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Publicly Available Published by De Gruyter Saur November 7, 2016

Zur Verortung der Thüringer Hochschulbibliotheken

Kathrin Drechsel
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung

Der Aufsatz nimmt unterschiedliche Begutachtungen der Thüringer Hochschul- und Forschungsbibliotheken zum Anlass, um eine Standortbestimmung der Thüringer Hochschulbibliotheken vorzunehmen und aufzuzeigen, in welche Kontexte diese eingebettet sind. Es wird dargelegt, welche Faktoren Berücksichtigung finden sollten bei einer konzeptionellen Neuausrichtung der Thüringer Hochschulbibliotheken. Insbesondere die Herausforderungen, vor denen gegenwärtig nicht nur die Thüringer Bibliotheken stehen, werden skizziert und in Beziehung zu den Aufgaben von Bibliotheken gesetzt.

Abstract

This article takes different reports about the university and research libraries in Thuringia as an opportunity to show where the university libraries in Thuringia stand and in which contexts they are embedded. It is explained which factors should be taken into consideration for a conceptual adjustment of the Thuringian university libraries. Particularly the challenges which not only the libraries in Thuringia are facing these days are outlined and related to the tasks of libraries.

1 Einleitung

In die äußerst facettenreiche Kultur- und Bildungslandschaft des Freistaates Thüringen ist eine Vielzahl von Bibliotheken eingebunden. Die einen faszinieren mit besonderen Schätzen,[1] die anderen mit dem Arbeitsauftrag zur „Literatur- und Informationsversorgung“, bei einzelnen fallen sogar beide Komponenten zusammen. Je nach Blickwinkel des Betrachters auf diese vielschichtige Bibliothekslandschaft können auf diese Weise unterschiedliche Bibliotheken im Focus stehen: die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar mit dem berühmtesten Bibliothekar Thüringens, Johann Wolfgang von Goethe, die nördlichste wissenschaftliche Bibliothek in Thüringen, die Bibliothek der (Fach)Hochschule Nordhausen im Reigen der vier Thüringer (Fach)Hochschulen und ihrer Bibliotheken, das bundesweit einmalige Konstrukt der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, bestehend aus der Universitätsbibliothek auf dem Campus der Universität Erfurt und der Forschungsbibliothek im Gothaer Schloss Friedenstein, die naturwissenschaftlich-technisch spezialisierte Bibliothek der TU Ilmenau und die künstlerisch-technisch ausgerichtete Bibliothek der Bauhaus-Universität Weimar, die Bibliothek der altehrwürdigen und traditionsreichen Universität Jena, welche 1992 zur (nunmehr einzigen) Landesbibliothek ernannt wurde. Vielleicht ist der Betrachter aber auch zufriedener Nutzer einer der nach schmerzhaften Sparmaßnahmen noch verbliebenen kommunalen (öffentlichen) Bibliotheken oder sogar Kenner einer der vielen kleineren historischen Spezialsammlungen, z. B. der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt. Hinzu kommen bedeutende Spezialbibliotheken, beispielsweise der Museen, stellvertretend genannt sei das Bach-Haus in Eisenach.

Seit einigen Jahren steht das Thüringer Bibliothekswesen jedoch im Focus von Diskussionen. War es zunächst noch die politische Etablierung eines Bibliotheksgesetzes, das Thüringen als erstes Bundesland am 16. Juli 2008 beschloss, so sorgte 2010 der Thüringer Rechnungshof mit seiner Prüfung der Wirtschaftlichkeit der Hochschulbibliotheken und dem daraus resultierenden Bericht für Unruhe. Kernaussagen des unveröffentlichten Berichts sind an anderer Stelle publiziert.[2] Seitdem fließt viel Energie, Aufwand und auch Geld in die Neuausrichtung der Thüringer Hochschulbibliotheken. Ausgehend vom Bericht des Rechnungshofes beauftragte das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur die HIS GmbH mit der Erarbeitung eines Gutachtens zur Organisationsentwicklung des Systems der Hochschulbibliotheken des Landes Thüringen, das im Herbst 2015 vorgelegt wurde. Eine Sicht auf die Problematik spiegelt die Direktorin der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB), Sabine Wefers, in ihrem Aufsatz „Thüringer Modell(e) für die Hochschulbibliotheken“.[3]

Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle, dass nicht nur die Hochschulbibliotheken kritisch geprüft wurden, sondern auch die Forschungsbibliothek (FB) und das Forschungszentrum Gotha (FZG) 2014 auf Bitten des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur vom Wissenschaftsrat evaluiert wurden. Eine Stellungnahme legte der Wissenschaftsrat im Sommer 2015 vor.[4]

In diesem Aufsatz soll dargelegt werden, in welche Kontexte die Thüringer Hochschulbibliotheken eingebettet sind und welche Faktoren neben den bereits untersuchten Sachverhalten Berücksichtigung finden sollten bei einer Neuausrichtung der Thüringer Hochschulbibliotheken. Insbesondere die Herausforderungen, vor denen die Bibliotheken aktuell stehen, werden skizziert und in Beziehung zu den Aufgaben der Bibliotheken gesetzt.

2 Das Verständnis von Bibliothek

Noch im „Grossen vollständigen Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste“ des Johann Heinrich Zedler, erschienen in Halle und Leipzig 1731–1754, ist unter dem Eintrag „Bibliotheck[5] der Verweis auf das Stichwort „Bücher-Vorrath“ zu finden. Unter diesem Stichwort findet sich dann der Hinweis, dass „das Wort Bücher-Vorrath, Bibliotheck“[6] von vielfacher Bedeutung sei, hauptsächlich jedoch zur Bezeichnung einer Sammlung von Büchern verwendet werde. Zudem würde damit auch ein Ort bezeichnet, an dem Bücher aufbewahrt werden. Zu jener Zeit waren beide Sachverhalte noch eng miteinander verquickt: Büchersammlungen fanden sich an Universitäten, an Höfen des Adels, ebenso bei Privatpersonen, vor allem Gelehrten, aber vermehrt auch beim Bürgertum sowie vor allem in Süddeutschland auch noch in Kirchen und Klöstern. Schon aus diesen Gegebenheiten lässt sich ableiten, dass diese Sammlungen nur für einen sehr begrenzten Personenkreis zur Benutzung zur Verfügung standen, insbesondere die Adelsbibliotheken waren eher ein Instrument zur Repräsentation als zum Gebrauch. Gemeinsam war allen Sammlungen, dass unter ausgewählten Kriterien – hauptsächlich thematischen – möglichst vollständig alle publizierte Literatur zusammengetragen wurde, im besten Falle wurde sie obendrein strukturiert und durch geeignete Instrumente, z. B. Kataloge oder Verzeichnisse, erschlossen.

Jedoch schon im 18. Jahrhundert war für einzelne Bibliotheken die idealerweise angestrebte vollständige Abdeckung des Publikationsaufkommens finanziell kaum mehr zu gewährleisten, sodass Gedanken und Ideen zu einer Arbeitsteilung zwischen den Bibliotheken auftauchten.[7] So bestand beispielsweise um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ein solcher Plan für die Herzogliche Bibliothek in Weimar, die Akademische Bibliothek sowie die Büttner‘sche Bibliothek in Jena. Er sah die Teilung der Sammelaufgaben vor, wobei die Bestände zur Übersichtlichkeit in einem Gesamtkatalog nachgewiesen werden sollten.[8]

Im 19. Jahrhundert verschärfte sich das Problem der knappen Bibliotheksetats, denen ein stetig wachsendes Publikationsaufkommen gegenüber stand. Aus verschiedentlich geäußerten Wunschgedanken zu einer kooperativen Erwerbung, die eine Entlastung der einzelnen Bibliotheken, eine größere Sammlungstiefe und eine verbesserte Literaturversorgung ermöglichen sollte, entwickelte sich ab 1890 in Preußen ein erstes reales System, das zunächst den „Fernleihverkehr“ zwischen Bibliotheken begründete. Zur Erleichterung der Fernleihe unter den Bibliotheken wurde an einem „Gesamtkatalog“ gearbeitet. Doch erst 1910 wurde ein Gesamtplan für die preußischen Bibliotheken erarbeitet, der aus einem System von Sammelschwerpunkten, verteilt auf die einzelnen Bibliotheken, bestand, und damit die Basis für eine kooperative Erwerbung bildete. Erklärtes Ziel war es, der Wissenschaft zu dienen.

Mit Unterbrechungen während des Ersten Weltkrieges bestand dieses System des Leihverkehrs und der Sammlungsgebiete der einzelnen preußischen Universitätsbibliotheken in dieser Form bis 1924 fort.[9]

In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde zunächst das Fernleih-System auf alle deutschen Universitätsbibliotheken ausgedehnt und später ein deutschlandweites Netz von Sondersammelgebieten etabliert, das ganz wesentlich von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, der Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), finanziell unterstützt wurde.

Der Sondersammelgebietsplan, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland aufgebaut wurde, stellte in seiner Gesamtheit eine verteilte deutsche Forschungsbibliothek dar.[10] Die Sondersammelgebiete wurden wesentlich geprägt durch die DFG, die sowohl eine inhaltliche Ausrichtung vorgab als auch erhebliche finanzielle Mittel für die beteiligten Bibliotheken zur Verfügung stellte. Aus diesen Finanzposten konnte in den jeweiligen Bibliotheken nach festgelegten Regelungen Literatur erworben werden.

Im Zuge von Umstrukturierungen im Sondersammelgebietsplan der DFG in Verbindung mit der Wiedervereinigung übernahm die ThULB Jena 1998 die Sondersammelgebiete „Neuzeitliches Griechenland“, „Rumänische Sprache und Literatur“ und „Albanische Sprache und Literatur“, gab diese jedoch 2008 an die Bayerische Staatsbibliothek München zurück.

Das Zeitalter der „verteilten deutschen Forschungsbibliothek“ endete im Jahr 2012, als die DFG entschied, ihre Förderung mit dem Nachfolgeprogramm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“ grundsätzlich neu auszurichten. Damit hat sich die DFG von der Idee des Sammelns und dem damit verbundenen Streben nach Vollständigkeit verabschiedet: „Da eine umfassende Sammlung im Sinne eines Reservoirs – so sehr sie in anderer Hinsicht wichtig sein kann – nicht mehr mit dem DFG-Förderziel identisch ist, wird es künftig als Begründung für einen umfangreichen vorsorgenden Bestandsaufbau in einem Fachinformationsdienst auch nicht ausreichen, pauschal mit drohenden Lücken im Bestand zu argumentieren.“[11]

Mittlerweile haben sich viele Bibliotheken mit der neuen Situation auseinandergesetzt. Es wurden erste Fachinformationsdienste (FID) initiiert, erste Modelle haben sich herauskristallisiert. Über die gesammelten Erfahrungen gibt es bereits Publikationen.[12]

Ohne im Einzelnen auf Aspekte des komplexen und vielschichtigen Transformationsprozesses einzugehen, sei auf die Äußerung des ehemaligen Direktors der Bayerischen Staatsbibliothek, Rolf Griebel, verwiesen, der konstatierte, dass „… bislang der Gedanke der Sammlung als Grundlage der Sicherung des Zugriffs auf den Content im Zentrum [stand], so tritt demgegenüber nunmehr der Stellenwert des Content deutlich zurück.“[13] Oberste Priorität erhält die „Informationsversorgung“ im konkreten Bedarfsfall.

Zudem zeigt die Vorgehensweise beim Aufbau der neuen Fachinformationsdienste, dass die „Informationsversorgung“ in neuen Strukturen gedacht wird: Die Fachinformationsdienste sind ausgerichtet auf die Versorgung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eines Fachgebietes und besorgen auf Anforderung das gewünschte Material, gleich ob elektronisch oder gedruckt, und stellen es zur Nutzung zur Verfügung. Zur Einrichtung eines Fachinformationsdienstes bewerben sich bei der DFG in erster Linie „leistungsstarke“ Bibliotheken, was vor allem meint, Bibliotheken einer bestimmten Größenordnung und personellen Ausstattung. Auf diese Weise kann die lokale Versorgung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zukünftig immer mehr vernachlässigt werden zugunsten einer bundesweiten, zentralen und nach fachlichen Gesichtspunkten geordneten „Informationsversorgungsinfrastruktur“. Der Startschuss für den Wettbewerb zwischen Hochschulbibliotheken als Einrichtungen der öffentlichen Hand war gefallen.

Schon im Gebrauch von Begrifflichkeiten wie „Information“, „Informationsversorgung“ und „Informationsinfrastruktur“ tritt eine veränderte Sicht auf den Gehalt des Wortes „Bibliothek“ zutage.

Noch 2011 beschrieben deutsche Bibliothekswissenschaftler Bibliotheken folgendermaßen: „Bibliothek (1) (Bücherei) (abgeleitet über lat. bibliotheca von griech. théke: Schrank, Truhe und biblos/biblion: Schriftstück, -rolle) Nicht-kommerzielle Informationseinrichtung, deren Schwerpunkt die Sammlung, die Informationsaufbereitung und die Vermittlung in Bezug auf publizierte Information ist; auch ihre Räumlichkeit. Um die Kernaufgabe des Informationsmanagements und der Informationslogistik gruppieren sich weitere Dienstleistungen, vor allem Benutzerarbeitsplätze u. a. Aufenthaltsmöglichkeiten, die Vermittlung von Informationskompetenz sowie Programmarbeit, z. T. auch die Funktion eines Verlags (Elektronisches Publizieren). Allgemein wird heute Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls zu den Aufgaben von Bibliotheken gezählt. In der Folge reicht der Bedeutungs- und Assoziationshorizont des Begriffs Bibliothek von einer musealen Sammlung historischer Buchbestände über Lernort sowie Kommunikations- und Kulturzentrum bis zu einer Zusammenstellung digitaler Informationsressourcen in Datennetzen (Digitale Bibliothek, Hybride Bibliothek, Institutionelles Repositorium); wegen seiner historischen Konnotationen verzichten Bibliotheken, bes. im Zusammenhang mit Neubauten, z. T. auf das Wort «B.» im Eigennamen zugunsten von Formulierungen wie «Information…», «Kommunikation…», «Medien…», «Lern…», «Wissen…», «…Zentrum». Im Sinn der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gehören zum Begriff Bibliothek über die Sammlung hinaus Dienstleistungen, die den Bestand nutzbar machen; neben den genannten Dienstleistungen vor allem: Auskunftsdienst, Ausleihe, Benutzungsdienst, Dokumentlieferdienst, Informationsdienst, interkulturelle Bibliotheksarbeit, Leihverkehr.“[14]

In der gegenwärtigen Praxis hat sich das Selbstverständnis der Bibliotheken in der Euphorie der Digitalisierung stark auf digitale Publikationen und elektronisch gestützte Dienstleistungen konzentriert. In diesem wird dem gedruckten Bibliotheksbestand nur noch eine nachrangige Bedeutung zugewiesen. Die Bibliothek sieht sich mehr in der Rolle des Vermittlers von Wissen oder „Informationen“ und „Informationskompetenz“, wobei diese Schlagwörter kritisch zu hinterfragen sind.

Der Deutsche Bibliotheksverband e. V. schätzt ein: „Bibliotheken sind beliebt wie nie: Als Kultur- und Lernorte, Wissens- und Kompetenzvermittlerinnen, als Hüterinnen des kulturellen Erbes und als moderne Dienstleisterinnen kommt ihnen in der Informationsgesellschaft eine Schlüsselfunktion zu.“[15]

3 Hochschule und Bibliothek

Die Bibliotheken der Thüringer Universitäten und (Fach)Hochschulen werden als Dienstleister für letztere verstanden, was im Kern bedeutet, dass der am Fächerprofil der Hochschule orientierte Medienbestand und die Nutzungsmodalitäten idealerweise auf die spezifischen Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer vor Ort, also Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und – bedingt durch berufliche Weiterbildung oder lebenslanges Lernen von Hochschul-Externen – ausgerichtet sein sollten. Je nach dem Selbstverständnis der Bibliothek werden die konventionellen Bibliotheksdienstleistungen ergänzt durch spezielle Angebote im Bereich Bildung und Kultur für unterschiedliche Zielgruppen: Informationsveranstaltungen für Schüler, Lesungen, Ausstellungen, Bibliothekspädagogik, z. B. Propädeutik für Schülerinnen und Schüler und Studierende. Der gesetzliche Rahmen ist für die konkrete Ausgestaltung dieser Aufgaben sehr weit gefasst und eröffnet großzügige Spielräume und die Möglichkeit, flexibel auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Obwohl es in der bibliothekarischen Fachwelt als unbestritten gilt, dass sowohl Bibliothekskonzepte als auch Erwerbungsprofile ein unverzichtbares Instrument zur Kommunikation nach innen und außen sind, werden diese beiden Steuerungsinstrumente nicht nur in Thüringer Hochschulbibliotheken zu wenig transparent gemacht.[16]

Es ist erwiesen, dass die Hochschulbibliothek ein Standortfaktor ist bei der Gewinnung von Studierenden. Im Kriterienkatalog des größten deutschen Rankings, durchgeführt vom CHE und publiziert in der „Zeit“, heißt es unter dem Punkt Ausstattung „Die Bibliothek ist wichtig für die Recherche bei Klausuren und Referaten.“[17] Der Kanzler der TU Dresden, Dr. Andreas Handschuh, unterstrich 2014 auf einem Kolloquium des Vereins Deutscher Bibliothekare die Bedeutung einer guten Hochschulbibliothek als Standortfaktor für ihre Hochschule.[18]

Die Bibliotheken der Thüringer Universitäten und (Fach)Hochschulen sind eingebettet in die Infrastruktur ihrer Hochschulen: in die Strukturen der Informationstechnik, in das Gebäudemanagement, in die Personal- und Finanzverwaltung. Die Haushaltsmittel werden den Bibliotheken nach dem Ermessen der Hochschule von der Hochschule zugeteilt. Insbesondere die Bewirtschaftung der Mittel für die Literaturerwerbung durch die Bibliothek kann eine besondere Abstimmung mit der Hochschule, z. B. im Bibliotheksausschuss oder im Senat der Hochschule, erforderlich machen.

Hochschulbibliotheken können in Übereinkunft mit den Hochschulleitungen lokalen Gegebenheiten Rechnung tragen – z. B. durch die Entwicklung von speziellen Angeboten im Bereich Bildung und Kultur (selbstständig und als Kooperationspartner), wie der Organisation und Gestaltung von Ausstellungen, Lesungen, Vorträgen usw. Insbesondere für das Seminarfach an den Thüringer Gymnasien wurden in verschiedenen Hochschulbibliotheken unterschiedliche Angebote erstellt.

4 Regionale und nationale Kooperationen der Bibliotheken

Wenn mit Digitalisierung gemeint ist, Daten und Formen digital statt analog darzustellen, dann haben die Bibliotheken schon früh damit begonnen: In den 1980-er Jahren kamen die Bibliothekskataloge nicht mehr als Zettelkatalog zur Nutzung, sondern wurden sukzessive durch elektronische Kataloge ersetzt. Die Komplexität der eingesetzten Spezial-Software war ein Faktor für die Entwicklung von Bibliotheksverbünden und Verbundkatalogen. In Deutschland gibt es sechs Bibliotheksverbünde und fünf Verbundkataloge, die teilweise mit der gleichen Software arbeiten. Ein Bibliotheksverbund besteht aus verschiedenen teilnehmenden Bibliotheken, die ein gemeinsames Katalogsystem zur arbeitsteiligen formalen und sachlichen Erschließung von Publikationen betreiben. Das erlaubt die gemeinsame Nutzung von Daten, lebt aber auch durch qualitativ und quantitativ sehr unterschiedliche Einzelbeiträge der Bibliotheken bei der Erstellung von Daten. Die Bibliotheksverbünde bilden die technische Grundlage für den bundesweiten Fernleihverkehr zwischen den Bibliotheken.

Rechentechnisch ist ein Bibliotheksverbundsystem auf verschiedene Schultern verteilt: Eine große Last trägt i. d. R. die Verbundzentrale. Nicht minder wichtige Bestandteile sind die sogenannten Lokalsysteme, größere Knotenpunkte, die regional die Nutzerdaten und die Erwerbungsdaten verwalten und aus denen der örtliche Online-Katalog (OPAC) erzeugt wird. Thüringen ist Mitglied im Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV). In den lokalen Bibliothekssystemen Erfurt, Ilmenau, Jena und Weimar sind unter der Ägide der Universitätsbibliotheken unterschiedliche Bibliotheken verortet. Hier profitieren die „kleineren“ Bibliotheken von der Leistungskraft der „größeren“, müssen aber auch punktuell deren spezifische Entscheidungen mit vollziehen. Schon 2011 empfahlen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat eine strategische Neuausrichtung und eine Neuordnung der Verbundsysteme. Beide Wissenschaftsorganisationen sahen einen hohen Handlungsdruck und haben kooperativ und zeitgleich eine Stellungnahme[19] und ein Positionspapier[20] erarbeitet. Beide Papiere betonen, dass eine Reformierung und Neustrukturierung des Verbundsystems angesichts der gewandelten Rahmenbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens und Publizierens grundlegend notwendig ist und zeitnah umgesetzt werden sollte. Dieser Prozess kommt nur schwerfällig in Gang. Der bundesweite Übergang zur Anwendung eines neuen Regelwerks zur formalen Beschreibung von Objekten in Bibliothekskatalogen (Resource Description and Acces, RDA) im Januar 2016 wäre beispielsweise eine gute Gelegenheit gewesen, die kooperative Katalogisierung der deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken auf eine neue Stufe der Arbeitsteilung zu heben.

Gemeinsam arbeiten die deutschen Bibliotheken auch in Nachweisinstrumenten für spezielle Publikationen: Zeitschriftendatenbank (ZDB), Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB), Datenbankinformationssystem (DBIS) und an nationalen Katalogen für Spezialbestände: Verzeichnis Deutscher Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16), Verzeichnis Deutscher Drucke des 17. Jahrhunderts (VD 17), Verzeichnis Deutscher Drucke des 18. Jahrhunderts (VD 18) oder Kalliope zur Erschließung Nachlässen und Autographen u. a.

Von essentieller Bedeutung für eine Bibliothek ist die kooperative Erwerbung preisintensiver elektronischer Produkte (Bibliographien, Pakete von elektronischen Zeitschriften oder E-books, Depots von elektronischen Texten) in Erwerbungskonsortien, die es bundesweit in unterschiedlichen Konstellationen gibt. „Erwerbung“ ist im gegebenen Fall jedoch nur eine Lizenzierung, die in der Regel nur eine zeitlich begrenzte Nutzung ermöglicht. Die Erfahrung in Thüringen hat gezeigt, dass kleine regionale Konsortien kaum ausreichen für die Erzielung von Preisnachlässen und Rabatten, da die Thüringer wissenschaftlichen Bibliotheken mit nur einer „Volluniversität“ fachlich heterogen ausgerichtet sind. In anderen Bundesländern ist das anders. So verfolgt Baden-Württemberg mit neun Universitäten, sechs Pädagogischen Hochschulen, 23 Hochschulen für angewandte Wissenschaft (Fachhochschulen) sowie etlichen Kunst- und Musikhochschulen und dualen Hochschulen einen anderen Ansatz. Dort gibt es vom Land zentrale Mittel zur Finanzierung von Lizenzen für digitale Inhalte (Datenbanken, Pakete von Zeitschriften u. a.). Mit großen und leistungsfähigen Fachverlagen werden zentral flächendeckende Lizenzverträge ausgehandelt. Für Nordrhein-Westfalen lotete Eric Steinhauer die durch die Digitalisierung eröffneten Spielräume aus.[21]

Mittelfristig verfolgt die Hochschulrektorenkonferenz mithilfe des Projektes DEAL das Ziel, nicht nur für ein Bundesland, sondern für ganz Deutschland flächendeckende Lizenzverträge zentral zu verhandeln und gegebenenfalls auch teilweise zu finanzieren, damit an allen Hochschulen eine einheitliche Versorgung erreicht werden kann. Die Vertragsabschlüsse in Baden-Württemberg können und dürfen als Piloten für dieses Vorhaben verstanden werden.[22]

Eine wichtige und in Thüringen lange Zeit vernachlässigte Form der bibliothekarischen Kooperation ist die gemeinsame Arbeit an Großprojekten, v. a. technischer Natur. Hier sind die Bibliotheken oftmals Einzelkämpfer, entweder, weil man sich zu spät oder gar nicht für die Einführung des einen oder anderen Produktes entscheidet oder weil es unterschiedliche Vorstellungen über den Einsatz von Produkten gibt. Ein Beispiel dazu ist das elektronische Publizieren von wissenschaftlichen Publikationen, wozu es unterschiedliche ideelle Ansätze gibt. Zugleich existiert mit der Digitalen Bibliothek Thüringen auch eine Plattform, die von einer Mehrheit der Thüringer Hochschulbibliotheken, aber bei weitem nicht allen, genutzt wird. Die Digitale Bibliothek Thüringen (DBT) wird von der ThULB Jena als technische Dienstleistung angeboten. Hier stellt die Friedrich-Schiller-Universität Jena über ihr Rechenzentrum und die ThULB die Servertechnik und die Software zur Verfügung, pflegt diese und auch die produzierten Datensätze und deren Präsentation im Internet. Außerdem bietet die ThULB thüringenweit Dienstleistungen im Digitalisieren historischer Publikationen an.

5 Informationstechnik und Digitalkultur, Marktwirtschaft und Wettbewerb – aktuelle Herausforderungen nicht nur für Bibliotheken

Die ununterbrochene Veränderung der informationstechnischen Möglichkeiten hat zur Folge, dass kaum eine Bibliothek allein über die Ressourcen verfügt, um Schritt zu halten mit den Innovationen, die auf den Markt gelangen. Längst sind Bibliotheken selbst Teil des Internets, ihre Produkte (Kataloge, Datenbanken u. a.) und Dienstleistungen müssen sich ständig an neue Entwicklungen anpassen (z. B. Kataloge werden heute sowohl am PC oder Notebook mit Tastatur und Maus genutzt, aber auch am kleinen Touchscreen des Smartphones).

Die Erzeugung und Archivierung elektronischer Publikationen ist seit etwa zwanzig Jahren ein weiteres Thema, dem sich Bibliotheken stellen mussten: Der Trend zur Digitalisierung von Handschriften und historischen Drucken, Büchern, Abbildungen, Bildern u. ä., wobei hier mit Digitalisieren gemeint ist, eine digitale Form als Bild oder als auslesbaren Text herzustellen und im Internet zu publizieren, wurde besonders von Google forciert. Zur Digitalisierung historischer oder besonders wertvoller Buchbestände gibt es in Deutschland keinen Masterplan. In den renommierten Projekten „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16)“ und „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts (VD 17) werden die Titel von Publikationen und die besitzende(n) Bibliothek(en) nachgewiesen sowie Schlüsselseiten digitalisiert. Lediglich das Projekt „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts (VD 18)“ zielt neben der Katalogisierung der Drucke auch darauf ab, die Werke vollständig zu digitalisieren und auch online zugänglich zu machen. In die Digitalisierung von Publikationen kann sich jede Bibliothek mit ihren Ressourcen einbringen. Bibliotheken mit reichen historischen Beständen und/oder ausreichender EDV-technischer Ausstattung engagieren sich besonders. Die unterschiedliche Arbeitsweise der Bibliotheken hat zur Folge, dass sowohl die Qualität der Digitalisate als auch die Nutzeroberflächen und Nutzungsmöglichkeiten eines Produktes variieren können.

Zugleich bieten Bibliotheken Plattformen (Repositorien) an, auf denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Publikationen elektronisch veröffentlichen können – bevorzugt im „Open Access“ – zu dessen Unterstützung es bundesweit und international breit angelegte Initiativen gibt, weil der Ansatz eines unbeschränkten und kostenlosen Zugangs zu wissenschaftlicher Information viele Befürworter findet. Praktisch wird dieser Gedanke jedoch dadurch eingeschränkt, dass wissenschaftliches Publizieren nur bedingt, nämlich wenn es z. B. im Rahmen eines sicheren Arbeitsverhältnisses erfolgt, den Lebensunterhalt absichert. Open Access wird dann attraktiv, wenn geistige Arbeit und Urheberschaft unabhängig vom Publikationsweg geschätzt werden.

Das Publizieren auf elektronischem Weg wirft ein weiteres Problem auf: die dauerhafte Archivierung (Langzeitarchivierung) dieser elektronischen Produkte. Die ständige Weiterentwicklung der technischen Formate und der Geräte, auf denen elektronische Produkte nutzbar gemacht werden, stellt Bibliotheken und elektronische Archive vor eine große Herausforderung. So ist das Problem der Langzeitarchivierung elektronischer Publikationen weder international noch national endgültig bzw. befriedigend technisch gelöst. Die Archivierung von Publikationen ist aber eine Kernaufgabe von Bibliotheken, insbesondere der Nationalbibliotheken. Speziell in den Naturwissenschaften und im technischen Bereich wird mittlerweile überwiegend elektronisch veröffentlicht.

Auch die Publikationsmedien der Verlage ändern sich stetig: gedruckte Produkte konkurrieren mit elektronischen Produkten. Diese Tendenz begann mit der Entstehung elektronischer Zeitschriften und setzt sich mit der Publikation von E-Books fort. Hinzu kommt, dass sich hier völlig neue Preismodelle und Vertriebsformen entwickelt haben. Der Kauf eines elektronischen Produktes (eines Buches, einer Zeitschrift) bringt der Bibliothek entgegen weit verbreiteter Annahmen keinerlei Preisvorteile gegenüber dem Erwerb eines gedruckten Buches, weil der Verlag unterstellt, dass potenziell eine sehr hohe Anzahl von Personen das Produkt benutzen. Beim einzelnen Buch oder der einzelnen Zeitschrift entspricht dies gerade bei kleineren Einrichtungen kaum der Realität. Immer mehr Verlage entwickeln eigene Plattformen, auf denen sie ihre elektronischen Produkte zusammenfassen, wobei die Zusammensetzung von Zeit zu Zeit variiert. So kann (oder muss) die Bibliothek eine ganze Plattform oder Teile davon, also ein Konglomerat von Einzeltiteln, lizenzieren, wenn sie ihren Nutzern ein wirtschaftliches und/oder ein interessantes Angebot unterbreiten will. Gerade durch diese Konglomerate findet eine Monopolbildung bei großen und leistungsfähigen Verlagen statt, die sich hierbei auch – in Konkurrenz zur Bibliothek – als Informationsdienstleister betätigen. Durch die stetig steigenden Preise für solche Konglomerate haben es kleinere Hochschulbibliotheken immer schwerer, attraktive Produkte für ihre Nutzer zu lizenzieren.

Nicht nur, dass es für elektronische Verlagspublikationen keine einheitlichen technischen und rechtlichen Standards gibt und die Nutzungsbedingungen unterschiedlich sind, z. B. zum Lesen, Ausdrucken, Herunterladen auf ein privates Endgerät und zur dauerhaften privaten Speicherung, können Bibliotheken diese Publikationen nie zum Eigentum erwerben, sondern lizenzieren sie lediglich, was mit dem Erwerb ausgewählter Rechte verbunden ist. Bei Bedarf, z. B. bei Produktänderungen oder bei fortschreitender technischer Entwicklung, kann eine Bibliothek also auch mehrfach für ein Produkt zur Kasse gebeten werden (so geschehen bei der Ablösung von Datenbanken auf CD-ROM/DVD durch Online-Datenbanken). Im günstigen Fall bekommen die Bibliotheken vom Verlag bzw. Datenanbieter praktikable Nutzungsstatistiken zur Verfügung gestellt, die einen Rückschluss auf die Nutzungsfrequenz zulassen. Im ungünstigen Fall bekommt (und behält) der Verlag bzw. Datenanbieter Daten des Nutzers und über dessen Verhalten, die zu kommerziellen Zwecken verwendet werden können.

Die wachsende Abhängigkeit der Bibliotheken und Endnutzer von kommerziell agierenden Verlagen und Vertriebs-Plattformen ist nicht nur ein nationales, sondern ein internationales Problem.

Auch deshalb ist es zweckmäßig, wenn Bibliotheken gemeinsam auf dem Publikationsmarkt handeln und verhandeln. Hierzu hat Eric Steinhauer interessante Überlegungen angestellt: „Günstige Preise freilich sind nur einer von mehreren Effekten, der durch landesweit gültige Verträge erzielt werden kann. Viel interessanter ist die durch die Bündelung von Nachfragemacht auch an anderer Stelle verbesserte Verhandlungsposition, etwa wenn es um den schrittweisen Umstieg auf Open Access geht. Anstatt jahrelange und mäßig erfolgreiche Verhandlungen an einzelnen Hochschulstandorten zu führen, können im Rahmen breit verhandelter Landeslizenzen auch und gerade Publikationsmöglichkeiten im Sinne eines offenen Publizierens ermöglicht werden. Dabei sind zwei Wege denkbar.

Zunächst können für Publikationen von Wissenschaftlern aus teilnehmenden Hochschulen Zweitveröffentlichungsrechte vorgesehen werden, die nicht von den Wissenschaftlern, sondern gleich von den Hochschulen selbst wahrgenommen werden können. Damit ließe sich mit relativ wenig administrativem Aufwand der Anteil an frei verfügbaren Publikationen aus steuerfinanzierter Forschung signifikant steigern. Als Vorbild hierfür können einige Bestimmungen in den so genannten Allianzlizenzen dienen, die teilnehmenden Hochschulen entsprechende Open-Access-Rechte einräumen.“[23]

„Darüber hinaus ist es denkbar, für Autoren aus teilnehmenden Einrichtungen günstige Konditionen für eine finanzierte Open-Access-Publikation in den Zeitschriften der lizenzierenden Verlage anzubieten. Solche Verträge wurden beispielsweise mit dem Springer-Verlag von der Universität Göttingen und der Max-Planck-Gesellschaft abgeschlossen.“[24]

Die technischen Entwicklungen in der Digitalisierung fördern eine fast schon euphorische gesellschaftliche Stimmung, die eine Ablösung der Buchkultur durch die Digitalkultur trägt. In die realen Transformationsprozesse im Publikationswesen sind verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Interessen involviert. Primär geht um eine Publikationsform – das Buch – zu dem die Geisteswissenschaften eine sehr enge ideelle Bindung haben, und um alle Handlungen, die mit dem Buch verbunden sind: der geistige Schöpfungsprozess, die Materialisierung durch einen Verlag und die Verwertung. Diese hier nur skizzierte Kette wird gerade infrage gestellt. Die Kettenglieder versuchen, sich neu zu ordnen und neue Handlungsmodelle zu entwickeln. Bibliotheken und Autoren werden zu Verlegern elektronischer Publikationen, kommerzielle Verlage vertreiben lediglich ausgewählte Nutzungsrechte an elektronischen Publikationen, der Leser und Rezipient entwickelt neue Gewohnheiten oder schätzt die Vorteile von Bewährtem nun noch höher. In dieser Gemengelage werden die Rollen der Akteure neu definiert und Finanzierungalternativen erprobt: Die Verlage bitten die (ausgewiesenen) Wissenschaftler für eine Publikation zur Kasse und „unterstützen“ im Gegenzug den goldenen Weg beim Open Access. Etablierte Strukturen rund um das Publizieren sind in Bewegung geraten und neue Strukturen in der Erprobung. Ein entscheidender Faktor bei der Herausbildung und Verfestigung neuer Strukturen ist die Finanzierung einzelner Komponenten und Arbeitsschritte im Kreislauf einer Publikation – von der Entstehung bis zur Verwertung und Archivierung. Neben der Monographie oder dem Aufsatz, die die typischen Verlagsprodukte sind, haben die webbasierten Technologien aber auch ganz neue Publikationsformen hervorgebracht: Blogs, Kurzmitteilungen, Chats usw. Zumindest in bibliothekarischen Kreisen wird noch kaum über die Rolle und die Bedeutung dieser Kommunikations- und Publikationsformen reflektiert und über damit verbundene Konsequenzen für die Aufgaben von Bibliotheken. Der Sachverhalt wird trefflich charakterisiert durch eine Meldung, die kürzlich durch die Medien ging: Google löscht den Blog des amerikanischen Autors Dennis Cooper, den dieser seit 2002 auf einem Blog-Dienst von Google führte.[25]

Mit der Jahrtausendwende hat eine beispiellose ideelle und materielle Abwertung des gedruckten Buches eingesetzt. Die materielle Abwertung zeigt sich vor allem in den niedrigen Preisen auf dem Antiquariatsmarkt, wo das Internet einen großen Beitrag dazu geleistet hat, Markt und Preise transparent zu machen. Auf dem digitalen Antiquariatsmarkt bestimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Wert einer Publikation, weniger die inhaltliche und ästhetische Qualität. Die ideelle Abwertung wird in medial sehr polemisch geführten Debatten sichtbar.[26]

Das Lesen als Kulturtechnik ist aufgrund der medialen Entwicklungen in Veränderung. Die Wissenschaften stehen mit der Analyse dieser Entwicklung und ihrer Auswirkungen auf die Persönlichkeit, auf das Bildungssystem und die Gesellschaft gerade am Anfang.

Die Geisteswissenschaften entdecken das Buch als Kulturgut neu, der drohende Verlust des Buches wird reflektiert und eine Symbiose von gedrucktem Buch und technischen Möglichkeiten herausgearbeitet.[27]

6 Aufgaben von Bibliotheken

Die Aufgabe von Bibliotheken war, ist und bleibt die zeitgemäße Förderung von Forschung und Bildung. Was das konkret bedeutet, soll im Folgenden kurz umrissen werden.

6.1 Publikationen in verschiedener Form unter inhaltlichen Aspekten auswählen, erwerben, erschließen, archivieren und zugänglich machen

Die wesentlichen Funktionen von Bibliotheken, Publikationen unter inhaltlichen Aspekten auszuwählen, zu erwerben, zu erschließen, zu archivieren und zugänglich zu machen, müssen aktuell interpretiert werden. Der Aktionsrahmen dafür kann in erster Linie nur ein nationaler sein, der in globale Zusammenhänge eingebettet sein muss (Digitalisierung). Dabei muss auf verschiedenen Ebenen konstruktiv über neue Ansätze einer effektiven und fairen Arbeitsteilung und Kooperation zwischen den unterschiedlichen Akteuren (Bibliotheken, Bibliotheksverbünden, Ministerien u. a.) nachgedacht werden.

Rund um die Publikationen muss ein zeitgemäßer Service angeboten werden: Zugang zu den Publikationen (inklusive Leihverkehr), Hilfestellung, Anleitung u. ä.

In Thüringen müssen das Sammeln, Archivieren und das angemessene Dokumentieren von Thüringer Publikationen und Publikationen über Thüringen sichergestellt sein. Gewöhnlich sind das Aufgaben einer Landesbibliothek. In Thüringen regelt das Thüringer Pressegesetz (TPG) in § 12 die Abgabepflicht für jedes Druckwerk und jede digitale Publikation, die im Geltungsbereich des TPG verlegt werden. Mit Beginn der Verbreitung hat jeder Thüringer Verleger ein Pflichtexemplar an die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena abzugeben.[28] In Anbetracht der Verlagssituation in Thüringen ist das Sammeln der Pflichtexemplare eine anspruchsvolle Aufgabe. Beispielsweise die Drucke der bekannten Rudolstädter Burgart-Presse, die dem Künstlerbuch und der Buchkunst verpflichtet ist, sind teilweise sehr preisintensiv und nicht immer im Besitz der ThULB oder von dieser nachgewiesen. Die Publikationen des Thüringer Instituts für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM), ob gedruckt oder online verfügbar, sollten ebenfalls vollständig gesammelt, erschlossen und dauerhaft archiviert werden.

Ergänzt werden die Pflichtexemplar-Regelungen des Thüringer Pressegesetzes durch einen Passus im Thüringer Bibliotheksgesetz (ThürBIbG) im Rahmen der Behandlung des kulturellen Erbes: „Von einem Werk, das unter wesentlicher Verwendung von historischem Buchbestand, Handschriften oder Nachlässen entstanden ist, ist unaufgefordert nach der Veröffentlichung ein Beleg bei der Bibliothek, die den bearbeiteten Bestand besitzt, in der veröffentlichten Form unentgeltlich abzuliefern.“[29]

Wichtige Instrumente zum Archivieren, Dokumentieren und Erschließen von Thüringer Publikationen sind mit der Digitalen Bibliothek Thüringen,[30] der Thüringen-Bibliographie[31] und dem Gemeinsamen Verbundkatalog (GVK)[32] vorhanden.

6.2 Erhaltung, Pflege und Sicherung des kulturellen Erbes von Publikationen, Sicherstellung des Zugangs

Bibliotheken leisten einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Pflege des kulturellen Erbes, das sie mit modernen Mitteln einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Durch die Digitalisierung werden jahrhundertealte Publikationen wie Handschriften und alte Drucke für jedermann weltweit sichtbar. Die Verzeichnung der Publikationen und ihrer digitalen Abbilder und ihre Beschreibung in elektronischen Katalogen und Datenbanken sollen eine systematische Recherche erleichtern. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen können aus digitalisierten Publikationen und Materialien virtuelle Forschungsumgebungen entstehen, die sich mit bestimmten Themen auseinandersetzen und die eine kooperative Forschungstätigkeit durch mehrere Wissenschaftler an unterschiedlichen Orten zu gleicher Zeit ohne Einschränkungen ermöglichen. Virtuelle Forschungsumgebungen unterstützen inhaltlich potenziell den gesamten Forschungsprozess – von der Erhebung, der Diskussion und weiteren Bearbeitung der Daten bis zur Publikation der Ergebnisse. Technologisch basieren sie auf Softwarediensten und Kommunikationsnetzwerken. Die Arbeit mit digitalisiertem historischem Material oder mit einzelnen Originalen ist jedoch nur eine Möglichkeit zur Forschung. Das unmittelbare Arbeiten an Spezialsammlungen ist zunächst immer noch einzig den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren vorbehalten. Sie pflegen diese Bestände und beschreiben sie in den Spezialkatalogen und Datenbanken VD 16, VD 17, VD 18, IKAR Altkartendatenbank u. a.

Um mit diesen speziellen Publikationen und Materialien arbeiten zu können, braucht es spezifische Kenntnisse und interessiertes Engagement. Deshalb ist es wichtig, dass schon Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Klassenstufen immer wieder auf unterschiedliche Weise mit dem kulturellen Erbe in Bibliotheken in Berührung kommen. Beispielhaftes leistet in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel mit ihren Wolfenbütteler Schülerseminaren und anderen speziellen Angeboten.[33]

Im eingangs erwähnten „Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa“,[34] findet sich der bislang beste und auch detailreichste Überblick über das opulente kulturelle Erbe an „historischen Buchbeständen“ – was beileibe nicht immer nur Bücher sind – in Thüringer Bibliotheken, Museen, Kirchen und anderen Einrichtungen. Einer Darstellung der Geschichte des jeweiligen Bestandes folgt eine Beschreibung seiner Gesamtheit.

Unter dem Aspekt des kulturellen Erbes unterstreicht das Thüringer Bibliotheksgesetz: „Die wertvollen Altbestände und spezialisierten Sammlungen in den Bibliotheken sind Teil des kulturellen Erbes Thüringens von europäischem Rang. Dies gilt insbesondere für die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, die Forschungsbibliothek Gotha als Teil der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, die Sondersammlung Bibliotheca Amploniana und für die Landesbibliothek. Das kulturelle Erbe in den Bibliotheken ist durch sachgerechte Aufbewahrung und Erschließung sowie durch geeignete Maßnahmen der Konservierung, Restaurierung und Digitalisierung zu schützen, zu bewahren und für den öffentlichen Gebrauch zu erhalten.“[35]

Weil das kleine Thüringen über zwei Bibliotheken mit herausragenden Beständen und Sammlungen verfügt – die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar (HAAB) und die Forschungsbibliothek in Gotha (FB Gotha) – stellt die Situation in verschiedener Hinsicht eine Herausforderung dar. Der Wissenschaftsrat befasste sich mit beiden Bibliotheken und gab Stellungnahmen ab.

Die Klassik-Stiftung Weimar wurde 2004 erstmals durch den Wissenschaftsrat begutachtet. In einem Folgegutachten 2011 empfahl der Wissenschaftsrat „den Ländern Baden-Württemberg, Niedersachsen und Thüringen sowie dem Bund gemeinsam mit den Einrichtungen zu prüfen, ob die drei wichtigsten deutschen Forschungsbibliotheken und -archive, die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, die Klassik Stiftung Weimar und das Deutsche Literaturarchiv Marbach, unter Beibehaltung ihrer rechtlichen Selbständigkeit in einem von den Einrichtungen selbst mitzugestaltenden Verbund zusammengeführt werden können.“[36] Der Literaturwissenschaftler und Präsident der FU Berlin Peter-André Alt, kommentiert die Empfehlung folgendermaßen: „Jeder der drei Standorte vermittelt ein besonderes Bild unseres nationalen Kulturerbes: Wolfenbüttel, wo Lessing einst als Bibliotheksdirektor amtierte, zeigt das reiche und keineswegs dunkle Mittelalter, die Luther-Zeit und das Barock; Weimar dokumentiert Klassik und Romantik; Marbach erschließt vorwiegend Spätromantik und Moderne. Wer sich mit Mustern und Wirkungen dieses Kanons befassen möchte, kommt an den drei Standorten nicht vorbei.“[37] Der Verbund der drei genannten Bibliotheken wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2013 zunächst für fünf Jahre mit zwei Millionen € jährlich gefördert. Eines der Ziele dabei ist, die Zusammenarbeit mit Universitäten nachdrücklich zu befördern.

Mit der Forschungsbibliothek Gotha schlug der Freistaat Thüringen schon sehr früh einen Weg ein, der 1999 zur Integration in die Universität Erfurt führte und zum Zusammenschluss mit der Universitätsbibliothek Erfurt zur Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha. Nach der Stellungnahme des Wissenschaftsrates soll der eingeschlagene Kurs nun modifiziert und das „Gothaer Konvergenzmodell“ umgesetzt werden, das eine Annäherung und Kooperation der Forschungsbibliothek Gotha, des Forschungszentrums Gotha (als Teile der Universität Erfurt) und der Stiftung Schloss Friedenstein vorsieht.

6.3 Bildung und Bibliothek

Bibliotheken streben eine wachsende Rolle in der Bildung an, wobei sie zeitgemäß sehr stark mit dem Kompetenzbegriff operieren: „Die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz ist eine Kernaufgabe von Bibliotheken – die Politik sollte dies nutzen.“[38] „Bibliotheken vermitteln diese Schlüsselkompetenzen seit vielen Jahren an Menschen aller sozialen Schichten und Altersgruppen mit entsprechenden Schulungen. Sie führen altersgerechte Bibliothekseinführungen und Rechercheworkshops durch, in denen diese Kompetenzen zeitgemäß entwickelt werden. Hierbei werden elektronische Informationsressourcen einbezogen.“[39]

Es ist richtig und auch nützlich, dass sich Bibliotheken verstärkt im Bildungsbereich engagieren. Dabei sind verschiedene Wege möglich: Schon allein durch die Realisierung der unter 1) beschriebenen Aufgaben stellt die Bibliothek der Einzelperson Publikationen bereit, die der persönlichen Bildung dienen können. Durch entsprechende infrastrukturelle Angebote kann sich die Bibliothek als Lernort zur Verfügung stellen. Die Bibliothek sollte sich auch als Kooperationspartnerin für Bildungs-Institutionen: Schulen, Hochschulen, weiterbildende Einrichtungen u. a. verstehen. Im günstigsten Falle bedeutet das, dass die Bibliothek, ausgehend von den konkreten Bedürfnissen der Bildungs-Institution und ggf. in Kooperation mit dieser, Angebote erarbeitet und realisiert. In der Regel ist das sehr arbeitsintensiv, weil sich diese Bedürfnisse stets ändern und der Bibliothek äußerste Flexibilität abverlangen. Aber gerade diese Arbeit ist auch von höchstem Nutzen. Dem gegenüber stehen Angebote, die von Bibliotheken entwickelt werden, um sie dem Nutzer zu unterbreiten, wobei es auch zur Konkurrenz unter Bibliotheken kommen kann.

Im Unterschied zu Theatern und Museen, die sich sowohl theoretisch als auch praktisch intensiv mit ihrer Rolle als Bildungsträger auseinandergesetzt haben, lässt dies für die „Bibliothekswissenschaft“ noch zu wünschen übrig. Um Bibliotheken dauerhaft als Akteure im Bildungsbereich zu etablieren ist es notwendig, dass das Verhältnis zwischen Bibliothek und Bildung geklärt und auf ein theoretisches Fundament gestellt wird. Dazu gehört die aktive Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriff und mit Grundbegriffen, Theorien und Entwicklungen in Pädagogik und Psychologie. Eine Ausbildung zum Lehrer/zur Lehrerin dauert mindestens sieben Jahre und beinhaltet angeleitete Praxisphasen. Bibliothekare beschäftigen sich gern mit der einen oder anderen Theorie, um dann mit pädagogischen und psychologischen Fachbegriffen zu jonglieren und sich für ausreichend qualifiziert zu halten, in die „Informationskompetenzoffensive“ zu gehen. Nicht zuletzt ist auch eine saubere Trennung von Bibliotheksmarketing und Bibliothekspädagogik notwendig.

Die Felder für bibliothekspädagogische Tätigkeit sind vielfältig: Leseförderung, Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens, Recherche, Zitieren und Bibliographieren, Vermittlung des kulturellen Erbes und musealer Bestände als Quellen usw., ebenso vielfältig sind die Zielgruppen: Kinder verschiedener Altersgruppen, Studierende, Menschen in Aus- oder Weiterbildung, Senioren, Migranten u. a. Für Hochschulbibliotheken ist die Förderung von Kindern und Jugendlichen als zukünftige Studierende, Wissenschaftler und Entscheidungsträger von spezieller Bedeutung.

In der Entwicklung von praktischen Kooperationsmodellen gemeinsam mit den Verantwortlichen für Bildung (Ministerien, Schulämter u. a.) liegt ein großes Potenzial, welches bislang kaum realisiert wurde. In Thüringen arbeitete von 2001 bis 2009 die thüringenweite AG Benutzerschulung beim DBV-Landesverband Thüringen, in der Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus öffentlichen und Hochschulbibliotheken vertreten waren, die sich mit theoretischen und praktischen Grundlagen der Pädagogik auseinandersetzten, gemeinsam Angebote für einzelne Zielgruppen erarbeiteten, Lernmaterial erstellten u. a.[40]

6.4 Förderung der Buchkultur und Beschäftigung mit Buchgeschichte

Untrennbar verbunden mit den unter den Punkten 1 bis 3 genannten Tätigkeitsfeldern der Bibliotheken sind die Förderung von Buchkultur und die Beschäftigung mit Buchgeschichte. Mit seinen vielfältigen historischen Beständen und unterschiedlichen Büchersammlungen hat Thüringen ein reiches Fundament für die Beschäftigung mit Buchgeschichte.

Die Begegnung mit dem realen Buch in all seiner Vielfalt und in unterschiedlichen Kontexten wie Ausstellungen, Lesungen u. ä. ist gerade für Kinder und Jugendliche wichtig, um Neugier und Interesse zu wecken und die Basis zu bereiten für das eigenständige Lesen von Büchern.

6.5 Dienstleistung „Elektronisches Publizieren“ für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Das Tätigkeitsfeld „Elektronisches Publizieren“ haben sich die wissenschaftlichen Bibliotheken vor etwa drei Jahrzehnten erschlossen. Dazu gehören im Einzelnen: die Betreuung und Beratung der Autoren bei der technischen Aufbereitung der Publikation, die Langzeitarchivierung der Publikation (im Rahmen nationaler und internationaler Standards), der Nachweis der Publikation in Katalogen und Datenbanken und die Sicherung des dauerhaften Zugangs. Dabei fühlen sich die Bibliotheken der Bewegung des „Open Access“ verpflichtet. Weitere Akteure im Elektronischen Publizieren sind Fachgesellschaften wissenschaftlicher Disziplinen (oftmals auch im „Open Access“) und kommerzielle Verlage.

Einen beispielhaften Weg verfolgt im „Open Access“ das Land Baden-Württemberg. Das Thema nimmt nicht nur im aktuellen Koalitionsvertrag breiten Raum ein: „Wir stehen gemeinsam für den Open-Access-Gedanken als einer zukunftsträchtigen Form, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen. Wir wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin bestärken, ihre diesbezüglichen Rechte wahrzunehmen.

Wir werden die Open-Access-Strategie des Landes gemeinsam mit Hochschulen und Bibliotheken weiterentwickeln. Wir prüfen, ob baden-württembergische Open-Access-Zeitschriften durch das Land gefördert werden können …“[41]

Durch eine Novelle des Hochschulgesetzes wurde Wissenschaftlern in § 44 Abs. 6 Landeshochschulgesetz Baden-Württemberg gesetzlich aufgegeben, ihre wissenschaftlichen Publikationen auf einem Repositorium ihrer Hochschule erneut und frei zugänglich im Internet zu publizieren.

6.6 Bibliotheken als lokale Faktoren in der Bildungs- und Kulturlandschaft

Bibliotheken, seien es kommunale (öffentliche) oder wissenschaftliche, sind wichtige Faktoren in der lokalen Bildungs- und Kulturlandschaft. Untereinander sind Bibliotheken gut vernetzt. Die Vernetzung mit anderen Einrichtungen aus den Bereichen Bildung und Kultur (Schulen, Schulämtern, Museen, Archiven usw.) ist jedoch ausbaufähig, vor allem im Hinblick auf gemeinsame Bildungsarbeit. Beispielsweise lassen sich über gemeinsame Darstellungen des Profils und des Angebots (z. B. für Schulen) Synergieeffekte erzielen. So gab es für die Schulen der Stadt Erfurt ein Handout, in welchem Bibliotheken und Museen gemeinsam ihre Angebote für Schulen vorstellten.

7 Ausblick

Vor fünf Jahren bemängelte der Thüringer Landesrechnungshof „Das TMBWK [Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur] hat für die künftige Struktur und Entwicklung der Thüringer Bibliothekslandschaft keine Strategien. Die insbesondere für die wissenschaftlichen Bibliotheken an den Hochschulen vorgeschobene Hochschulautonomie rechtfertigt nicht den Verzicht auf eine zentrale Steuerung.“[42] Diese berechtigte Kritik wurde vom Deutschen Bibliotheksverband e. V. aufgegriffen und verstärkt: „Bei den Hochschulbibliotheken führt die Hochschulautonomie dazu, dass es auf Ebene der Bundesländer kaum noch eine übergreifende Bibliothekensteuerung gibt. Dabei können viele der aktuellen Herausforderungen nur noch gemeinschaftlich und länderübergreifend gelöst werden, wie das Beispiel der elektronischen Langzeitarchivierung zeigt. Für die Reform des Bibliothekswesens ist eine nationale Strategie dringend erforderlich. Ein gemeinschaftlicher Vorstoß kann nur im Zusammenspiel mit den vorhandenen Strukturen in Ländern und Kommunen erfolgen. Dafür müssen sich alle Ebenen auf gemeinsame Gespräche einlassen.“[43]

In Thüringen hat auf dieser Grundlage ein Diskussionsprozess begonnen, der zugleich wichtige Impulse für die Entwicklung des bundesdeutschen Bibliothekswesens geben könnte. In diesem Kontext stellen sich folgerichtig verschiedene grundsätzliche Fragen zur Neuausrichtung von Bibliotheken und Bibliotheksstrukturen:

  1. Welche Konzepte sind zukunftstragend für die Wissenschaftlichen und Hochschulbibliotheken in Thüringen? Welche Stärken und besonderen Aufgaben der Thüringer Bibliotheken sollen gefördert und ausgebaut werden?

  2. Welche Rolle sollen Thüringer Bibliotheken im Freistaat und in der bundesdeutschen Bibliothekslandschaft spielen?

  3. Welche politische und administrative Unterstützung erhalten die Wissenschaftlichen und Hochschulbibliotheken in der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für ihre Arbeit? Welche finanziellen Mittel stehen ihnen zur Verfügung?

Aus bibliothekarischer Sicht gilt es vor allem, drei Aspekte und ihre Auswirkungen auf die Benutzbarkeit von Bibliotheken kritisch zu reflektieren. Die ersten beiden Aspekte sind inhaltlicher und formaler Art und betreffen damit das Kerngeschäft von Bibliotheken: Über den Bestand an Medien (gedruckte Bücher, Zeitschriften und Zeitungen; DVDs und – einstweilen noch – lizenzierte elektronische Publikationen) definiert sich das inhaltliche Profil der Bibliothek. Eindeutige Bibliotheksprofile erleichtern die Kooperation zwischen Bibliotheken und ermöglichen klare Erwerbungsabsprachen bei Spezialinhalten. Gegenwärtig werden Bibliotheken in erster Linie noch wegen ihres Bestandes benutzt.

Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare generieren im Wesentlichen aus dem Bibliotheksbestand Kernprodukte wie Kataloge und Datenbanken, die der formalen und inhaltlichen Erschließung von Publikationen dienen. In der Arbeit an den Katalogen und Datenbanken haben sich so Strukturen und Arbeitsteilung verfestigt, denn lediglich das seit 2016 anzuwendende Regelwerk hat sich gravierend geändert. Trotz hoher Professionalität sollte jedoch der Nutzer mit seinem inhaltlichen Anspruch nicht aus den Augen verloren werden. Die technischen Möglichkeiten von Datenbanken erlauben eine Erschließungstiefe, die vielen Publikationen sehr spezifischer Art sowohl formal als auch inhaltlich gerecht werden kann. Das bedeutet jedoch auch einen hohen Arbeitsaufwand und setzt spezielle Kenntnisse voraus. Vielleicht erklärt dies, warum Altbestände oft formal, aber kaum zeitgemäß inhaltlich erschlossen sind. Zum Beispiel das Werk des deutschen Archäologen Ludwig Ross „Kleinasien und Deutschland: Reisebriefe und Aufsätze mit Bezugnahme auf die Möglichkeit deutscher Niederlassungen in Kleinasien; mit Abbildungen und Inschriften“, erschienen in Halle 1850, ist im Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GVK) in verschiedenen Bibliotheken nachgewiesen. Es wurde sogar von der Bayerischen Staatsbibliothek wie auch von Google digitalisiert. Die digitale Ausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek ist ebenfalls im GVK nachgewiesen. Jedoch fehlt bei beiden Ausgaben die wichtige Angabe der Schlagwörter wie „Reisebericht“ zur formalen Beschreibung und „Anatolien“ (moderne Zuordnung von Kleinasien) oder „Kolonialismus“ (ein wichtiger Aspekt des Buches) und „Quelle“ zur inhaltlichen Beschreibung aus aktueller Sicht. Gerade diese sachorientierte Erschließung würde das Buch bei einer entsprechenden thematischen Recherche schneller und effektiver auffindbar machen.

Der Einsatz von datenverarbeitender Technik zur Generierung von Dienstleistungen ist der dritte Aspekt, der angesprochen werden soll. Die technischen Möglichkeiten sind inzwischen äußerst vielfältig und stehen den breitgefächerten tatsächlichen wie fiktiven Bedürfnissen der potenziellen Bibliotheksbenutzer kaum nach. Allerdings sollte kritisch geprüft werden, welcher Nutzen tatsächlich aus dem Einsatz technischer Produkte erwächst. Zudem ist abzuwägen, welche Nachteile in Kauf genommen werden können und ob die Funktionalität des Produktes den zu erwartenden Nutzungsmöglichkeiten entspricht. Ein Discovery-System, das die Metasuche über mehrere Datenbanken hinweg ermöglicht, aber den eigenen Bibliothekskatalog nicht technisch einbinden kann, würde sich zum Beispiel nachteilig auf die Benutzung der Bibliothek auswirken. Abgesehen davon, dass erfahrungsgemäß eine erhebliche Anzahl von Nutzern mit einer Treffermenge von mehreren Hundert oder gar Tausend Treffern nach einer Recherche in bibliothekarischen Datenbanken oder Katalogen sichtlich überfordert ist. Diese Phänomene, deren Ursachen und Erscheinungsformen werden im deutschen Bibliothekswesen noch zu wenig ergründet und reflektiert. Dabei könnte nicht nur das „Usability-Engineering“ – also die Entwicklung gebrauchstauglicher Software – mehr Einsatz finden. In einigen Situationen könnten jedoch bereits ein produktives Mitdenken und ein Wechsel des Blickwinkels die Benutzerfreundlichkeit und Funktionalität eines Produktes verbessern.

In diesem Aufsatz konnten lediglich einige wesentliche Probleme zu den genannten Fragestellungen angerissen werden. Einen „Königsweg“ zur Lösung wird es wohl nicht geben. Doch es wäre schon ein Gewinn für alle Beteiligten – insbesondere für die Nutzer von Bibliotheken – wenn in einem Dialog der Sachstand stärker kritisch reflektiert und zudem verschiedene Handlungsmöglichkeiten konstruktiv ausgelotet werden.

Published Online: 2016-11-07
Published in Print: 2016-12-01

© 2016 by De Gruyter

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