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Publicly Available Published by De Gruyter Saur January 15, 2016

Liedflugdrucke aus dem deutschsprachigen Raum – neue Perspektiven der Erschließung

Michaela Scheibe

Michaela Scheibe

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Abteilung Historische Drucke

Unter den Linden 8

D-10117 Berlin

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From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Im Beitrag wird die Gattung der Liedflugdrucke von der Frühneuzeit bis in die Moderne kurz umrissen und Bestandscharakteristika sowie die Sammlungs- und Erschließungssituation an verschiedenen Beispielen erläutert. Anschließend stellt die Autorin Inhalt und Aufbau der neuen zentralen Datenbank für digitalisierte deutschsprachige Liedflugdrucke „VDLied“ vor, die in einem DFG-Projekt der Staatsbibliothek zu Berlin und des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (Freiburg i. Br.) entwickelt wurde. VDLied stellt seit September 2015 Berliner, Freiburger und Wiener Liedflugdrucke des 16. bis 21. Jahrhunderts einschließlich der darin enthaltenen Lieder für eine medienspezifische Recherche zur Verfügung.

Abstract:

The article outlines the genre of song leaflets from the early modern age to the present and explains, with the help of various examples, the collection characteristics as well as the collection and indexing situation. Then the author presents contents and structure of the new central data bank “VDLied” for digitised German song leaflets which has been developed in a DFG (German Research Foundation) project by the Berlin State Library and the Zentrum für Populäre Kultur und Musik (Freiburg im Breisgau, centre for popular culture and music). Since September 2015, “VDLied” provides song leaflets from the time of the 16th to 21st century from Berlin, Freiburg and Vienna for media specific research. Data include the songs printed.

Unbestritten bieten ephemere Druckerzeugnisse einen unschätzbaren Fundus an Quellen für den gesamten Bereich der historisch forschenden Disziplinen. Das Thema „Fliegende Blätter“ oder – nach Daniel Bellingradt[1] – „Flugpublizistik“ stellt jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung dar. Schon definitorisch gerät man schnell in Grauzonen bei der Abgrenzung zu periodischen Drucken wie den sich ebenfalls in der frühen Neuzeit entfaltenden Zeitungen und Zeitschriften oder anderen, z. T. durchaus umfänglicheren Gattungen von Gelegenheitsschrifttum und Polemik.[2] Grundsätzlich herrscht Konsens, dass es sich dabei um ursprünglich ohne Einband hergestellte Drucke ephemeren Charakters handelt, die einen eher geringen Blattumfang aufweisen und selbstständig, d. h. nicht-periodisch, sowie häufig anonym bzw. ohne Impressum erschienen sind. Beim Versuch einer Binnendifferenzierung dieses so umrissenen, bei genauerem Hinsehen jedoch in sich äußerst heterogenen Materials gerät man weiter in definitorische Unschärfen: Wie unterscheidet man im Einzelfall Flugblätter und Flugschriften, welche Einblattdrucke sind auch wirklich Flugblätter und wie viele Blätter darf eine Flugschrift haben?

Eine weitere Herausforderung hängt mit dem ephemeren Charakter dieser Mediengattung zusammen. Bibliotheken und andere Kulturgut dauerhaft bewahrende Institutionen haben diese Drucke gezielt und in größerem Rahmen erst im 19. Jahrhundert zu sammeln begonnen, nachdem v. a. die Geschichtswissenschaft Flugschriften und Flugblätter als wertvolle, da „authentische“ Quellen insbesondere zur Reformation, zum Dreißigjährigen Krieg oder zur Französischen Revolution entdeckte. Neben den so entstandenen separaten Sammlungen finden sich die „Fliegenden Blätter“ aber häufig in im weitesten Sinne thematisch zusammengestellten Sammelbänden, die nicht nur Flugpublizistik enthalten müssen, jedoch leicht Kleindrucke in dreistelliger Anzahl umfassen können. Aus Gründen der Zeit- und Personalersparnis entsprach es der bibliothekarischen Tradition, solche Bände bisweilen unter fiktiven Titeln ohne Einzelverzeichnung zu katalogisieren[3] bzw. dazwischen eingebundene Kleinschriften bei der Erfassung nicht zu berücksichtigen.

Mit der Erfassung der Flugpublizistik ist eine weitere Herausforderung angesprochen, die gerade im Hinblick auf die bislang unkatalogisierten Bestände – versteckt in Sammelbänden, in unerschlossenen Sondersammlungen und in kleineren Bibliotheken und Forschungsinstitutionen – noch lange nicht bewältigt sein dürfte. Auch die nationalbibliographischen, jahrhundertbezogenen Unternehmungen der „Verzeichnisse der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke“ (VD 16, VD 17 und das erst am Anfang stehende VD 18) haben hier noch keine Abhilfe geschaffen: Das VD 16 verzichtet im Gegensatz zum VD 17 und VD 18 grundsätzlich auf die Erfassung von Einblattdrucken. Ein nahezu vollständiger Nachweis der heute erhaltenen Flugpublizistik dürfte aber selbst mit dem – in den großen deutschen Altbestandsbibliotheken inzwischen abgeschlossenen – Unternehmen des VD 17 angesichts der verstreuten und häufig unikalen Überlieferung noch immer nicht zur Verfügung stehen, auch wenn die fortschreitende Digitalisierung der in den VDs nachgewiesenen Drucke die Nutzung gerade dieser Materialien deutlich vereinfacht. Hinzu kommt, dass die Datierung sowie die Identifikation von Verfassern bzw. Druckern und Verlegern der anonym und/oder ohne Impressum erschienenen Flugpublizistik ausgesprochen problematisch sein kann, so dass mit hohem Zeitaufwand bei der Katalogisierung und gleichzeitig mit – bei neuen Erkenntnissen der Forschung – zu präzisierenden Angaben zu rechnen ist.

Cum grano salis gilt all dies auch für die spezielle Form der Liedflugschriften und Liedflugblätter. Nach den Ergebnissen der Habilitationsschrift von Rolf Wilhelm Brednich zur frühneuzeitlichen Liedpublizistik im Flugblatt ist das ein- oder zweiseitig bedruckte, ungefalzte Liedflugblatt (meist im Folioformat) von den ungebundenen, gefalzten Liedflugschriften (häufig im handlichen Oktavformat) zu unterscheiden. Das Flugblatt wird als Medium für die Verbreitung von Liedern bereits im 15. Jahrhundert genutzt, während die Liedflugschrift erst mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts nachgewiesen ist, dann aber bald die ganz überwiegende Zahl der überlieferten Liedflugdrucke ausmacht und sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreut.[4] Die eklatant höhere Zahl überlieferter Flugschriften hängt dabei allerdings auch mit der im Vergleich noch weitaus geringeren Überlieferungschance der Flugblätter zusammen.

Die Ausstattung der Liedflugdrucke richtet sich wesentlich an ihren publizistischen Intentionen als populäre Kleindrucke im Dienst der Massenkommunikation aus. Adressat der Liedflugdrucke ist damit eine unbestimmte Öffentlichkeit. Die Urheber der Lieder, insbesondere aber die Verleger bzw. Drucker, verfolgen ein in der Regel kommerziell bestimmtes Verbreitungsinteresse, gleichzeitig aber auch die Absicht, die Einstellungen und das Verhalten der Rezipienten zu steuern. Als klassische Wirkabsichten erkennbar sind neben dem Aspekt der Information und Belehrung die öffentliche Meinungsbildung, die Verbreitung von Überzeugungen einschließlich emotionaler Reaktionen. Ganz deutlich aber ist auch die Absicht, das Interesse an Unterhaltung und Zerstreuung zu bedienen.

Das häufigste Erscheinungsbild der frühneuzeitlichen Liedflugschrift ist ein Oktavformat mit vier Blättern, undatiert, anonym und ohne Impressum, jedoch mit einem verkaufsfördernden Titelholzschnitt geschmückt und mehr als ein Lied enthaltend.

Abb. 1:  Titelblatt einer Flugschrift mit Pilgerliedern (Nürnberg 1541), SBB-PK, Hymn. 251 R.
Abb. 1:

Titelblatt einer Flugschrift mit Pilgerliedern (Nürnberg 1541), SBB-PK, Hymn. 251 R.

Im 19. und 20. Jahrhundert ist dagegen ein gefalztes Doppelblatt mit ein oder zwei Liedern auf den inneren zwei Seiten sehr beliebt – Verfasser, Komponist und Interpreten dienen nun zur Reklame und werden an prominenter Stelle des Titelblattes genannt.

Abb. 2:  Wiener-Lied von Ludwig Gruber (Wien 1912), ÖVLA Wien, ÖC Blaha 067.
Abb. 2:

Wiener-Lied von Ludwig Gruber (Wien 1912), ÖVLA Wien, ÖC Blaha 067.

Auch der Notendruck gehört nun zum Standard, während die frühneuzeitliche Version mit reinem Textdruck und dem Verweis auf bekannte Melodien auskommt.[5] Noch im 20. und 21. Jahrhundert werden ein- und beidseitig bedruckte Liedflugblätter wie auch Liedflugschriften als Medium etwa der Anti-Atomkraftbewegung oder für Protestsongs z. B. des Bündnisses Bahn für Alle genutzt. Ob digitale Verbreitungswege wie YouTube und mobile Endgeräte auch das Ende der Liedflugdrucke bedeuten, wird die Zukunft zeigen.

Erscheint die Unterscheidung von Liedflugschrift und Liedflugblatt – hält man sich an die Definition von Brednich – einigermaßen eindeutig, stellt sich auch weiterhin die Frage, ob das gefalzte Doppelblatt als Einblattdruck zu bezeichnen ist. Die definitorische Abgrenzung der Liedflugdrucke hin zu den Gelegenheitsschriften – man denke etwa an Leichenpredigten mit entsprechenden Liedbeigaben –, zu Musikdrucken und Liedersammlungen oder zur Flugpublizistik, die auch Gedichte und Prosaelemente enthält, gelingt schon weniger eindeutig. Auch die nicht-periodische Erscheinungsweise als Abgrenzung zur Zeitung bzw. Zeitschrift ist angesichts der von Verlagen herausgegebenen Serien von Liederdrucken für die späteren Jahrhunderte kein absolutes Ausschlusskriterium mehr.

Abb. 3:  Berliner Leierkasten-Couplets (ca. 1801), ZPKM Freiburg im Breisgau, Bl. 11251.
Abb. 3:

Berliner Leierkasten-Couplets (ca. 1801), ZPKM Freiburg im Breisgau, Bl. 11251.

Eine ganz besondere Herausforderung ist gerade bei den Liedflugdrucken mit ihrer Überlieferung verbunden: Häufig sind diese populären Kleindrucke im wahrsten Sinne des Wortes von ihren Käufern konsumiert worden, so dass meist nur wenige Exemplare oder gar singuläre Stücke erhalten blieben. Diese heute erhaltenen Stücke finden sich in den allermeisten Fällen nicht in separaten Liedflugschriftensammlungen – schon als Teil von Flugschriftensammlungen sind sie eher die Ausnahme.[6] Unter den deutschen Bibliotheken verfügen lediglich die Staatsbibliothek zu Berlin und die Bayerische Staatsbibliothek über eine Spezialsammlung von Liedflugdrucken – und selbst das bedeutet nicht, dass nicht gleichzeitig weitere derartige Drucke in anderen Sammlungsteilen verstreut aufzufinden wären.

Die mit Abstand umfangreichste separate Sammlung frühneuzeitlicher deutschsprachiger Liedflugschriften stellt die heute zu den Sondersammlungen der Abteilung Historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin gehörende Sammlung „Weltliche und geistliche Lieder aus der Bibliothek Meusebach“ dar.[7] Nachdem im Jahr 1850 die Bibliothek des Freiherrn Karl Hartwig Gregor von Meusebach (1781–1847) mit Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. für die Königliche Bibliothek erworben worden war, wurde der Gesamtbestand von 25.000 Werken zum größten Teil in den allgemeinen Bestand der Berliner Bibliothek integriert. Lediglich die damals noch größtenteils ungebundenen frühneuzeitlichen Liedflugschriften wurden als geschlossene Sammlung, geteilt in weltliche (Volkslieder und historische Lieder) und geistliche Lieder, aufgestellt, einzeln gebunden und durch Liedflugdrucke anderer Provenienz ergänzt. Etwa 80 % der in Berlin vorhandenen Exemplare müssen derzeit als Unikate gelten. Die zum einen von Meusebach erworbenen, vor allem aber aus dem Nachlass des preußischen General-Postmeisters Karl Ferdinand Friedrich von Nagler (1770–1846) stammenden – offenbar ebenfalls ungebunden in die Bibliothek gelangten – Liedflugblätter wurden zu vier Klebebänden mit heute insgesamt 175 Titeln zusammengefasst, deren Zusammenstellung zwischenzeitlich an mehreren Stellen verändert wurde.[8]

Abb. 4:  Blatt mit drei Liedflugblättern (ca. 1520–1525) aus dem ersten Band der Berliner Klebealben, SBB-PK, Yd 7801 R.
Abb. 4:

Blatt mit drei Liedflugblättern (ca. 1520–1525) aus dem ersten Band der Berliner Klebealben, SBB-PK, Yd 7801 R.

Dennoch finden sich weitere einschlägige Drucke auch in anderen Sondersammlungen wie der Gesangbuchsammlung Wernigerode und im nach der sachlichen Systematik des Alten Realkatalog aufgestellten Hauptbestand, hier insbesondere in thematisch zusammengestellten Sammelbänden. Der 2009 erschienene dreibändige Katalog von Eberhard Nehlsen erschließt erstmals umfassend die Berliner Liedflugschriften bis 1650 und leistet wertvolle Grundlagenforschung vor allem hinsichtlich der Identifizierung von Verfassern und Druckern sowie zur Datierung.[9]

Die umfangreiche Flugschriftensammlung Gustav Freytags, die nach seinem Tod als Schenkung des Herausgebers der Frankfurter Zeitung, Leopold Sonnemann, in die Frankfurter Stadtbibliothek gelangte, weist immerhin einen thematischen Teil „Lieder und Reime“ auf.[10] Die von dem Züricher Chorherren Johann Jakob Wick (1522–1588) gesammelten, chronologisch angeordneten Materialien aus illustrierten Flugblättern und anderen Einblattdrucken in 24 Manuskriptbänden gelangten über die Stiftsbibliothek des Großmünsters 1836 in die Stadtbibliothek Zürich. Unter diesen heute in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrten, 1925 aus den ursprünglichen Bänden ausgelösten Drucken der Sammlung Wickiana finden sich auch seltene Liedflugdrucke.[11] Ein einzelner, in vergleichbarer Weise von dem Augsburger Weber Simprecht Kröll um 1524 zusammengestellter Band mit eingelegten Drucken, darunter einige wertvolle Liedflugdrucke, ist in der Universitätsbibliothek Heidelberg vorhanden.[12] Das sogar mit Noten ausgestattete Flugblatt mit dem Lied „Nun freut Euch lieben Christen g’mein“ von Martin Luther aus dem Jahr 1524 wurde vor wenigen Wochen in das Memory of the World Register der UNESCO aufgenommen.

Nur noch über Kopien und Abschriften kann ein Sammelband mit geistlichen und weltlichen Liedflugblättern aus der Landesbibliothek Darmstadt benutzt werden, da dieser Band zu den Kriegsverlusten der Bibliothek gerechnet werden muss.[13] Tatsächlich muss angesichts der Überlieferungssituation bei den Liedflugdrucken insgesamt auch abschriftliches, teilweise mit Fragmenten von Originaldrucken angereichertes Material aus den Nachlässen von Liedforschern des 19. Jahrhunderts wie etwa Ludwig Erk[14] (1807–1883) in Betracht gezogen werden, auch wenn dabei die Identifikation der jeweiligen Vorlage eine ganz besondere Herausforderung darstellt. Selbst der Abklatsch eines Druckes kann zuweilen das einzige erhaltene Zeugnis der Existenz eines sonst nicht überlieferten Liedflugblattes sein.[15]

Oftmals bleibt bei der Suche nach Liedflugdrucken nur die mühsame und zeitaufwändige Durchsicht umfangreicher Bestände auf einschlägiges Material, wie sie Brednach für die Sammlung historischer Einblattdrucke des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg eindrücklich schildert.[16] Mag dies bei einer Sammlung von einigen Tausend Blatt mit der Unterstützung der Kuratoren gerade noch möglich sein, so ist die Suche nach Liedflugdrucken in umfangreichen und nur unzureichend erschlossenen Sammlungen nicht umsetzbar. Hinzu kommt, dass sich wesentliche Stücke auch in den Beständen kleinerer Institutionen verbergen können und auch die Sammlungen ausländischer Bibliotheken berücksichtigt werden müssen – man denke nur an die deutschsprachigen Einblattdrucke und Flugschriftenbestände in der British Library.

Die Liedforschung hat diese Problematik durchaus erkannt und Forschungsinstitute mit Spezialsammlungen initiiert, wie sie vor allem in dem 1914 in Freiburg im Breisgau begründeten Deutschen Volksliedarchiv (seit 2014 das der Universität angegliederte Zentrum für Populäre Kultur und Musik) vorliegen. Die Schwerpunkte der Freiburger Sammlung liegen im späten 18. und insbesondere im 19. Jahrhundert, regional sind die Drucke stark gestreut, allerdings spielen aus sammlungsgeschichtlichen Gründen Hamburg (Drucke der Firma Kahlbrock) und Norddeutschland eine große Rolle, aber auch die Drucke des Verlages Trowitzsch und Sohn in Frankfurt a. d. O. und eine Sammlung Wiener Blätter sind vorhanden, neben die geistlichen und weltlichen Lieder und politisch-historischen Lieder treten Couplets, Schlager und Moritaten. Auch in Wien findet sich eine derartige Einrichtung in dem der Musikabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek personell angegliederten Archiv des Österreichischen Volksliedwerkes Wien, dessen Sammlungsschwerpunkt bei Drucken des 19. und 20. Jahrhundert aus der Region Wien sowie aus Österreich liegt und insbesondere Drucke der Verlage Blaha, Moßbeck und Hofmeister mit Liedern auch aus Operetten, Singspielen und Revuen umfasst. Die umfangreichen Sammlungen originaler Drucke wurden gerade im Freiburger Institut ergänzt durch die gezielte Sammlung von Kopien und Abschriften, um einen möglichst zentralen Überblick über die relevanten Bestände zu bekommen und diese für die Forschung nutzbar zu machen.

Trotzdem blieb die Nachweissituation der Liedflugdrucke unbefriedigend: Auch hier konnten die VDs nur teilweise Abhilfe schaffen. Das VD 17 bietet zwar durchaus über die entsprechenden Gattungsbegriffe gezielte Suchmöglichkeiten und erfasst auch die Einblattdrucke, ist aber dennoch von Vollständigkeit selbst für das 17. Jahrhundert noch deutlich entfernt. Was noch an nicht erfassten Beständen zu erwarten sein dürfte, lässt das Beispiel der Nürnberger Williana erahnen: Von den ca. 15.000 Drucken der Bibliotheca Norica Williana des Altdorfer Professors Georg Andreas Will (1727–1798), die 1792 der Stadt vermacht und 1816 in der Nürnberger Stadtbibliothek aufgestellt wurde, finden sich unter den zahlreichen seltenen Kleindrucken auch Liedflugdrucke. Insgesamt über 3.800 Drucke konnten im VD 17 nachgewiesen werden, alle anderen Sammlungsteile sind jedoch nur in einem gedruckten achtbändigen Katalog aus den Jahren 1773–1792 erfasst.[17] Die 64 nun im VD 17 katalogisierten Liedflugdrucke der Williana waren zum überwiegenden Teil noch nicht im VD 17 nachgewiesen.

Die Liedflugdrucke stellen jedoch noch eine grundsätzliche Herausforderung für die Erschließung dar: Nicht allein die bibliographischen Daten der Flugschriften und Flugblätter, sondern auch und vor allem die enthaltenen Lieder sind für die Forschung relevant; gerade die Flugschriften enthalten in den meisten Fällen obendrein zwei oder mehr Lieder. Da Inhaltserschließung nicht zum bibliothekarischen Standard gehört, sind die für die Forschung zum Medium Liedflugschrift entscheidenden Sucheinstiege auf Liedebene bislang vollständig Desiderat geblieben. Erst die medienadäquate Erschließung auf Liedebene kann den effizienten Zugriff auf diese Quellengattung ermöglichen.

Das 2012 begonnene und inzwischen bis auf Restarbeiten abgeschlossene Projekt VDLied will diesen Herausforderungen begegnen und die Grundlage für einen Gesamtnachweis der digitalisierten deutschsprachigen Liedflugdrucke schaffen. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Kooperationsprojekt der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und des Deutschen Volksliedarchivs (seit 2014: Zentrum für Populäre Kultur und Musik) wurden die in beiden Institutionen vorhandenen herausragenden Sammlungen deutschsprachiger Liedflugschriften inhaltlich erschlossen, digitalisiert und die Daten in einem zentralen Portal zusammengeführt sowie über spezifische Sucheinstiege recherchierbar gemacht. Am Projekt beteiligt ist auch das Archiv des Österreichischen Volksliedwerkes Wien, das die Daten der dort bereits erschlossenen und digitalisierten Liedflugdrucke für die VDLied-Datenbank zur Verfügung gestellt hat.

Abb. 5:  Startseite der Datenbank VDLied.
Abb. 5:

Startseite der Datenbank VDLied.

Die relevanten Daten aus den drei beteiligten Institutionen wurden in einer von der Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes in Göttingen gehosteten PICA-Datenbank zusammengeführt, nach den Projektvorgaben indexiert und eine Präsentationsschicht mit medienadäquaten Sucheinstiegen (Lied- und Strophenanfang, Refrain, Melodienverweis, Strophen-/Zeilenzahl etc.) eingerichtet. Die neue Datenbank der Liedflugdrucke ist im Internet frei zugänglich über die Projektseite www.vd-lied.de.

VDLied weist heute bereits insgesamt ca. 30.000 Lieder aus ca. 14.000 digitalisierten Flugschriften bzw. Flugblättern nach: ca. 7.500 Lieder aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin, ca. 17.000 Lieder aus dem Deutschen Volksliedarchiv und ca. 5.000 Lieder aus dem Archiv des Österreichischen Volksliedwerkes. Die Liedflugschriften-Sammlungen in Berlin, Freiburg und Wien lassen sich aufgrund ihrer komplementären chronologischen und regionalen Schwerpunkte zu einem virtuellen Gesamtbestand zusammenführen, der in diesem Umfang bislang nicht ansatzweise zur Verfügung stand und einen guten Ausgangspunkt für einen tatsächlich vollständigen Gesamtnachweis bietet. In der VDLied-Datenbank werden die historisch und kulturell bedeutsamen, aber bislang schwer zugänglichen und häufig unikal überlieferten Liedflugdrucke einschließlich der darin enthaltenen Lieder übergreifend recherchierbar und in digitaler Form zugänglich gemacht, so dass die jahrhundertbezogenen VDs nun um ein medienspezifisches VDLied ergänzt werden.

Um VDLied zu einem tatsächlich annähernd vollständigen Nachweisinstrument auszubauen, sind weitere Datenlieferungen zu digitalisierten Liedflugdrucken unbedingt erwünscht. Vorsichtige Schätzungen gehen von 20.000 bis 40.000 innerhalb des Alten Reiches bis 1700 produzierten Liedflugdrucken aus,[18] für die späteren Jahrhunderte sind belastbare Schätzungen noch nicht möglich. Aufgrund der beschriebenen Seltenheit und Verstreutheit der Liedflugdrucke enthalten auch kleine und kleinste Bestände – oft reicht ja ein einzelner Sammelband – wertvolle und bislang nicht nachgewiesene Stücke, die über VDLied zentral zugänglich gemacht werden könnten.

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Michaela Scheibe

Michaela Scheibe

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Abteilung Historische Drucke

Unter den Linden 8

D-10117 Berlin

Published Online: 2016-01-15
Published in Print: 2016-02-01

© 2016 by De Gruyter

Downloaded on 28.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bd-2016-0024/html
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