SRB von Beginn an neu geprägt und somit ein neuer Blick auf die Bibliothek erzielt werden.

Heute versteht sich die SRB als repräsentative Stätte des identitätstiftenden Bürgerdialogs und ist im Zentrum der Stadt als öffentlicher Knotenpunkt für verschiedenste städtische Akteure präsent. Die Bibliothek ist offen für Vorhaben, Projekte und Veranstaltungen und sieht es als nötig an, ihre Partnerschaften zu pflegen und immer neue Kontakte zu knüpfen, um zusätzliche Motivation sowie Ideen zu erhalten.

In die Zukunft gewandt bietet sich ein Ausblick, in der die Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek sich stetig mit neuen Bezügen ausrichten wird und demografische Aspekte aufgegriffen werden müssen. Das einleitend erwähnte Ergebnis des FOCUS-Städterankings zeigt, dass sich die Stadt Frankfurt (Oder) u. a. in Bezug zu ihrem demographischen Wandel weiterentwickeln muss. Für die SRB bedeutet das, durch eine Nutzerbefragung, die derzeit in der SRB durchgeführt wird, ihre eigenen Angebote zu analysieren und entsprechend den Wünschen der Besucher zu überdenken.

Ziel jeglicher Kooperationsaktivtäten ist es, die genannten positiven Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit auszubauen und …

  1. das „Wir-Gefühl“,

  2. die Profilbildung,

  3. die Qualitätsdefinition,

  4. die Bürgernähe,

  5. die Kompetenznutzung,

  6. die Kommunikation,

  7. den Imagewandel,

  8. den Informationsaustausch,

  9. die Gewinnung neuer Nutzer,

  10. die finanzielle Unterstützung

  11. und die öffentliche Transparenz

… voranzutreiben. Öffentlichkeitsarbeit gehört unwiderruflich zu einer Öffentlichen Bibliothek, die von öffentlichen Geldern finanziert wird und der Öffentlichkeit nutzen soll. Öffentlichkeitsarbeit gehört unwiderruflich zu einer Öffentlichen Bibliothek, damit diese auch in Zukunft in der Informations- und Medienwelt sich als leistungsstarker Anbieter und Dienstleister für „Kulturelle Bildung“, trotz sinkender Ressourcen, behaupten kann.

Durch ihre Öffentlichkeitsarbeit gelang es der SRB, getreu dem Motto „Nur wenn Erwachsene lesen, lesen auch die Kinder“, im Jahr 2014 insgesamt 161.783 Besucher in ihre Räumlichkeiten zu locken, um 668.592 Mal Medien zu entleihen, und 304 Veranstaltungen durchzuführen, die von 5.598 Teilnehmer besucht wurden. Vielleicht spiegeln die sich im vergangenen Jahr positiv entwickelten Zahlen ja den Grad der Kultur wider? Denn Sie wissen ja: „Nirgends kann man den Grad der Kultur einer Stadt und überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller und doch zugleich richtiger kennen lernen, als in den Lesebibliotheken.“

Dirk Wissen:

Published Online: 2015-06-10
Published in Print: 2015-06-15

© 2015 by De Gruyter

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