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Accessible Published by De Gruyter Saur January 15, 2016

Zur Einführung: Musikalien dank Digitalisierung aktuell im Fokus

Ludger Syré
From the journal Bibliotheksdienst

In jüngerer Zeit ist der Sammlungsgedanke in die bibliothekarische Diskussion zurückgekehrt und hat, nicht zuletzt im Zusammenhang mit konzeptionellen Überlegungen zum Typ der Forschungsbibliothek, eine gewisse Neubewertung erfahren.[1] Zugleich hat die dynamische Entwicklung im Bereich der Digitalisierung unseres kulturellen Erbes nicht nur Handschriften und alte und wertvolle Drucke, sondern vor allem auch die Sondersammlungen, von den Theaterzetteln bis zu den Schulprogrammen, vermehrt in den Fokus der Fachöffentlichkeit und der Forschung treten lassen.[2] Aktuelle Anlässe haben die Aufmerksamkeit auf Spezialsammlungen gelenkt, wie beispielsweise auf die Kriegssammlungen, die während des Ersten Weltkriegs begründet wurden.[3]

Einen signifikanten Anteil an den Sondersammlungen nehmen ganz gewiss die Musikalien ein, um die es lange Zeit etwas stiller geworden war, die aber im vergangenen Jahr erneut in das Licht der bibliothekarischen Öffentlichkeit gerückt wurden. So stand nach längerer Abwesenheit das Thema Musikalien 2014 in Nürnberg wieder einmal auf dem Programm eines Deutschen Bibliothekartages. Der Themenkreis „Musiksammlungen digital“ widmete sich den Aspekten Informationsdienstleistung, Erschließung und digitale Präsentation historischer Musiksammlungen. Durch die Vorträge wurde zum einen deutlich, welche enorme Bedeutung für die flächendeckende Erschließung der deutschen Musiksammlungen dem Répertoire International des Sources Musicales (RISM) mit seinen Spezialisten in den beiden Arbeitsstellen in München und Dresden zukommt, und zum anderen, welche vielseitigen Möglichkeiten die digitale Präsentation historischer Musikalien heute bieten kann, wenn sich Digitalisierung nicht in der Herstellung elektronischer Faksimiles erschöpft.

Neben mittelalterlichen Handschriften, Alten Drucken, historischen Karten, Graphiken, Autographen, Nachlässen und weiteren Gattungen zählen die Musikalien zu jenen Quellen, die aus Sicht der Wissenschaft den besonderen Wert der überlieferten Sammlungen ausmachen und die entsprechend durch die Forschung nachgefragt werden. Da sich aus historischen Gründen besonders in den Regionalbibliotheken beachtliche Musiksammlungen erhalten haben, hat sich die Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken dieses Themas angenommen. Ihr Anliegen, die Relevanz der Musiksammlungen für musikwissenschaftliche und musikhistorische Forschungsansätze deutlich zu machen, erfolgte durch die Veröffentlichung eines Sammelbandes zu den Musiksammlungen in den Regionalbibliotheken der deutschsprachigen Länder.[4]

Exemplarisch wird darin in 28 Aufsätzen die Relevanz der jeweiligen Musiksammlung für musikwissenschaftliche und musikhistorische Forschungsansätze sichtbar. Aber auch als Quelle für die regionale und lokale Musikgeschichtsschreibung sind die Musiksammlungen von erheblicher Bedeutung; nicht wenige Nachschlagewerke basieren auf dem Materialfundus der örtlichen Bibliothek. Schließlich spielt bei der Musik ein ganz praktischer Gesichtspunkt eine Rolle, nämlich die Verwendung der überlieferten Noten als Aufführungsmaterial; immer wieder werden historische Vorlagen auch für aktuelle Einspielungen genutzt.

Betrachtet man die in den Regionalbibliotheken gepflegten Musiksammlungen, fällt das breite Spektrum der verschiedenen musikalischen Gattungen und Stilrichtungen auf. Die Bestände ziehen sich durch alle Jahrhunderte und reichen bis hin zu Tanz- und Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts, moderner amerikanischer Bandmusik und populären Volks- und Karnevalsliedern. Selbstverständlich spielt auch die Kirchenmusik eine herausragende Rolle. Dass die Hofmusik den größten Raum einnimmt, kann angesichts der historischen Wurzeln der meisten Landesbibliotheken kaum überraschen. Die intensive Pflege des Musiklebens in den Schlössern der Residenzstädte, aber auch an kleineren Adelshöfen und Herrenhäusern, sorgte für eine dichte Überlieferung nicht nur von Noten, sondern auch von anderen Musikmaterialien. Dazu zählen etwa die Theatersammlungen, die in der Regel der gleichen Provenienz wie die Musiksammlungen entstammen, denn in den ehemaligen Hofbibliotheken wurden sowohl das Notenmaterial der Hofkapelle als auch das der Hofoper gesammelt.

Die Bestände der einstigen Hofbibliotheken bilden freilich nicht die einzige Herkunftsquelle der heutigen Musiksammlungen. Zu erwähnen sind neben den Archiven von Musikvereinen und von Musikverlagen auch einzelne Privatsammlungen, besonders aber die zahlreichen Nachlässe bzw. Vorlässe. Anders als für die Literatur gibt es in Deutschland für die Musik kein zentrales Nachlassarchiv; umso stärker fällt daher die Rolle der Bibliotheken ins Gewicht. Der jüngst erfolgte Ankauf des historischen Archivs des Mainzer Musikverlags Schott durch ein Käuferkonsortium kann als Beleg für diese Aussage gelten.

Der 1770 gegründete Musikverlag Schott ist einer der ältesten heute noch bestehenden Musikverlage der Welt; sein historisches Archiv gilt als einmaliges nationales Kulturgut, denn: „In ähnlicher Größe und Geschlossenheit ist kein anderes deutsches Musikverlagsarchiv bekannt.“[5] Es umfasst die Geschäftsakten von 1787 bis 1945 sowie das gesamte historische Herstellungs-, Musikhandschriften- und Erstausgabenarchiv von 1810 bis etwa 1950 und enthält u. a. viele Hundert Musikautographen und Tausende von Briefen bekannter Komponisten.

Darunter sind die großen Namen der deutschen bzw. europäischen Musikgeschichte, von Ludwig van Beethoven und Frederic Chopin über Paul Hindemith und Franz Liszt bis zu Maurice Ravel und Richard Wagner. Viele dieser Komponisten, wenngleich nicht annähernd in dieser Dichte, sind auch in kleineren Musiksammlungen als denjenigen der Staatsbibliotheken zu Berlin und München vertreten. In den Musiksammlungen der Regionalbibliotheken fällt die breite Streuung der Überlieferung auf, ein Phänomen, das auch bei den Nachlässen und Autographen der Dichter und Schriftsteller zu beobachten ist.[6] Zwar gibt es Namen, die in mehreren Musiksammlungen auftauchen, die große Mehrheit der Musiker ist jedoch oft nur mit einer Region besonders eng verbunden. Auch wenn diese Beobachtung als Beleg dafür interpretiert werden mag, dass es sich um sog. Kleinmeister handelt, gilt das, was sich über die Fixierung der Musikwissenschaft auf die großen Komponistennamen und berühmten Musikzentren sagen lässt: Erst der Blick auf den an vielen Orten entstandenen eigenständigen musikalischen Mikrokosmos eröffnet neue Perspektiven auf die großen Komponisten. „Mögen für die Heroen-Forschung nur das Autograph – und vielleicht noch die Erstausgabe und autorisierte Abschriften – von Bedeutung sein, so ergibt doch erst ein genauer Überblick über die Rezeption dieser Musik in der Praxis einen wirklich umfassenden Eindruck vom lokal, sozial und konfessionell oft sehr unterschiedlich ausgeprägten Musikleben, wodurch sich dann wiederum interessante Rückschlüsse auf die großen – wie die kleinen – Komponisten und deren historische Stellung ziehen lassen.“[7]

Mit dem vorliegenden Schwerpunktheft wird das im vergangenen Jahr aufgegriffene Thema Musikalien bzw. Musiksammlungen weiterverfolgt. Die oben gemachten Ausführungen nahmen ihren Ausgangspunkt bei den Regionalbibliotheken, weil sich diese Bibliotheken kürzlich dem Thema publizistisch zugewandt hatten; sie verstehen sich aber durchaus als generelle Aussagen und gelten selbstverständlich auch für andere Bibliothekstypen. Die folgenden Aufsätze bringen Beispiele aus regionalen und aus kommunalen Bibliotheken: Über die Tiefenerschließung von Musikbeständen an der Lippischen Landesbibliothek in Detmold berichten Irmlind Capelle und Kristina Richts; das Digitalisierungsprojekt „Hofkirche und Königliche Privat-Musikaliensammlung“ an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden behandelt Nina Eichholz; Michaela Scheibe beschreibt die Sammlungen von Liedflugschriften im deutschsprachigen Raum und Susanne Hein porträtiert die Musiksammlung der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, bevor Heinrike Buerke und Michael Schugardt die Frage nach der Zukunft der Bibliotheken am Beispiel des Laboratoriums Musikbibliothek der Bücherhallen Hamburg stellen.

Von übergeordneter Bedeutung ist freilich der Fachinformationsdienst Musikwissenschaft, der das bis Ende 2013 von der Bayerischen Staatsbibliothek betreute DFG-Sondersammelgebiet Musikwissenschaft ablöst. Die Virtuelle Fachbibliothek Musikwissenschaft wird ein strukturelles Element des aktuellen Fachinformationsdienstes bilden; sie bleibt für die Fachcommunity der Musikwissenschaft ein bedeutender Bestandteil der Forschungsinfrastruktur. Mit der Schilderung des Umstrukturierungsprozesses eröffnet Jürgen Diet die Aufsatzreihe zu den Musikalien bzw. Musiksammlungen.[8]

Dass die Musiksammlungen durch den fortschreitenden Prozess der Digitalisierung von Sondersammlungen aller Art verstärkt in den Fokus rücken werden, darf prophezeit werden. Noch sind es wenige Bibliotheken, die sich mit dieser Materie befassen. Einen sehr großen Fundus an digitalisierten Notendrucken, Musikhandschriften und Libretti findet sich in der Digitalen Bibliothek der Bayerischen Staatsbibliothek und in den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin; die SLUB Dresden digitalisiert seit 2008 mit finanzieller Unterstützung der DFG große Teile der Dresdner Hofmusik aus verschiedenen Epochen.[9] Es gibt aber auch Bibliotheken, die ohne üppige Sondermittel auskommen müssen und dennoch zum Wachstum der digitalen Musikkollektionen beitragen. So hat beispielsweise die Badische Landesbibliothek inzwischen über 2.000 digitalisierte und strukturierte Musikhandschriften und Musikdrucke aus den fürstlichen Residenzen Karlsruhe und Donaueschingen mit zusammen mehr als 80.000 Seiten ins Netz gestellt (siehe Abb. 1).

Abb. 1:  Metadaten und Vorschaubild zu einer Donaueschinger Musikhandschrift mit Widmung (DonMus.Ms.Ded.42) in den Digitalen Sammlungen der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe.

Abb. 1:

Metadaten und Vorschaubild zu einer Donaueschinger Musikhandschrift mit Widmung (DonMus.Ms.Ded.42) in den Digitalen Sammlungen der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe.

Es sind nicht zuletzt die digitalen Dienstleistungen, die das Interesse der musikwissenschaftlichen Forschung an den Musikalienbeständen der deutschen Bibliotheken beflügeln werden.

Published Online: 2016-01-15
Published in Print: 2016-02-01

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