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Publicly Available Published by De Gruyter Saur January 15, 2016

„Laboratorium Musikbibliothek“

Neue Wege für die öffentliche Musikbibliothek am Beispiel der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen

Heinrike Buerke and Michael Schugardt
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung:

Der Auftrag zur Angebots- und Strukturveränderung hat in der Abteilung Musik & Tanz der Zentralbibliothek der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen in den letzten drei Jahren zu Innovationen in den Bereichen Team, Organisation, Etat sowie in der musik- und medienpädagogischen Programmarbeit geführt. 1,5 bibliothekarische Stellen wurden im gleichen Umfang in musikpädagogische Stellen umgewandelt, wodurch sich neue Möglichkeiten der professionellen Programmarbeit, Musik aktiv und lebendig zu vermitteln, ergeben. Begleitet wird die interne Organisationsumstellung von einer räumlichen Neuorientierung. Neben den Medien ziehen auch eine kleine Bühne mit Licht- und Tontechnik, iPads zum Musizieren mit Apps, Musiksoftware-Plätze und ein Workshop-Room ein. Etliche Möbel werden variabel gestaltet und sind flexibel einsetzbar. Die Abteilung übernimmt die Laborfunktion für neue Formate in diversen Ausprägungen.

Abstract:

The assignment to change the offers and the internal structure of the Music and Dance Department of the Central Library (Bücherhallen Hamburg, Germany) led to a multitude of innovations within the team, the internal organisation, the budget and the cultural and musical program work during the last three years. 1.5 posts as librarians have been converted to the equivalent of posts as music teachers. This enabled the department to offer professional cultural program work with the purpose to convey music to its customers in an active and lively way. The internal reorganisation is being accompanied by a spatial reorientation. Besides the media, there will be a small stage with technical equipment for light and sound, iPads with music apps, workspaces with audio-software and a room dedicated for workshops. Most of the new furniture has been chosen for its variability and multi-usability. The Music and Dance Department is the dedicated field for experimentation with new formats.

Wie stellen Sie sich eine Musikbibliothek in zehn bis 15 Jahren vor? Welche KundInnen werden kommen, welche Medien werden sie ausleihen? Leihen sie überhaupt noch etwas aus oder werden die Angebote vorwiegend digitaler Art sein? Sind Streamingdienste dann bereits veraltet und CDs und DVDs gar kein Begriff mehr? Welche Informationen und Angebote werden KundInnen von der Musikbibliothek erwarten? Schon jetzt stellen sich Bibliotheken weltweit anders auf, erfinden sich sogar ganz neu. Sie werden zu Informations- und Aktionszentren. Sie vernetzen sich im lokalen Umfeld genauso wie mit ihren KundInnen und interagieren mit ihnen. Die Verantwortlichen der Bibliothek beobachten heutzutage den „Markt“ und verstehen den „Leser“ als „Kunden“. Manche fragen sich, ob diese Sichtweise noch dem Bildungsauftrag einer Bibliothek entspricht? Betriebswirtschaft hält Einzug ins Denken und Handeln. Wieviel Betriebswirtschaft aber verträgt eine Musikbibliothek tatsächlich? Kann „zusammenwachsen, was [vielleicht] zusammengehört“? Auf wie viele neue Züge müssen wir in Zukunft aufspringen, wenn wir noch attraktiv sein wollen?

Diese und ähnliche Fragen stellt sich die „Abteilung Musik & Tanz“ in der Zentralbibliothek der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und sie möchte einige Ideen und Überlegungen, die sie in ihrem „Laboratorium Musikbibliothek“ angestellt hat, vorstellen. Was für uns „Laboratorium“ heißt, schildern wir im Folgenden:

Anfang 2013 hat die Betriebsleitung der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen der „Abteilung Musik & Tanz“ den Auftrag zur Angebots- und Strukturveränderung der Abteilung übertragen. Unter der oben geschilderten gedanklichen Ausgangslage wurden daraufhin folgende Ziele formuliert:

  1. 1.

    Im Mittelpunkt steht der Mensch!

    Wir rücken den Menschen und seine Neugier in den Fokus.

    Wir möchten die Menschen an die Musik heranbringen – ohne Schranke, ohne Vorbedingung, einfach mit viel Begeisterung und Entdeckerfreude. Deshalb bauen wir an einem musikalischen Lern- und Erlebnisort.

  2. 2.

    Die Medien dienen dem Menschen.

    Wir präzisieren unsere Medienangebote, verschlanken sie und richten sie auf die aktuelle Nachfrage aus. Dies schließt auch Reduzierungen des Bestandes, die Ausrichtung nach Umsatzzahlen und das Hervorheben aktueller – auch digitaler – Angebote ein.

Wie setzen wir diese Veränderungen in der Hamburger Zentralbibliothek um? Dazu braucht man vier gute Zutaten – wie bei einem Kochrezept:

  1. 1.

    Team,

  2. 2.

    Organisationsveränderung,

  3. 3.

    Etatverschiebungen,

  4. 4.

    „Erlebnis-Angebote“.

Unser innovatives Team besteht aus sieben Personen, die auf 5,5 Stellen arbeiten. Dazu gehören: drei MusikbibliothekarInnen, eine Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (Fa. M.I) und zwei Musikpädagogen.

Die Veränderung in der Personalstruktur ist die wesentliche „Schaltstelle“ unserer gesamten Arbeit. Wir haben 1,5 bibliothekarische Stellen in 1,5 musikpädagogische Stellen umgewandelt. Die Ergänzung unseres Teams durch Kollegen aus anderen Berufsfeldern öffnet uns Türen in neue Bereiche, die wir als BibliothekarInnen nicht bedienen können.

Programmarbeit pädagogisch qualitativ auszuführen sowie inhaltlich und technisch umzusetzen, liegt nicht im erlernten Betätigungsfeld von BibliothekarInnen. Programmarbeit ist jedoch ein Kernstück der zukünftigen Bibliotheksarbeit!

Die Personalentscheidung für ein gemischtes Team hat größere inhaltliche und organisatorische Veränderungen zur Folge:

In den letzten zwei Jahren haben wir alle Arbeitsabläufe extrem verschlankt, indem wir etliche Dienstleistungen an die interne Erwerbungs- und Katalogisierungsabteilung des Hauses abgegeben haben.

Wir haben uns von der selbständigen Medienauswahl im Bereich CDs/DVDs getrennt und nehmen das gesamte ekz-Musik-Lieferangebot in Anspruch. Wir ergänzen dieses Angebot durch spezielle Profile, wie:

Charts (2 Ex. pro Neueinsteiger, Lieferung durch lokalen Einzelhandel),

Regionales Hamburg-Angebot (CDs, DVDs, Bücher zu allen Hamburger Themen, Lieferung durch einen auf Hamburg spezialisierten Musikalienhandel),

Spezialangebot „Kultur im Gespräch“ (Hamburger Festivals, internationale Events/Preisverleihungen, z. B. Echo, Konzert-Saison Oper/Musical),

Türkische CDs (Lieferung durch die Staatsbibliothek Kopenhagen/Bibliothekscenter für Integration) und

Kundenwünsche.

Natürlich erwerben wir weiterhin auch eigenständig Noten und Musikbücher!

Um diese Angebote zu finanzieren, haben wir große Etatverschiebungen vorgenommen und verzichten auf höhere Budgets im Bereich Musikbücher und Noten. Hier konzentrieren wir uns auf die Bereiche, die höhere Umsatzzahlen erbringen (z. B. Musikpädagogik, Musiktheorie, Noten Popularmusik, Instrumentalschulen). Natürlich ist unsere Musikabteilung insgesamt mit einem sehr großen und fundierten Grundbestand ausgestattet, so dass wir uns jetzt auf besondere Segmente konzentrieren können.

Im digitalen Bereich haben wir seit Januar 2015 den Streamingdienst „Freegal“ im Angebot.

Im Sommer wurde dann ein Touchtable für die Direktnutzung vor Ort aufgestellt. Unser Ziel ist es, die digitalen Angebote im Haus offensiver zu positionieren. Die Nutzungsanalyse von „Freegal“ ergibt für den Zeitraum 01.01.–15.09.2015 folgende Daten:

Streaming total: 259.000 Titel,

Besucher Streaming: 6.100 Nutzer/Kunden,

Besucher Downloads: 5.400 Nutzer/Kunden,

Downloads: 27.800 Tracks.

Abb. 1:  Touchable für das Streamingangebot Freegal.

Abb. 1:

Touchable für das Streamingangebot Freegal.

Wie vermarkten wir unsere Medien?

Wir fokussieren uns in der Vermarktung auf aktuelle Themen, zu denen wir Medienpräsentationen in der Musikabteilung zusammenstellen und parallel dazu Medienlisten auf der Homepage anbieten.

Außerdem wird unsere Programmarbeit bei Facebook, auf unserer Homepage sowie über Flyer, Plakate und bei größeren Veranstaltungen in der Hamburger U-Bahn gepostet und beworben. Wir bemühen uns überdies, auf den Seiten unserer Kooperationspartner präsent zu sein.

Was Kunden der Zukunft wollen – unser Fazit

Der Kunde der Zukunft sucht in einer Musikbibliothek mehr als nur Medien.

Wir bieten einen kreativen, lebendigen Musikort innerhalb der Stadt, der mit zahlreichen Hamburger Kulturträgern vernetzt ist und mit ihnen kooperiert. Diese „Ko-Laborationen“ werden wir in Zukunft noch ausbauen.

Learning by Doing – so könnte die vierte „Zutat“ des Rezepts heißen, das eine neue „Geschmacksrichtung“ in den bekannten Bibliotheksalltag bringt: unsere „Erlebnis-Angebote“, die wir im Team gemeinsam entwickeln. Für die Umsetzung, Durchführung und technische Betreuung sind die beiden Musikpädagogen verantwortlich. Was ist das Ziel und der Sinn dieser Angebote und wo ziehen wir die Grenzen zu anderen Hamburger Musikanbietern?

Die Bibliothek war schon immer ein Ort der Information und des Wissens. Wir gehen nun einen Schritt weiter und kümmern uns auch um die Art und Weise des Wissenserwerbs. Wir meinen damit den Weg des Entdeckens und Findens. Interessierte Menschen kommen zu uns, um Bekanntes zu finden, aber auch Neues zu entdecken, um inspiriert zu werden und sich anregen zu lassen. Sie können bei uns ausprobieren, wie man Musik in den verschiedensten Formaten macht und damit einen Zugang zu ihr finden. Musik muss man „machen“, um sie zu erleben und zu erspüren. Das unterscheidet sie von vielen anderen Wissensgebieten und eröffnet einen ungeahnten Freiraum.

Unsere Musikabteilung vermittelt den Einstieg in diese Welten, andere Musik- und Kulturanbieter setzen diese Arbeit in unserem Haus oder in deren Einrichtungen fort. Hier Kooperationen zu befördern, ist unser Ziel.

Welche praktischen Wege schlägt die Abteilung Musik & Tanz ein, um dieses Konzept umzusetzen?

Zunächst einmal findet aktuell der länger geplante Umbau der Musikabteilung statt. Vorgesehen ist unter anderem Folgendes:

  1. 1.

    Der Einbau einer kleinen Bühne mit Licht- und Tontechnik,

  2. 2.

    die Installation von Hard- und Software, um auch digital Musik machen zu können,

  3. 3.

    der Ausbau unseres Musikinstrumenten-Angebotes durch E-Drums und Keyboards.

Es konnte jedoch im vergangenen Jahr auch ohne diese Umbauten bereits einiges an Ideen in der musik- und medienpädagogischen Programmarbeit umgesetzt werden. Hier nun drei ausgewählte Beispiele:

1. Schnupperkurs Gitarre

Einmal monatlich samstags von 15 bis 18 Uhr gibt unser Musikpädagoge Michael Schugardt einen Schnupperkurs Gitarre für absolute Anfänger. Dieses Angebot wird hauptsächlich von Erwachsenen wahrgenommen, was sich mit seinen Erfahrungen aus dem privaten Musikschulbereich deckt. Es besteht hier seit Jahren eine starke Nachfrage nach musikalischer Erwachsenenbildung.

2. Klassische Musik für Kinder

Wir sind eine dauerhafte Kooperation mit einem gemeinnützigen Verein namens „Klassische Musik und Kultur für Kinder“ eingegangen. Unser „Musikalischer Mitmach-Nachmittag“ wird gestaltet von einer Musikpädagogin, die erste Schritte auf mitgebrachten Kindergeigen in Verbindung mit Singspielen zeigt, und daneben von einem Geigenbauer, der Kindern und Eltern die Entstehung solch eines Instruments erklärt.

3. Bundesjugendballett

Am Anfang der Sommerferien 2015 hatten wir einen Samstag lang das elfköpfige Team des Bundesjugendballetts zu Gast. In drei jeweils zweistündigen Blöcken wurde mit insgesamt 30 Kindern und 30 Jugendlichen sowohl in Form von Tanzspielen als auch mit der Arbeit an anspruchsvollen Choreographien der Spaß am Tanzen vermittelt, und das alles mit beispielloser Geduld und einem großen Einfühlungsvermögen.

Das Bundesjugendballett steht unter der Schirmherrschaft von John Neumeier und ist an seine Tanzschule angegliedert. Eine Grundlage der pädagogischen Arbeit an seiner Schule ist die Vermittlung von Volkstänzen aus aller Welt. Es war ein äußerst beeindruckender Tag für alle Beteiligten!

Für das Jahr 2016 haben wir u. a. die folgenden Ideen für die weitere Programmarbeit:

  1. Improvisationskurse für Senioren,

  2. Sprechstunde Musiktheorie für absolute Anfänger,

  3. Tanzkurse in den Ferien, in denen Jugendliche nach literarischen Vorlagen eigene Choreographien entwickeln sollen.

Dies stellt nur eine sehr begrenzte Auswahl aus unserer Programmarbeit dar. Momentan befinden wir uns in einem Prozess der Strukturierung und Professionalisierung bei der Vermarktung dieser Angebote, wozu eine frühzeitige komplette Jahresplanung sowie das gleichzeitige Mitdenken von Marketingkampagnen gehören.

Unsere „Zutatenliste“ ist damit vorerst abgeschlossen. Jedes neue Kochrezept möchte begutachtet, erprobt und möglicherweise variiert werden. Wir bleiben deshalb in einem offenen Diskurs, der Neues ausprobiert, Beständiges integriert, Ungewöhnliches zulässt und auf ein kreatives Miteinander setzt.

Deshalb freuen wir uns über jede Rückmeldung der LeserInnen dieses Artikels. Kontaktieren Sie uns gern!

Published Online: 2016-01-15
Published in Print: 2016-02-01

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