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Publicly Available Published by De Gruyter Saur January 15, 2016

Erschließung, Digitalisierung und Internetpräsentation im Projekt „Die Notenbestände der Dresdner Hofkirche und der Königlichen Privat-Musikaliensammlung aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union“ der SLUB Dresden

Nina Eichholz
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Gegenstand des jüngsten musikbezogenen DFG-Projekts der SLUB Dresden sind die überlieferten Notenbestände der Dresdner Hofkirche und der Königlichen Privat-Musikaliensammlung aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union (1697–1763). Die 1.500 Musikalien werden zunächst umfassend mit Angaben zu Kopisten, Wasserzeichen und Provenienzen sowie durch zahlreiche Incipits für die RISM-Online-Datenbank erschlossen. Ein mehrschrittiger Workflow führt schließlich zur Volldigitalisierung der Bestände. Auf diese Weise wird für die musikalische Praxis wie Forschung eine effektive Infrastruktur zur Beschäftigung mit den Quellen der international bedeutenden Sammlungen geschaffen.

Abstract:

The note collections of the Dresden Cathedral and the Royal Private Music Collection from the time of the Saxon-Polish union (1697–1763) are subject of the most recent music-related DFG (German Research foundation) project of the Saxon State and University Library Dresden (SLUB Dresden). First, the 1500 music sheets are indexed comprehensively with information about copyists, watermarks and provenance and provided with numerous incipits for the RISM online data bank. A workflow consisting of several steps finally leads to the full digitisation of the collections. In this way, an effective infrastructure is created for dealing with the sources of the internationally important collection, for the musical practice as well as for research purposes.

1 Das DFG-Projekt

Das jüngste musikbezogene DFG-Projekt der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) trägt den Titel „Die Notenbestände der Dresdner Hofkirche und der Königlichen Privat-Musikaliensammlung aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union. Erschließung, Digitalisierung und Internetpräsentation“. Es startete im August 2013 und ist auf drei Jahre angelegt. Dabei ist es nicht das erste Projekt dieser Art, vielmehr treibt die Musikabteilung der SLUB die moderne Erschließung ihrer höfischen Musikalienbestände bereits seit 2008 mit Förderung durch die DFG maßgeblich voran.

Den Auftakt bildete das Projekt „Die Instrumentalmusik der Dresdner Hofkapelle zur Zeit der sächsisch-polnischen Union“, auch „Schrank II“ genannt. Das aktuelle Projekt befasst sich nun mit den Musikalien der Katholischen Hofkirche und dem Grundstock der Königlichen Privat-Musikaliensammlung. Damit wird die Erschließung der an der SLUB überlieferten höfischen Notenbestände aus dieser glanzvollsten Epoche der Dresdner Musikgeschichte komplettiert (Tab. 1).[1]

Tab. 1:

Die Notenbestände des Dresdner Hofs aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union (1697–1763) in den Projekten der SLUB Dresden.

SegmentProjekt
Instrumentalmusik (Nachlass J. G. Pisendel)Die Instrumentalmusik der Dresdner Hofkapelle zur Zeit der sächsisch-polnischen Union („Schrank II“)
Katholische Kirchenmusik (Provenienz Hofkirche)Die Notenbestände der Dresdner Hofkirche und der Königlichen Privat-Musikaliensammlung aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union
Weltliche und geistliche Vokalmusik, Instrumentalmusik (Provenienz Königliche Privatmusikaliensammlung, Grundstock) – ” –

Auch methodisch setzt das aktuelle Projekt auf dem Vorgängerprojekt auf, bringt diesem gegenüber jedoch gleichzeitig mehrere Veränderungen und Fortentwicklungen. Mitarbeiter des Projektteams sind Nina Eichholz und Roberto Scoccimarro, zuständig für die wissenschaftliche Erschließung (zwei 75-Prozent-Stellen, 36 Monate), Claudia Lubkoll, mit Schwerpunkt Wasserzeichenbestimmung (wissenschaftliche Hilfskraft, 60 h/Monat, 36 Monate), und Sylvie Reinelt, zuständig für die Vor- und Nachbereitung der Digitalisierung (wissenschaftliche Hilfskraft, 83 h/Monat, 18 Monate). Im Folgenden soll zunächst das Profil der Projektbestände umrissen werden, anschließend ein komprimierter Einblick in die Aspekte der Erschließung und des Workflows gegeben und abschließend Ziele und Effekte des Projekts formuliert werden.

2 Die Projektbestände

Der Grundstock der Königlichen Privat-Musikaliensammlung (KPMS) setzt sich hauptsächlich aus den einzelnen Sammlungen von Kurfürst Friedrich August II., seiner Gemahlin Maria Josepha sowie seiner Schwiegertochter Maria Antonia Walpurgis zusammen (Abb. 1). Zu den Preziosen gehören Präsentationsexemplare der am Wettiner Hof aufgeführten Opern und Gelegenheitsmusiken sowie Widmungsexemplare höfischer und externer Komponisten. Prominentestes Beispiel ist der teilautographe Stimmensatz von Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll. Wichtig ist auch die vokale Kammermusik, die bei Konzerten in den fürstlichen Privatgemächern zur Aufführung kam. Eine besonders bedeutende Sammlerin war Maria Antonia Walpurgis, die als Sängerin und Komponistin zeit ihres Lebens aktuelle und gewichtige Beiträge der italienischen Vokalmusik erwarb, aber auch Komponisten der jüngeren Dresdner Komponistengeneration förderte, z. B. Johann Gottlieb Naumann und Johann Georg Schürer.

1896 ging die Königliche Privat-Musikaliensammlung in der Königlichen Öffentlichen Bibliothek auf, einer Vorgängerinstitution der SLUB.

Abb. 1:  Stammbaum der fürstlichen Sammler Kurfürst Friedrich August II., Maria Josepha und Maria Antonia Walpurgis.Ich danke Frau Claudia Lubkoll für die Anfertigung des hier wiedergegebenen Stammbaums.

Abb. 1:

Stammbaum der fürstlichen Sammler Kurfürst Friedrich August II., Maria Josepha und Maria Antonia Walpurgis.[2]

Die Notenbestände der katholischen Hofkirche sind im historischen Kontext der Konversion Augusts des Starken zum Katholizismus zu sehen, die dieser im Jahr 1697 vollzog: In Folge dieses Schritts entstand das Desiderat eines neuen, katholischen Kirchenmusik-Repertoires für den Dresdner Hof. Im Laufe der Jahre entwickelte sich ein vielfältiges Repertoire für alle in Dresden gepflegten Gottesdienste des katholischen Kirchenjahrs.

Einen bedeutenden Anteil der Sammlung bilden die autograph überlieferten Werke der Hofkomponisten Jan Dismas Zelenka und Johann David Heinichen. Diese beiden und weitere höfische Kirchenmusiker brachten außerdem ein jeweils eigenes Repertoire mit Werken italienischer, böhmischer und Wiener Provenienz ein. Weitere Manuskripte wurden durch gezielte Ankäufe und auf Reisen in Neapel, Rom und Venedig erworben. Die hieraus überlieferten Quellen sind oft Unikate und von besonderem musikhistorischen Wert. Ab 1908 gelangten die Musikalien aus der Katholischen Hofkirche über die Königliche Öffentliche Bibliothek und/oder Sächsische Landesbibliothek in die heutige SLUB.

Ermittelt wurden die Projektbestände anhand insgesamt sieben historischer Inventare.[3] Darüber hinaus wurden Provenienzmerkmale wie Stempel und Altsignaturen zu Hilfe genommen. Aus den Gesamtbeständen der SLUB Dresden konnten auf diese Weise ungefähr 1.350 Projektmusikalien „herausgefiltert“ werden. Daneben wurden rund 150 Manuskripte in weiteren deutschen und ausländischen Bibliotheken als zum Bestand gehörig recherchiert. Im Fall von gut 70 dieser Manuskripte, die etwa im Zuge von Dublettenhandel Dresden verlassen hatten, konnten die heute besitzenden Institutionen für eine Zusammenarbeit im Sinne einer digitalen Zusammenführung der historischen Sammlungen gewonnen werden.[4] Die größten Lücken im Bestand gehen allerdings auf im Zweiten Weltkrieg entstandene Verluste bzw. Verlagerungen zurück. In diesem Zusammenhang konnten 82 Musikalien in Moskauer Bibliotheken ausfindig gemacht werden. Bemühungen um eine virtuelle Zusammenführung sind noch im Gange.[5]

Die Projektbestände teilen sich etwa hälftig in die beiden Bereiche Hofkirche und KPMS. Knapp 150 Quellen sind als Stimmenmaterialien überliefert und 95 liegen als Drucke vor.

3 Die Erschließung

Die rund 1.500 Projekt-Musikalien werden in einem ersten Schritt mittels der Spezialsoftware Kallisto nach RISM-Richtlinien wissenschaftlich erschlossen. Dabei werden die Katalogisate kontinuierlich in die Datenbank des internationalen Quellenverzeichnisses RISM eingespeist und stehen dort wenig später für die Online-Recherche zur Verfügung. Am Ende des Projekts dürften etwa 4.500 Katalogisate vorliegen, eine Zahl, die sich u. a. aus den umfangreichen Sammelhandschriften der Bestände ergibt.

Bei der Tiefenerschließung werden zunächst die Autoren, Einordnungstitel und Gattungen der Werke ermittelt. Diese Angaben werden um vielfältige Informationen zu musikalischen und philologischen Kriterien sowie um mit der Quelle verbundene Institutionen und Namen – wie z. B. Interpreten, Widmungsträger oder Vorbesitzer – angereichert. Dies geschieht auf der Grundlage umfänglicher Kenntnisse der Musik des 18. Jahrhunderts sowie der einschlägigen Literatur zur Dresdner Hofmusik wie auch mit Hilfe des in den letzten Jahren stark vermehrten digitalen Quellenangebots. Ein Beispiel hierfür bilden Originallibretti verschiedener Opernaufführungen, anhand derer die Fassung eines Bühnenwerks ermittelt werden kann.

Vier projektspezifische Schwerpunkte der Erschließung sollen näher benannt werden. Aufgrund der Herleitung der Projektbestände aus den überlieferten historischen Inventaren wird die Zuordnung der Quellen zu den historischen Katalogeinträgen genau überprüft und in den Titelaufnahmen durch Angabe der Altsignatur, der Fundstelle im Inventar, des Vorbesitzers und der vormals besitzenden Körperschaft nachvollziehbar dokumentiert.[6] Unter Umständen werden diese Angaben zusätzlich durch einen Freitextkommentar ergänzt. Dies ist z. B. der Fall, wenn eine Quelle nicht eindeutig einem bestimmten Katalogeintrag zugeordnet werden kann.

Die charakteristischen Einbände der KPMS-Musikalien können oft aufschlussreiche Informationen zur Geschichte und Sammlungszugehörigkeit der individuellen Quelle beitragen. So ist etwa aus der buchbinderischen Machart der Materialien häufig auf den Vorbesitzer zu schließen, und spezifisch gestaltete Titel- oder Nummerierungs-Etiketten auf Einbanddeckeln und -rücken sind Indizien von zu unterschiedlichen Zeiten und durch verschiedene Personen vorgenommenen Ordnungsvorgängen. Aus diesem Grund kommt den Einbänden eine detaillierte Beschreibung zu. Die hierfür vorgesehene Kallisto-Kategorie „Einband“ wird aktuell in RISM online noch nicht angezeigt, eine Veröffentlichung ist jedoch für die nahe Zukunft geplant.

Eine besondere Zielsetzung der wissenschaftlichen Erschließung in unserem Projekt ist die lückenlose Bestimmung der Schreiberhände. Für einen Teil der Manuskripte können sich die Mitarbeiter hier auf Publikationen einzelner Forscher sowie auf die Ermittlungen des „Schrank II“-Projekts stützen. Die noch unbestimmten Schreiberhände hingegen werden während der laufenden Arbeit zunächst in einer internen Tabelle festgehalten, um am Ende des Projekts gesammelt ausgewertet zu werden (vgl. unten, Kapitel 4).

Großer Wert wird schließlich – im Anschluss an die Katalogisierungstradition der RISM-Ländergruppe Dresden – der Erfassung der Musik- und Textincipits beigemessen. Diese spielen in der Nutzung der RISM-Datenbank eine wesentliche Rolle für die Identifizierung anonym oder fragmentarisch überlieferter Kompositionen. Dokumentiert werden Incipits aller musikalisch geschlossenen Sätze, bei denen eine potentielle Wahrscheinlichkeit besteht, aus der Gesamtkomposition herausgetrennt zu werden. Bei Opern etwa sind dies sämtliche Arien und Rezitative. Nach Hochrechnungen werden bei Projektabschluss etwa 22.000 Incipits eingegeben sein.

Als eine besondere Herausforderung haben sich im Projektverlauf die Konvolute erwiesen. Diese bestehen vor allem aus ursprünglich einzeln überlieferten Arien- und Kantatenabschriften, die im 19. und 20. Jahrhundert nach meist willkürlich erscheinenden Kriterien in einer großen Anzahl von Konvoluten zusammengebunden und wiederum unter nur wenigen übergreifenden Hauptsignaturen inventarisiert wurden. Sowohl die Herauslösung der Einzelmanuskripte aus ihrem vorherigen Sammlungszusammenhang als auch die im Bereich der Arien und Kantaten oft nur summarischen Einträge in den historischen Inventaren erschweren hier die Bestimmung von Provenienz und Projektzugehörigkeit der Quellen. Gemäß ihrer ursprünglichen Natur als Einzelmanuskripte wurde entschieden, die Quellen jeweils als einzelne Werke zu katalogisieren und zu digitalisieren. Eine Erläuterung in der Freitextkategorie und die untergliederte Anlage der Signaturen erschließen ergänzend den physischen Konvolutzusammenhang.[7]

Sämtliche in Kallisto erstellten Haupteinträge werden mit einem Standardsatz „Diese Musikquelle ist Gegenstand des DFG-Projekts ,Die Notenbestände der Dresdner Hofkirche und der Königlichen Privat-Musikaliensammlung aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union‘. Weitere Informationen unter hofmusik.slub-dresden.de.“ versehen und sind so selektierbar (Abb. 2).

Abb. 2:  Webseite „Hofmusik in Dresden“ der SLUB Dresden – Teaser.

Abb. 2:

Webseite „Hofmusik in Dresden“ der SLUB Dresden – Teaser.

Einen speziellen Forschungsbereich des Projekts bildet die Bestimmung der Papiere und Wasserzeichen. Gleich im Anschluss an die Katalogisierung werden die Manuskripte Seite für Seite auf die in ihnen enthaltenen Wasserzeichen untersucht. Alle im Manuskript vorkommenden Papiere/Wasserzeichenmotive werden in einer speziellen Arbeitstabelle u. a. mit einer verbalen Beschreibung des Motivs, der Anzahl der Stege sowie den Abmessungen von Höhe und Breite des Motivs und des Stegabstands erfasst. Von den am besten erkennbaren Motiven wird eine Abbildung angefertigt. Im Antrag vorgesehen sind gut 1.100 Abbildungen. Im Unterschied zum „Schrank II“-Projekt, das die Wasserzeichenabbildungen mittels Durchlicht-Fotografien erstellte, fiel die Entscheidung im laufenden Projekt zugunsten einer deutlicheren Erkennbarkeit der Motive auf die Methode der Durchzeichnung.

Parallel zur formalen Erfassung der Wasserzeichen laufen Recherchen zu den Papieren in Spezialliteratur und filigranologischen Datenbanken. Der beständige Abgleich der Ermittlungen zu Datierung und geographischer Herkunft der Manuskripte aus der wissenschaftlichen Katalogisierung einerseits und der Wasserzeichenforschung andererseits führt schon jetzt, während der Projektlaufzeit, zu einer ständig fortschreitenden Präzisierung in der Datierung und Einordnung der Manuskripte.

4 Der Workflow

4.1 Von der Erschließung zum frei einsehbaren Digitalisat

Die zentrale Software, die den elektronischen Digitalisierungsworkflow steuert und die Vorgänge für die Präsentation zur Verfügung stellt, ist das Open-Source-Produkt Goobi.[8] Die Metadaten werden aus dem Verbundkatalog SWB bezogen, dessen PPN’s als Identifier für den weiteren Workflow fungieren. Während im „Schrank II“-Projekt die hierfür benötigten Katalogisate in WinIBW noch händisch aus den Zentralkategorien der Kallisto-Titelaufnahmen erstellt wurden, greift mittlerweile ein automatisiertes Verfahren, bei dem die im MARC-Format stehenden Kallisto-Kategorien entsprechenden PICA-Feldern der Verbundsoftware zugeordnet werden. Zu den für den Export ausgewählten Kategorien gehören u. a. alle in Kallisto definierten Arten von Einordnungstiteln sowie Komponist, Komponistenquerverweis(e) und Textdichter (Abb. 3).

Abb. 3:  Beispiel mehrfacher Einordnungstitel: Jan Dismas Zelenka, ZWV 21 – Anzeige im SWB-Online Katalog bei Anwahl des „MARC21“-Reiters (Ausschnitt).

Abb. 3:

Beispiel mehrfacher Einordnungstitel: Jan Dismas Zelenka, ZWV 21 – Anzeige im SWB-Online Katalog bei Anwahl des „MARC21“-Reiters (Ausschnitt).

Bei Sammelhandschriften werden bis zu 50 enthaltene Werke mit Kurzangaben exportiert – ein enormer Fortschritt gegenüber der händischen Erfassung, bei der nur bis zu fünf enthaltene Werke übernommen wurden.[9]

Bei konkretem Bedarf erstellt die RISM-Zentralredaktion einen Datenabzug der projektrelevanten Katalogisate,[10] der in den Katalog des SWB eingespielt wird und nach Datenanpassungen den Datensatz (die bibliographische Beschreibung) für das Digitalisat bildet. Bei der Nachbearbeitung stellen die Kollegen der Abteilung „Non Book Materials“ u. a. sicher, dass sämtliche Autorennamen mit der GND verknüpft sind: Nicht immer werden die Personenansetzungen des RISM beim Datentransfer automatisch erkannt, was besonders bei den enthaltenen Werken vorkommt.[11]

Ist das Einspiel der Metadaten in Goobi erfolgt, werden Laufzettel, die Besonderheiten der Quelle für die Digitalisierung festhalten, erstellt. Dies können z. B. aufzuklappende Papierstreifen mit Schreiberkorrekturen sein. Gleichzeitig werden die zur Quelle gehörigen Wasserzeichen-Durchzeichnungen mit einem als Maßstab beigefügten Lineal auf Papier kopiert (Abb. 4). Mit Laufzettel und Wasserzeichenkopien versehen gehen die Manuskripte, die bereits vor der Katalogisierung unter dem Blickpunkt der Bestandserhaltung geprüft wurden, an das Digitalisierungszentrum der SLUB.

Abb. 4:  Wasserzeichen-Durchzeichnung mit als Maßstab beigefügtem Lineal.

Abb. 4:

Wasserzeichen-Durchzeichnung mit als Maßstab beigefügtem Lineal.

Die für die Digitalisierung eingesetzten Geräte sind der „Proserv“ und der „Grazer Buchtisch“. Auf Letzterem werden die meisten gebundenen Noten sowie empfindliche Materialien, die ein Aufklappen auf 180° schädigen könnte, gescannt, auf dem Proserv dagegen Stimmenmaterialen und flach aufklappbare Noten.[12] Die Gesamtanzahl der gescannten Seiten wird bei Projektende vorraussichtlich bei ca. 240.000 Aufnahmen liegen.[13] Über die Digitalisierung von Vorder- bis Hinterdeckel hinaus werden für das Projekt auch die philologisch interessanten Buchrücken der Originaleinbände aufgenommen.

Auf das Scannen folgt die sogenannte Strukturierung. Hier werden die elektronischen Quellen mit einer Gliederung durch Strukturelemente versehen, welche die Orientierung in den oft umfangreichen Digitalisaten erleichtert. Die Strukturierung der Partituren orientiert sich dabei an den Text- und Musikincipits der RISM-Katalogisate, während bei Stimmenmaterialien die einzelnen Stimmen bezeichnet werden. Bei Sammlungen kommen die enthaltenen Werke als Strukturelement hinzu. Am Ende werden jeweils – wenn vorhanden – der Buchrücken und die Wasserzeichenabbildungen präsentiert.[14]

Nach Abschluss des Vorgangs wird die Reproduktion in die Digitalen Sammlungen exportiert und ist binnen kurzer Zeit im Netz frei einsehbar, z. B. direkt über den SWB, über RISM online oder über den SLUB-Katalog. Images und Metadaten gehen gemeinsam in die Langzeitarchivierung der SLUB.

Gleichzeitig sind die Strukturelemente – darunter die Incipits der Werkabschnitte – über Google und weitere Suchmaschinen nachweisbar. Damit steht – zusätzlich zu dem im SWB nachgewiesenen Spektrum an Einordnungstiteln und Autorenangaben – eine beträchtliche Anzahl weiterer suchrelevanter Elemente für die Online-Recherche zur Verfügung. Insgesamt kann so für die präsentierten Projektbestände eine nennenswert differenzierte Recherchierbarkeit in breiter Fächerung, nämlich über die fachspezifische Datenbank RISM, über regionale, nationale und internationale Bibliotheks-Kataloge wie auch in übergreifenden internationalen Suchmaschinen konstatiert werden (Tab. 2).

Tab. 2:

Recherchierbarkeit der präsentierten Projektbestände (Auswahl).

Kategorien/KomponentenRecherche-Instrumente
Einordnungstitel, verschiedene Typen Autoren, inklusive Querverweisen Strukturmerkmale – z. B. Arienincipits – Wasserzeichen-ID’s Digitalisate u. a.fachspezifisch: RISM online Bibliothekskataloge, regional, national, international: PRIMO (SLUB Dresden) SWB KVK WorldCat Deutsche Digitale Bibliothek Übergreifende internationale Suchmaschinen u. Ä.: Google Petrucci Music Library

4.2 Die Endphase des Projekts

Einen gesonderten Abschnitt des Projektworkflows bilden die letzten Monate, die Endphase des Projekts. Hier werden sämtliche im Lauf der Projektarbeit gesammelten Wasserzeichen- und Schreiberbefunde gesichtet und ausgewertet und abschließend in die RISM-Titel eingearbeitet. Am Anfang wird dabei ein Abgleich mit den Ermittlungen des „Schrank II“-Projekts stehen. In jenem Projekt noch nicht erfasste Wasserzeichen erhalten eine neue ID. Noch nicht registrierte Kopisten werden in der Kallisto-Personendatenbank mit neuen Datensätzen angelegt. Als ein Novum gegenüber „Schrank II“ ist hier auch das Einpflegen von Verlinkungen auf Schriftproben vorgesehen.

Schließlich sollen die neuen Ergebnisse zu Notisten und Papieren auch in die bereits im „Schrank II“-Projekt entwickelten und auf der „Hofmusik in Dresden“-Webseite implementierten Schreiber- und Wasserzeichendatenbanken eingespielt werden (Abb. 5). Auf diese Weise werden in diesen Katalogen, die gegenüber RISM online eine differenziertere einschlägige Recherche ermöglichen, alle in den Notenbeständen der Dresdner Hofmusik aus der Zeit der sächsisch-polnischen Union vorkommenden Schreiber und Papiere unter einem Dach recherchierbar sein.[15]

Abb. 5:  Der Wasserzeichenkatalog der Webseite „Hofmusik in Dresden“ – Suchmaske.

Abb. 5:

Der Wasserzeichenkatalog der Webseite „Hofmusik in Dresden“ – Suchmaske.

5 Ziele und Effekte des Projekts

Durch dieses Projekt wird ein weiterer zentraler Bestand der Musikabteilung der SLUB Dresden in zeitgemäßer Form zugänglich. Damit sind die Voraussetzungen sowohl für die praktische wie für die wissenschaftliche Arbeit mit den Quellen geschaffen. Die vertiefte Erschließung mit Provenienzangaben, Einbandinformationen, Schreiber- und Papierbestimmung sowie die Volldigitalisate, an denen der Nutzer die Angaben überprüfen und ergänzen kann, bilden eine hocheffektive Infrastruktur für wissenschaftliche Fragestellungen. Zu denken ist hier an übergreifende Forschungen zur Musik am Dresdner und Warschauer Hof zur Zeit der sächsisch-polnischen Union oder an vergleichende Studien zur höfischen Musik und Musiksammlungen der Zeit – aber auch an eine Vielzahl weiterer systematischer und monographischer Fragestellungen. So könnten etwa die Schreiber- und Wasserzeichenbefunde auch für auf den italienischen, den Münchner oder den Wiener Raum bezogene Repertoire- und Komponistenstudien fruchtbar gemacht werden.

Jüngste Veröffentlichungen, wie z. B. Federico Maria Sardellis brillante Identifizierung eines Jugendwerks von Vivaldi, die dem Forscher u. a. mithilfe der Schreiber- und Wasserzeichenkataloge von „Schrank II“ gelang, geben der Hoffnung Vorschub, dass sich die so formulierten Ziele und Erwartungen des Projekts in Zukunft erfüllen werden.[16]

Published Online: 2016-01-15
Published in Print: 2016-02-01

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