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Publicly Available Published by De Gruyter Saur January 15, 2016

Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat – ein neuer Qualifikationsschwerpunkt im Kölner Masterstudiengang MALIS

Inka Tappenbeck
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Der Beitrag erläutert zunächst die Zielsetzungen der Konzeption des Wahlpflichtmoduls „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat“ im Curriculum des berufsbegleitenden Masterstudiengangs „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (MALIS) der Technischen Hochschule Köln. Im Anschluss daran wird das inhaltliche Profil dieses Wahlpflichtmoduls dargestellt und gezeigt, wie die MALIS-Teilnehmer[1] damit gezielt auf die Beratung von Studierenden und Wissenschaftlern im Kontext gängiger, aber auch aktueller Themenbereiche wie digitales Publizieren, virtuelle Forschungsumgebungen und Forschungsdatenmanagement vorbereitet werden.

Abstract:

This article first discusses where the conception of the optional module “Scientific services for teaching and research/Fachreferat” is aiming which is part of the curriculum of the Master’s program “Library and Information Science” (MALIS) of the TH Köln (Technische Hochschule Köln). After that, the optional module’s contents are presented and it is shown how MALIS participants are prepared specifically for advising students and scientists within the context of common, but also of current subjects. Examples are digital publishing, virtual research environment and research data management.

1 Ausgangslage

Wie die Ergebnisse einer Umfrage der VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit aus dem Jahr 2011[2] sowie auch internationale Studien[3] deutlich zum Ausdruck bringen, stellt das Konzept des „klassischen Fachreferats“ mit seinen beiden Säulen „Erwerbung/Bestandsentwicklung“ und „Sacherschließung“ keine zukunftsfähige Beschreibung des Funktionsumfangs dieses Aufgabengebietes mehr dar. Schon seit den 1990er-Jahren wurde es um Aufgaben im Bereich der Fachinformationsvermittlung erweitert; ab dem Jahr 2000 kamen mehr und mehr Tätigkeiten in der fachbezogenen Informationskompetenzvermittlung hinzu. Aktuell erfordert der Wandel der Informationspraxis in den Wissenschaften im Kontext der E-Science einen weiteren Ausbau der wissenschaftsbezogenen Dienstleistungen für Lehre und Forschung, etwa in den Bereichen des wissenschaftlichen Publizierens/Open Access, des Forschungsdatenmanagements, des Umgangs mit virtuellen Forschungsumgebungen oder auch der Scientometrie.[4] Wissenschaftsorganisationen und -gremien[5] fordern explizit den Auf- und Ausbau von Beratungs- und Dienstleistungsangeboten in diesen Bereichen und an vielen Bibliotheken gibt es heute bereits entsprechende Services wie z. B. Repositorien für die Veröffentlichung von Forschungsarbeiten der Hochschulangehörigen. Welchen Einfluss hat diese Entwicklung aber auf das Aufgabengebiet des Fachreferats?

2 Perspektiven

Wenn die neuen IT-basierten Dienstleistungen der Bibliotheken in den Bereichen des Publizierens oder des Forschungsdatenmanagements von den Hochschulangehörigen in den jeweiligen Fachcommunities wahrgenommen und genutzt werden sollen, ist neben ihrem Aufbau und ihrer Bekanntmachung auch ein Beratungsservice erforderlich, der die Modalitäten ihrer Nutzung erklärt und die Wissenschaftler und Studierenden bei der Nutzung unterstützt. Ein solcher Beratungsservice kann fachübergreifend für alle Hochschulangehörigen und fachbezogen, speziell für die Wissenschaftler und Studierenden der verschiedenen Fachgebiete, angeboten werden. Der Vorteil der fachbezogenen Beratung liegt darin, dass hier verstärkt auf die fachspezifischen Anforderungen der Wissenschaftler und Studierenden im Umgang mit den digitalen Objekten, Werkzeugen, Infrastrukturen und Produkten ihrer Arbeit eingegangen werden kann. Denn die Informationspraxis in den Wissenschaften ist nicht nur einem rasanten Wandel unterworfen, sie variiert in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen auch erheblich.[6] Wissenschaftler, die in digitalen Umgebungen arbeiten, bilden keine homogene Gruppe; ihr Informationsverhalten ist u. a. stark von den Besonderheiten ihrer jeweiligen Fachkultur geprägt. Dies belegt u. a. eine im Auftrag von OCLC durchgeführte Studie zum Informationsverhalten von Forschern im Kontext virtueller Forschungsumgebungen: „Disciplines vary drastically“[7] – so fassten die Forscher ihr Untersuchungsergebnis in einer knappen Formel zusammen.

Für das Aufgabengebiet des Fachreferats bedeutet diese Feststellung eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit den neuen Dienstleistungen in ihrem je spezifischen Fachkontext und die Entwicklung entsprechender Beratungsangebote für Wissenschaftler und Studierende. Ein Modell hierfür stellt das Konzept des „Liaison Librarian“[8] und dessen Umsetzung in der Praxis dar. Nach diesem Konzept verstehen sich die Fachreferenten als Partner der Wissenschaftler und stehen mit diesen in kontinuierlichem Austausch. Sie bieten individuelle Beratungsleistungen zu fachspezifisch informationspraktischen Fragen und Problemen an und verknüpfen diese mit entsprechenden Services der Bibliothek. In der bibliothekarischen Praxis hat sich dieses Konzept insbesondere im anglo-amerikanischen Raum bereits in der Breite etabliert. So wirbt etwa die Bibliothek der Universität Melbourne mit einem differenzierten Spektrum an wissenschaftsbezogenen Dienstleistungen ihrer „Faculty and Subject Liaison Librarians“:

Abb. 1:  Faculty and Subject Liaison Librarians. University of Melbourne Library.Faculty and Subject Liaison Librarians. University of Melbourne Library. http://library.unimelb.edu.au/liaison [Zugriff: 20.11.2015].

Abb. 1:

Faculty and Subject Liaison Librarians. University of Melbourne Library.[9]

Noch stärker profiliert sich die Bibliothek der Universität Michigan in diesem Bereich:

Abb. 2:  Informationists. University of Michigan Library.Informationists. University of Michigan Library. http://www.lib.umich.edu/taubman-health-sciences-library/informationists [Zugriff: 20.11.2015].

Abb. 2:

Informationists. University of Michigan Library.[10]

An der Bibliothek der Universität Lincoln empfehlen sich die Subject Librarians den Wissenschaftlern und Studierenden als „Your first contact for research“:

Abb. 3:  Academic Subject Librarians. University of Lincoln Library.Academic Subject Librarians. Lincoln University Library. University of Lincoln Library. http://library.lincoln.ac.uk/[Zugriff: 20.11.2015].

Abb. 3:

Academic Subject Librarians. University of Lincoln Library.[11]

Eine Voraussetzung dafür, dass fachspezifische Beratungsaufgaben dieser Art von den Fachreferenten der wissenschaftlichen Bibliotheken wahrgenommen werden können, ist eine gezielte Förderung der hierfür erforderlichen methodischen und inhaltlichen Kompetenzen in der Qualifikation für den wissenschaftlichen Dienst. Deshalb wurde im Rahmen der Studienreform des berufsbegleitenden Masterstudiengangs „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (MALIS) der Technischen Hochschule Köln[12] ein eigenes Wahlpflichtmodul geschaffen, das speziell für die Wahrnehmung dieser Tätigkeiten qualifiziert.

3 Das Wahlpflichtmodul „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat“ im Studiengang MALIS

Der Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft (MALIS) qualifiziert Absolventen verschiedener Fachdisziplinen für den wissenschaftlichen Dienst in Bibliotheken. Er wird als berufsbegleitender Studiengang seit dem Jahr 2009 an der Technischen Hochschule Köln angeboten. Im Rahmen der im Jahr 2014 mit der Akkreditierung erfolgreich abgeschlossenen Studienreform wurden drei wesentliche Veränderungen umgesetzt: 1. die Verbesserung der Studierbarkeit, 2. die Ermöglichung von individuellen Schwerpunktsetzungen und 3. die Einbindung aktuell geforderter Themenbereiche. Dies gelang unter anderem durch die weitere Integration von Wahlpflichtmodulen in das Curriculum.

Abb. 4:  Modulstruktur des Studiengangs MALIS.Modulstruktur des Studiengangs MALIS. https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/studium/studiengaenge/f03/bib_inf_ma/malis_modulstrukturplan_2015_01_19.pdf [Zugriff: 20.11.2015].

Abb. 4:

Modulstruktur des Studiengangs MALIS.[13]

Das Wahlpflichtmodul T1 „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat“ ist insbesondere auf die in der Fachreferatsarbeit erforderlichen Kompetenzen ausgerichtet, wobei neben den grundständigen Aufgabengebieten die von den Wissenschaftsorganisationen und -gremien geforderten neuen Handlungsfelder eine wichtige Rolle spielen. Bei der Planung dieses Moduls wurden zunächst Entwicklungstendenzen im Bereich der Fachreferatsarbeit aus dem internationalen Bereich ausgewertet. Anschließend wurde ein Konzeptentwurf erstellt, der eine Kombination aus grundständigen und aktuellen Themenschwerpunkten umfasst. Dieses Konzept wurde im Frühjahr 2015 der Kommission für Fachreferatsarbeit des VDB vorgestellt. Ein Ergebnis dieses Austauschs war die Ergänzung des inhaltlichen Konzepts um einen weiteren thematischen Aspekt (Sammlungsmanagement). Auf dieser konzeptionellen Grundlage wurden anschließend Experten aus der Praxis als Partner in der Lehre gewonnen.

Der inhaltliche Fokus des Wahlpflichtmoduls ist im Modulbuch folgendermaßen umrissen: „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung an wissenschaftlichen Bibliotheken (Hochschulbibliotheken, wissenschaftlichen Spezialbibliotheken) gehen heute weit über die des klassischen Fachreferats hinaus. In den Vordergrund treten fachliche und strukturelle Dienstleistungen, die unter Einbeziehung digitaler Ressourcen und Arbeitsumgebungen realisiert und in die fachspezifische Informationsberatung integriert werden. Gegenstand des Moduls sind sowohl die fachspezifischen und strukturellen Aspekte wie die zu ihrer Vermittlung erforderlichen Beratungskompetenzen.“[14]

Auch in den grundständigen Themenbereichen dieses Moduls, wie z. B. Erwerbung und Bestandsentwicklung, spielen aktuelle Entwicklungstendenzen wie Patron-Driven-Acquisition, Approval-Plan oder konsortiale Erwerbung eine hervorgehobene Rolle. Während die für die Sacherschließung erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten in einem gesonderten Pflichtmodul des MALIS-Curriculums behandelt werden, sind die Themengebiete Fachinformationsvermittlung sowie die fachbezogene Vermittlung von Informationskompetenz auch innerhalb des Wahlpflichtmoduls prominent vertreten. Mit Dr. Annette Klein, die zugleich Fachreferentin und stellvertretende Direktorin der Universitätsbibliothek Mannheim ist, konnte eine ausgewiesene Expertin für die Lehre in diesem Segment des MALIS-Studiengangs gewonnen werden. Die Themenbereiche mit direktem Bezug zu den aktuell geforderten digital-basierten Dienstleistungen wissenschaftlicher Bibliotheken werden von Dr. Thomas Stäcker verantwortet, der in einer Person die Funktionen des Fachreferenten, des Leiters der Abteilung Neue Medien/Digitale Bibliothek und des stellvertretenden Direktors der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vereint. Schwerpunkte in diesem Teil des Wahlpflichtmoduls sind die Themenbereiche digitales Publizieren, virtuelle Forschungsumgebungen und Forschungsdatenmanagement. Weitere im Kontext der Fachreferatsarbeit relevante Themen wie bspw. das Management von Sammlungen werden durch Gastvorträge integriert.

Das Wahlpflichtmodul „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat“ ist in einen Kanon weiterer Wahlpflichtmodule zu aktuellen Themengebieten eingebettet, aus denen jeder Teilnehmer jeweils zwei auswählt:

  1. T1:

    Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat,

  2. T2:

    Strategische Positionierung einer Öffentlichen Bibliothek,

  3. T3:

    E-Science und Forschungsdatenmanagement,

  4. T4:

    Digitalisierung und Langzeitarchivierung,

  5. T5:

    Rechtsfragen und Ethik in der Berufspraxis,

  6. T6:

    Vermittlung von Informationskompetenz,

  7. T7:

    Aktuelle Entwicklungen der Wissenschaftspolitik,

  8. T8:

    Bibliotheks- und Organisationskonzepte im Spiegel von Raum und Bau,

  9. T9:

    Aktuelle Themen und Entwicklungen.

Ferner ist jedes Wahlpflichtmodul in das methodische Gesamtkonzept des MALIS-Studiengangs eingebettet, in dem die für die Wahrnehmung der Aufgaben eines Liaison Librarian wichtigen Kommunikations- und Kooperationskompetenzen systematisch trainiert werden. Dies geschieht etwa durch die Zusammenarbeit der Teilnehmer in von der Studiengangsleitung gebildeten Teams und Tandems, bei der Bearbeitung von Gruppenaufgaben unter Einsatz verschiedener Kommunikationskanäle und Kooperationsplattformen, bei der Nutzung kollaborativer, webbasierter Werkzeuge zur Unterstützung von Teamarbeit, durch Erfahrungen mit gängigen und alternativen Formaten für die Präsentation und Reflexion (u. a. Open Space, Fish Bowl) sowie durch die systematische Verzahnung von Studium und Praxis durch arbeitsplatzbezogene Aufgabenstellungen und Projekte, Workshops zum Projektmanagement und Rhetorik-Trainings und nicht zuletzt durch verschiedene aus der Eigendynamik der jeweiligen Lerngruppen heraus entstehende Kommunikations- und Kooperationsformen.

Übergeordnetes Ziel des Wahlpflichtmoduls „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat“ ist die Entwicklung von Handlungskonzepten für die Fachreferatsarbeit in konkreten Fächern bzw. Fachbereichen, die den aktuellen Herausforderungen der Informationspraxis in Forschung und Lehre gerecht werden, sowie der Erwerb der kommunikativen Kompetenzen und Strategien, die für die Wahrnehmung der Rolle eines Liaison Librarian in einer Hochschule erforderlich sind.

Im Sommer 2015 hat der erste Studierendenjahrgang des reformierten MALIS-Studiengangs seine Wahlpflichtmodule gewählt. Das Modul „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung/Fachreferat“ gehörte dabei zu den am häufigsten gewählten Modulen. Im Sommersemester 2016 wird es erstmalig stattfinden.

Anm.: Der vorliegende Beitrag ist eine inhaltlich fokussierte Verschriftlichung des Vortrags, der am 10. November 2015 auf der Fortbildungsveranstaltung „Neue bibliothekarische Berufsbilder“ des VDB-Regionalverbandes Nordwest an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen vorgestellt wurde; vgl. http://www.vdb-online.org/veranstaltungen/695/VDB_Berufsbild-Tappenbeck_Fachreferatsarbeit.pdf [Zugriff: 20.11.2015].

Published Online: 2016-01-15
Published in Print: 2016-02-01

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