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Publicly Available Published by De Gruyter Saur October 10, 2020

Provenienzforschung und Provenienzerschließung in Bibliotheken: ein Rück- und Ausblick

Provenance research and provenance recording in libraries – review and prospects
  • Christiane Hoffrath

    Dr. Christiane Hoffrath

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From the journal Bibliotheksdienst

Abstract

1998 erfuhr die Provenienzforschung durch die Verabschiedung der „Washington Principles“ einen nachhaltigen Impuls. In den folgenden 20 Jahren entwickelten Bibliotheken, oftmals auf sich allein gestellt, die nötige Infrastruktur, um den Anforderungen der Provenienzforschung und insb. der Provenienzverzeichnung nachzukommen. Im Rückblick ist festzuhalten, dass die letztlich unbestrittene Notwendigkeit der Erforschung von NS-Raubgut in jeder Hinsicht die Tür auch zur allgemeinen Provenienzforschung aufstieß. Kritisch beleuchtet wird die seitdem durchgeführte heterogene Datenerfassung und -haltung. Der Ausblick auf die neu entwickelten Innovationen und Projekte lassen einen zweiten Innovationsschub in der Provenienzforschung erwarten.

Abstract

Releasing the statement on the “Washington Principles” in 1998 was a major impetus for provenance research. In the twenty years following the declaration, libraries – acting largely on their own – have developed the infrastructure necessary to fulfil the requirements of provenance identification and provenance registration. In retrospect it is clear that the undisputed necessity of doing research on Nazi-confiscated cultural assets has also opened the door to provenance research in more general terms. The article provides a critical evaluation of the heterogeneous data collection and data storage that have been carried out since. With new projects and developments underway, a second push for innovation in the field of provenance research can be expected in the near future.

Die Provenienzforschung widmet sich der Erforschung und Erschließung von Provenienzen (von lateinisch provenire „herkommen“). Forschung und Erschließung umfassen neben Büchern, Inkunabeln, Periodika, Karten, Autografen, Akten auch andere in Bibliotheken vorhandene Kulturobjekte.[1] Dabei dient die Entschlüsselung und Dokumentation von vormaligen Besitzern und Eigentümern nicht nur der Geschichte der eigenen Institution, sondern sie eröffnet ein in Teilen neues und weites Feld für die Kunst-, Kultur-, Wissenschafts-, Rechts- und Lokalgeschichte. Das Wissen um die/den Vorbesitzer/in trägt dazu bei, Bestände nachzuweisen, die vor Zeiten z. B. durch Säkularisierung, Enteignung, Kriegseinwirkung, Verkauf und/oder andere Art aufgelöst wurden. Durch Provenienzforschung lassen sich jedoch nicht nur Wege des Besitz-, sondern auch des Wissenstransfers aufzeigen. So geben Bücher aus Privatbibliotheken Hinweise auf (wissenschaftliche) Netzwerke und Sammelinteressen. Schließlich versucht die NS-Provenienzforschung anhand von Provenienzen unrechtmäßigen Buchbesitz zu ermitteln und an die rechtmäßigen Eigentümer, Erben und/oder Rechtsnachfolger zu restituieren. Provenienzforschung bestimmt somit einen großen Teil der Objektbiographie.

Wie findet Provenienzforschung in Bibliotheken statt und damit verbunden: Wie stellt sich die Frage nach dem Nutzen der Provenienzforschung im Sinne des Nachnutzens?

Blicken wir zunächst zurück. Es ist dem föderalistischen System unseres Landes, den heterogenen Strukturen der Bibliotheksverbünde und der Vielfalt an Bibliothekstypen geschuldet, dass eine zeitliche Festlegung des Beginns einer zielgerechteten, nachhaltigen, standardisierten, IT-gestützten und nach außen wirkenden Provenienzforschung nicht konkret bestimmt werden kann. Festzuhalten ist jedoch, dass die Frage nach der Provenienz der sogenannten Altbestände seit dem Ende der 1990er Jahre in vielen Bibliotheken eine immer größer werdende Rolle spielte. Das war im Wesentlichen der aufkommenden NS-Provenienzforschung geschuldet. (Hingewiesen sei an dieser Stelle, dass bereits Anfang der 1990er Jahre in Dresden und Halle auch die Forschung nach Büchern begann, die im Zuge der Bodenreform auf dem Gebiet der früheren DDR den Besitzer wechselten.)

Es gab in Bibliotheken selbstverständlich lange vorher bereits Herkunftsforschungen zu Bestandssegmenten und/oder Sammlungen. So wurden z. B. bei der Handschriften- und der Inkunabelerschließung auch Provenienzen erfasst und in den einschlägigen Printkatalogen veröffentlicht. Auch das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts (VD17) verzeichnete bereits Provenienzen.[2] Es finden sich in vielen Häusern noch handgeschriebene und getippte Karteien und Listen, die Vorbesitzmerkmale verzeichnen, später kamen vereinzelt erste Word- und Exceltabellen hinzu. Nach Abschluss der Arbeiten wurden die Ergebnisse zumeist aber schnell wieder vergessen oder nur von Spezialisten nachgenutzt. Veröffentlichte Untersuchungen zur Provenienz einzelner Bestände oder Hinweise darauf in Bibliothekskatalogen waren eher ein Nischenprodukt.

Standardisierte Verfahren gab es nicht, selbst einschlägige Standardwerke der eigenen Zunft boten keine Hilfestellung. So führt z. B. das ehrwürdige „Lexikon für Buch- und Bibliotheksgeschichte“ (LBG) den Begriff „Provenienzverzeichnung“ gar nicht auf. In der bibliothekarischen Ausbildung kam Provenienzforschung nicht vor.

NS-Provenienzforschung

Die Initiative, diesen Zustand zu ändern, ging von den Bibliothekar*innen aus, die im Zuge der aufkommenden NS-Provenienzforschung erstmals den Wunsch nach systematischer Verzeichnung formulierten. Erste vielversprechende Ansätze gab es also bereits vor rund 20 Jahren. Dieser Aufbruch betraf weniger die allgemeine Provenienzforschung als die spezielle NS-Provenienzforschung. Dabei ist festzuhalten, dass es im Fall der NS-Provenienzforschung immer die Motivation und das zumeist freiwillige und oftmals nebenamtliche Engagement einzelner Bibliothekar*innen war, die den Ausschlag gaben, nach den Vorbesitzern der bibliothekseigenen Objekte zu forschen, die Forschungsergebnisse bekannt zu machen und so die Nachnutzung zu ermöglichen. Betrachtet man diese letzten Sätze genauer, so sagen sie überdies Folgendes aus: Es gab zunächst weder dienstliche Aufforderung noch „übergeordnete“ Initiativen. Damit einher ging (und geht), dass in den Bibliotheken dafür keine Stelle(n) vorgesehen waren: Zum (Sammel-)Auftrag der Häuser zählte die Provenienzforschung schlichtweg nicht, und insofern fehlte es mancherorts sowohl an Verständnis als auch an Unterstützung.

Es waren demnach motivierte Pioniere, die vernehmlich nach der Herkunft der zu betreuenden Objekte fragten, und bereit waren, diese Informationen zu erfassen. Dabei galt es, das Problem der fehlenden Erschließungsmöglichkeiten zu lösen, sollten ihre Forschungsergebnisse nicht wieder in einem Karteikasten enden. Hier lieferten die 2003 veröffentlichten sogenannten „Weimarer Empfehlungen“ der Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke beim Gemeinsamen Bibliotheksverbund eine erste strukturierte Hilfestellung. Insbesondere der eingebettete Thesaurus der Provenienzbegriffe (T-PRO) gab damit die zu nutzende Nomenklatur vor und schuf die Voraussetzung für eine einheitliche Verzeichnung.[3] Für die Anwender des PICA-Systems war bereits das Kategorienschema für die Provenienzdaten vorgegeben. Die Anwender anderer Bibliothekssysteme profitierten immerhin von nunmehr festgelegten Definitionen und Regeln des T-PRO.

Die NS-Provenienzforschung schuf demnach weitgehend die heute existierenden Strukturen, was Forschung, Erschließung, Verzeichnung, Vernetzung und wissenschaftlichen Anspruch angeht. Dabei ruht sie auf drei Säulen: der Recherche nach den Objekten, der Dokumentation des Erforschten und der Erbenrecherche mit dem Ziel der Restitution. Es war wichtig und bahnbrechend, doch in der Praxis zunächst nur bedingt hilfreich, als 1998 die „Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“ (Washington Principles) verabschiedet wurden.[4] Mit der „Gemeinsamen Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz“[5] erfolgte daraufhin der nationale Aufruf. Bibliotheken waren in diesen Auftrag zwar auch eingeschlossen, weitaus stärker im Fokus standen jedoch die Museen. Mit der Gründung der „Arbeitsstelle für Provenienzforschung“ in Magdeburg entstand erstmals eine überregionale Service- und Fördereinrichtung für die Erforschung von NS-Raubgut. 1999 wurde die allgemeingültige „Handreichung“ veröffentlicht, die den Provenienzforschenden eine erste Orientierung für die praktische Vorgehensweise bot.[6]

Die Provenienzforschung bezogen auf das NS-Raubgut war somit ins Leben gerufen und ausdrücklich erwünscht. Allein, aller Anfang war schwer. Wie bereits erwähnt, fehlten zwei essentielle Dinge. Zum einen: Die Bereitschaft der Bibliotheksverantwortlichen, der NS-Provenienzforschung den nötigen Raum und die benötigten Mittel zu gewähren und zum andern: das Wissen, wie diese Forschungsarbeit nachhaltig durchzuführen und deren Ergebnisse zu verstetigen seien. Den ersten NS-Provenienzforschern unter den Bibliothekar*innen wurde folglich sehr schnell bewusst, dass es nicht genügte, sich intensiv mit der Geschichte des jeweiligen Hauses auseinanderzusetzen, Akten zu studieren und Archive aufzusuchen, sondern auch, sich darüber im Klaren zu sein, dass Forschung ohne Vernetzung untereinander kaum zu realisieren wäre. Bibliothekar*innen erlernten die Werkzeuge und Methoden der Geschichtswissenschaft nunmehr als Training on the job und initiierten den gemeinsamen Austausch. So organisierten sich die Bibliothekare selbst, vernetzten sich und veröffentlichten 2002 mit Unterstützung des Niedersächsischen Landtags anlässlich des Symposiums „Jüdischer Buchbesitz als Beutegut“ den „Hannoverschen Appell“, indem sie u. a. forderten, die Provenienzforschung in den Bibliotheken zu unterstützen.[7] Die dringlichsten Fragen der praktischen Umsetzung beantwortete 2005 schließlich der erste „Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Bibliotheken“, geschrieben von drei der ersten Pioniere der NS-Raubgutforschung in deutschen Bibliotheken.[8] Jahr für Jahr kamen nun mehr Kolleg*innen dazu.

Aus der Arbeitsstelle für Provenienzforschung ist mittlerweile das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) geworden und der erste Leitfaden ist 2019 durch das 135seitige Handbuch „Leitfaden Provenienzforschung“ ersetzt worden.[9] Die bereits von der Arbeitsstelle generierte „Lost Art-Datenbank“ bietet über Deutschland hinaus die Möglichkeit, NS-Raubgutfunde zu melden und/oder Suchmeldungen einzustellen.[10] Mit der Gründung des DZK im Jahr 2015 wurde auch die finanzielle Förderung von Provenienzforschungsprojekten erweitert. Die neue Datenbank „Provena“ verzeichnet die bisherigen Forschungsergebnisse der DZK-geförderten Projekte.[11] Außer dem aktuellen Leitfaden stehen auf der Homepage mittlerweile vielfältige Informationen zur Verfügung.

Abb. 1: Leitfaden Provenienzforschung 2019.
Abb. 1:

Leitfaden Provenienzforschung 2019.

Bei allem Fortschritt blieb jedoch der Wunsch nach Standardisierung und Daten-Homogenität weiterhin unerfüllt, da die Provenienzerschließung der geförderten Projekte nach wie vor den Bibliotheken selbst überlassen bleibt. Somit wird weiterhin die Schaffung von unstrukturierten Daten in Kauf genommen.

2017 wurde beim Deutschen Bibliotheksverband (dbv) die Kommission für Provenienzforschung als Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Herkunft von Bibliotheksbeständen gegründet. Daneben leisten die weiterhin tätigen selbstorganisierten Gremien wichtige Beiträge zur Provenienzforschung: So sind außer dem DZK auch solche Institutionen als Herausgeber des neuen Leifadens aufgetreten, darunter der seit elf Jahren tätige „Arbeitskreis Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken“, denn nach wie vor sind Bibliothekar*innen eigenständig aktiv, produktiv und gut vernetzt und dies längst über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Die letztlich unbestrittene Notwendigkeit der Erforschung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut stieß in jeder Hinsicht die Tür zur Provenienzforschung in Bibliotheken auf.

Provenienzforschung in der USB Köln

Nach diesem kurzen Rückblick, der die Entstehung von Strukturen nachzeichnet und die Frage nach dem Warum der Provenienzforschung zumindest im Fall der NS-Provenienzforschung mit der bereits vor über 20 Jahren gegebenen offiziellen Antwort eines nationalen Interesses beantwortet, soll noch einmal auf die Frage nach dem Wie zurückzukommen sein. Zunächst gilt es den Blick auf die allgemeine Provenienzforschung zu lenken, denn als Begründung für das Forschungs- und Erschließungsinteresse dieser Art von Quellen bedarf es anderer Argumente. Am Beispiel der Provenienzforschung in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln (USB) soll die Etablierung der Provenienzerschließung als permanenter Prozess der Altbestands- und Sammlungskatalogisierung sowie der Digitalisierung dargestellt werden.

Die 1920 gegründete USB Köln verfügt über den größten historischen Buchbestand in NRW. Vor hundert Jahren wurde sie aus verschiedenen eigenständigen Bibliotheken (Stadtbibliothek, Bibliothek der Handelshochschule, Bibliothek der Akademie für Praktische Medizin) zusammengefügt. Insbesondere der Stadtbibliotheksbestand weist einen hohen Anteil an vormals privaten Büchersammlungen auf, deren bedeutendste sicherlich die von Ferdinand Franz Wallraf (1748–1824) ist. Die sogenannte Gymnasialbibliothek des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (GSF), bereits im 19. Jahrhundert als Dauerdepositum an die Stadt gegeben, beinhaltet die Reste der Kölner Gymnasial-, Stifts- und Klosterbibliotheken, darunter auch die Bibliothek des Jesuitenkollegs und ist insofern eine besonders reiche Quelle für die Provenienzforschung.[12] In einer stets auch mit dem nahen Ausland gut vernetzten Bürgerstadt wie Köln wurden demnach seit Jahrhunderten Bücher erworben, gesammelt und weitergegeben. Über den besonderen Wert dieser Sammlungen war man sich stets bewusst und hatte deren Geschichte und Bedeutung mehrfach in Publikationen herausgestellt.[13] Was bis auf Ausnahmen[14] noch fehlte, war eine systematische Überprüfung und eine strukturierte Erfassung der Provenienzen dieser Sammlungen. Es war daher nur noch ein kurzer Weg, die Erfahrungen aus der NS-Provenienzforschung nun auch auf die (historischen) Sammlungen anzuwenden und aus vormals gemachten Erfahrungen zu lernen. Zu den Verbesserungen zählte z. B., dass es keine separate Datenhaltung mehr geben sollte, wie dies in einem ersten NS-Raubgutprojekt noch der Fall gewesen war.[15]

Von der Provenienzforschung zur strukturierten Provenienzerschließung

Die Einführung einer systematischen Provenienzforschung und Provenienzerschließung setzt zunächst voraus, dass im Geschäftsgang einer Bibliothek ein neuer Aufgabenbereich hinzugefügt wird. Das impliziert einerseits die Aus- und Fortbildung der Kolleg*innen, um die Herkunftsdaten korrekt erschließen zu können und andererseits, dass dadurch der Erfassungsprozess in der Katalogisierung deutlich verlängert wird. Der neue Aufgabenbereich, der in der Katalogisierung (in der USB Köln die Abteilung „Altbestands- und Sammlungskatalogisierung“) angesiedelt ist, tangiert auch die Arbeitsbereiche der IT und der Digitalisierung. Hier sind entsprechende Vorarbeiten bzw. Erweiterungen der vorhandenen Workflows nötig.

Provenienzverzeichnung kann nur am Exemplar erfolgen. Da es in einer großen Bibliothek wie der USB nicht möglich ist, den historischen Bestand Buch für Buch in die Katalogisierung zu transportieren, war von Beginn an klar, dass Provenienzverzeichnung prozess- und projektorientiert durchgeführt werden musste. Dabei bezeichnet in Köln prozessorientiertes Vorgehen z. B. die Überprüfung der Katalogdaten für alle zu digitalisieren Medien des Bestandes. Dabei erfolgt ggf. auch die Anreicherung dieser Daten um die sogenannten Sammlungsvermerke[16] sowie die strukturierte Erfassung der Provenienzen. Projektorientiert bedeutet, dass die autoptische Überprüfung und Erfassung sowohl der Katalogdaten als auch der ggf. vorhandenen Provenienzen für bestimmte Sammlungen vorgenommen wird. Zu diesen Projekten zählen nicht nur bedeutende historische Sammlungen, wie die eingangs erwähnten, sondern auch alle neu ins Haus gekommenen Bücherkollektionen, darunter zumeist Privatbibliotheken. Bei deren Erfassung spielen die Lehren aus der NS-Provenienzforschung eine große Rolle, da die Überprüfung auf NS-Raubgut ein wichtiger Bestandteil der Erschließung ist.

Nachdem die Entscheidung gefallen war, Provenienzdaten ausgesuchter Sammlungen und/oder Bestandssegmente sowie der Neueingänge zu erfassen und diese von Beginn an digital und nachnutzbar zur Verfügung zu stellen, stellte sich die Frage, wie dies umzusetzen sei. Die föderale Struktur Deutschlands spiegelt sich auch in den verschiedenen Bibliotheksverbund-Regionen und in den dort herrschenden unterschiedlichen Regelungen zur Erfassung von Provenienzdaten. Wo GBV, HeBIS und SWB ihren angeschlossenen Bibliotheken eine überregionale, wenn auch im Detail unterschiedliche Möglichkeit zur strukturierten Verzeichnung von Provenienzen im Verbundkatalog anbieten, sind entsprechende Eingabefelder im bayerischen (BVB) und im nordrhein-westfälischen Verbund (hbz) nicht vorgesehen.[17] Die damit verbundene Einschränkung auf eine (zunächst) lokale Verzeichnung wurde durch die 2005 gefallene bahnbrechende Entscheidung, in der Gemeinsamen Normdatei (GND) auch Provenienzdaten zu erfassen, sehr erleichtert: Die GND und nicht der Verbundkatalog ist die erste Adresse der Provenienzverzeichnung.

Provenienzdaten sind exemplargebunden, daher ist eine Entscheidung, wie die des hbz, auf solche Daten zu verzichten, grundsätzlich nachvollziehbar. Die Ergebnisse der mittlerweile gut vernetzten Provenienzforschung belegen jedoch andererseits, dass die Zerstreuung und Wiederauffindung verschollener, auseinandergerissener Bestände und Sammlungen eine Verzeichnung ungeachtet der lokalen Grenzen erfordert. Daher war die Entscheidung, auch Provenienzdaten in der GND zu erfassen, wegweisend. Bereits zuvor leisteten der seit der Erstausgabe stetig weiterentwickelte T-PRO und später auch die „Empfehlungen zur Provenienzverzeichnung“ der Arbeitsstelle Handschriften und Alte Drucke beim Deutschen Bibliotheksverband (dbv) wertvolle Hilfestellung und untermauerten gleichzeitig die Bedarfe auch für die im Hinblick auf die Provenienzverzeichnung nicht verbundversorgten Bibliotheken.

Abb. 2: Verlinkung „Provenienzen“ aus dem USB-Portal zu den exemplarspezifischen Provenienzeinträgen einschließlich der GND-Verknüpfung der einzelnen Provenienzen.
Abb. 2:

Verlinkung „Provenienzen“ aus dem USB-Portal zu den exemplarspezifischen Provenienzeinträgen einschließlich der GND-Verknüpfung der einzelnen Provenienzen.

Die Überlegungen, wie auf dieser Basis, d. h. ohne Verbundunterstützung, eine strukturierte, nachnutzbare und zukunftssichere Provenienzverzeichnung etabliert werden konnte, führten schließlich zur Entwicklung des mittlerweile in der USB Köln und den ULBs in Bonn und Münster eingesetzten Systems.[18] Auf Basis des Bibliothekssystems Sisis, das in den o. g. Bibliotheken eingesetzt wird, wurde ein Erfassungssystem für die lokale Verzeichnung von Provenienzdaten entwickelt. Dazu wurde die Sisis-Feldstrukturtabelle um lokale, invertierte und multiple Kategorien erweitert. Die Multiplizität der Kategorien ermöglicht die Erfassung der Vorbesitzeinträge in der Form von Provenienzclustern, da ein Objekt über mehrere Provenienzmerkmale verfügen kann. Insgesamt sind die einzelnen Datencluster so konzipiert, d. h. mit ISIL und Signatur pro Eintrag, dass eine gezielte Migration in einen Verbundkatalog jederzeit möglich wäre. Komplizierter erwies sich die korrekte Zuordnung einer Provenienz zum Exemplar im Onlinekatalog (USB-Portal), da die Provenienzfelder als neue Kategorien der bibliografischen Beschreibung und nicht den Exemplardaten hinzugefügt sind. Ein Link „Provenienzen“ führt zur Auflistung der nachgewiesenen Vorbesitzer der einzelnen Exemplare und dem entsprechenden Link zum GND-Normdatensatz.

Abb. 3: Kölner Provenienzportal, Beispiel: Exlibris Tetschener Bibliothek.
Abb. 3:

Kölner Provenienzportal, Beispiel: Exlibris Tetschener Bibliothek.

Als „Nebenprodukt“ füllen die Titel- und Provenienzdaten überdies das „Kölner Provenienzportal“.[19] Mit der zusätzlichen Digitalisierung der Provenienzeinträge werden schließlich bibliographische Metadaten und Bilder zusammengefügt. Damit wächst im Zuge des Katalogisierungsprozesses auch die reine Provenienzdatenbank der USB. Die vorausgehende Erfassung der Provenienz in der GND und die Übernahme der GND-URN in den lokalen Datensatz sind die wichtigsten Bestandteile dieser somit nur vordergründigen lokalen Erschließung. Durch die Einbindung der GND in Datenbanken wie VIAF, Europeana und Wikipedia ist eine supranationale Nachnutzung der Daten gewährleistet.

Das Erstellen und Hosten von digitalisierten Provenienzmerkmalen ist ein unverzichtbarer Teil der Provenienzerschließung. So gib es bereits große Bilddatenbanken wie z. B. die Deutsche Fotothek in der SLUB Dresden. Möglich ist, Abbildungen in das ProvenienzWiki des GBV hochzuladen – manche Bibliotheken bevorzugen ein selbstständiges Hosten der Bilddaten.[20] Verbindendes Element bleibt auch hier die in den lokalen Datensätzen übernommene GND-URN. Sie ist, wie am Beispiel aus Köln gezeigt, die Entität, die es erlaubt, Provenienzdaten und Abbildungen zu vergleichen, miteinander zu verknüpfen, sie auf verschiedenen Plattformen anzubieten und/oder Daten zu matchen, die in unterschiedlichen Systemen erfasst wurden.

Zusammenfassend sei gesagt, dass die Einhaltung des Mindeststandards – und das ist die GND-Erschließung – die Voraussetzung ist, zukünftig eine umfassendere, verknüpfte und nachnutzbare Provenienzerschließung zu realisieren – unabhängig davon, ob Bibliotheken die Möglichkeit der Provenienzerfassung in einem Verbund- oder einem Lokalsystem nutzen. Das gilt auch für andere Datenbanken, wie z. B. der Provenienzdatenbank „Lootet Cultural Assets“ des 2016 gegründeten Gemeinschaftsprojekts verschiedener Bibliotheken für den Nachweis von NS-Raubgut.[21]

Ausblick

In den letzten 20 Jahren hat die Provenienzforschung eine stetige Weiterentwicklung und Förderung erfahren. Wir sind längst an dem Punkt angelangt, wo wir hinsichtlich der angewandten Provenienzforschung auf ein bunt gewachsenes Biotop von Daten, Bildern in unterschiedlichen Datenbanken und Portalen blicken. In den nächsten Jahren sollte der Fokus darauf liegen, diese Daten noch tiefer und komfortabler zu erschließen, semantisch zu vernetzen und somit effizienter nachnutzbar zu machen. Sehr zu begrüßen ist in diesem Zusammenhang die Entscheidung der Bibliotheken im Südwestdeutschen Verbund (SWB), in Zukunft das Datenmodell des GBV zu nutzen. Ein weiterer Schritt auf diesem Weg ist ein Projekt der dbv-Kommission für Provenienzforschung. Es sieht die Einrichtung eines Discovery-Systems zur zentralen Recherche in Provenienzdaten der Verbundsysteme vor. Mit der Entwicklung wurde die Verbundzentrale Göttingen beauftragt. Die Durchführung des Vorhabens erfolgt in enger Abstimmung mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Einen Meilenstein wird die Erweiterung der GND zur GND for Culture (GND4C) darstellen, wenn Provenienzdaten nicht mehr nur von wissenschaftlichen Bibliotheken, sondern auch von anderen Kulturinstitutionen geliefert werden.[22] Mit dem neuen NFDI4Culture, dem Konsortium für Forschungsdaten zu materiellen und immateriellen Kulturgütern, ist der Provenienzforschung naturgemäß mehr als ein Anknüpfungspunkt gegeben.

Schließlich lassen datentechnische Innovationen wie das International Image Interoperability Framework (IIIF), die das Zusammenführen und Präsentieren von Daten unabhängig von ihrer jeweiligen (Hosting-)Plattform ermöglichen, auf weitere wesentliche Verbesserungen hoffen.[23]

About the author

Dr. Christiane Hoffrath

Dr. Christiane Hoffrath

Published Online: 2020-10-10
Published in Print: 2020-10-01

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 7.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bd-2020-0095/html
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