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Publicly Available Published by De Gruyter Saur June 10, 2016

Publikationskompetenz als neues Tätigkeitsfeld von Bibliotheken

Alice Keller
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung

Der Aufsatz stellt zwei Modelle des wissenschaftlichen Publizierens gegenüber: das traditionelle Dreiecksverhältnis zwischen Wissenschaft, Verlag und Bibliothek und ein neues Modell, das mit verschiedensten Online-Inhaltsanbietern und Publikationsplattformen arbeitet. Das neue Modell des wissenschaftlichen Publizierens verlangt sowohl von den Autoren als auch von den Bibliotheken neue Fähigkeiten, die hier unter dem Begriff Publikationskompetenz zusammengefasst werden. Auf Seite der Autoren bzw. Forscher kann die Publikationskompetenz als (pro-)aktive Form der Informationskompetenz verstanden werden. Bei den Bibliotheken geht es um den Aufbau von publikationsunterstützenden Services. Um diese Angebote professionell betreiben zu können, bedarf es besonderer Fähigkeiten, die sich oft signifikant vom traditionellen bibliothekarischen Aufgabenspektrum unterscheiden. Diese Veränderungen führen zu weitreichenden Konsequenzen für die Bibliotheken, bieten ihnen aber auch neue Chancen, verstärkt mit den Forschenden direkt in Kontakt zu kommen.

Abstract

This report compares two models of scientific publishing: the traditional triangle consisting of science, publisher and library, and a new model working with many different online content suppliers and publishing platforms. The new model of scientific publishing demands new skills both of the authors and the libraries which are summarized here by the term publishing competence. On the authors or researchers side, publishing competence can be understood as a (pro-) active kind of information competence. What matters on the libraries side is building up services to support publishing. In order to offer these services in a professional way, special skills are needed that often differ significantly from traditional library function ranges. These changes lead to far-reaching consequences for the libraries, but also give them new chances to directly get into contact with researchers to an increased extent.

1 Traditionelle und neue Rollenverteilung des wissenschaftlichen Publizierens

Die traditionelle Rollenverteilung zwischen Wissenschaft, Verlag und Bibliothek stellt ein Dreieck dar: der Forscher bzw. Wissenschaftler liest, forscht und schreibt; der Verlag prüft, verlegt und vertreibt; die Bibliothek schliesslich erwirbt, stellt bereit und archiviert. Als Output in diesem Kreislauf entstehen drei Produkte: das Manuskript, die fertige Publikation als Buch oder Zeitschrift und die Bereitstellung über die Bibliothek an den Leser. Das in Abbildung 1 dargestellte Dreiecksverhältnis ist natürlich stark vereinfacht, aber es zeigt die klare Arbeitsteilung zwischen den drei Partnern.[1] Gemäß Mittler hat dieser traditionelle Kreislauf zudem gewünschte Nebeneffekte wie Sicherung der Autorschaft, wirtschaftlicher Vertrieb, allgemeine Zugänglichkeit über Bibliotheken und damit Garantie von Kritik und Weiterführung in der Forschung.[2]

Abb. 1:  Traditionelles Dreiecksverhältnis des wissenschaftlichen Publizierens.

Abb. 1:

Traditionelles Dreiecksverhältnis des wissenschaftlichen Publizierens.

Dieses traditionelle Dreiecksverhältnis des wissenschaftlichen Publizierens weist viele Vorteile auf: jeder weiß, was er vom andern zu erwarten hat und wofür er selber verantwortlich ist. Zudem kann jeder Partner sich auf seine Kernkompetenzen fokussieren: der Wissenschaftler kann sich auf das Forschen und Schreiben konzentrieren und die Umwandlung des Manuskripts in ein fertiges Buch dem Verlag überlassen. Der Verlag organisiert Begutachtung bzw. Peer-Review, Herstellung, Marketing und Vertrieb, kann aber die Archivierung und weltweite Bereitstellung der Publikation den Bibliotheken überlassen. Und die Bibliothek schließlich kann sich auf ihren Sammelauftrag und die Vermittlung von Informationen konzentrieren. Dieses Modell ist weiterhin absolut selbstverständlich für viele Autoren, Verleger und Bibliothekare: so hat zum Beispiel die Zentralbibliothek Zürich im Jahr 2015 über 40.000 Monographien als Druckwerke erworben, deren Lebenszyklus diesem Dreiecksverhältnis entspricht. Des Weiteren weisen die kontinuierlich hohen Ausleihzahlen darauf hin, dass die traditionelle Form der Bereitstellung über eine Bibliotheksausleihe für viele Leserinnen und Leser weiterhin eine sinnvolle Bezugsform von Information darstellt.

Allerdings entwickelt sich neben diesem traditionellen Dreiecksverhältnis ein neues Modell des wissenschaftlichen Publizierens, das sich im World Wide Web abspielt und zu einer fundamentalen Veränderung der Rollenverständnisse führt. Dieses neue Modell wird ermöglicht und unterstützt durch die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung und des Internets als neuer und sehr leistungsfähiger Distributionskanal. Ausserdem werden die Veränderungen begünstigt durch die steigenden Anforderungen an die Wissenschaftler, immer noch mehr und noch schneller zu publizieren: Stichwort „publish or perish“.

Wie Mittler erklärt, kann in diesem Modell im Prinzip jeder der Beteiligten alle Rollen selbst übernehmen.[3] Und dennoch zeichnet sich auch hier eine neue Ordnung oder Rollenzuteilung ab, basierend auf den Kompetenzen und Möglichkeiten der verschiedenen Partner. Abbildung 2 stellt eine mögliche Ausformung dieses neuen Modells dar.

Abb. 2:  Neues Modell des wissenschaftlichen Publizierens.

Abb. 2:

Neues Modell des wissenschaftlichen Publizierens.

Auf den ersten Blick hat sich an der Rolle des Wissenschaftlers im Vergleich zum traditionellen Dreiecksverhältnis wenig geändert: er liest, forscht und schreibt weiterhin. Allerdings hat er sehr unterschiedliche Möglichkeiten, wie er seinen Publikationsoutput gestalten bzw. wo er ihn veröffentlichen möchte. Bereits früher musste der Autor entscheiden, welcher Verlag bzw. welche Zeitschrift für ihn die beste Option darstellt. Neuerdings hat diese Auswahl an Vielfalt drastisch zugenommen, und es stehen ganz verschiedene Online-Anbieter zur Wahl: fachliche oder institutionelle Repositorien, Open Access-Zeitschriften mit oder ohne Verlagsanbindung, Hochschulverlage oder Selbstverlage.[4] Zusätzlich kann der Autor, sofern der Autorenvertrag seiner Erstveröffentlichung dies zulässt, einer Zweit- und evtl. auch einer Drittveröffentlichung – zum Beispiel im Repositorium seiner Hochschule – zustimmen. Neu ist auch die Möglichkeit der Veröffentlichung von Forschungsdaten, die eine weitere Stufe der Komplexität im Publikationsprozess darstellen.

Welche Rolle übernimmt nun also die Bibliothek in diesem neuen Modell des wissenschaftlichen Publizierens? Da es sich bei den neuen Anbietern primär um Online-Informationsservices handelt, braucht es nicht mehr eine physische Bereitstellung der Publikation über die Bibliothek. Dass der physische Bestand einer Bibliothek nicht mehr allein im Mittelpunkt der Bibliotheksarbeit steht, ist natürlich nichts Neues! Die Frage ist vielmehr, wie das neue Rollenverständnis der Bibliothek zukünftig aussehen soll.

Die wichtigste Veränderung zum früheren Modell – zum traditionellen Dreiecksverhältnis – ist, dass die Bibliothek keine feste, ihr zugeschriebene Rolle hat. Eine wichtige Rolle ist natürlich die Lizenzierung und Verfügbarmachung von kostenpflichtigen Online-Angeboten für die Hochschulangehörigen bzw. den primären Benutzerkreis. Hieraus ergibt sich für die Bibliothek auch in Zukunft eine zentrale Rolle im Finanzfluss des wissenschaftlichen Publizierens. Aber auch diese Rolle – bzw. die Ausgestaltung dieser Rolle – könnte sich fundamental ändern, wenn es zu einer großflächigen Umwidmung von Erwerbungsmitteln, weg von der Finanzierung von Subskriptionen und hin zu Publikationsdienstleistungen nach Open-Access-Muster, käme.[5] Aber so weit ist man noch nicht!

Zusätzlich können Bibliotheken auch selber als Online-Inhaltsanbieter für Erst- und Zweitveröffentlichungen auftreten, in dem sie ein Repositorium zur Verfügung stellen, einen Hochschulverlag oder Open Access-Zeitschriften betreiben. Vornehmlich um diese Aufgaben geht es in den nachfolgenden Abschnitten.

2 Publikationskompetenz als wichtige Voraussetzung für Wissenschaftler und Bibliotheken

Betrachtet man das neue Modell des wissenschaftlichen Publizierens, wie in Abbildung 2 dargestellt, so stellt man schnell fest, dass sowohl Wissenschaftler wie auch Bibliothekare neue Fähigkeiten benötigen.

Diese neuen Fähigkeiten werden hier als Publikationskompetenz zusammengefasst.[6] Der Wissenschaftler, hier bezeichnet als Forscher oder Autor, braucht diese Skills, um zwischen einer Vielzahl an Möglichkeiten zu entscheiden und die für ihn geeignetste Publikationsoption zu wählen und umzusetzen. Die Bibliotheken hingegen sind aufgefordert, neue publikationsunterstützende Services aufzubauen und entsprechende Beratungsdienste zur Verfügung zu stellen (Tabelle 1).

Tab. 1:

Zwei Aspekte der Publikationskompetenz.

Publikationskompetenz des Autors bzw. ForschersPublikationskompetenz der Bibliothek
BetrifftAutor oder Forscher als Schreibender, als VerfasserBibliothek als Anbieterin von Publikationsplattformen und -services
Publikationskompetenz … wird verstanden als Teil der „aktiven“ Informationskompetenz… wird benötigt zum Aufbau und Betrieb von publikationsunterstützenden Dienstleistungen
Spezifische Fähigkeiten, benötigte KenntnisseWissenschaftliches Schreiben Publikationsmanagement und Literaturverwaltungssysteme Bibliometrische Methoden Urheberrecht, Nutzungsrechte Vor- und Nachteile verschiedener Publikationsformen, einschließlich sozialer Netzwerke Verständnis von Open Access Verwaltung Autorenprofil Möglichkeiten zur Optimierung des „Research Impact“ und der eigenen SichtbarkeitTechnische, administrative und organisatorische Fähigkeiten zum Aufbau und/oder Betrieb von: institutionellen Repositorien Digitalisierungszentren digitaler Langzeitarchivierung Services zur Unterstützung von Open Access-Zeitschriften Forschungsdatenmanagement Eigener Universitätsverlag

Diese erste Form der Publikationskompetenz (Tab. 1, linke Spalte), die beim Autor oder Forscher ansetzt, kann als Aspekt der Informationskompetenz verstanden werden. Während die traditionellen Definitionen der Informationskompetenz stark rezeptiv ausgerichtet sind, bietet die Publikationskompetenz einen proaktiveren Ansatz. Diese Erweiterung der Informationskompetenz entspricht auch der Vorstellung von Meyer-Doerpinghaus und Tappenbeck: „Neue Herausforderungen wie bspw. das Management von Forschungsdaten, der Umgang mit virtuellen Forschungsumgebungen, die Kenntnis und Nutzung der verschiedenen Varianten des elektronischen Publizierens einschließlich der damit berührten Thematik des Open Access, das Wissen um die Grundzüge des wissenschaftlichen Urheberrechts, aber auch Scientometrie und die Anforderungen an gute wissenschaftliche Praxis sollten vermehrt Eingang in die bibliothekarischen Schulungsprogramme finden.”[7]

Der Autor oder Forscher braucht diese Fähigkeiten, um im neuen Modell des wissenschaftlichen Publizierens seine Möglichkeiten überblicken, bewerten und nutzen zu können, um schließlich die für sich geeignetste Option zu wählen und umzusetzen. Im Vergleich zum klassischen Dreiecksverhältnis setzt das neue Modell gute Medienkompetenz und eine bedeutend höhere Eigenverantwortung bei den Forschenden voraus: der Autor bzw. die Autorin muss sich aktiv um viele Fragestellungen zu Publikationsoptionen für Erst- und Zweitveröffentlichung, Rechteklärung, evtl. Artikelfinanzierung bei Open Access u. v. m. kümmern. Mittlerweile findet man eine Vielzahl an Informations- oder Schulungsangeboten an Bibliotheken, die die Forschenden spezifisch auf diese Fragestellungen vorbereiten.

Die zweite Form der Publikationskompetenz betrifft die Bibliotheken selber (Tab. 1, rechte Spalte). Hier ist die Bibliothek gefordert, als Anbieterin von Publikationsplattformen aufzutreten und publikationsunterstützende Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Dies können institutionelle Repositorien für Volltexte oder Forschungsdaten, Digitalisierungszentren, digitale Langzeitarchive oder Services zur Unterstützung von Open Access-Zeitschriften sein. Parallel dazu muss die Bibliothek in der Lage sein, die Autoren und Forscher bei der Benutzung dieser Dienste gezielt zu beraten und zu unterstützen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum spricht man oft von „Library Publishing“ und meint damit „die Bibliothek als Verlag“.[8]

3 Konsequenzen und Chancen für die Bibliotheken

Wie so oft bei Entwicklungen im technologischen Bereich erfolgt dieser Wechsel vom traditionellen zum neuen Modell weder sofort noch vollständig. Der Übergang könnte Jahrzehnte dauern, oder es kann sogar sein, dass der Wechsel nie vollständig erfolgt und dass Bibliotheken dauerhaft beide Modelle nebeneinander führen werden! Auf jeden Fall müssen die Bibliotheken während der Übergangsphase in der Lage sein, beide Modelle zu unterstützen. Diese Form der Hybridität stellt die Bibliotheken vor ganz neue Herausforderungen: einerseits müssen die traditionellen Kompetenzen gepflegt und gleichzeitig neue Fähigkeiten gefördert und aufgebaut werden.

Das neue Modell des wissenschaftlichen Publizierens bringt aber auch Chancen für die wissenschaftlichen Bibliotheken: sie haben hierdurch vor allem die Möglichkeit, ein engeres Verhältnis zum Wissenschaftsbetrieb aufzubauen. Im Gegensatz zum klassischen Dreiecksverhältnis des wissenschaftlichen Publizierens steht die Bibliothek nun in direktem Kontakt zu den Wissenschaftlern. Sie nimmt nicht nur die fertige Publikation via Verlag entgegen, sondern kann den gesamten Lebenszyklus des Publizierens mitgestalten. Diese Veränderung sehen viele Bibliothekare als Chance. So haben publikationsunterstützende Dienstleistungen laut Erfahrungen von Depping das Potenzial, ein wichtiges weiteres Standbein für die Universitätsbibliotheken zu werden und die Bibliothek stärker im Bewusstsein der Entscheidungsträger der Hochschule zu verankern.[9] Schmolling sieht für die Bibliothek zudem eine Rolle, sich verstärkt als Partner für den Non-Profit Zugang zu kollektivem Kulturgut und Forschungsergebnissen zu positionieren.[10]

Um diesen gesamten Lebenszyklus des Publizierens mitgestalten zu können und gezielte Informations- oder Schulungsangebote anbieten zu können, müssen die Bibliothekare zuerst selber Experten im Bereich „Publikationskompetenz des Autors bzw. Forschers“ werden. Somit gelingt der Aufbau von Schulungs- und Beratungsangeboten nicht ohne beachtlichen Aufwand und stellt die Bibliotheken vor ganz neue Herausforderungen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum geht man davon aus, dass die Vermittlung von Publikationskompetenz zu einer zunehmend wichtigen Aufgabe und Beratungsdienstleitung von Fachreferenten wird.[11] In diesem Zusammenhang ist auch die Arbeit von Corrall, Kennan und Afzal von Interesse: sie machen darauf aufmerksam, dass mangelhafte Kenntnisse und Fähigkeiten sowie fehlendes Selbstvertrauen der Fachkräfte in Bibliotheken die größte Hürde bei der Entwicklung bzw. beim Ausbau von Services rund um Bibliometrie und Forschungsdaten darstellen.[12]

Parallel dazu muss die Bibliothek auch technische, administrative und organisatorische Fähigkeiten im Bereich des Aufbaus und Unterhalts von publikationsunterstützenden Services entwickeln. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen und gelingt auch nicht ohne zusätzliche Mittel oder Umschichtung von bestehenden Ressourcen.

Auch der Umgang mit Forschungsdaten gehört zu den wichtigen Kompetenzen im Bereich der Publikationskompetenz. Dieser Bedarf wurde auch von der deutschen Hochschulrektorenkonferenz erkannt: „Um speziell das Management von Forschungsdaten zu verbessern, erscheint es notwendig, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hochschulbibliotheken und Rechenzentren ihre Kompetenzen in Richtung auf das Profil des ‚Data Librarian‘ bzw. des ‚Data Curator‘ erweitern. Die Hochschulen sollten Lehrangebote einrichten, die dieser Erweiterung Rechnung tragen.“[13]

Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass diese neuen Themen zunehmend Eingang finden in die Lehrpläne der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Studiengänge in Deutschland und der Schweiz.[14] Wichtig ist an allen Hochschulen auch der Bezug zur Praxis: Die erlernten Fähigkeiten sollten möglichst unmittelbar auch an eigenen Fallbeispielen erprobt werden. Man kann also davon ausgehen, dass die nächste Generation der Bibliothekare und Informationswissenschaftler gute Voraussetzungen zum Aufbau und Betrieb von Publikationsplattformen mitbringen wird. Insbesondere die eher informationswissenschaftlich ausgerichteten Studiengänge dürften ein gutes Ambiente zum Erlernen der technischen Aspekte bieten.

4 Schlussbemerkungen

Wie der Verleger Erwin König bestätigt, hat der digitale Wandel in den letzten Jahren den „als vermeintlich in Stein gemeisselten Status Quo des wissenschaftlichen Publizierens ins Wanken gebracht“[15] : Bibliotheken seien inzwischen selbst zu Verlegern geworden. Er beruft sich hier u. a. auf eine amerikanische Studie, die zeigt, wie stark verbreitet „Library Publishing“ d. h. „Bibliotheken als Verlag“ in den USA ist.[16] (Natürlich ist die Situation in deutschsprachigen Ländern nicht eins-zu-eins vergleichbar mit den anglo-amerikanischen Ländern, wo die Hochschulverlage auf eine viel längere Tradition zurückblicken können.)

Auch der Verleger Sven Fund erkennt, dass sich Bibliothekare mit dem Aufkommen von Open Access in diese Richtung bewegen: sie mutieren zu „publishing advisors in an early-phase market“.[17] Allerdings sei dieser Markt geprägt von einem Mangel an Transparenz und Standardisierung, was aus seiner Sicht eine schwierige Ausgangslage für eine Berufssparte darstelle, die gewohnt ist, nach strengen Standards zu arbeiten. Für forschungsnahe Bibliotheken dürfte es ein heikler Balanceakt sein zwischen der traditionellen Rolle als Informationslieferant und dieser neuen, zusätzlichen Rolle als „publication facilitator”. Fund ergänzt, dass diese Veränderung nur gelingen kann, wenn eine umfassende Ressourcenverschiebung stattfindet. Allerdings führt er leider nicht weiter aus, welche Ressourcen er genau meint – man kann sich verschiedene Ansatzpunkte vorstellen.

Die eigenen Erfahrungen aus dem wissenschaftlichen Verlagsbereich zeigen übrigens, dass die Bibliothekare noch weit davon entfernt sind, Verleger im umfassenden Sinn zu werden. Auch wenn sie zunehmend über Kenntnisse im Bereich der Publikationskompetenz verfügen, so fehlen ihnen insbesondere die betriebswirtschaftlichen Grundlagen des Verlagswesens, sowie einschlägige Kenntnisse der Arbeitsbereiche Lektorat, Rechte, Herstellung/Satz, Marketing und Vertrieb.

Fund erwähnt oben die mangelhafte Transparenz im Markt. In der Tat, während dieser frühen Marktphase des Online-Publizierens beobachtet man, dass sich nicht nur Bibliothekare in den Ring drängen. So findet man insbesondere im Open Access-Bereich zahlreiche Start-up-Verlage, die offenbar nicht alle gleichermaßen seriös und zuverlässig sind. Beall hat in seiner Liste nicht weniger als 969 Open Access-Verlage aufgeführt, die er als fragwürdig oder zweifelhaft (Englisch „questionable“) bezeichnet.[18] Schon allein diese Situation überblicken zu können und zwischen wissenschaftlich seriös und zweifelhaft unterscheiden zu können, bedarf guter Publikationskompetenz!

Published Online: 2016-06-10
Published in Print: 2016-07-01

© 2016 by De Gruyter

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