Accessible Published by De Gruyter Saur January 15, 2016

Die Welt des Detmolder Hoftheaters – erschlossen mit MEI und TEI

Irmlind Capelle and Kristina Richts
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Die Lippische Landesbibliothek Detmold verfügt über eine bedeutende Musiksammlung, in der die Aufführungsmaterialien des Hoftheaters (1825–1875) und die dazugehörigen Theaterakten eine herausragende Stellung einnehmen. Der Beitrag beschreibt den Bestand und erläutert die seit 2014 erprobte kontextuelle Tiefenerschließung mit den neuen Datenstandards MEI und TEI. Die Herausforderung für diese neue Form der Erschließung liegt in der Verbindung inhaltlicher Quellenbeschreibungen innerhalb der Metadaten mit Incipits und aufbereiteten Digitalisaten und in der Verknüpfung der Erfassung unterschiedlicher Quellentypen (Aufführungsmaterialien und Akten).

Abstract:

The Lippische Landesbibliothek Detmold owns an important musical collection which features performance materials of the court theatre (1825–1875) and corresponding theatre files. The article describes the collections and explains the contextual deeper indexing with the new data standards MEI and TEI that has been tested since 2014. The challenge for this new way of indexing is connecting contents of source descriptions within the metadata with processed digital contents using incipits, and linking the recording of different source types (performance materials and files).

Erst kürzlich hat Joachim Eberhardt auf die bedeutende Musiksammlung der Lippischen Landesbibliothek Detmold aufmerksam gemacht und dabei am Beispiel der Oper Des Teufels Antheil von Daniel François Esprit Auber auf die herausragenden Bestände der Theatersammlung hingewiesen, die bislang nur wenigen Spezialisten bekannt sind.[1] Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt „Entwicklung eines MEI- und TEI-basierten Modells kontextueller Tiefenerschließung von Musikalienbeständen am Beispiel des Detmolder Hoftheaters im 19. Jahrhundert (1825–1875)“ widmet sich seit September 2014[2] der Erschließung dieser zum Teil singulären Bestände, wobei es einerseits darum geht, das Informationsnetz der verschiedenen Quellentypen herauszuarbeiten, andererseits durch die neuen Möglichkeiten der Erfassung mit MEI und TEI dauerhafte und stets erweiterbare Daten zu präsentieren.

Nach der Systematisierung der Materialien der Musiksammlung bei Joachim Eberhardt[3] befasst sich das Projekt mit den Gruppen 4 (Theatersammlung) und 5 (historische Notensammlung), wobei aus Letzterer nur die erste Signaturengruppe (Mus-n 1–268 = Opern) bearbeitet wird.[4]

Das Material aus der historischen Notensammlung ist durchaus mit Beständen anderer Bibliotheken wie Coburg[5] , Frankfurt[6] , München[7] , Schwerin[8] und Stuttgart[9] vergleichbar: Es handelt sich um Aufführungsmaterialien des Hoftheaters wie sie grundsätzlich bei jedem Theater „entstanden“ sind, sich aber nur selten erhalten haben, weil sie entweder als veraltet vernichtet wurden oder im Archiv durch schlechte Lagerung, Feuer oder Wasser zerstört wurden.[10] Die Aufführungsmaterialien enthalten in der Regel eine meist handschriftliche Partitur[11] , davon kopierte Orchester- und Chorstimmen und die sog. „Parthien“ für die Solisten. Dazu kommen ein oder mehrere Textbücher, die häufiger auch gedruckt sind und zum Teil als Soufflier- oder Regiebuch verwendet wurden. Bei Opern mit gesprochenem Dialog oder Schauspielmusiken wurden ferner Rollenhefte für den Textanteil ausgeschrieben. Ein Klavierauszug war für den Aufführungsbetrieb nicht zwingend notwendig; mit der zunehmenden Verbreitung gedruckter Klavierauszüge im 19. Jahrhundert wurden diese jedoch gerne erworben und zum Teil auch zu Soufflierzwecken eingesetzt.

Aufführungsmaterialien sind sich in ihren Bestandteilen sehr ähnlich, sie unterscheiden sich jedoch im Detail sehr stark, da sie den individuellen Theaterbetrieb widerspiegeln. So gibt schon allein die Zahl der Instrumental- und Chorstimmen Auskunft über die Besetzung des Orchesters bzw. Chores und die Textbücher lassen z. B. erkennen, welche Übersetzung oder Fassung gespielt wurde. Die Erfassung dieser Angaben gehört ggf. noch zu einer „normalen“ bibliothekarischen Erschließung, auf jeden Fall aber zur Erfassung durch das Répertoire International des Sources Musicales (RISM).[12]

Die Tiefenerschließung des Hoftheater-Projekts geht jedoch weiter: Die einzelnen Bestandteile des Aufführungsmaterials werden inhaltlich beschrieben, d. h. es wird detailliert erfasst, welche Nummern enthalten sind, ob Lücken vorhanden sind oder vielleicht Doppelungen. Ggf. vorhandene Einlagen werden beschrieben, so dass deutlich wird, ob es sich z. B. um Transpositionen oder um gekürzte Fassungen einzelner Nummern handelt oder um Einlagen fremder Musik. Hierdurch kann beispielsweise auffallen, dass in der Stimme eines Solisten Chorpartien integriert sind oder in welcher der Instrumentalstimmen die Solo-Partien notiert sind oder wie ggf. nicht vorhandene Instrumente ersetzt werden.[13] Da zu allen Nummern die Incipits[14] wiedergegeben werden, können darüber hinaus Besetzungs- oder Namensänderungen gegenüber z. B. der französischen Originalpartitur[15] erkannt werden. Durch die Wiedergabe der originalen Textunterlegung ist auch der Nachweis der verwendeten Übersetzung möglich.

Es ist selbstverständlich, dass solche Details im bibliothekarischen Alltag nicht aufgenommen werden können. Zum einen fehlen hierfür die notwendigen zeitlichen Kapazitäten, aber oftmals sind auch die Benutzeroberfläche zur Erfassung der Daten sowie die verwendeten Datenformate nicht auf die Erschließung solcher Details ausgelegt. Das Projekt Detmold Hoftheater erprobt deshalb erstmals den Einsatz des Datenformats der Music Encoding Initiative (MEI)[16] für die Katalogisierung der überlieferten Aufführungsmaterialien. Das MEI-Format erlaubt eine sehr umfangreiche Erfassung von Metadaten, darunter formale, inhaltliche und technische Metadaten. Seit der Implementierung des von der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA)[17] entwickelten Modells der Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR)[18] im Jahre 2013[19] kann hier zudem zwischen Daten der Ebenen „Work“, „Expression“, „Manifestation“ und „Item“ differenziert werden – ein Vorteil, der für die im Projekt angestrebte Tiefenerschließung maßgeblich ist, da erst diese Struktur eine separate und ausführliche Beschreibung von Werkdaten, der Quellenmaterialien selbst und darüber hinaus auch der einzelnen Bestandteile eines Quellenmaterials – also beispielsweise Partitur und Stimmen – erlaubt.

Als Grundlage für die Erschließung mit MEI zieht das Projekt die bereits existierenden RISM-Datensätze heran, die im RISM-OPAC seit 2014 als Linked Open Data (LOD) zum Download angeboten werden. Diese MARC-XML-Datensätze werden im Anschluss mit einem speziellen Konvertierungsskript[20] nach MEI transformiert, bevor sie dann mit Normdaten und Forschungsdaten angereichert werden. Im Gegensatz zu den RISM-Daten werden die Werkdaten und die Beschreibungen des Quellenmaterials nicht in einer gemeinsamen Datei abgelegt, sondern nach dem FRBR-Modell voneinander getrennt. Diese Vorgehensweise bedeutet in der Praxis, dass für jedes erschlossene Werk eine eigene MEI-Datei angelegt wird, die – sofern möglich – mit bereits existierenden Normdateien, wie etwa der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek, verknüpft wird. Die Quellenbeschreibung erfolgt in einer separaten <source>-Datei, die mit Hilfe eines eindeutigen Identifiers mit der Werkdatei verbunden ist. Innerhalb einer solchen <source>-Datei können beliebig viele „components“, also Material-Einheiten, erschlossen werden, weshalb die Möglichkeit einer detaillierten Beschreibung einer jeden im Material enthaltenen Stimme möglich wird.

Die in Abbildung 1 dargestellte MEI-Codierung zeigt die Erschließung einer der beiden Dandini-Stimmen aus dem Aufführungsmaterial zu Isouards Cendrillon (D-DT, Mus-n 120). Dabei werden nicht nur Titel und Umfang der Stimme erschlossen, sondern etwa auch die Inventarnummer, die auf dem Material zu finden ist, ebenso wie die Beschaffenheit des Materials und die Personennamen, die auf dem Umschlag und der Titelseite vermerkt sind (vgl. dazu die Elemente <inscription n=”cover”> und <inscription n=”titlePage”). Die Codierung schließt darüber hinaus auch eine genaue Bezeichnung der enthaltenen Nummern sowie – in der aktuellen Codierung noch als Annotation (<annot>) vermerkt – eine Beschreibung der Streichungen und Auffälligkeiten mit ein.

Abb. 1:  Code-Listing 1: Codierung einer Stimme mit MEI.

Abb. 1:

Code-Listing 1: Codierung einer Stimme mit MEI.

Die bisher beschriebenen Erschließungselemente erfassen nur die auf das Werk und seine musikalische Aufführung bezogenen Daten, doch enthalten die Aufführungsmaterialien auch Hinweise zur Institution Theater, z. B. Aufführungsdaten[21] oder, wie im obigen Beispiel bereits gezeigt, Interpretennamen[22] . Durch diese Angaben sind die Materialien ganz unmittelbar mit Gruppe 4, der Theatersammlung, verbunden. Aus diesen sind die sog. Theaterakten[23] von besonderem Interesse, da sie als Bestand einer Bibliothek wahrscheinlich singulär,[24] aber auch an anderen Orten[25] nur selten überliefert sind. In Detmold haben sich – vor allem für die erste Phase des Theaters bis 1847 – die Geschäftsunterlagen des Theaters fast vollständig erhalten. Dabei ist zu trennen zwischen der Dokumentation der finanziellen Aspekte des Theaters und der Dokumentation der künstlerischen Arbeit.

Dabei geben gerade die Finanzdokumente wichtige Informationen zum Theaterbetrieb, die unmittelbar mit den Angaben aus den Aufführungsmaterialien in Verbindung gebracht werden können: So enthalten die Übersichten der Haupteinnahmen, d. h. der abendlichen Spieleinnahmen[26] , eine vollständige Übersicht der gegebenen Vorstellungen[27] und die Dokumentation der Ausgaben beginnt in jedem Jahr mit der Aufstellung der Gagen für die Ensemblemitglieder. Unter den Ausgaben sind dann die Abteilungen „Bibliothek“ und „Musikalien“ von besonderer Bedeutung, da anhand der dort zu findenden Angaben das Aufführungsmaterial zum Teil datiert und die Kopisten bestimmt werden können.[28] Wegen der großen Bedeutung dieser Quellen für die Darstellung des Theaterbetriebs werden diese Teile der Akten im Volltext erschlossen. Zur Erschließung wird dabei das Datenformat der Text Encoding Initiative (TEI)[29] verwendet (vgl. Abb. 2). Darin werden alle aufgeführten Werk- und Personendaten mit eindeutigen Identifikationsnummern ausgezeichnet und in separat angelegten Datensätzen näher beschrieben.

Abb. 2:  Code-Listing 2: Ausschnitt aus der Erfassung der Ausgaben für Musikalien im Jahre 1830 mit TEI.

Abb. 2:

Code-Listing 2: Ausschnitt aus der Erfassung der Ausgaben für Musikalien im Jahre 1830 mit TEI.

Als besonderes Spezifikum der Detmolder Theaterakten sind die Bände anzusehen, die den künstlerischen Theaterbetrieb betreffen, d. h. die sogenannten Regiebücher[30] und die Kostüm- und Dekorationsbücher[31] . Diese zum Teil sehr umfangreichen Bände dokumentieren den Ablauf einer Inszenierung (Regiebücher) bzw. die verwendeten Kostüme und Dekorationen[32] und geben damit Informationen zur Aufführungsgeschichte eines Werkes. Da zu einigen Werken mehrere Übersichten erhalten sind und diese durch die ebenfalls notierten Personennamen datiert werden können, lassen sich mit Hilfe dieser Akten auch Entwicklungen in der Ausstattung oder in der Regie beschreiben. Leider nur für drei Jahre haben sich die sog. Tagesberichte (TA 57–61) erhalten. Diese notieren exakt den Ablauf jedes Tages mit den angesetzten Proben und der Aufführung am Abend und vermerken dazu alle besonderen Ereignisse (Krankheiten der Künstler, Fehlen oder Verspätungen bei Proben, aber auch Fehler bei der Aufführung wie falsche Auftritte der Solisten, fehlende Geräusche – Schuss, Klopfen, Donner etc. – hinter der Kulisse). Mit den Informationen aus diesen Bänden lässt sich ein sehr anschaulicher Blick in die alltägliche Theaterarbeit gewinnen. Da in allen Akten immer wieder die gespielten Werke, die darin enthaltenen Rollen und die beteiligten Personen genannt werden, setzt sich nach und nach durch die Erschließung ein sehr detailliertes Bild des Theaterbetriebs zusammen. Durch den oben beschriebenen Einsatz von Identifikationsnummern lassen sich diese Informationen individuell abfragen: Der Benutzer kann entweder gezielt eine bestimmte Information suchen oder sich auf die Reise durch das Informationsnetz begeben.

Abb. 3:  Das Hoftheater-Netzwerk.

Abb. 3:

Das Hoftheater-Netzwerk.

Die unterschiedlichen Erschließungsdokumente – MEI-Daten (mit Incipits) für die Erfassung der Musikalien, TEI-Daten für die Erfassung der Akten, Volltext-Erschließungen, Faksimiles[33] , ggf. sonstige Abbildungen – werden in einem Portal zusammengeführt und mit ausführlichen Navigationsmöglichkeiten aufbereitet. Auf diese Art und Weise entsteht nicht nur ein „Katalog“ der verschiedenen Materialien, sondern eine Forschungsplattform zum Hoftheater Detmold als Institution.

Published Online: 2016-01-15
Published in Print: 2016-02-01

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