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Publicly Available Published by De Gruyter Saur October 10, 2020

NS-Raubgut an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Die Provenienzen im Nachlass des Rabbiners Emil Davidovic

Nazi looted property at the Centre for Jewish Studies Heidelberg
Provenance research on printed books in the estate of Rabbi Emil Davidovic
  • Philipp Zschommler EMAIL logo
From the journal Bibliotheksdienst

Abstract

Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich erscheinen, dass auch eine jüdische Institution untersuchen muss, ob sie im Besitz von NS-Raubgut ist. Doch die Bibliothek der 1979 gegründeten Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) Heidelberg erwarb 1988 den Nachlass des zwei Jahre zuvor verstorbenen westfälischen Landesrabbiners Emil Davidovic, der als Auschwitzüberlebender für seine Bibliothek zunächst Bücher in Prag und dann in Westfalen erworben hatte. Das Provenienzprojekt an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (HfJS) untersucht seinen Nachlass auf raubgutverdächtige Bücher. Als ehemalige Eigentümer konnten bisher vor allem Jüdinnen und Juden aus dem von den Nationalsozialisten eingerichteten „Protektorat Böhmen und Mähren“ wie auch westfälische Provenienzen ermittelt werden. Im Folgenden werden die ersten Forschungsergebnisse erläutert, die Art der Dokumentation beschrieben und die angestrebte Restitution der als NS-Raubgut identifizierten Bücher erörtert.

Abstract

It may seem unusual at first sight that also Jewish institutions should determine whether they are in possession of Nazi looted assets. The library of the Centre for Jewish Studies (HfJS) established in 1979 acquired the estate of the rabbi of Westphalia, Emil Davidovic in 1988, who had died two years earlier. The Holocaust survivor had acquired the printed books of his collection first in Prague, and later on in the Westphalia region. The provenance project at the Centre for Jewish Studies in Heidelberg is scrutinising his estate for looted books. Past ownership can be traced back to Jewish owners originating mostly from the “Protectorate of Bohemia and Moravia” erected by the Nazis, and from the Westphalia region. The article presents first research findings, describes methods of documentation and discusses restitution procedures of books identified as Nazi looted cultural assets.

Überblick

Seit 2019 forscht das Provenienzprojekt an der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in den Beständen ihrer Bibliothek nach NS-Raubgut.[1] Bereits ein wahlloser Griff ins Bücherregal lässt ahnen, dass ein erheblicher Teil des vor 1945 erschienenen Bestandes zumindest einen solchen Verdacht begründet.

Dies kommt nicht von ungefähr. Zwar hat die Bibliothek keine NS-Geschichte wie etliche andere Einrichtungen, die unmittelbar vom Bücherraub der Nationalsozialisten profitierten. Doch war sie von Anfang an darauf ausgelegt, möglichst rasch einen umfassenden Bestand für den Lehr- und Forschungsbetrieb der HfJS aufzubauen, den sie aus allen sich ihr bietenden Quellen schöpfte.

1979 in der Trägerschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland gegründet, sollte die HfJS die geistige Nachfolge der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums antreten, die 1942 von den Nationalsozialisten aufgelöst worden war. Heute stellt die HfJS mit ihren zehn Lehrstühlen unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung, von Jüdischer Bibelauslegung bis Jüdischer Kunst, Europas größten und umfassendsten Standort für Jüdische Studien dar. Die Bibliothek der HfJS verstand und versteht sich als den zentralen Ort, um die Lehrstühle mit Material für Forschung und Lehre zu versorgen. Dabei war die Anschaffung von älterer Literatur unverzichtbar, und so wurden vor 1945 gedruckte Judaica und Hebraica eingearbeitet, deren Herkunft zunächst nicht hinterfragt wurde. Diese waren antiquarisch angekauft, aber auch durch zahlreiche Schenkungen und Nachlässe in die Bibliothek gelangt.[2]

Darunter befindet sich auch der Nachlass des ehemaligen Landesrabbiners von Westfalen, Emil Davidovic. Da dieser Bestand eindeutig identifizierbar ist und zahlreiche, geographisch klar definierbare Provenienzen aufweist, eignet er sich besonders gut als Einstieg in die Provenienzforschung, die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste für die Jahre 2019 und 2020 gefördert wird; wegen der Vielzahl der bisherigen Funde wurde die Verlängerung um ein weiteres Jahr beantragt.[3]

Rabbiner Emil Davidovic

Emil Davidovic, geboren 1912, wuchs in der Stadt Chust auf, die heute zur Ukraine gehört. Dort, wie auch in Pressburg / Bratislava besuchte er die Talmud-Hochschule. In Brünn / Brno studierte er unter anderem Germanistik und war Student an den Rabbinerseminaren in Wien und Budapest sowie an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums.[4]

1941 heiratete er Chaja Jakobovic und zog zu ihr nach Sighet im heutigen Rumänien. 1944 wurde das Ehepaar mitsamt dessen beiden kleinen Kindern Tibor und Jafa nach Auschwitz deportiert. Tibor und Jafa wurden dort ermordet, die Eltern überlebten und kehrten nach einer langen Odyssee getrennt voneinander in ihre Heimatstadt zurück. Seit 1946 arbeitete Davidovic in der jüdischen Gemeinde von Rumburk und 1949 wurde er stellvertretender Leiter des Prager Rabbinats. Seine Approbation, um das Amt des Rabbiners auszuüben, erhielt er um 1950. In Prag hatte er vermutlich enge Kontakte zur Bibliothek des Jüdischen Museums und seinen Mitarbeitern. Ebenso pflegte Davidovic rege Kontakte ins westliche Ausland, was seitens der Geheimen Staatspolizei der Tschechoslowakei Anlass genug war, ihn abhören zu lassen. Die erhaltenen Akten geben Aufschluss darüber, dass gleich mehrere V-Leute (vergeblich) auf ihn angesetzt wurden, um ihn wegen angeblich staatszersetzender und zionistischer Aktivitäten zu überführen. Unter diesen Bedingungen war Davidovic bis zu seinem Berufsverbot 1960 als Rabbiner für vier böhmische Landkreise zuständig. Unter dem Vorwand, zwecks Familienzusammenführung nach Kolumbien ausreisen zu wollen, erhielten er, seine Frau und die beiden 1946 und 1949 geborenen Kinder die entsprechende Bewilligung. Tatsächlich reiste er 1962 in die Bundesrepublik, von wo er bereits eine Berufung als Rabbiner in Dortmund erhalten hatte. Zehn Jahre später übernahm er das Amt des Landesrabbiners von Westfalen, und 1979 wurde er, bis zu seinem Tod 1986, Vorsitzender der Rabbinerkonferenz der BRD.

Im Jahr 1988 bot die Witwe des Rabbiners Davidovic der HfJS dessen Privatbibliothek zum Kauf an. Bereits bei der Begutachtung des wertvollen Bestands von etwa 6.000 Büchern bemerkte Dr. Uri Kaufmann, dass schon dessen Provenienzen eine gesonderte Beachtung verdienten. Ein großer Teil der Bücher wurde nach dem Erwerb sofort eingearbeitet, um ihn der Nutzung in der Bibliothek zuzuführen. Es handelt sich bei den Büchern vor allem um Judaica und Hebraica, wie etwa historische oder philosophische Abhandlungen, Texte zur Bibelkunde und Bibelexegese, Predigten und Gesangbücher.

Die Provenienzen der etwa 2.500 Bücher, die vor dem Jahr 1945 erschienen sind, sind eng mit Davidovics Lebensweg bzw. mit seinen Wirkungsstätten verknüpft.

Bücher aus Prag und Theresienstadt

Auf irgendeine Weise gelangten aus den Beständen der Bibliothek des Prager Jüdischen Museums sowie aus Theresienstadt mehrere hundert Bücher nach 1945 in den Besitz von Emil Davidovic.[5] Genaueres hierzu konnten wir bisher nicht in Erfahrung bringen. Man kann vermuten, dass er als einer der wenigen überlebenden Rabbiner der Tschechoslowakei die Erlaubnis erhielt, sich aus dem unüberschaubaren Bestand zu bedienen. Dafür würde die große Menge an Gesangbüchern sprechen, die wohl dazu dienen sollte, die eine oder andere dezimierte Gemeinde auszustatten. Eine andere Vermutung der Herkunft der Bücher führt zu Rabbiner Dr. Gustav Sicher. Der Prager Oberrabbiner war Davidovics Freund und Mentor. Nach Sichers Tod im Jahr 1960 erbte Davidovic dessen Privatbibliothek. Vielleicht war er derjenige, der die Bücher zuerst an sich genommen hatte. 1962 jedenfalls war es Davidovic gelungen, zahlreiche Bücherkisten durch den Eisernen Vorhang zu schleusen.

Bei der Rekonstruktion der Bücherverwertung spielt das Jüdische Museum Prag mit seiner einzigartigen Geschichte eine Schlüsselrolle.[6] Das Museum, als auch die angeschlossene Bibliothek, konnten bis heute große Teile ihrer Sammlungen durch mehrere politische Systeme hindurch bewahren. Die Ursprünge des Museums liegen im Jahr 1906, als man erkannte, dass sich zahlreiche böhmisch-jüdische Gemeinden aufgrund der Landflucht auflösten. Um die Erinnerung daran wach zu halten, wurden vor allem rituelle Objekte aus Haus und Synagoge im Museum zusammengeführt. Nach der Einrichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ durch den NS-Staat fanden die Besatzer ein gut ausgestattetes Museum samt Bibliothek vor. Wie sonst üblich wäre eine Plünderung des gesamten Inventars zu erwarten gewesen. Dagegen machten sich die deutschen Behörden die Strukturen und das Potential des Museums und seiner MitarbeiterInnen zunutze und benannten es in „Jüdisches Zentralmuseum“ um.[7] Zu Zwecken der nationalsozialistischen „Gegnerforschung“ sollten darin Ausstellungen organisiert, Filme gedreht und Objekte gesammelt werden. Letztere erreichten das Museum vermehrt bei der Liquidierung jüdischer Einrichtungen und massenweise mit dem Einsetzen der Deportationen. Die Menge der eingehenden Bücher und Kultgeräte stand also in direktem Verhältnis zur Anzahl der ermordeten Juden im Protektorat. Es waren jüdische Bibliothekare und Historiker, die die Eingänge entpacken, beurteilen, verzeichnen und einarbeiten mussten.[8] Einige ihrer Namen tauchen auch in unseren Büchern auf. Wir können annehmen, dass sie den Fortbestand ihrer eigenen Bücher in der Bibliothek zu sichern versuchten, bevor sie selbst in die Todeslager geschickt wurden.

Ähnliches geschah in Theresienstadt, wo die Nationalsozialisten die Einrichtung diverser Bibliotheken befahlen. Nach außen hin sollte das Bild einer funktionierenden zwanglosen jüdischen Siedlung gezeichnet werden. Tatsächlich mussten auch dort unter katastrophalen Zuständen massenweise Bücher aus enteignetem jüdischem Besitz bearbeitet werden. Darunter waren nicht nur die Bücher, die den Neuankömmlingen abgenommen worden waren, sondern auch Bücher von aufgelösten jüdischen Einrichtungen aus dem Reichsgebiet. Je nach Gattung wurden die Bücher unterschiedlichen Bibliotheken zugeordnet – manchen davon war nur Zutritt von ausgewiesenen Fachleuten erlaubt.

Abb. 1: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu. Bonn 1902. Besitznachweis der „Volkslesehalle Theresienstadt“. Zusätzlich finden sich im Buch die Stempel „Ghetto-Bücherei“ und „Bibliothek der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“.
Abb. 1:

Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu. Bonn 1902. Besitznachweis der „Volkslesehalle Theresienstadt“. Zusätzlich finden sich im Buch die Stempel „Ghetto-Bücherei“ und „Bibliothek der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“.

Nach der Befreiung des Lagers 1945 wurden die Buchbestände in das ohnehin schon überfüllte Jüdische Museum nach Prag überführt. Hinzu kamen Büchersammlungen aus dem Reichsgebiet, die die Deutschen im scheinbar vor Luftangriffen sicheren Sudentenland in diversen Schlössern versteckt hatten.[9] Verwaiste Synagogen und Wohnhäuser wurden in Prag zur Aufbewahrung genutzt. Die Lagerung in ungeheizten Räumlichkeiten führte in den Nachkriegsjahren dazu, dass tausende Bücher wegen Schimmelbefall entsorgt werden mussten. Große, aber schwer zu beziffernde Bestände wurden in die USA und nach Palästina verschifft, weitere Bücher landeten im tschechoslowakischen Antiquariatshandel.

 Die „Bewegungsprofile“ der in Prag und / oder Theresienstadt abgewickelten Bücher aus unserem Projektumfang; schematische Rekonstruktion anhand der bisher vorliegenden Befunde.

Die „Bewegungsprofile“ der in Prag und / oder Theresienstadt abgewickelten Bücher aus unserem Projektumfang; schematische Rekonstruktion anhand der bisher vorliegenden Befunde.

Bücher aus Westfalen

Unklarheit herrscht ebenso über die Tatsache, dass sich mehrere Dutzend Bücher mit westfälischen Provenienzen in Davidovics Nachlass befinden. Bei den bisher identifizierten Eigentümern handelt es sich auch hier um Verfolgte des NS-Regimes. Im Fall der Lippischen Landesbibliothek in Detmold wissen wir, dass in der dortigen „Zeitgeschichtlichen Sammlung“ Raubgut aus Detmold und Münster einverleibt worden war. Im Jahr 1954 wurde dieses an die Jewish Trust Corporation ausgehändigt und vielleicht anschließend auf jüdische Gemeindebibliotheken verteilt. Bisher konnten wir aus den zeitgenössischen Berichten diese Umstände nur für Raubgut aus jüdischen Einrichtungen nachweisen. Ob mit Büchern aus beraubten Privathaushalten ähnlich verfahren wurde, können wir bisher nur annehmen. Zumindest ließe sich durch die Aufbewahrung in den Gemeindebibliotheken erklären, warum Emil Davidovic auf die Bücher Zugriff gehabt haben könnte.

In mindestens einem Fall wissen wir, dass Davidovic die Familie der Person gekannt haben muss, die ihren Namen im Buch eingetragen hatte. Dass Davidovic selbst mit den Büchern die Hoffnung verbunden hatte, Familienangehörige zu finden, bleibt im Bereich der Spekulation.

Abb. 2: Kuttner, Bernhard: Jüdische Sagen und Legenden. Frankfurt am Main 1904. Besitznachweis der Lippischen Landesbibliothek / Zugang 1942. Aufgrund der erhaltenen Widmung von 1913 an Erna Eichmann aus Bad Salzuflen konnte das Buch im Juli 2020 an ihre Nachkommen restituiert werden.
Abb. 2:

Kuttner, Bernhard: Jüdische Sagen und Legenden. Frankfurt am Main 1904. Besitznachweis der Lippischen Landesbibliothek / Zugang 1942. Aufgrund der erhaltenen Widmung von 1913 an Erna Eichmann aus Bad Salzuflen konnte das Buch im Juli 2020 an ihre Nachkommen restituiert werden.

Die Provenienzen

Allein der Umstand, dass die meisten der Bücher aus dem Nachlass Davidovic einem der beiden Herkunftsbereiche zugeordnet werden kann, erleichtert die Identifizierung der Eigentümer ungemein – vorausgesetzt, es finden sich überhaupt entsprechende Merkmale im Buch.

Pauschal betrachtet haben wir mit dem Nachlass eine Gelehrtenbibliothek vor uns, die sich wiederum aus anderen Gelehrtenbibliotheken speist. Zahlreiche Eigentümernachweise stammen von Rabbinern, Bibliothekaren, Lehrern und Hochschulangehörigen, und als Personen des öffentlichen Lebens lassen sich viele von ihnen erfreulicherweise recht einfach bestimmen. Bisher konnten wir etwa 100 unterschiedliche Eigentümer (Individuen) feststellen und wir gehen davon aus, dass bei fast allen ein verfolgungsbedingter Entzug ihrer Bücher vorliegt.

Daneben wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt anhand von Stempeln inzwischen etwa 50 vor allem jüdische Einrichtungen identifiziert, in deren Besitz sich die Bücher befunden hatten.[10]

Dokumentation

Die zentrale Anwendung zur Verarbeitung unserer Rechercheergebnisse ist die Datenbank Looted Cultural Assets.[11] Für die externen Nutzer sind etwa Titeldaten, Standort des Buches und Fotografien abrufbar. Darüber hinaus sind die Exemplare mit den entsprechenden Provenienzhinweisen und Entitäten verknüpft, sodass unterschiedliche Suchmethoden angewendet werden können. Die Kooperationspartner der Datenbank können im Back-End sämtliche Daten zu den Objekten (z. B. PPN-Link oder Verknüpfung zur GND) und deren Recherche bis hin zu den Kontaktdaten von Angehörigen hinterlegen. So wird für alle Partner ein identischer Wissensstand gewährleistet, doppelte Recherche vermieden und bei personellen Veränderungen der Verlust von Erkenntnissen reduziert.

Bei Projektende werden wir unsere Dokumentationen an die Datenbank Lost Art überführen, die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betrieben wird.[12]

Auch intern werden die aufgefundenen Provenienzhinweise verzeichnet und im OPAC der jeweilige Status der Bücher zur Entleihbarkeit etc. gepflegt. Wir nutzen dazu das webbasierte Open Source-Bibliothekssystem Koha, das vor gut 10 Jahren an der HfJS als Pilotprojekt für eine wissenschaftliche Institution in Deutschland eingeführt wurde. Eingerichtet wurde Koha seitens des Bibliotheksservice-Zentrums Baden-Württemberg, welches auch die laufende Betreuung übernimmt. Hierzu werden unsere Basisdaten aus dem Verbundkatalog (SWB) in das System Koha übertragen und dadurch mit mehreren Funktionen gekoppelt, wie etwa der Verwaltung von Erwerbungen und Zeitschriften und einer Selbstverbuchung mittels RFID-Technik. Der wesentliche Grund für die Etablierung des Systems war jedoch die Möglichkeit, Titelsätze originalschriftlich zu verarbeiten – in unserem Fall Hebräisch und Jiddisch.[13]

Grundsatzfragen

Die Beweggründe, in einer Institution Provenienzforschung zu betreiben, sind mannigfaltig. Als Basis hierfür steht die Frage nach der ungeklärten Herkunft von Objekten im Raum. Oft sind es einzelne Personen / Persönlichkeiten, die den Impuls dazu geben und mit Nachdruck an einer Aufklärung interessiert sind. Hinzu kommt das Thema der Finanzierung. In wenigen Einrichtungen konnten sich bisher dauerhafte Abteilungen etablieren, die mehr oder weniger unabhängig Raubgut aufspüren und dokumentieren. Der überwiegende Teil der Forschungsarbeit wird über zeitbefristete Projekte abgedeckt.[14]

Noch mannigfaltiger sind wohl die Beweggründe, keine Provenienzforschung zu betreiben, wie sie Markus Stumpf in seinem Artikel anschaulich darstellt.[15] Auch in diesem Fall können es einzelne Personen / Persönlichkeiten sein, die das Thema blockieren.

Bei einer Entscheidung dafür oder dagegen scheinen hintergründig emotionale Gründe einen entscheidenden Einfluss darauf auszuüben. Umso wichtiger ist es, dass auf Bundesebene Verbindlichkeiten geschaffen werden und gleichzeitig die Motivation der Einrichtungen gesteigert wird, sich diesem Thema zu widmen.

Im Fall der HfJS mögen in der Vergangenheit ebenfalls einige der von Stumpf aufgeführten Argumente ins Feld geführt worden sein. Ein weiterer Punkt sei hier angeführt, der jedoch in keiner Weise das späte Handeln rechtfertigen soll. Seit Gründung der Hochschule übernahm die Bibliothek die Rolle einer Treuhänderin etwa für Altbestände aus jüdischen Gemeinden im Sinne einer wissenschaftlichen „Verwertung“. Dieses inoffizielle Mandat war wohl auch ein entscheidender Faktor für die generelle Beurteilung von Schriftgut aus jüdischem Besitz.

In Bezug auf Raubgut aus liquidierten deutsch-jüdischen Vorkriegseinrichtungen ohne Rechtnachfolge mag diese Argumentation zu diskutieren sein, denn grundsätzlich besteht für dieses Thema noch immer Klärungsbedarf.[16]

Hinsichtlich geraubter Bücher von Individuen ist eine weitere aufklärungsfreie Verwaltung der Bücher meines Erachtens jedoch nicht (mehr) gerechtfertigt. Solange es uns möglich ist, sollten wir versuchen, die Eigentümer der Bücher zu identifizieren und die Nachkommen ausfindig zu machen. Auch 75 Jahre nach Kriegsende ist es aufgrund der zahlreichen Recherchemittel und der internationalen Vernetzung relativ gut möglich, Erben zu ermitteln.

Die „faire und gerechte Lösung“ gemäß der Washingtoner Prinzipien im Zusammenhang mit der Restitution sollte immer das oberste Ziel einer objektbasierten Provenienzforschung sein.[17] Letztere ist kein Selbstzweck. Neben der voranschreitenden Etablierung der Provenienzforschung als akademische Disziplin ist es sinnvoll, Methoden und Strukturen zu entwickeln, sowie Grundlagenforschung zu betreiben. Trotz allem sollen die Washingtoner Vereinbarungen nicht aus den Augen verloren werden. Auch wenn die Kenntnis der Historie der eigenen Institution sowie der Begleitumstände des Entzugs bei der Beurteilung der Objekte unentbehrlich sind, sollte die Rückgabe im Fokus stehen – zumindest, wenn man sich auf Washington beruft.

Für die Dokumentation der Forschungsergebnisse stehen einige Datenbanken bereit und damit ist ein wichtiger Schritt getan. Gerade bei projektbasierten Untersuchungen besteht doch leider die Gefahr, dass Washington auf der Strecke bleibt und eine aktive Suche nach den Geschädigten oder ihrer Nachkommen unzureichend betrieben wird / werden kann.[18]

Selbstverständlich ist die Erbensuche ein zeitraubendes und mühseliges Unterfangen. Doch auch wenn es bei der bloßen Dokumentation der Ergebnisse bleibt, müssen wir uns fragen, wo diese Dokumentation platziert werden soll. Wenn wir Namen von Opfern veröffentlichen und darauf warten, bis jemand seinen Anspruch geltend macht, sollten die Datenbanken zahlenmäßig überschaubar, leicht zugänglich und einfach zu handhaben sein. Viele der Nachkommen sind weder der deutschen Sprache mächtig, noch mit unseren Infrastrukturen vertraut.

In diesem Sinne sollten die hier abschließenden Fragen stets am Anfang des Unterfangens stehen: Wen und was wollen wir mit unseren Bemühungen erreichen? Ist unsere Vorgehensweise praktikabel und adressatenbezogen?

Die ständige Reflexion darüber kann dazu dienen, unsere vordergründigen Absichten auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen.

Published Online: 2020-10-10
Published in Print: 2020-10-01

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 27.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bd-2020-0093/html
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