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Publicly Available Published by De Gruyter Saur November 7, 2016

Zwischen digitaler Innovation und Bibliotheksalltag – James Hardiman Library der National University of Ireland, Galway

Cordula A. Franzke
From the journal Bibliotheksdienst

Zusammenfassung

Die James Hardiman Library, Irland, durchläuft umfassende Umstrukturierungsmaßnahmen, deren Ursache u. a. aus der europäischen Finanzkrise abzuleiten ist. Gleichzeitig ist diese Bibliothek ein Ort von Innovation und gelebter Nutzerorientierung, wie eine Bücherbox und der Makerspace zeigen.

Abstract

The James Hardiman Library, Ireland, goes through comprehensive restructuring measures which were caused, among other reasons, by the European financial crisis. At the same time, this library is a place of innovation and practised user orientation, as a book box and Makerspace show.

Die James Hardiman Library (JH Library), benannt nach dem ersten Bibliothekar der 1845 gegründeten Queens University of Ireland[1] – James Hardiman (1782–1855)[2] –, liegt zentral auf dem Campus der National University of Ireland, Galway (NUIG). Die Universitätsstadt Galway an der Westküste Irlands mit 75.500 Einwohnern beherbergt jährlich 17.000 Studierende, welche an fünf Colleges mit medizinischer, technischer und geisteswissenschaftlicher Ausrichtung studieren. Die in diesem Jahr erfolgte Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt in 2020 unterstreicht mit dem Slogan City of Tribes den Anspruch der Stadt, mit ihren kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen ein integraler Bestandteil der kulturellen Identität Irlands und Europas zu sein.

Abb. 1:  James Hardiman Library mit dem Neubau James Hardiman Research Building. (Photo der Autorin).

Abb. 1:

James Hardiman Library mit dem Neubau James Hardiman Research Building. (Photo der Autorin).

Als eine dieser kulturellen Einrichtungen hält die JH Library (s. Abb.) für Studierende und 2.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Medien für Studium und Forschung bereit und wird jährlich von ihren Nutzerinnen und Nutzern 1 Mio. Mal frequentiert. Im Jahr 2014 fand, als baulicher Anschluss an das bestehende Bibliotheksgebäude, die Eröffnung des Hardiman Research Building statt, welches neben 2.000 Arbeitsplätzen für Studierende Raum für zwei Institute und das Archiv, die Special Collections, das Digitalisierungszentrum, die Lehrräume des Bibliotheksservices und darüber hinaus Fläche für museale Ausstellungen bietet.

Der dreiwöchige Auslandsaufenthalt im August 2016 an der JH Library im Rahmen der praktischen Ausbildung als Referendarin an der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe, ermöglichte Einblicke in die Strukturen und zahlreiche Tätigkeitsfelder dieser Universitätsbibliothek. Eine Hospitation bzw. Mitarbeit erfolgte vorrangig in der Abteilung Digital Publishing and Innovation. Sieben Personen bilden diese Abteilung, die für drei Bereiche zuständig ist: Digital Publishing, Digitisation Service und Digital Discovery Service. Von hier wird nicht nur die technische Infrastruktur der Bibliothek betreut, sondern diese Abteilung ist auch der kompetente Ansprechpartner für Open Access, kommerzielle Veröffentlichungen und Rechtemanagement.

Die Bibliothek fungiert in den genannten Themenfeldern als innovativer Partner für Wissenschaft und Forschung, da durch die Abteilung Digital Publishing and Innovation das universitäre, verlässliche Repositorium ARAN[3] für die Vorhaltung und Verfügbarmachung universitärer Forschungsergebnisse bereitgestellt wird. In Verbindung mit dem Institutional Research Information System (IRIS) Vidatum Academic[4] werden somit sowohl die Profile der universitär Forschenden der jeweiligen Colleges gepflegt als auch durch eine Verlinkung zu ARAN die universitären Publikationen nachgewiesen. Dabei übernimmt die Abteilung ggf. die Konvertierung der Dateien in PDF, die Kommunikation mit einem Verlag bezüglich rechtlicher Aspekte wie Open Access, Zugangseinschränkungen und Copyrightbelange, ferner übernimmt diese die Metadatenverwaltung und Verknüpfung der Datensätze in IRIS und ARAN.[5]

Auch hervorzuheben als Innovation in der Bibliothek ist der durch die Abteilung vor Kurzem eröffnete Raum MakerSpace[6] , welcher Universitätsangehörigen ermöglicht, fächerübergreifend Projekte zu gestalten. Hierfür stehen den Nutzerinnen und Nutzern ein 3D-Drucker sowie Arbeitsplatzrechner mit Software wie Adobe Creative Suite, Anime Studio Pro, Cura und Clip Studio Paints, Raspberry Pi’s und Arduino Microcontroller zur Verfügung. Darüber hinaus bietet die Abteilung spezielle Workshops hinsichtlich des Forschungsdatenmanagements für die der Universität angehörenden Forscherinnen und Forscher an. Falls gewünscht, ist die Vergabe von DOI oder ISBN für Publikationen durch die Bibliothek ebenfalls möglich. Um den Nutzerinnen und Nutzern auf vielfältige Weise zeitnah Informationen zukommen zu lassen, werden intensiv Social Media genutzt.[7]

Als weiterer Bibliotheksservice wird durch diese Abteilung die Reading List[8] angeboten. Die Lehrenden hinterlegen für die jeweiligen Veranstaltungen Literaturlisten und kommentieren, welche Aufsätze und Buchkapitel durch die Bibliothek digitalisiert und den Studierenden online zur Verfügung gestellt werden sollen. Diese Software interagiert mit dem Learning Management System Blackboard.[9] Als weitere Innovation hinsichtlich der Bereitstellung stark frequentierter Bücher ist die High Use Machine[10] zu nennen, eine Art Bücherbox, welche in Zusammenarbeit mit der Firma Magex[11] entwickelt wurde. In der Bücherbox ist Raum für 300 bis 600 analoge Medien unterschiedlicher Größe. Die Ausleihe eines einzigen Buches ist auf drei Stunden innerhalb des Gebäudes begrenzt und erfolgt regulär über das Benutzerkonto, sodass nach Überschreitung der Ausleihzeitvorgabe die Erhebung einer Gebühr und Anzeige dieser im Konto erfolgt.

Ein weiteres, umfassendes Arbeitsfeld der Abteilung Digital Publishing and Innovation bildet die digitale Erschließung von Nachlässen und Sammlungen, u. a. aus wissenschaftlicher und künstlerischer Provenienz, wie das Abbey Theatre Project.[12] Im Rahmen der Aufgabenfelder war eine Mitarbeit im Zuge der Überarbeitung der Ritchie-Pickow-Collection[13] möglich. Diese Kollektion entstammt dem wissenschaftlichen bzw. künstlerischen Nachlass des Ehepaars Jean Ritchie und George Pickow,[14] welches in den Jahren 1952/1953 Irland bereiste. Jean Ritchie, selbst bekannte Sängerin jener Zeit, dokumentierte auf den Spuren ihrer Familiengeschichte in Irland mit Hilfe ihres Mannes als Fotograf das gesellschaftliche und kulturelle Leben, sodass einzigartige Bild- und Tonaufnahmen der Zeit tradiert wurden. Nicht nur die Uileann Pipe spielendenden Musiker wie Seamus Ennis, Sänger wie Elizabeth Croinin und Geschichtenerzähler wie Patcheen Faherty und deren Interpretation irischer Volksmusik und Geschichten sind in diesen Tonaufnahmen dokumentiert, sondern auch das alltägliche Leben auf Dublins Straßen und auf dem Land während Windhundrennen und Fuchsjagd. Für die Transformation der Sammlung als Kulturgut in das Digital Assets Management System Islandora[15] und Anzeige dieser im Bereich des Digitised Archives,[16] visualisiert durch Omeka,[17] waren zunächst Vorbereitungen zur Metadatenmigration und die erneute Digitalisierung der über 2.100 Fotografien notwendig. Ergänzend wurden die Metadaten mit Personendaten aus der Datenbank der Library of Congress angereichert. Die erfolgte Überarbeitung dieser Sammlung ermöglicht somit eine nachhaltige Nutzung dieses Bestandes durch die Bereitstellung von URL-Permalinks.

Neben einer Mitarbeit in dieser Abteilung stand zudem die Abteilung Acquisition im Fokus, welche vor kurzem ebenfalls einem Strukturwandel unterzogen wurde. Die in den letzten Jahren durchgeführte Rationalisierungsmaßnahme von 12 Stellen auf 3,5 VZE verlangte nach einem neuen, technischen Ansatz hinsichtlich des Workflows in der Akquisition und des Personaleinsatzes. Die Order der Medien, welche die Lehrenden der Universität über ein Onlineformular zur Bestellung übermitteln, erfolgt über das OASIS webface,[18] woraufhin ein Lieferant die Medien shelf ready – mit Katalogdatensatz, Barcode, RFID und Signatur – der JH Library liefert. Durch diese Form der Akquisition wurden – neben der Abschaffung des Tätigkeitsbereichs Fachreferat – Personalkapazitäten verfügbar, welche insbesondere für die Pflege der Archivalien und Altbestände genutzt werden. Die Katalogisierung der Medien erfolgt mittels der Software Ex Libris Aleph und die Anzeige der Medien im Katalog mit dem Discovery Tool Primo.[19]

Die Bibliothek versteht sich als zentrale Einrichtung für den wissenschaftlichen Austausch und als Ort für die Ausbildung von Informationskompetenz. Um eine Weiterentwicklung in diesen Bereichen weiterhin zu gewährleisten, wurde durch die Bibliothek die Library Strategy 2020 entwickelt und verabschiedet, in welcher folgende sechs Prioritäten formuliert sind:

  1. „a compelling place for academic engagement,

  2. access to excellent and relevant collections,

  3. connectivity through partnership, communication and community,

  4. graduates who think critically and have lifelong academic skills,

  5. high-impact publication of research, data and digital content,

  6. expert staff, skilled to help in person or online”.[20]

Die Verbesserung des Bibliotheksservices vor dem Hintergrund der genannten Prioritäten beinhaltet ferner den Umbau des Bibliotheksbaus in den kommenden Jahren, um den Zugang zum Selbstausleihbereich zu vereinfachen und weitere Gruppenarbeitsräume[21] zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus ist die JH Library zahlreiche Partnerschaften zur Erweiterung des Netzwerkes eingegangen und kooperiert u. a. mit anderen irischen Universitätsbibliotheken und Kultureinrichtungen im Rahmen von Projekten.[22] Die Library Strategy 2020, Ergebnis einer zweijährigen Konzeptionierung, stellt mitunter eine Reaktion auf die europäische Finanzkrise dar, welche weiterhin deutlich Einfluss auf die Budgetierung und Personalentwicklung nimmt. In den letzten Jahren führte die angespannte Finanzlage in den zuvor genannten Bereichen zu erheblichen Einschnitten, einhergehend mit umfangreichem Changemanagement.[23] Die Library FTE lag im Zeitraum 2012/13 mit einem VZE-Wert von 18 Prozent unterhalb des Wertes von 2008 und für den Herbst 2016 wird eine Abnahme des VZE-Wertes von 72,23 auf 68,68 prognostiziert.[24] Gleichzeitig spiegeln 9.920 Stunden Benutzerschulungen 2012/13 und die im Jahr 2016 umfassende Umstrukturierung der Aufgabenbereiche sämtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek inklusive der Bildung neuer Teams die Anstrengungen wider, den Bibliotheksservice trotz angespannter Finanzlage auf hohem Niveau zu erhalten.[25]

Der Auslandsaufenthalt an der Bibliothek der ältesten und größten Universität im westlichen Teil Irlands stellte einen bedeutenden Abschnitt der praktischen Ausbildung an der Badischen Landesbibliothek dar. Ein Vergleich der James Hardiman Library mit der Badischen Landesbibliothek ist nur äußerst bedingt möglich, auch aufgrund weitreichender Unterschiede hinsichtlich Finanzierung und struktureller Aspekte, doch sind Parallelen zu deutschsprachigen Universitätsbibliotheken in Fragen zum Forschungsdatenmanagement und zur Visualisierung von Nachlässen und Sammlungen offenkundig. Zusammenfassend sind die im europäischen Ausland angeeigneten und vertieften Kompetenzen, insbesondere im fachlichen und interkulturellen Bereich, von nicht zu unterschätzender Bedeutung, um sich auf eine weltweit vernetzte Bibliothekslandschaft mit deren zunehmend internationalen Nutzerinnen und Nutzern vorzubereiten.

Danksagung:

Herzlich bedanke ich mich bei Peter Corrigan, Neil O‘Brien, Aisling Keane, Cillian Joy, Brendan Duffy, Trish Finnan, Kieran Hoare, James Hardiman Library, NUIG, für deren umfassende Hilfsbereitschaft und Unterstützung während meines Aufenthalts und für die zahlreichen informativen Gespräche und Einblicke. Zudem gilt mein Dank BI-International (Goethe Institut) für die weitreichende finanzielle Förderung.

Published Online: 2016-11-07
Published in Print: 2016-12-01

© 2016 by De Gruyter

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