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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter Saur August 24, 2016

Landesbibliographie und Geschichtsbibliographie – Gedankenaustausch bei der Tagung der AG Regionalbibliographie in München

From the journal Bibliotheksdienst

Nach einer Pause von 18 Jahren versammelten sich die deutschen Landesbibliographinnen und Landesbibliographen in diesem Jahr wieder einmal in München; vom 2. bis 3. Mai 2016 waren sie Gäste der Bayerischen Staatsbibliothek. Infolgedessen standen bibliographische und landeshistorische Tätigkeiten mit Bezug zur BSB bzw. zu Bayern ganz oben auf der Tagesordnung. Nach hausinterner Umstrukturierung ist die Bayerische Bibliographie Teil des Bavarica-Referats geworden, das darüber hinaus u. a. für mehrere weitere Produkte zuständig ist. Dazu gehört beispielsweise das Regionalportal Bayerische Landesbibliothek Online, an dessen Seite 2012 das spartenübergreifende Portal bavarikon – Kultur- und Wissensschätze Bayerns getreten ist, ferner das seit 2006 betriebene Historische Lexikon Bayern und das 2011 online gestellte, ebenfalls laufend um weitere Beiträge wachsende LiteraturportalBayern.

Alarmierend ist seit einiger Zeit die Lage der geschichtswissenschaftlichen Fachbibliographie in Deutschland. Nachdem die bislang von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betriebenen Jahresberichte für deutsche Geschichte und die von der Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen herausgegebene Historische Bibliographie eingestellt wurden – beide aufgrund fehlender finanzieller Weiterförderung – hat sich die bibliographische Situation der Geschichtswissenschaft in Deutschland massiv verschlechtert. Vor dem Hintergrund der Überführung der einstigen Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste gemäß den Vorstellungen der DFG versucht die für das Fachgebiet Geschichte zuständige BSB nun eine Art Rettungsaktion. Da für den geplanten Aufbau einer Deutschen Historischen Bibliographie nur geringe personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, kann das neue Instrument keine Bibliographie herkömmlicher Art sein; es setzt eher im Sinne von Linked Open Data auf die Vernetzung von Ressourcen und auf automatisierte Verfahren. So etwas wie Autopsie kann es dabei nicht geben. Für die eher grobe sachliche Erschließung ist die DDC vorgesehen; ergänzend hinzu treten Schlagwörter, soweit diese in den künftigen Partnersystemen vorhanden sind. Da die deutschen Landesbibliographien regionale geschichtswissenschaftliche Literatur erschließen, kommen sie grundsätzlich als potentieller Partner der projektierten Datendrehscheibe in Betracht.

Das gilt auch für das zweite in diesem Kontext geplante Vorhaben. Weil die landeshistorischen Zeitschriften in recensio.net – Rezensionsplattform für die europäische Geschichtswissenschaft keine Berücksichtigung finden, soll es ab 2017 als paralleles Rezensionsportal recensio.regio geben, das in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Landesgeschichte des Verbands der Historikerinnen und Historiker Deutschlands und dem Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine entsteht. Die meisten Landesbibliographien verzeichnen gleichfalls geschichtswissenschaftliche Rezensionen; somit bietet sich auch an dieser Stelle die Option wechselseitiger Datennutzung.

Bei den traditionellen Länderberichten zeigte sich auch dieses Mal das zwar unterschiedlich große, gleichwohl überall bemerkenswerte quantitative Wachstum der landesbibliographischen Datenbanken. Qualitative Sprünge waren im Berichtsjahr hingegen kaum zu verzeichnen, mit Ausnahme des Landes Nordrhein-Westfalen. Die in Entwicklung begriffene Betaversion der Nordrhein-Westfälischen Bibliographie, die inzwischen einen Umfang von über 350.000 Publikationsnachweisen erreicht hat, wartet mit zahlreichen neuen Features auf. Ins Auge sticht die Karte mit Kreis- bzw. Gemeindeeinteilung und unterlegter Raumsystematik, die unmittelbar für den Rechercheeinstieg genutzt werden kann. Für die präzise Recherche steht die erweiterte Suche mit den Sucheinstiegen über Regionen/Orte und Sachgebiete zur Verfügung, ergänzt um die Möglichkeit, die Recherchetreffer nach räumlichen und sachlichen Gesichtspunkten, nach Medien- und nach Publikationstypen (beide mit Piktogrammen versehen) und nach Bibliotheksbestand einzugrenzen. Ein Balkendiagramm visualisiert die Treffermenge nach den Erscheinungsjahren, welche gleichfalls als Filter verwendet werden können. Nicht in die NWBib eingebunden ist das Biographische Portal NRW, das rund 30.000 Biogramme von Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen und Orten des Landes enthält.

Schließlich diskutierte die Arbeitsgruppe nach längerer Zeit wieder intensiv über Sinn und Zweck der Regionalbibliographie, um sich sowohl ihrer eigenen Legitimation als auch der Relevanz ihres Produkts zu vergewissern. Ein neuer Text wird die Tätigkeit der Arbeitsgruppe auf der Homepage des DBV, auf der auch die Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken ihren Platz hat, der Fachöffentlichkeit erläutern. Die Erstellung von Landesbibliographien ergibt sich in einigen Bundesländern aus der rechtlichen Verankerung dieser Aufgabe in den jeweiligen Bibliotheksgesetzen; sie resultiert aber auch aus der Rolle dieser Instrumente für die Stärkung der regionalen Identität, die ihr mitunter von politischer Seite zuerkannt wird; zudem gehört sie zu jenem Sektor, der landauf landab immer vernehmbarer akzentuiert wird, nämlich zum Bereich der Kultur. Die oben genannten Beispiele aus Bayern, allen voran das Portal bavarikon, belegen diese Beobachtung. Im Kontext der in mehreren Ländern ausgerufenen „Digitalen Offensive“ kann den Landesbibliographien eine zentrale Funktion zukommen, beispielsweise wenn eine gemeinsame Klammer für die heterogenen regionalen elektronischen Ressourcen gesucht wird. Nicht gering zu schätzen ist auch die Nähe zu Aufgaben der Bildung und zum Umfeld des Tourismus. Mit der Auswertung regionaler Literatur auf Artikelebene besitzen die Regional- und Landesbibliographien ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn ihre Literaturnachweise dann noch durch Recherchen mit Google gefunden würden, wäre ein wichtiger Schritt der Breitenwirkung erreicht.

Ludger Syré

Badische Landesbibliothek, Karlsruhe

Published Online: 2016-08-24
Published in Print: 2016-09-01

© 2016 by De Gruyter

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