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Öffentlich zugänglich Veröffentlicht von De Gruyter Saur 10. Oktober 2020

Spuren einer frühen Verfolgungsgeschichte: Die Bücher von Otto Elias

Traces of an early persecution history – the book collection of Otto Elias
Anneke de Rudder
Aus der Zeitschrift Bibliotheksdienst

Abstract

Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg betreibt seit vielen Jahren Provenienzforschung. Zurzeit werden die Sondersammlungen auf NS-Raubgut überprüft, vor allem Erwerbungen aus dem Handel. Eine aktuelle Recherche betrifft die 1938 erworbenen Bücher des Dortmunder Rechtsanwalts Otto Elias, der sich schon kurz nach der NS-Machtübernahme das Leben nahm. Sein Exlibris ist der Anlass, sich mit einer frühen Verfolgungsgeschichte zu beschäftigen und den Weg seiner Bücher in die Bibliothek zu rekonstruieren.

Abstract

The State and University Library of Hamburg has been conducting provenance research for many years. At present the special collections are examined for Nazi loot, with a focus on acquisitions through book trade. Current research also concerns the book collection acquired in 1938 of Dortmund-based lawyer Otto Elias, who committed suicide shortly after the takeover of the National Socialists. His bookplate (ex libris) was the occasion to look into this early persecution history and prompted research on how his collection of printed books has found its way to Hamburg’s State and University Library.

Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (SUB) verfügt über umfassende Erfahrung in der Provenienzrecherche. Ende der 1990er begannen erste Nachforschungen zu Erwerbungen in der NS-Zeit, und seit 2006 sucht die Bibliothek gezielt nach verfolgungsbedingt entzogenen Büchern in ihren Beständen. 2012 wurde die „Arbeitsstelle Provenienzforschung – NS-Raubgut“ an der SUB gegründet. Zunächst erfolgten die Recherchen mit hauseigenen Mitteln und der Hilfe von zwei Diplomandinnen, die ihre Abschlussarbeiten über das Thema verfassten,[1] in späteren Jahren kamen verschiedene Drittmittelprojekte hinzu. Obwohl der Schwerpunkt stets auf der Überprüfung der vielen Tausend Bücher lag, die in den Haushalten Deportierter und Geflohener beschlagnahmt und direkt an die Bibliothek überwiesen worden waren – in den Zugangsbüchern als „Geschenke“ der Gestapo deklariert – gab es auch immer wieder Hinweise auf problematische Provenienzen bei Ankäufen für die Sondersammlungen. Deren weitere Untersuchung wurde allerdings zunächst zugunsten der Überprüfung der genannten Bücher zurückgestellt.[2]

Das im August 2018 begonnene, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte und vor kurzem bis 2022 verlängerte Projekt ist nun eben diesem Bereich gewidmet. Untersucht werden die Zugänge zu den Sondersammlungen der SUB in den Jahren 1933 bis 1945. Die Vielfalt der dort betreuten Materialien macht die Suche in verschiedenen Nachweissystemen erforderlich. Für Informationen zu bisher nicht erfassten Objekten und allgemein für weitere Angaben zu den Provenienzen erfolgt sukzessive eine Durchsicht aller Zugangsbücher und eine genaue Dokumentation der Ergebnisse.[3] Die bisherigen Recherchen haben gezeigt, dass für die Sondersammlungen zumeist sogenanntes sekundäres Raubgut von Auktionshäusern, Antiquariaten und privaten Händlern angekauft wurde. In den allermeisten Fällen sind die Zugänge also nicht auf Beschlagnahmungen oder andere Arten von direktem Raub zurückzuführen, sondern auf Notverkäufe von Menschen, die wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden und gezwungen waren, sich zur Sicherung ihrer Existenz von Teilen ihrer Sammlung zu trennen. Auch durch diese Erwerbungen war die SUB also eingebunden in das System des legalisierten Raubs – einem zentralen Bestandteil der nationalsozialistischen Judenverfolgung.

Die Ankäufe von Sondermaterialien wickelte die Bibliothek auch in der NS-Zeit mehrheitlich nicht mit Privatpersonen ab, sondern mit professionellen Händlern. Diese Erwerbungen werden heutzutage als verdächtig eingestuft, wenn sie bei Auktionshäusern oder Antiquariaten getätigt wurden, die bekanntermaßen in den Handel mit NS-Raubgut involviert waren. Die Einstufung basiert auf publizierten Namenslisten von Beteiligten[4], den Meldungen in der Datenbank LostArt und den vielen detaillierten Forschungsberichten aus Bibliotheken und Museen, die seit Anfang 2020 in der Datenbank Proveana abrufbar sind.[5] Unerlässlich ist zudem der kontinuierliche Austausch mit anderen Forschenden über aktuelle Erkenntnisse zu Händlern und Sammlern. Um die auf diese Weise gewonnenen Verdachtsmomente zu überprüfen, bedarf es der genauen Untersuchung von (leider nur selten vorhandenen) Provenienzmerkmalen an den erworbenen Objekten, der mühsamen Aufschlüsselung von Einliefererkürzeln in Auktionskatalogen[6] sowie der Konsultation von Sekundärliteratur zu Antiquariaten, Sammlern und bibliophilen Vereinigungen. Viele Recherchen führen ins Leere, aber manchmal führt neben Geduld und Beharrlichkeit auch der Zufall zum Erfolg – und ein wenig detektivisches Gespür kann ebenfalls nicht schaden.

Der erste abgeschlossene Fall innerhalb des Projekts der SUB zu den Sondersammlungen betraf die Bücher von Hans Sternheim, eines Berliner Buchdruckereibesitzers und Bibliophilen, der ein Patensohn von Theodor Fontane war und in Auschwitz ermordet wurde. Die Recherchen führten auf Umwegen zu seiner mittlerweile 90-jährigen Enkelin, die in einer großzügigen und bewegenden Geste auf die Restitution der Bücher verzichtete und der Bibliothek zusätzlich noch Bücher und Familiendokumente schenkte.[7] In mehreren anderen Fällen werden zurzeit Restitutionen von Autographen und Büchern vorbereitet.

Einer dieser Fälle soll als „work in progress“ im Folgenden genauer vorgestellt werden: Die kurz vor dem Abschluss stehenden Recherchen rund um die Bücher des Dortmunder Rechtsanwalts Otto Elias (1876–1933).[8] Dieser Fall enthält vieles für das laufende Forschungsprojekt Charakteristische und ist zugleich eine eindringliche Erinnerung daran, dass die Motivation für unsere Arbeit nicht die Objekte selbst sind, sondern die damit zusammenhängenden Schicksale, deren Spuren sich in vielen Fällen nur noch in den wenigen erhaltenen Büchern finden. Oder, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters es immer wieder in Bezug auf NS-Raubgut hervorhebt: „Es geht weniger um materielle Werte, es geht vielmehr um die Anerkennung der Opferbiographien.“[9]

Der Händler

Auf die Spur der Bücher von Otto Elias stießen wir durch die routinemäßige Überprüfung von Erwerbungen beim Hamburger Auktionshaus Dr. Ernst Hauswedell & Co. Die Bibliothek der Hansestadt Hamburg, wie die SUB damals hieß, kaufte dort vor allem in den Jahren zwischen 1937 und 1942 regelmäßig große Mengen von antiquarischen Büchern und Sondermaterialien. Nicht nur im Fall Elias, sondern für unser gesamtes Projekt ist es wichtig, Genaueres über diesen Verkäufer und über die Einlieferer bei seinen Auktionen herauszufinden. Seit Juli 2019 ist das Archiv des Auktionshauses Hauswedell & Nolte Gegenstand eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Erschließungsprojekts. Zwar stehen dort grundsätzlich auch Informationen zu Auktionen und Einlieferern vor 1945 zur Verfügung, die Einsichtnahme von Dritten ist jedoch (bisher) nicht möglich und es werden mit Verweis auf den Datenschutz keinerlei personenbezogene Daten veröffentlicht.[10]

Dennoch ist es möglich, sich auf der Grundlage anderer Quellen ein Bild von Ernst Hauswedell zu machen.[11] Im NS-Regime war er wegen seiner aus einer jüdischen Familie stammenden Ehefrau und seines früheren kulturpolitischen Engagements im progressiven „Deutschen Buch-Club“ nicht unbedingt wohlgelitten. In verschiedenen bibliophilen Vereinigungen sowie in seinem Verlag und Antiquariat hatte er in der Weimarer Republik unter anderem mit jüdischen Büchersammlern, Buchhändlern und Schriftstellern zusammengearbeitet und ließ sie auch nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten nicht fallen. Parallel dazu handelte er indes in den folgenden Jahren zunehmend mit Büchern, die heute als NS-Raubgut einzustufen sind. Deren problematische Herkunft aus Zwangs- und Notverkäufen jüdischer Sammler konnte auch den Zeitgenossen nicht verborgen bleiben. In vielen Fällen waren diese Sammler Bekannte oder frühere Mitstreiter Hauswedells, und als Motivation für die Beteiligung an den Verkäufen kann sicherlich der Versuch einer Hilfeleistung vermutet werden.[12]

Schon die knappen Angaben im Themenportal „German Sales“ verdeutlichen die ambivalente Position des Antiquars: „Dr. Ernst Hauswedell lieferte auf Aufforderung Gutachten und Wertschätzungen von Umzugsgut und Kunstwerken ausreisender Juden für die Reichskammer der bildenden Künste. […] Nach der 1937 […] erstellten ‚Aufstellung aller derzeit im Bereich des Buchhandels noch tätigen Voll-, Dreiviertel- und Halbjuden und mit Voll- und Dreivierteljuden Verheirateten‘ wurde Ernst Hauswedell aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was offenbar wieder aufgehoben wurde, erschien er doch auch in den folgenden Katalogen als Inhaber.“[13] In einer biographischen Skizze beschreibt Renate Raecke-Hauswedell ihn 1987 als „Seiltänzer“ und präzisiert: „In den an das Studium anschließenden Jahren geriet der Balanceakt auf dem Seil sicherlich oft zu einer Gratwanderung – das letztendliche Scheitern des Deutschen Buch-Clubs, der Aufschwung des Antiquariats, nicht zuletzt durch den Verkauf zahlreicher jüdischer Bibliotheken […]“.[14]

Abb. 1: SUB Hamburg, Zugangsbuch 1938/39, Verzeichnung der Ankäufe bei der Hauswedell-Auktion 16, Eintrag vom 6. Januar 1939.

Abb. 1:

SUB Hamburg, Zugangsbuch 1938/39, Verzeichnung der Ankäufe bei der Hauswedell-Auktion 16, Eintrag vom 6. Januar 1939.

Die meisten Hauswedell-Auktionskataloge jener Jahre sind heute noch verfügbar. Mangels annotierter Exemplare stochert man allerdings beim Aufschlüsseln der für die Provenienzforschung entscheidenden Einliefererkürzel weitgehend im Dunkeln. Diese Chiffren gehen auf in der NS-Zeit erlassene Vorschriften zurück: Mit dem neuen Versteigererungsgesetz von 1934 war in Auktionskatalogen die Nennung von Namen oder Initialen der Einlieferer Pflicht geworden. Ab April 1938 mussten zusätzlich sämtliche Versteigerungsobjekte aus jüdischem Besitz gekennzeichnet werden, mit dem Zusatz „nichtarischer Besitz“ oder mit Sternchen.[15] Das Auktionshaus Hauswedell listete vorschriftsgemäß in jedem Katalog die Einlieferer mit Abkürzungen auf und verwies ggf. auf „nichtarischen Besitz“.

In den letzten Jahren sind Provenienzforschende an mehreren deutschen Bibliotheken auf Hauswedell-Ankäufe gestoßen, die auf einen Handel mit NS-Raubgut schließen lassen, darunter Bücher aus der bekannten Sammlung Jellinek-Mercedes.[16] Auch die 2019 zurückgegebenen Bücher des Sammlers Hans Sternheim hatte die SUB bei diesem Händler erworben. Vor diesem Hintergrund ist eine genaue Überprüfung aller hier gekauften Bücher dringend geboten.

Die Erwerbung

Am 21. Dezember 1938 erwarb die SUB beim Auktionshaus Hauswedell in Hamburg einen größeren Posten antiquarischer Bücher, die laut Zugangsbuch auf eine Auktion am 9./10. Dezember 1938 zurückgehen. Insgesamt erstreckte sich dieser Ankauf auf 95 Zugangsnummern, die zwischen dem 5. und dem 9. Januar 1939 in drei Teilen im Zugangsbuch der SUB verzeichnet wurden. Bisher konnten nur weniger als ein Viertel der Bücher aus diesem Einkauf im heutigen Bestand der SUB gefunden und durch im Buch eingetragene Zugangsnummern zweifelsfrei identifiziert werden. Dieses Verhältnis von historisch nachweisbaren Zugängen zu tatsächlich noch vorhandenen Büchern ist bei Erwerbungen bis 1943 leider die Regel und geht in erster Linie zurück auf die immensen Kriegsverluste: Bei den großen Angriffen auf Hamburg im Juli 1943 wurde die Bibliothek direkt getroffen, von ihren rund 850.000 Büchern verbrannten ungefähr 700.000.[17]

Der Katalog zur genannten Auktion im Dezember 1938 ist sowohl als Original in der SUB vorhanden als auch unter „German Sales“ online abrufbar.[18] Im Verzeichnis der Auftraggeber werden acht Einlieferer mit Kennnummern und Kürzeln wie „(1) B. in B.“ oder „(5) R. in D.“ aufgelistet. Die SUB kaufte Werke aus verschiedenen Quellen. Die autoptische Überprüfung aller noch existierenden Bände förderte u. a. drei Bücher zutage, die vom selben Einlieferer stammten. Darunter war ein Werk aus den Sondersammlungen – ein nummeriertes Exemplar der 1907 bei Julius Zeitler erschienenen, aufwändig gestalteten Anthologie „Altfranzösische Schwänke“, gezeichnet von dem bekannten Buchkünstler und Typographen Walter Tiemann.

Die anderen beiden Bücher trugen Provenienzmerkmale, die auf die Spur des früheren Eigentümers aller drei Bücher führten: Die zweibändige Sammlung „Altfranzösische Novellen“, erschienen 1909 in Leipzig bei Insel, trägt ein Exlibris von Otto Elias. Und im Roman „Der Amerika-Müde“ des österreichischen Revolutionärs und Schriftstellers Ferdinand Kürnberger, publiziert 1855 von Meidinger in Frankfurt am Main, steht ein handgeschriebenes Autogramm „Käthe Elias-Richter“. Es ist mit Bleistift durchgestrichen und mit dem Vermerk „gestrichen Wolff“ versehen. Alle drei Bücher stammten laut Auktionskatalog von Einlieferer „(6) R. in M.“.[19]

Abb. 2: Das von Walter Tiemann gestaltete Titelblatt der „Altfranzösischen Schwänke“, Leipzig 1907, SUB, Sondersammlungen.

Abb. 2:

Das von Walter Tiemann gestaltete Titelblatt der „Altfranzösischen Schwänke“, Leipzig 1907, SUB, Sondersammlungen.

Abb. 3: Auszug aus dem Auktionskatalog Nr. 16 von Dr. Ernst Hauswedell und Co., Hamburg, 9. und 10. Dezember 1938.

Abb. 3:

Auszug aus dem Auktionskatalog Nr. 16 von Dr. Ernst Hauswedell und Co., Hamburg, 9. und 10. Dezember 1938.

Abb. 4: Die Beschreibung im Auktionskatalog und das Einliefererkürzel ermöglichten die Zuordnung des Buches.

Abb. 4:

Die Beschreibung im Auktionskatalog und das Einliefererkürzel ermöglichten die Zuordnung des Buches.

Der Einlieferer

Konnte das „R.“ aus „R. in M.“ sich evtl. auf den Familiennamen Richter beziehen, wie er in dem Schriftzug Käthe Elias-Richter vorkam? Und in welchem Verhältnis stand sie zu Otto Elias? Auf den ersten Blick kamen mehrere Personen mit dem Namen Otto Elias in Frage. Vieles deutete auf einen Rechtsanwalt jüdischer Herkunft aus Dortmund, der wegen angeblicher Steuervergehen bereits 1933 festgenommen worden war und sich in der Haft das Leben nahm. Zum Glück für die Provenienzforschung existierten zu ihm verschiedene biografische Angaben online und in gedruckter Form.[20] Sie brachten schließlich auch Gewissheit: Denn Käthe Elias-Richter, von der das zweite Buch stammte, war die Tochter jenes Otto Elias, und sie hatte 1938 in Münster gelebt, womit auch das „M.“ im Einliefererkürzel eine plausible Erklärung fand. Sie war mit dem Kaufmann Franz Richter verheiratet, der als „Arier“ galt. Vermutlich lieferte er offiziell die Bücher ein, sodass Hauswedell die Bücher von „R. in M.“ im Auktionskatalog nicht mit dem Zusatz „aus nichtarischem Besitz“ versehen musste.

Die Veröffentlichungen zur Familie Elias ermöglichten einen ersten Blick auf die menschlichen Schicksale, die hier wie in so vielen anderen Fällen hinter den Büchern stehen:[21] Der Jurist Dr. Otto Salomon Elias aus Dortmund, geboren am 12. März 1876, war ein Sohn des jüdischen Kaufmanns Adolph Elias und seiner Frau Julie geb. Schwarz. Er studierte Jura, promovierte 1899 in Erlangen, lebte danach in Düsseldorf, heiratete die 1890 in Geldern geborene Emma Elias und führte von 1906 an in Dortmund zusammen mit seinem Schwager Max Frank eine erfolgreiche Rechtsanwaltskanzlei. 1910 kam Tochter Käthe zur Welt, die in einer Atmosphäre von familiärer Geborgenheit und Sicherheit aufwuchs. Sofort mit Beginn des „Dritten Reiches“ 1933 wurden Otto Elias und sein Kompagnon wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihrer politischen Haltung zu Opfern des NS-Terrors. Max Frank, der als erfolgreicher Strafverteidiger und aktiver Sozialdemokrat den Nationalsozialisten besonders verhasst war, wurde im März und April 1933 zwei Mal nacheinander für kurze Zeit verhaftet und misshandelt. Sein Sozius Otto Elias war als Anwalt für Zivilsachen weniger exponiert, aber wegen seiner Tätigkeit als Rechtsberater für das sozialdemokratische „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ genauso im Visier der neuen Machthaber.[22] Im März 1933 entzog man ihm die Zulassung als Anwalt und Notar, am 10. April wurde er ebenfalls verhaftet. Kurz danach nahm er sich im Gefängnis unter ungeklärten Umständen das Leben. Nach dem Krieg schrieb seine Tochter Käthe: „Meinem Vater stürzte 1933 im April die Welt – sein Beruf, seine Ehre, Freude, Stolz, Idealismus – alles ein.“[23]

Wenig später konnte auch Max Frank dem Druck nicht mehr standhalten und beging Selbstmord. Die gutgehende Kanzlei in Dortmund wurde danach vom „arischen“ Sozius weiterbetrieben. Von den Nationalsozialisten in Dortmund bedroht und schikaniert, floh Otto Elias’ Frau Emma aus der Stadt, ging zuerst nach Berlin, dann nach Badenweiler. Ende 1934 machte auch sie ihrem Leben ein Ende. Tochter Käthe Richter zog mit ihrem nicht-jüdischen Mann nach Münster, um der Verfolgung zu entgehen. Dort wurden ihre drei Kinder geboren. Entrechtung und Beraubung der Familie gingen währenddessen weiter: Ihr Mann, der durch seine Ehe als „jüdisch versippt“ galt, verlor seine Anstellung, Käthe Richters Konten wurden mittels einer „Sicherungsanordnung“ gepfändet, 1939 waren sie gezwungen, ihr Haus in Münster zu verkaufen und wiederum umzuziehen. Im Herbst 1944 verschleppte die Gestapo Käthe Richter zusammen mit anderen als Juden verfolgten Partnern aus „Mischehen“ ins Zuchthaus Münster und weiter nach Kassel-Bettenhausen zur Zwangsarbeit in den Henschel-Werken.

Abb. 5: Das Autogramm von Käthe Elias-Richter in dieser Erstausgabe von 1855 führte auf die richtige Spur. Offen bleibt die Frage nach der Identität von „Wolff“ sowie Zeitpunkt der Streichung des Namens – bereits im Auktionshaus Hauswedell?

Abb. 5:

Das Autogramm von Käthe Elias-Richter in dieser Erstausgabe von 1855 führte auf die richtige Spur. Offen bleibt die Frage nach der Identität von „Wolff“ sowie Zeitpunkt der Streichung des Namens – bereits im Auktionshaus Hauswedell?

Otto Elias und seine Familie waren also definitiv Verfolgte des NS-Regimes. Aber wichtige Fragen blieben noch offen: Was war mit Otto Elias‘ Bibliothek geschehen? Konnte seine Tochter einen Teil davon übernehmen? Wie waren die Bücher ins Auktionshaus Hauswedell gekommen? Um hier voranzukommen, war es nötig, mehr über Käthe Elias-Richter herauszufinden. Sie hatte Krieg und Verfolgung überlebt[24] und in der Nachkriegszeit verschiedene Rückerstattungsanträge gestellt, deren Akten verfügbar waren. Lokalhistorikerin Gisela Möllenhoff aus Münster, die sich intensiv mit dem Schicksal der Familie auseinandergesetzt hatte und die Provenienzrecherchen mit großem Elan unterstützte, kontaktierte außerdem Käthe Richters Söhne. Sie erinnerten sich, dass ihre Mutter nie über die NS-Zeit habe sprechen wollen, da es für sie viel zu schmerzhaft gewesen sei. Nur manchmal habe sie Otto Elias‘ große wertvolle Bibliothek mit vielen Erstausgaben erwähnt. Vom Eigentum ihres Vaters sei jedoch kaum etwas übriggeblieben: „Da haben sich viele Leute was unter den Nagel gerissen“, vor allem bei einer Spedition in Münster, in der eingelagerte Güter ihrer Eltern nach 1934 einfach „verschwunden“ seien. Konnte dies eine Spur sein? Der nächste Schritt waren Anfragen bei hilfsbereiten Provenienzforschungs-Kolleginnen in Münster und Historikerinnen an der Universität, die sich in einem Projekt u. a. mit Arisierungen und Rückerstattungsverfahren beschäftigten. Leider waren ihnen aber bei ihren Arbeiten weder die Familie Elias-Richter noch die genannte Spedition je begegnet.

Die folgende Akteneinsicht im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen war ergiebiger. Wie in so vielen Verfahren im Rahmen der „Wiedergutmachung“ dokumentieren auch die Akten zur Familie Elias/Richter vor allem erfolglose Versuche, nach 1945 angemessen für das erlittene NS-Unrecht entschädigt zu werden. Oder, wie es der Historiker Jürgen Lillteicher formuliert: „Privatleute und mehr noch der westdeutsche Fiskus zeigten erhebliche Widerstände gegenüber der Herausgabe von Vermögenswerten, die im Rahmen von ‚Arisierung’ und fiskalischer Ausplünderung des Nationalsozialismus den Besitzer gewechselt hatten.“[25] Schon die Definition von Otto Elias als Opfer des Nationalsozialismus stellte die Gegenseite massiv in Frage: Als Kronzeuge trat hier sein früherer Sozius auf, bezichtigte den ehemaligen Partner auch noch fünf Jahre nach Kriegsende der Steuerhinterziehung, versuchte so dessen Verhaftung 1933 zu legitimieren und jeden politischen Zusammenhang zu leugnen. Seiner Meinung nach könne von Zwangsverkäufen seiner Erben nach Otto Elias’ Suizid keinesfalls die Rede sein. Vielmehr habe Käthe Richter all ihr Vermögen ihrem „arischen“ Ehemann übertragen, und beide hätten von „freiwilligen“ Verkäufen der Grundstücke und des Hausrats ihrer Eltern profitiert: „Herr Dr. Elias hatte eine der wertvollsten Privat-Bibliotheken, die mir in meinem Leben bekannt geworden sind. Ich bin überzeugt, dass die Erben Elias diese wertvolle Bibliothek zu einem angemessenen Preis veräußert haben.“[26] Immer wieder bemühte sich Käthe Richter, gegen diese Unterstellungen anzugehen. In ihren handgeschriebenen Briefen manifestiert sich ihre zunehmende Verzweiflung. Sie beschrieb, wie ihre ganze Familie bis zuletzt stark unter den zerstörerischen Folgen der NS-Verfolgung gelitten hatte. Am Ende des Verfahrens vor dem Wiedergutmachungsamt Dortmund stand im März 1950 ein Vergleich, in dem Käthe Richter eine Entschädigung für den erzwungenen Hausverkauf zugesprochen wurde.[27]

Hausrat, Möbel oder gar die wertvollen Sammlungen ihres Vaters waren nicht Gegenstand dieses Verfahrens. Aber die Akten beinhalten ein Schreiben Käthe Richters, das wenigstens einen kurzen Hinweis auf das weitere Schicksal von Otto Elias‘ Büchern enthält: „Die Bibliothek meines Vaters und seine Markensammlung stellten ein kleines Vermögen dar. […] Die Firma Vedell in Hamburg hat kurz vor der Beschlagnahme jüdischer Bibliotheken – bei uns stand mehr als ¾ auf dem Index – die Bücher verpackt und verauktioniert. Die Judenbücher sind mitgenommen worden. Ein paar lumpige Tausender, so schien es mir im Vergleich zu dem Wert, bekamen wir ausbezahlt“.[28] Mit der Firma „Vedell in Hamburg“ war offenbar das Auktionshaus Hauswedell gemeint. Der Zeitpunkt, „kurz vor der Beschlagnahme jüdischer Bibliotheken“, bezog sich vermutlich auf die Zeit rund um die Novemberpogrome 1938. Das würde zum Datum der Hauswedell-Auktion am 9./10. Dezember 1938 passen. Auch wenn einige Details immer noch unklar blieben, war damit die Frage des Wegs der Bücher von Otto Elias über seine Tochter und seinen Schwiegersohn ins Auktionshaus Hauswedell geklärt. Offenbar sahen die Richters sich gezwungen, die Bücher zu verkaufen, weil sie durch die NS-Verfolgung kaum noch andere Einnahmequellen hatten.

Eine andere Facette des Falls zeigte sich per Zufall: Exakt in der Zeit der intensiven Recherchen boten zwei Antiquariate im ZVAB wertvolle Werke an, die mit einem „Exlibris Otto Elias“ versehen waren. Auf Anfrage erwies sich dieses in beiden Fällen als identisch mit dem in der SUB aufgefundenen Exlibris. Und nicht nur das: Beide Werke waren auch auf derselben Hauswedell-Auktion im Dezember 1938 angeboten worden und kamen vom selben Einlieferer, „R. in M.“. Hingewiesen auf die gemeinsame Provenienz und den Raubgutverdacht der SUB Hamburg, reagierten die Antiquare sehr unterschiedlich: Zeigte der eine Interesse an weiteren Informationen, so äußerte der andere Unverständnis. Die beiden Reaktionen stehen stellvertretend für verschiedene Verhaltensweisen: Viele Antiquare und Auktionshäuser unterstützen inzwischen die Provenienzforschung durchaus tatkräftig, der Verband Deutscher Antiquare hat sich der „Gemeinsamen Erklärung zur Restitution von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“ angeschlossen.[29] Zugleich stößt man bei einzelnen Händlern immer noch auf Unwillen, problematische Provenienzen von im Handel befindlichen Objekten zur Kenntnis zu nehmen und bei Bestätigung eines NS-Raubgutverdachts auch Konsequenzen zu ziehen.

Abb. 6: In den wenigen heute noch erhaltenen Büchern aus dem Ankauf beim Auktionshaus Hauswedell im Dezember 1938 fand sich das Exlibris von Otto Elias – ein Glücksfall für die Provenienzforschung.

Abb. 6:

In den wenigen heute noch erhaltenen Büchern aus dem Ankauf beim Auktionshaus Hauswedell im Dezember 1938 fand sich das Exlibris von Otto Elias – ein Glücksfall für die Provenienzforschung.

Das Exlibris

Während der Weg der Bücher von Otto Elias weitgehend rekonstruiert werden konnte, blieb die Frage nach dem Künstler seines ungewöhnlichen Exlibris zunächst offen. Weder die Gesellschaft für Exlibriskunde noch andere Experten konnten weiterhelfen. Das Signet oben rechts, das Buchstaben wie W, L oder B andeutete, sagte niemandem etwas. Doch auch dieses Rätsel löste sich schließlich – einige Monate später, ausgelöst durch einen Hinweis im Portal Provenienzforschung. Der Kollege Justus Düren aus Wien hatte dort Dr. Claudia Karolyi von der Österreichischen Nationalbibliothek in einem anderen Zusammenhang als Exlibris-Spezialistin empfohlen. Das Unglaubliche geschah. Frau Karolyi beantwortete die Frage nach dem Urheber von Otto Elias’ Exlibris per E-Mail schon nach dreißig Minuten: „Das ausgesprochen schöne Exlibris stammt vom Maler und Grafiker Walter Buhe.“[30]

Buhe, ein Schüler von Emil Orlik, war 1920–1947 Professor für angewandte Grafik in Leipzig. Im Internet finden sich weitere von ihm gestaltete Exlibris und auch andere Werke, aber keins ist so frei und abstrakt gehalten wie das von Otto Elias. Dieser kunstliebende Rechtsanwalt, der Briefmarken und Erstausgaben sammelte, hat vielleicht darin seine ganz eigenen ästhetischen Vorstellungen eingebracht. 87 Jahre nach seinem Tod und 82 Jahre nach der Zerschlagung der letzten Reste seiner Bibliothek ist das kleine Kunstwerk wieder aufgetaucht – und mit ihm die Erinnerung an einen Menschen, den das NS-Regime schon früh in den Tod trieb. Möglicherweise stehen auch in anderen deutschen Bibliotheken und privaten Bücherschränken noch Bände aus seiner großen Sammlung, mit seinem Exlibris. Es wäre schön, wenn eines Tages wenigstens diese Spuren der Existenz von Otto Elias wieder zusammengeführt und an seine Familie zurückgegeben werden könnten.

Published Online: 2020-10-10
Published in Print: 2020-10-01

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